Dorfschreiber

Resumee

there's no business like show business

Ihr Lieben,

"three days before the shit hit the fan", hatte ich mich mit Mitgliedern des Kulturkreises getroffen, um organisatorische Dinge meines "Dienstantrittes" zu besprechen. Eine Absage bzw. die Idee, meine Dorfschreiberei könne sich auf ein Jahr nach hinten verschieben, stand zwar im Raum, war aber noch nicht beschlossen. Wir hofften. Wir aßen leckere Dinge, dann fuhr ich heim.

Als ich den Kanal auf der Wolbecker überquerte, überlegte ich, ob ich tanzen gehen sollte, es war Mittwoch, Salsa im Hot Jazz. Irgendetwas hielt mich ab, vielleicht war es ein Instinkt, vielleicht hatte es auch nichts zu bedeuten, denn ich wüsste von keinem, der sich an jenem Abend infiziert hätte. Ich fuhr also heim.

Am Tag drauf fiel eine Entscheidung, einen Tag später ging ich schon nicht mehr ohne Maske vors Haus, schon gar nicht Einkaufen. Dann entwickelte sich alles rasend schnell. In Italien wurden an Covid19-Verstorbene in LKW-Kolonnen fortgebracht, so viele waren es. Katastrophenstimmung. Endzeit. Es würde uns alle dahin raffen. Und wenn nicht?

Lockdown. Wir fanden einen Kompromiss: ich würde Dorfschreiber im Home-Office. Wahrscheinlich hatte es so etwas noch nicht gegeben. Egal. Das Virus raste um die Welt. Die öffentliche Diskussion hechelte hinterher. Stars wurden geboren. Der Virologe hatte das Ohr der andächtig Lauschenden. Frau Merkel beeindruckte durch Besonnenheit, während anderswo ein der Sprache, geschweige eines vernünftigen Gedankens nicht mächtiger Präsident mit einer Luxusnutte als Gattin krudeste Theorien verbreitete. Man wunderte sich schon, dass er China nicht den Krieg erklärte. Auch in anderen Ländern äußerten sich Staatsoberhäupter widersprüchlich. Einer bekam schließlich selbst die Seuche, und mancher dachte, siehste, das geschieht ihm recht. Deutschland wurde für sein Krisenmanagment gelobt. Himmel, dass ich so etwas noch erleben darf.

Aber dann kam langsam Unmut auf. Die Menschen verloren die Geduld. Nicht, dass es nicht ein großes, demokratisches Einverständnis mit den als unumgänglich getroffenen Maßnahmen gegeben hätte, aber die Menschen sehnten sich nach Lockerung.

Um diese Zeit begann ich als Dorfschreiber mit einem Video, aufgenommen unter St. Magnus.

So oder so, ich habe in meinem Leben eine Menge Text verfasst, manches veröffentlicht, anderes für die Schublade, ich bin also nicht unerfahren, aber was ein Dorfschreiber tut, wusste ich da noch nicht. Das ist das Schöne an meinem Beruf, dass man ständig Dinge tut, die man noch nie getan hat oder von denen man nicht weiß, wie man sie tut.

Learning by doing.

Heute ist mein letzter Tag. Vier Wochen habe ich "Hier!" gerufen, "Hier, Leute, kommt her, lest, 1a-Literatur!", aber kaum einer hat's bemerkt. Gestern war ich im Radio, heute ruft mich eine Redakteurin der WN an, um für das der Zeitung beiliegende "Panoroma" ein Interview mit mir zu machen, aber Leute, ihr seid zu spät.

Ich bin raus!

Tschüss und bis nächstes Jahr. Da dürft ihr mich anfassen, dürft kluge und dumme Fragen stellen, wir werden zusammen trinken und uns freuen, dass wir 2020 abgehakt und überlebt haben, falls wir es überleben. Gestorben wird schließlich immer.

In diesem Sinne,
Venceremos
euer Dorfschreiber Hermann Mensing

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