Dorfschreiber

Staunen

Pater Bück, ein Verwandter der Familie Dernebockholt, beschließt, sich im unruhigen Deutschland um 1870 in der Bauernschaft Schuter in der Nähe der Angel eine Einsiedelei zu bauen. Er will allein sein und beten.  Er will sehen, wie das ist vor Gott, oder ob es überhaupt so etwas gibt wie Gott, das will er rauskriegen, und dafür braucht die Welt nicht. Dass die Welt trotzdem zu ihm kommt, ihn sogar zu verehren beginnt und Almosen bringt, verwirrt ihn. Das war nicht Sinn der Sache. Er will nicht eitel sein. Vielleicht ist es eine Prüfung, denkt er, und tut etwas Handfestes. Er baut in der Nähe seiner Einsiedelei eine Lourdes Grotte. Sie steht erhöht unter einer Eiche, man kann drum herum gehen, sie von allen Seiten anschauen, und er schmückt und verziert sie mit allem, was ihm in die Hände kom,mt.

Meine Navigation basiert auf einem angeborenen Sinn für Orientierung und der Neigung, jeden, von dem ich hoffe, dass er bald auftaucht, zu fragen, wo es lang geht, wenn er tatsächlich auftaucht. Der Radweg nach Sendenhorst endet irgendwann. Plötzlich wieder so exponiert auf einer Straße zu fahren, die für Männer in schwarzes Golfs jederzeit für hundertdreißig gut ist, macht keinen Spaß.

Aber noch auf dem Radweg überholte mich eine etwa Vierzigjährige. Sie fuhr E-Bike, ich fahre eine dreißig Jahre alte Gazelle. Ich hörte sie herankommen, und rief ihr, den Kopf über die linke Schulter zudrehend, zu, ich sei der Dorfschreiber, ob sie wisse, wo die Lourdes Grotte sei. Nä. Lourdes Grotte? Ein Marienaltar. A der, ja, da, vor der Gärtnerei links. Und dann war sie schon weg. Schönen Abend noch, hatten wir wohl gesagt, und ich dachte, so soll es sein, sie erzählt das jetzt zuhause. Da war einer, sagt sie, auf dem Rad, den will ich überholen und der sagt, ich bin der Dorfschreiber. Weißt du, was das ist? Nö.

Auf der Straße hinter der Brücke über den Wieninger Bach kriecht eine Weinbergschnecke. Ich steige ab, um sie zu fotografieren. Ein Passat kommt heran, ich winke, ich stelle mich vor die Schnecke, damit er sie nicht platt fährt. Er hält.  Ein Mann Mitte Zwanzig lässt die Scheibe runter. Ja? Ich suche die Mariengrotte. Wissen Sie, wo die ist? Da hinten, bei den Bäumen, sagt er. Danke.

Ich habe volksfromme  Prozessionen in Südamerika gesehen. Blechbläser und Trommler marschierten  unter blinkenden Lichtgirlanden, heiligem Rauch und mit Inbrunst. So ähnlich, wenn auch nicht so ausgelassen, da der Westfale anders temperiert ist, wird ist im Schuter auch ausgesehen haben, wenn sie den Pater Bück und seine Grotte besuchten, und dann fällt mir noch ein, dass ich den jungen Mann im Passat auch hätte fragen können, wie man denn lebt auf dem Land, aber das krieg ich schon noch raus, ich bin ja erst drei Tage hier. 

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