Dorfschreiber

Tippi Toppi Trumpf

Als ich am 9. Mai nach Everswinkel kam, meine Wohnung beschnuppert, eingeräumt hatte und mich fragte, was nun geschehen könnte, weil ich nicht wusste, was ein Dorfschreiber tut, rettete ich mich mit einer Übersprunghandlung. Ich erkundete den Ort, um Drogen zu kaufen. Und siehe, die Raiffeisentankstelle hatte geöffnet, ich kaufte Tabak und Blättchen, ich war gerettet, wenngleich es natürlich weder für mich noch sonst irgendwen Rettung gibt, es sei denn, man ist Veganer, Querdenker oder sonst wie erleuchtet. Eingedeckt mit einem der gefährlichsten Nervengifte verließ ich beschwingt die Tankstelle und sah beim Wegfahren dieses Schild: Trumpf. Ich habe schon an anderer Stelle davon berichtet.

Neugierig sollte ich sein, dachte ich, noch im Findungsprozess meiner Rolle des ab sofort und für die nächsten 10 Wochen hier amtierenden Dorfschreibers. Neugier! notierte ich, und fuhr zum Gelände des Zirkus Trumpf.

Neugier. Freundliche Zuwendung. Vorurteilslosigkeit.

Ich stellte meine Aprilia ab und ging aufs Gelände. Sonntägliche Ruhe, aber an der Plane eines Zeltes, in dem ein Esel und ein Shetland Pony standen, machte sich jemand zu schaffen.
 Hallo? rief ich. (freundliche Zuwendung). Ja? Ein Mann Anfang vierzig kam zum Vorschein, mittelgroß, drahtig, dunkelblond, freundliche Augen. Guten Tag, sagte ich. Ich bin der Dorfschreiber (Ego etablieren, der Larve Konturen geben), und würde gern mit ihnen über ihren Zirkus sprechen. Oh, sagte der Mann, sowas macht immer meine Cousine, aber die ist gerade nicht da. Gut, sagte ich, danke, dann komme ich in den nächsten Tagen noch einmal vorbei.

Da ist jetzt zehn Wochen her. Zehn Wochen, in denen ich den Dorfschreiber und das zu beschreibende Dorf, Aspekte seiner Historie und vor allem viele Menschen kennen- und schätzen gelernt habe. Aber es waren eben so viele Dinge, dass ich den Zirkus Trumpf immer wieder vor mir herschieben musste, weil andere Dinge zu erledigen waren.

Mittwoch aber, vorgestern also, war es so weit. Ich fuhr zum Gelände. Ein etwa siebzehnjähriger junger Mann kam auf mich zu, er schien ein wenig misstrauisch, aber das legte sich, als ich ihm sagte, wer ich sei und weshalb ich gekommen wäre. Moment, sagte er, und rief "Manni, kommst du mal."

Manni. Der Mann, den ich vor zehn Wochen kurz gesprochen hatte. Manfred Trumpf. Anghöriger der Familie Trumpf, einer Zirkusfamilie, die seit acht Generationen über Land reist und die Menschen mit Jonglagen, Clownerien, Balancekunstücken, Seiltanz und Dressuren unterhält. Manni sagte, na ja, so viel könne er nicht erzählen, er sei der Mann für die handwerklichen Dinge, er bringe den Zirkus auf Vordermann, mache ihn Tippi Toppi, sagte er lachend, denn alle hofften, dass es bald wieder losgehen könne, nach dieser langen Zeit, die sie - von Corona zum Stillstand gezwungen - hier verbringen mussten. Ein Zirkus ohne Publikum, ohne Einnahmen, ein schwierige Zeit. Aber seine Cousine, Sabrina Trumpf,  die wisse mehr, die sei diejenige, die für Organisation, Planung und Pressearbeit zuständig sei, aber heute sei sie unterwegs, um bei den erhofften, und möglichst bald folgenden Lockerungen der Corona-Restriktionen den örtlichen Ämtern ihre Hygienekonzepte zu erläutern, Stellplätze zu verhandeln, Werbung zu organisieren.

Wir setzten uns auf eine Bank, der siebzehnjährige Sohn von Frau Trumpf spannte den Sonnenschirm auf, Manni und ich rauchten eine Zigarette und plauderten. Manni, der Mann, der alles auf Vordermann bringt, ist aber auch Clown. Nichts sei schöner, sagt er, als Menschen zum Lachen zu bringen. Ob sie als Zirkusleute denn immer noch schief angesehen wären, so nach dem Motto, Achtung, die Zirkusleute kommen, nehmt die Wäsche von der Leine. Ach, ja, manchmal, sagt er, wir sind halt Reisendes Volk, und die Sesshaften können das nicht so gut einschätzen. Is aber nicht mehr so schlimm wie früher.

