Dorfschreiber

Up' Hoff, de Buer und die Merske

Up'n Hoff  und auf Hof Cremann gab es so viel zu sehen, dass ich nicht mehr weiß,  wo mir der Kopf steht. Ich lebe von Eindrücken, Fantasien und Visionen, ich bin Abenteurer, ich poche auf größtmögliche Freiheit in allen Belangen, fordere hin und wieder radikales Auslassen oder hemmungsloses Flunkern, und was kriege ich stattdessen: Fakten.

Fakten lassen wenig Ermessensspielraum,  Fakten fordern Objektivität, und wenn ich eines nicht bin, dann das. Ich tauge also nicht zum Journalisten. Ich bin auch kein Historiker, obwohl ich einen Roman über einen afrikanischen Sklaven in Diensten der Hülshoffs geschrieben habe, der in St. Pantaleon, der Kirche in Roxel,  vierzig Jahre als Organist gewirkt hat. Aber historisch an diesem Roman sind nur die Fakten, der Rest ist Fantasie. Ich habe versucht, mich in die Seele dieses eines jungen Afrikaners zu schmuggeln, um ihn erzählen zu lassen, denn ich bin (falls ich überhaupt irgendetwas bin) auch ein schlafloser Träumer, jedenfalls schreibe ich mir das dann und wann auf die Fahne, um es bei anderer Gelgenheit schamhaft zu verschweigen.

Es gibt Länder, die ihren Dichtern mit größerem Verständnis  begegnen, als wir, und ich weiß nicht, warum das so ist. Ich meine nicht die Reden, die man ihnen hält, die Preise, die man vergibt, oder die Denkmäler, die man ihnen baut, wenn sie gestorben sind, das ist kulturelle Augenwischerei,  sondern ich meine Akzeptanz, Achtung und Wertschätzung im Alltag, so wie man einen Handwerker wertschätzt.

Meine stolze und manchmal gekränkte Dichterseele jedenfalls versucht mir seit einer Woche einzureden, ich solle die Fakten erst einmal sacken lassen, ich hätte sie ja notiert, sie liefen mir schon nicht weg. Das ist ein vernünftiger Vorschlag, denn das menschliche Hirn kennt abseits des Bewussten viele geheimnisvolle Wege, um aus A und B schließlich C zu machen.
Du könntest einen Roman darüber schreiben, einen historischen Roman, sagt sie, aber ich bin kein Historiker. Ich bin auch kein Heimatforscher. Ich bin nur neugierig.

Außerdem habe ich "Schnee fällt auf unsere verwahrlosten Seelen", einen Roman, an dem schon länger arbeite, auf Seite 141 beiseitegelegt, um in Everswinkel Dorfschreiber zu werden. Früher hätte mich das beunruhigt. Ich lege nicht gern Dinge beiseite. Einmal begonnen, arbeite ich, bis ich sie zu Ende gebracht habe. Jetzt beunruhigt mich das nicht mehr. Der Roman ist auf den geheimnisvollen Wegen, von denen ich sprach, unterwegs, und wenn ich hier fertigt bin, wird er mir schon sagen, wie es weitergeht.

Also doch kein Roman über ein westfälisches Dorf, seine knarzigen Eingeborenen und ihre Vereine, wenngleich mein Notizbuch nach vier Wochen so voll ist, dass ich genügend Personal für zwei, drei, ach, ich weiß nicht wie viele Romane hätte.

Oder vielleicht doch, aber erst später?

Im Herbst vielleicht, oder im Winter, die beste Zeit, um Romane zu schreiben, es sei denn, der Aasee fröre langfristig zu und zwänge mich, jeden Tag Schlittschuh zu laufen? Ich weiß es nicht.

Ich stand vor einer Flurnamenkarte, die Herr Beuck in fünfjähriger Arbeit erstellt hat und staunte. Zu jedem noch so kleinen Flurstück hat er Namen und Geschichten recherchiert.Wer so etwas tut, muss Fleiß, Interesse und Zeit haben. Vielleicht muss er auch ein bisschen verrückt sein.

Ich bin Zeitmillionär, ich bin nicht faul, ich bin leicht zu begeistern, aber so eine Karte hätte ich nicht hingekriegt, denn ich neige zu Ungeduld, und das ist nicht gut. Aber: Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, und ich bin ja nicht hier, weil ich schon fertig wäre, im Gegenteil, ich bin hier, um zu lernen, um mich weiterzuentwickeln.
Herr Beuck hat großartige Arbeit geleistet und dann lebendig davon erzählen kann. So lebendig, dass mir nach zweieinhalb Stunden die Ohren klingelten, und sich sagte:
Herr Beuck. Jetzt kann ich nicht mehr.
Das konnte er verstehen.

