Dorfschreiber

Zeitreise

Beim Kaffee ploppte eine Erinnerung meines Terminkalender auf meinem Tablet auf: 11:00 Begrüßung des Dorfschreibers bei Arning. Da die ja nun umständehalber nicht stattfinden kann, erlauben Sie mir eine kleine Zeitreise. Zeitreisen, der ein oder andere wird davon gehört haben, unterliegen strengsten Gesetzen, ähnlich den Corona-Beschränkungen. So darf ein Zeitreisender an dem Ort, den er bereist, nichts, aber auch gar nichts verändern, denn jede Intervention würde die Zeit, aus der er angereist ist, verändern. Dieses Gesetz gilt in der Science-Fiction-Literatur seit mehr als 50 Jahren.

Also: Vorsicht bei Zeitreisen.

Der Dorfschreiber lebt in einer geräumigen Wohnung in der Schulze-Delitzsch-Straße. Er ist erst seit vier Tagen dort, weiß noch nicht, wie der Hase hoppelt, und hat auch noch keinen Frieden mit dem neuen Mobiliar geschlossen. Zwei oder drei Bilder seiner Kunstsammlung stehen herum, sind aber noch nicht aufgehängt.
Er hat nicht besonders gut geschlafen, weil er weiß, dass er eine gute Figur machen sollte. Also denkt er zunächst darüber nach, was er anziehen könnte. Seit er in Münster das Geschäft der Wohlfahrsorganisation Oxfam entdeckt hat, das in bester Lage ein Ort ist, an dem gut situierte Münsteraner ihre Garderobe abgeben, um ihr soziales Gewissen zu beruhigen, ist er dort Stammgast. Er hat ein gutes Auge, und so sind über die Jahre fast zwanzig Jacketts in seinen Besitz übergegangen. Alle von bester Qualität, Boss, Joop, Armani, Lagerfeld, keines teurer als zwanzig Euro. An manchen waren noch nicht einmal die gepaspelten Taschen geöffnet. Er entschließt sich für das Lagerfeld-Jackett, es ist tailliert, und macht "einen schlanken Fuß". Eine Jeans dazu, oder? Ja.

Er geht in die Küche, setzt einen Kaffee auf, den er nur zur Hälfte trinkt, schwingt sich auf sein rotes Dorfschreiberrad und fährt in die Stadt. Bei Arning war er noch nie, deshalb kann er auch in dieser Fiktion, die eine doppelte ist, keine Auskunft über das Interieur der Gaststätte liefern. Aber er stellt sich vor, dass es eher altdeutsch ist, westfälisch, urig.

Ob der Bürgermeister kommt? Die Mitglieder des Kulturkreises werden bestimmt da sein. Man hat ihn gefragt, ob er eine kleine Rede halten wolle. Er hat genickt, nachgedacht und sich darauf verlassen, dass eine Rede immer dann gut werden kann, wenn er sie improvisiert. Improvisation ist eine Kunst, mit der er sich schon sein Leben lang beschäftigt.

Vielleicht wird er sogar ein Gedicht vorlesen. Aber was für eines? Bloß nichts Ernstes, denkt er. Aber auch nichts zu Launiges. Vielleicht eines von einem Kollegen? Von einem, den alle kennen? Vielleicht. Als er die Alverskirchener Staße hochfährt, denkt er, dass es gereimt sein sollte. Nur wenn sich's reimt, ist's ein Gedicht. Reimt es sich nicht, ist es es nicht, denkt er, was natürlich Blödsinn ist, aber er ist in Everswinkel, Everswinkel ist ein ruhiger Ort, und er will niemanden verschrecken. Obwohl, denkt er, als er sein Rad vor Arning abstellt, so ein kleiner Bürgerschreck wäre auch nicht von schlechten Eltern, oder? Er zieht sein Tablet auf der Tasche und scrollt die dort gespeicherten Gedichte. Aha, denkt er, da ist ja eines. Dann tritt er ein.

Auf wieder einer anderen Zeitebene wäre der Raum jetzt rauchgeschwängert. Dreißíg, vierzig Menschen sind gekommen. Man begrüßt ihn. Er schüttelt Hände, Das waren noch Zeiten, als man Hände schüttelte. Er spürt, dass man ihm nichts Böses will. Man ist nur neugierig. Die Sprecherin des Arbeitskreises Literatur hält die Eröffnungsrede, der oder der Dorfobere spricht ebenfalls ein paar Worte, dann muss Mensing ran.