Wie es denn eigentlich mit der Schule sei, fragte ich den Jungen, denn ich meinte mich zu erinnern, dass es eine Schule für Kinder des "fahrenden Volkes" gibt. Ja, ja, sagte der Junge, es gäbe die Schule für Zirkuskinder in NRW, die kämen ein- bis zweimal die Woche mit einem Wohnmobil, um den Zirkuskindern Unterricht zu geben. Ansonsten laufe vieles Online. Das heißt, ihr Zirkuskinder wart schon lange vor Corona fit, wenn es um Zoom Konferenzen ging? Aber sowas von, sagt er. Und die Zirkusschule seit gut, das seien nette Leute.

Träger der Schule ist die Evangelische Kirche. Die Lehrer unterrichten von Klasse 1 bis 10, müssen äußerst flexibel sein, projektorientiert denken und arbeiten, und in allen Fächern fit sein. Für so etwas braucht man engagierte Menschen, die ein Faible für's Fahrende Volk haben.

Ich erinnere mich an meine Volksschulzeit. Wenn Kirmes war, tauchten für drei, vier Tage Kirmeskinder auf. Die waren mit Vorsicht zu genießen, denn sie lebten ein Leben, dass wir, die "Sesshaften" uns nicht recht vorstellen konnten. Sie waren wild. Und sie waren uns in vielen Belangen überlegen, denn sie waren von klein auf Teil eines Teams, in dem jeder für jeden da ist, und jeder - nach Fähigkeiten und Alter - Arbeiten für die Gemeinschaft verrichten muss, während wir, die Kinder der Sesshaften, damals - und heute noch viel mehr - behütet und für ein späteres Leben vorbereitet wurden. Dabei gibt es gar kein späteres Leben. Es gibt nur das eine, und je früher man das begreift, desto besser ist es. Ein Kirmeskind als vorübergehenden Freund zu haben, verschaffte einem einen gewissen Status, und vielleicht sogar Freikarten für ein Karussell.

Manni kennt das. Manni kennt auch die Vorurteile, aber, sagt er, da stehe er drüber, ein "Normalo" begreife eben nur schwer, dass das Leben des fahrendes Volkes ein durchaus reiches Leben sei, und er wolle mit niemandem tauschen. Man lerne so viel über die Menschen und das Land. Everswinkel zum Beispiel behandle sie gut. Das Areal, auf dem der Zirkus aufgebaut ist, habe man ihnen kostenfrei zu Verfügung gestellt. Im Augenblick bezögen sie Sozialhilfe, aber davon sind die täglichen Ausgaben nur schwer zu bezahlen. Sie müssen einfach spielen. Und sie hätten auch zwischendurch immer mal wieder gespielt, auf den Kulturwiesen zwischen Alverskirchen und Wolbeck, vorm St. Magnus Altenheim, auf Schulhöfen, das sei immerhin etwas in dieser schwierigen Zeit, und wenn es um Futter für die Tiere gehe, spränge immer mal wieder ein Bauer aus der der Umgebung mit Heu ein. Das verbinde.

Einmal Zirkus, immer Zirkus. Man sei frei, sagt er, wenngleich so ein Leben schwer ist, aber jedes Leben ist schwer. Jedes Leben hat Höhen und Tiefen, doch hier, sagt er, schauen Sie sich um, hier sind alle beisammen, hier ist jeder für jeden da, die Kinder haben einen eigenen Wagen, es gibt einen Küchenwagen und Wohnzimmerwagen, Oma und Opa sind auch dabei, auch sie mit allen Wassern gewaschene Zirkusleute. Und hoffentlich, hoffentlich geht es bald wieder los.

Die Trumps, eine große Familie, sind mit drei verschiedenen Zirkussen unterwegs. Jeder ist autonom, jeder bereist andere Gegenden der Republik, aber allen gemein ist die Liebe zum Zirkus. Und das seit acht Generationen. Geschichten von damals kennt Manni nicht, da müsste man vielleicht den Opa oder die Oma fragen. Wo sie denn geboren seien? frage ich. Jeder woanders, immer da, wo wir gerade gespielt haben, als es so weit war.  
Sabrina Trumpf, Mutter von fünf Söhnen, die alle auf die ein oder andere Art in den Zirkus eingebunden sind, stammt nicht von Zirkusleuten ab. Sie hat sich in einen Mann vom Zirkus verliebt, und da war es um sie geschehen. Eine Eingeheiratete. Geht das überhaupt? Ihre Eltern waren skeptisch. Natürlich, sagt Frau Trumpf, wie auch anders, wenn man voneinander so gar nichts weiß, hat man Vorurteile, aber mittlerweile habe sich diese Skepsis gelegt. Sie jedenfalls, die aus dem Leben "der Sesshaften" ins Lager des "Reisenden Volkes" gewechselt sei, wolle nichts anderes mehr. Einmal Zirkus, immer Zirkus. Und wenn einer ihrer Söhne sagen würde, du, Mama, ich will nicht mehr rumreisen, ich will ein ruhigeres Leben? Kein Problem, sagt Frau Trumpf, jeder so, wie er will, wir zwingen niemanden. Einmal, sagt sie, hatte ein Onkel die Nase vom Zirkus voll und wurde LKW Fahrer. Und wissen Sie was, nach drei Monaten war er wieder da. So ein Zirkus lässt einen eben nicht los. Das ist mit dem Schreiben ganz ähnlich.

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