Die Flachsverarbeitung, das Flachsbrechen, das Blau, in das wir an Sommertagen gern ziehen, das sich von der Blüte des Flachses ableitet, provozierte meine Dichterseele. 
Da kann'ste mal seh'n, was du alles nicht weißt, hallte es durch meinen westfälischen Schädel.  
Dass aus Flachs Leinen wird, vom Rösten, Riffeln, Brechen, Schwingen, und Haspeln hatte ich als Kind im Heimatkundeunterricht an der Volksschule gehört.. Aber dass man Flachs zu 60 Metern auf einen Bind legt, eine vereinbarte Größe, wie etwa der Scheffel, wobei in beiden Fällen gern ein wenig geschummelt wurde, wusste ich nicht.  

Es  tut gut, nicht alles zu wissen, denn das führt zu Fragen, die dem Erzähler Lichter aufstecken können, Antworten, derer er sich vorher nicht bewusst war. Die gute Frage ist eine kulturelle Leistung, die selten gewürdigt wird. Eher fürchtet  man,  ein Schuldeingeständnis  abzulegen, und fragt lieber nicht, man will ja nicht als Trottel dastehen, aber es ist genau andersherum, Trottel sind die, die nicht fragen. Dumm ist der, der nichts will.

Ich will. Das klingt ein wenig pathetisch, ist aber nicht so gemeint. Ich will meint größtmöglichen Erkenntnisgewinn. Was immer es ist, erkläre es mir. Ich nehme es mit, und dann werde ich sehn,  was daraus wird. Was wird aus mir, dem Dorfschreiber, wenn er das Dorf beschrieben hat? Was wird aus dem Dorf, wenn es keinen Dorfschreiber mehr hat? Krieg ich jetzt endlich einen Orden?

Ich weiß es nicht.

Seit Sokrates weiß jeder, dass er nichts weiß. Alles ist ungewiss. Man muss das Schicksal leben, rät Mark Aurel, was, wie alles, was Philosophen sagen, leicht gesagt und schwer getan ist. Aber es stimmt.

Und? fragt der Westfale.
Muss.
Und sonst? - Wie immer.

Ich liebe das Ungewisse. Das Leben hat sich trotz aller Regulierungsversuche,  die in Zivilisation mündeten,  in Herrscher und Beherrschte, Reiche und Arme, in Städte, Maschinen und Einfamilienhäusern das Ungewisse als einzige, unumstößliche Konstante bewahrt. Das kann verunsichern, weshalb es kein Wunder ist, dass in aller Welt Götter aus dem Hut gezaubert wurden. Man brauchte Trost.

Auch eine gut konstruierte, weil funktionierende Dreschmaschine kann Trost spenden, zumindest dem, der mit ihr arbeitet, wenngleich sie dafür nicht gebaut wurde. Ich hatte genau so eine als Kind auf dem Hof Schünnemann in Gronau gesehen. Ich stand da im Halbdämmer und staubiger Luft und hörte, wie die breiten Lederriemen über die Antriebsrollen surrten. Den alten Lanz, den es Up'n Hoff auch zu sehen gibt, hätte ich gern puckern gehört. Der erste Mähdrescher von Claas, der 1956 auf der Weltausstellung in Budapest vorgestellt wurde, ist allerdings nur halb so groß, wie die Monstren, die demnächst wieder Tag und Nacht und GPS gesteuert über die Felder ziehen.

Hilfe.

Und dann all die Pflüge, Sturz- und Bockkarren, die Dreschflegel, Kartoffelroder und Sortiermaschinen, frühe Ingenieurskunst, einfach und effektiv. Und diese Kammer da? Melker lebten in solchern Kammern über den Kuhställen, man nannte sie Schweizer Wohnung,  weil Melker oft Schweizer waren.

Ach, und wieso?

Von Heuerlingen und Tagelöhnern erfuhr ich, und schließlich sah ich Everswinkler Frauen bei der Arbeit an alten Webstühlen zu. Vergangenheit also, bei der man mitmachen kann.

Auf dem Hof Cremann hat es alle diese Maschinen auch einmal gegeben, aber für die Anforderungen, die heute an einen Landwirt gestellt werden, taugen sich nicht mehr. Landwirtschaft ist Hochtechnologie. Traktoren und Mähdrescher kosten ein Heidengeld. Schon damals waren sie nicht billig, man musste also kooperieren, weshalb sich schließlich die Raiffeisenkassen gebildet haben, um die finanziellen Risiken in Grenzen zu halten. Allerdings, sagt Herr Cremann, flaue die Solidarität unter den Landwirten ab und die Konkurrenz nähme zu. Es gibt die EU mit ihren Verordnungen. Sie zwingt den Landwirt, in eine Rolle, die nicht unbedingt seine ist. Aber es hilft nichts.