Hier endet die Zeitreise. Vielleicht ist noch ein Süppchen gereicht worden. Gerstenkaltschalen wurden zum Zuprosten gereckt, Mensing hat kein dummes Zeug geredet, sondern sich kurz gehalten. Er hatte sogar ein paar Lacher. Lacher sind immer gut.

Als es vorbei ist, schwingt er sich wieder auf sein Dorfschreiberrad, fährt zurück in seine Wohnung, setzt sich in einen Stuhl auf seiner Terrasse und flirtet ein wenig mit den Hauskatzen. Drei Monate wird er jetzt hier sein. Eine lange Zeit. Beängstigend lang, wenn man bedenkt, dass er noch nie Dorfschreiber war, aber irgendetwas ist immer neu in jedem Leben, und er hat nichts gegen Herausforderungen, im Gegenteil.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Sonntag. 
Bleiben Sie gesund. Halten Sie Abstand und lassen sich kein X für ein U vormachen.

5 Kommentare

  • Carolin schreibt:
    um 096. 2020-04-05 2020 um HH:mm Uhr

    Ich überlege gerade: Mein Nachname beginnt mit "W", der meines Mannes mit "B". Da hätten wir, nach der vielen Rückzugszeit zuhause, massig Gelegenheit, jeder für sich im Café zu sitzen (und würden uns dabei sogar nur an die Vorschriften halten). Er dürfte allerdings seine Tochter nicht mitnehmen zum Eis essen, denn die ist auch in der Gruppe "W". Immerhin könnte ich meine beste Freundin treffen, denn zufällig beginnt ihr Nachname auch mit "W". Außerdem würde man vermutlich meistens einen freien Tisch bekommen.
    Vielleicht könnte man auch, statt alphabetisch, numerisch vorgehen? Heute alle bis 20, morgen 20 bis 40 Jährige, 40 bis 60, Ü60 - da die Woche nur 7 Tage hat, müsste man schauen, welche Gruppe nur einmal Ausgang erhält?
  • dorfschreiber schreibt:
    um 096. 2020-04-05 2020 um HH:mm Uhr

    möglich und denkbar ist vieles, wie immer es ausgeht, ich wünsche es mir von herzen.
  • Helga Lichtenthäler schreibt:
    um 120. 2020-04-29 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Herr Mensing,
    ich habe vor Jahren eine seltsame Begebenheit mit einem Medium in Ascona gehabt. Wenn Sie interessiert sind, schreibe ich Ihnen die "Story".
    Mit freundlichem Gruß
    Helga Lichtenthäler
  • Franz Maxwill schreibt:
    um 120. 2020-04-29 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Dorfschreiber, lieber Herr Mensing,

    erst durch WDR 5 bin ich heute auf Sie aufmerksam geworden. Schade! So spät! Schön, dass ich dennoch davon erfahre.
    Meine Erfahrungen mit der Covid-19-Pandemie sind ähnlich wohl der Ihrigen. Einerseits gibt es viel Veränderungen in der Grundhaltung der Menschen im Alltäglichen. Andererseits haben die meisten wohl nicht verstanden, dass diese Pandemie eine Chance sein könnte, nachdenklicher zu werden. Sie werden weiterhin mit ihren SUVs durch die Lande brausen, die Korosin-Schleuder wieder nutzen, um die letzten schönen Ecken der Welt weit entfernt von hier zu "erkunden" und ignorieren, dass z. B. gestern gemeldet wurde, dass das Eis am Nordpol sich allmählich auflöst.

    Die Pandemie ist einschneidend, ja, aber die Folgen der Klimakatastrophe werden zu Krieg und Millionenfluchten führen, also viel gravierender sein.
  • Susanne Müller für den Arbeitskreis Literatur schreibt:
    um 121. 2020-04-30 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Hermann, heute endet leider der - in dieser Form ungeplante - erste Teil des Projektes DORFSCHREIBER 2020, das dank Corona zum Projekt DORFSCHREIBER 2020/2021 mutierte. Sofern - was wir ja alle hoffen - uns das Virus bis dahin aus seinen Fängen entlässt, werden wir Dich vom 9. Mai bis zum 4. Juli nächsten Jahres in unserer Gemeinde (wieder)sehen - und zwar leibhaftig!

    Wir danken Dir für die vielen und sehr vielfältigen Beiträge für Deinen Blog und freuen uns schon heute auf den zweiten Teil mit zahlreichen Begegnungen und daraus resultierenden frischen Texten.

    JUNGE, KOMM BALD WIEDER!

Susanne Müller für den Arbeitskreis Literatur's Kommentar beantworten

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