Dorfschreiber

Tuten und Blasen

Es war Sonntag, als ich von Münster kommend auf der Wiese vor den Reitställen den goldenen Trichter einer Tuba aufblitzen sah. Blasmusik, dachte ich, das Sonntagskonzert der örtlichen Blaskapelle. Endlich wieder Tschingderrassa Bumm, nach all dem Verzicht durch Corona. Ich fuhr zu meiner Dorfschreiberwohnung, brachte alles, was ich aus Münster geholt hatte, ins Haus, setzte mich aufs Rad, und fuhr hin.

Ich habe ein fast lebenslanges Verhältnis zur Blasmusik. Blasmusik erscholl immer, wenn Feste gefeiert wurde. Schützenfeste. Umzüge. Wir Kinder marschierten hinterher. Konzerte in der Pergola des Gronauer Stadtparkes. Nicht, dass ich Blasmusik liebe, wenngleich es Ausnahmen gibt, aber Blasmusik hat mich, als ich 10 war, auf eine Spur gebracht.
Und das kam so:  In jedem Blasorchester gab es einen, der die Pauke schlug.  Eine große, in diesem Fall grün-weiß-rot geflammte Pauke, obenauf zwei Becken, eines befestigt, das andere,  mit einer Lederschlaufe versehen,  durch die der Paukenspieler mit der Hand schlüpfte, um das eine Becken auf das anderen zu hauen. Tsching. Mit der anderen Hand hielt er einen Schlegel mit einem mehr als faustgroßen Filzkopf. Mit dem schlug er auf das Paukenfell. Bumm. Tsching. Bumm Bumm Bumm Tsching. .
Es wird ein Sonntag gewesen, es war in der Pergola, und die Blaskapelle der Feuerwehr gab ein Konzert. Rotgesichtige Männer, die gern tranken. Und so klangen sie auch. Kalli spielte die Pauke. Kalli war stadtbekannt. Er war einer der widerstandsfähigsten Trinker, und ließ es gern krachen.
An jenem fernen Sonntag also stand ich neben ihm und ließ mich von dem bauchigen Bumms seiner Pauke erschüttern. Ich fand das herrlich. Schließlich fragte , ob ich mal auf die Pauke hauen dürfte. Kalli nickte und gab mir den Schlegel. Ich holte aus, und das Universum vibrierte. Es dauerte dann noch fünfzehn Jahre, eh ich mir ein Schlagzeug kaufte.

Die in der Sonne blitzende Tuba, die ich gesehen hatte, war nur ein winziger Teil dessen, was ich vorfand, als ich die Wiese erreichte. Da saß keine Blaskapelle, da saß ein Orchester mit Trompeten, Posaunen, Klarinetten, Flügelhörnern, Querflöten, Tuben und Saxophonen, mit einer Rhythmussektion im Rücken bestehend aus Glockenspiel, Vibraphon, Schlagzeug, Percussionsinstrumenten, Bongos, Kesselpauken, E-Bass und E-Gitarre. Und vor diesem Klangkörper stand ein Dirigent. Thomas Beumers, wie ich später erfuhr. Ein agiler junger Mann, Hornist des Luftwaffenorchesters Münster.

Von der ersten Vorsitzenden des Blasorchesters Everwinkel, Frau Renne, erfahre ich, dass man Choräle, Märsche, Swing, Filmmusiken und Popmusik spielt, sogar Highway to Hell von AC/DC ist im Repertoire. Und dass ich Zeuge der ersten gemeinsamen, mit allen stattfindenden Probe seit über einem Jahr bin, endlich.
Bei Regen hätte die Probe nicht stattfinden können, denn im Orchesterhaus, das mit Hilfe vieler Einheimischer Handwerker und finanzieller Unterstützung von der Gemeinde erbaut wurde, wäre eine Probe nach den Coronaverordnungen, die stündlich wechseln, nicht möglich gewesen. Blasinstrumente sind Superspreader, erfahre ich, was man an den dicken Backen der Tubaspieler deutlich erkennen kann.  Was da oben rauskommt, ist hochinfektiös, dagegen ist der Kühlturm eines AKW Kinderkram.

Das Orchesterhaus ist eine Wucht. Auf der Empore stehen die Perkussionisten, davor, unten im Saal, baut das Orchester sich auf. Und vorn steht natürlich: der Dirigent. Die Akustik spielt immer eine große Rolle,  wenn ein so großes Orchester probt. Es sollte nicht hallen, es sollte aber auch nicht zu trocken sein. Viel verbautes Holz, Teppichböden, das beeinflusst das Raumklima und die Verweildauer der Töne im Raum. Aber wie gesagt,  drinnen darf man noch nicht, draußen schon.