Rechnen können musste ein Landwirt schon immer, ein besonnener Investor musste er auch sein, anderfalls hätte er seine und die Existenz seines Hofes aufs Spiel gesetzt. Immer also war er jemand, der plant, jetzt ist er jemand, der zudem komplizierte Verordnungen verstehen muss, und seine Maschinen kann er auch nicht mehr selbst reparieren.  

Eigentlich ist er ein "freier Bauer", dessen Hofvorfahren sich nach der französischen Revolution und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen freigekauft hatte. Trotzdem und noch immer muss er auf Gedeih und Verderb mit dem Schicksal leben. Noch eine neue Verordnung. Ein Hü, dann ein Hot, Butterberg, Milchschwemme, Prämien für Brachland. Niemand versteht das, dabei ist eine schlechte Ernte schon schlimm genug. Und dann wieder eine Verordnung, und das Grundwasser verzieht sich in immer größere Tiefen.

Die Merske  schenkt mir einen Kaffee ein. Ich hatte einen Buer vor mir, dessen Vorfahren seit 1848 auf diesem Hof lebten, und irgendwie hatte ich mit ihm einen alten Mann assoziiert. Ich schätzte ihn auf 80, was ihm bestimmt nicht gefallen hat, und wofür ich mich aus eben genannten Gründen entschuldige. Aber er hat es mir nicht krumm genommen, er ist ein freundlicher Mann, er ist genauso alt wie ich, aber eben kein Städter mit all den kulturellen Verwerfungen, die Menschen unseres Alters in Städten erlebt haben.

Doch, ja, er weiß von den Kotten ringsum, in dem junge Menschen  in den 70ern alternative Lebensformen erprobten. Im Schuter gab es Wohngemeinschaften, im Haus Mittrup, in Alverskirchen. Wir, die Städter, hatten Kotten entdeckt, die wir für wenig Geld mieten konnten. Wo wir frei wären. Wo wir Musik machen könnten. Ein Experiment leben. Manche versuchten sich sogar in Bauerngärten, aber wie es so geht mit Städtern, die meisten hatten keine Ahnung.

So ganz geheuer waren sie ihm wohl auch nicht, schließlich musste er jeden Tag ab fünf in den Stall und aufs Land. Das ging bis in den Abend, da blieb für das Experiment wenig Zeit, während wir Bafög bezogen und behaupteten, zu studieren. Wir studierten ja auch. Wir studierten alles Mögliche, manche hörten nie auf. Aber eine gewisse Hochnäsigkeit trugen wir  auch vor uns her.

Woher ich das weiß? Ich war dabei. Ich kannte das Vokabular der Zeit, aber ich will es lieber nicht wiederholen. Vieles war peinlich. Hatte Herr Cremann je lange Haare? Nein, das stand nicht zur Diskussion. Hatte er eine Lieblingsband? Nein, auch nicht, aber seine Frau hatte eine, die Beatles, wie ich. Wobei man wissen muss, dass ich aus einer mittelgroßen Stadt an der niederländischen Grenze, sie aus einer mittelgroßen Stadt am Nordrand des Ruhrgebietes stammt. Wir warem zwar Eingeborene, aber keine Bauern. Darüber, wer ein Eingeborener ist und wer nicht, wird noch zu reden sein. Demnächst, in diesem Theater.

Wenn wir damals in der Dorfkneipe unser letztes Bier getrunken hatten, wünschten uns die Eingeborenen eine "charmante Nacht". Dabei grinsten sie. Sie wussten, was wir nun anstellen würden, von wegen "freie Liebe und so" sie lasen die Bild, da stand alles drin.

In solchen Wohngemeinschaften lebte häufig jemand, der handwerklich begabt war. Meist ein Proletarier, der sich unter die Studierenden gemischt hatte. Die Studierenden tedeten gern von "Proletariern", und schmückten sich mit einem, falls er zur Hand war. Man dachte, alles würde anders werden, weil wir es anders dächten.
Ich habe noch immer diese Flausen im Kopf, noch immer glaube ich, dass alles anders werden kann, weil man es anders denkt, aber trotzt aller dieser alternativen Lebensdeutungen habe ich schließlich geheiratet und Kinder gezeugt.

Der Buer und die Merske  haben auch Kinder. Eines führt jetzt den Hof. Tiere gibt es keine mehr. Stattdessen Weizen, Mais, und Gerste.
Dumme Frage: für Bier?
Nein, nein. Herr Cremann lacht. Schweinefutter.

