Dorfschreiber

Wir müssen vor Hoffnung verrückt sein!

Karfreitag.  Kummertag, so die Herleitung aus dem Althochdeutschen, hat in der Geschichte des Christentums eine herausragende Bedeutung. Seltsam, dass es eine Analogie zur Gegenwart gibt. Er war immer schon ein Tag des Lockdown, wie wir das im Augenblick nennen. Nicht, dass man nicht hätte ausgehen und Freunde treffen können, nein, das nicht, aber nichts passierte. Die Welt stand still. Es gab keinerlei Vergnügungen. Sie waren verboten. Als junger Mensch habe ich das nicht verstanden, er hat mich genervt und jedes Mal ratlos hinterlassen. Er hatte keine Bedeutung für mich. Noch heute muss ich nachschauen, wofür er eigentlich steht, obwohl ich es als Konfirmand gelernt hatte.

Ich stamme aus einem Haus, in dem Gott keine Rolle spielte. Meine älteste Schwester Ingrid lag im vierten Kriegsjahr 1943 an Scharlach erkrankt auf der Isolierstation des katholischen Krankenhauses in Gronau, sie war drei Jahre alt, und meine Mutter durfte sie nur durch eine Trennscheibe sehen. Wie heute gab es gravierenden Engpässe, Medikamente standen nicht oder nur begrenzt zur Verfügung. Als sie deshalb starb, blieb  meine Mutter verzweifelt und allein zurück. Mein Vater war Soldat in Afrika. Jeder Tag hätte auch seinen Tod bringen können. Nachrichten von ihm kamen spärlich und brauchten ein Weile. Meine Mutter hätte beten können, Trost finden, wie ich Trost im Gebet fand, als meine Frau vor fast 11 Jahren am Krebs starb, aber sie hat Gott den Tod ihrer Tochter nie verziehen. Und so blieb Gott für mich zwar denkbar, war aber nie Teil meines Alltags, und mit der Kirche und ihren tröstenden Ritualen schon gar nicht verknüpft.

Heute kann man Gott in allem denken und sehen, seine Schöpfung ist großartig, seine Liebe gilt allen und allem, ich spüre sie, mache ihn aber nicht verantwortlich für das, was mit der Welt und uns Menschen geschieht. Menschenwerk ist etwas anderes. Gottes Ratschluss und seine Wege, heißt es, seien unergründlich. Soviel Wissen über unser Nichtwissen gab es noch nie, sagt der Philosoph Jürgen Habermas über die Coronakrise. Und so bleibt der Karfreitag ein Tag der Besinnung.

Früher konnte man in die Kirche gehen. Im Augenblick kann man nicht einmal das. Zum ersten Mal in der zweitausendjährigen Geschichte des Christentums finden am Karfreitag und Ostern keine Messen statt. Das Oberhaupt der katholischen Kirche, ein den Menschen zugewandter Mann, muss seinen Gottesdienst allein feiern, der Segen, den er den von Sorgen geplagten Menschen spendet, wird online gestreamt.

Der Lockdown der Gegenwart hat viel mit dem Kummer und der Trauer der Christen gemein, denn Ostern folgt, und die Hoffnung kommt in die Welt. Hoffnung ist aus psychologischer Sicht eine Illusion, die Physiker sind bei aller Erkenntnis ebenso ratlos wie alle, das Universum ist zwar berechenbar, aber letztlich unergründlich.

Wenn wir jetzt in den Himmel schauen, stellen wir fest, dass die Sterne heller strahlen als sonst. Die Venus ist klar wie nie. Der Grund ist simpel, es ist weniger Dreck in der Luft. Metropolen melden eine deutliche Luftverbesserung. 

Ich will, dass das so bleibt. Ich will, dass die Welt sich besinnt. Ich bin vor Hoffnung verrückt, aber ich traue weder mir noch uns. Ich fürchte, wir warten nur darauf, dass der Tanz ums Goldene Kalb endlich wieder losgeht. Die Kriegsgewinnler stehen längst in den Startlöchern. Ich will, dass die Politik sich eindeutig positioniert. Wir können nicht weitermachen wie bisher. Die Corona-Krise ist ein Signal. Jetzt ist jeder ist gefordert. Darum lassen Sie uns beten. Ich, als Gottloser, der jeden Tag mit Gott spricht, Sie, mit einem anderen Gottesbegriff. Es ist egal, wie Sie Gott denken. Denken Sie ihn, wie immer er ihnen am liebsten ist, und richten Sie all Ihre Energie auf eine Zukunft, die besser wird. 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gesegnete Ostern.

Ihr Dorfschreiber

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