Das Orchester ist bereit. Thomas Beumers gibt einen Takt vor, und auf Eins geht es los. Das Orchester beginnt, ein Medley zu spielen. Die Akustik unter freiem Himmel ist eine Herausforderung für die Musiker. Jeder Ton sucht auf schnellstem Wege das Weite und fliegt in alle Richtungen davon, was das gemeinsame Hören und Musizieren erschwert. Das Intro holpert ein bisschen, aber dann nimmt die Sache Fahrt auf, und die erste Melodie, die ich erkenne, ist "Dein ist mein ganzes Herz" von Heinz Rudolf Kunze, den ich aus WG Tagen in Osnabrück kenne. Er war damals Lehrer, und obwohl er einige Popularität erlangt hat, hängt ihm der Lehrer noch immer ein bisschen nach. Aber dies ist Liebeslied mit einer schönen Melodie, die Bläser intonieren sauber, der Bass grundiert harmonisch und rhythmisch eindeutig, aber dann bricht Thomas Beumert ab, und sagt, alles nochmal auf Anfang, Takt 38.  

Bei Takt 68 gibt es ein Ritardando, da fällt die Band ein wenig auseinander, ist zögerlich, um nichts falsch zu machen, denn Ritardandi sind schwer, und nichts so schlimm wie schleppen. Da ist der Schlagzeuger gefragt, der Schlagzeuger benötigt einen überzeugenden Beat, egal, ob die anderen wollen oder nicht, er ist der Chef jeder Taktart, egal, ob es ein Vierviertel, Dreiviertel ein  Fünfviertel  ist.

Und wer sitzt am Schlagzeug, und trägt diese große Verantwortung? Der Bürgermeister. Der, mit dem ich diesen grandiosen Empfang zu Beginn meiner Amtszeit feiern durfte, der, der mir zum Spaß seine Bürgermeisterkette umlegte und zu vorgerückter Stunde mit mir auf den Tischen tanzte. Aha, sage ich. Herr Mensing, der Dorfschreiber, sagt er. Wir schauen uns an. Er weiß, dass ich weiß, weil ich mich als Schlagzeuger geoutet habe, und alle Schlagzeuger wissen immer alles voneinander, aber darüber sprechen sie nicht. Mich juckt es in allen Gliedmaßen. Ich würde gern einmal  einer sechzigköpfige Band einheizen. Thoma Beumert sagt, das sei grundsätzlich möglich, aber heute eher nicht, weil....genau, es ist die erste gemeinsame Probe. "Verdammt lang her" ist die nächste im Medley auftauchende Melodie, die ich identifiziere, und bei Takt 256 taucht Major Tom auf.

Bei so einem großen Klangkörper kommen Menschen unterschiedlichsten Alters zusammen. Man kommuniziert nicht nur auf musikalischer Ebene, sondern tauscht sich auch über andere Dinge aus. Das bereichert das Leben. Ich habe mich von Vereinen immer ferngehalten, ich habe Vereine immer belächelt, auch meinen Verein, den Verband Deutscher Schriftsteller, der, wie alle Vereine seine Sitzungen nach Tagesordnung abhandelt.  Als ich damals zum ersten Mal hinging, wollte ich auf der Stelle ein Gedicht vorlesen und diskutieren, aber das ging nichtz. Tagesordnung Punkt 5, Mensing, setzen. Danach bin ich nie wieder hingegangen. So viel also zu meinem Verhältnis zur Vereinskultur.

Aber hier, an diesem Sonntagmorgen, wird mir langsam klar, wie wichtig Vereine sind. Ganz gleich, ob man miteinander Musik macht, Tauben züchtet, angelt oder im Kleingartenverein ist, Vereine sind der Kitt, der Gemeinden zusammenhält. Der Junge und Alte ins Gespräch miteinander bringt. Wo der Bürgermeister mit Vornamen angesprochen wird. Vereine verkürzen die Kommunikationswege. Vieles wird bei den gemeinsamen Treffen ausgeheckt, und später verwirklicht.

Das Orchesterhaus etwa, das auf Initiative von Günther Homann schlussendlich gebaut wurde. Herr Homann war auch derjenige, der zu Frau Renne, der heutigen ersten Vorsitzenden des Blasorchesters, sagte, "aber Frau Renne, Sie kommen ja gar nicht aus Everswinkel." Da sind wir wieder bei der Kleinstaaterei und den Animositäten zwischen Dorf A, B und C, und die sind weltweit, und in den meisten Fälle grundalbern. Ein feines Orchester, und falls mal ein Schlagzeuger gebraucht würde, ich würde es machen.

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