Hat er selbst noch ein oder zwei Schweine? Ich weiß es nicht. Ich bin vor lauter Staunen nicht dazu gekommen, zu fragen. Ich sitze in einem bequemen Sessel vorm brennenden Kamin, ringsum die Deele. Sie hat ist groß. Man blickt auf weites Feld. Sie hat einen Terrazzoboden,  der von einem Italiener, der für einen Bruder des Großvaters, ein Pastor, in einer Kirche gearbeitet hatte und noch vor Ort war, gegossen und abschließend geschliffen worden ist. Die floralen Ornamente sind einfach und schön. Handarbeit. So etwas ist heute nicht mehr zu bezahlen.  

Mitten in der Deele steht ein eichener Tisch. Er ist so groß, dass zehn, fünfzehn, vielleicht sogar zwanzig Menschen daran Platz finden. Wenn Weihnachten ist, müssen da vierzig, fünfzig Mann sitzen, sagt Herr Cremann, dann kann er den Tisch ausziehen. An der Wand hängen Fotos von August Cremann und seiner Frau, ehrwürdige Fotos in schwarzen Eichenrahmen von 1848.  Ein stolzes, eingeborenes Paar.

Herr Cremann ist der vierte Nachfahr. Das Herdfeuer prasselt. In einem so großen Raum kann es auch an milden Junitagen noch kühl sein. An der Wand gegenüber hängt ein funktionierendes schwarzes Telefon aus Bakelit mit Wählscheibe. Junge Handynutzer degradiert es zu Deppen, weil sie nicht wissen, was das ist, geschweige denn, wie man es bedient.

Herr Cremann weiß, was es heißt, Landwirt zu sein. Landwirte sind Allrounder. Sie wissen alles über ihr Land, über die Beschaffenheit ihrer Böden, sie müssen Maschinen bedienen, und Bücher führen. Als er eingeschult wurde, gab es in Müssingen noch eine kleine, einzügige Schule. Mit Protestanten spielte man nicht.

Als ich auf den Hof fuhr, hatte ich auf dem Dach einer Scheune die Buchstaben M A R gesehen.
Was hatte das zu bedeuten?
Da fehlen zwei Buchstaben, sagte Herr Cremann,  aber als Protestant kam ich nicht drauf.
MARIA, sagte er. Wir lachten.
Ich stamme aus einer Mischehe. Meine Eltern hatten sich in Münster trauen lassen, da fiel es nicht so auf.

Vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren gab es auf dem Hof noch Kühe, Schweine, Eber, Sauen und Ferkel, Hühner, Gänse und Enten. Man hätte einen Zoo draus machen können, einen Erlebnisbauernhof zum Anfassen all der  süßen Tiere. Aber die süßen Tiere machten Arbeit und verdienen konnte man an ihnen nur noch, wenn man in die Masseproduktion ging. Das wollte nicht jeder.

Damals klebten noch Schwalbennester unter den Traufen. 
88 waren es,  das weiß Herr Cremann noch genau, jetzt sind es noch 25.
Die Welt ändert sich.

Der Landwirt ist Unternehmer.Trotzdem hat Herrn Cremann hat es immer so eingerichtet, dass er zu Ostern Urlaub machen konnte. Es gab einen Betriebshilfsdienst und Praktikanten. Sein Sohn, der in Amerika lebt und dort Rinder züchtet, hält es genauso. So etwas macht Väter stolz, daran sehen sie, dass sie etwas bewirkt haben.

Wir gehen ums Haus. Über den Rasen kriecht ein Roboter. Drei junge Katzen tollen herum. Die Gerste steht schon erstaunlich hoch. Der Mais ist noch kaum aus der Erde, wächst aber täglich. Das Wetter kommt in der Regel aus Südwest. Aber es ist ein komisches Wetter. Nicht, weil es schwer vorhersehbar ist, das war es schon immer, sondern weil es auf seine Art radikal geworden ist. Als wolle es sich rächen.

Ja, es stimmt schon,sagt Herr Cremann, man kann die bis zu 50 cm tiefen Furchen, die ein Pflug heute zieht, Körperverletzung nennen.

Man kann an einer Hand abzählen, dass wir so nicht weitermachen können. Und da vollendet sich der Kreis. Eigentlich ist der Landwirt ein Grüner, wer, wenn nicht er. Aber dahinter lauern die Banken und die Gemeinden mit ihrem Hunger auf immer neues Bauland. Dahinter lauert ein hochdynamischer Agrarmarkt, der nichts verzeiht. Nur die Großen haben noch eine Chance.

Aus Roxel kenne ich einen Bauern, der sein Land verkauft hat. Er ist reich. Er muss nie mehr arbeiten. Aber er fährt noch immer auf seinem Traktor herum und tut so, als begutachte er sein Land, auf dem jetzt Häuser stehen. Die Bewohner dieser Häuser wissen nichts von ihm. Auch davon könnte man erzählen.

 

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