Dorfschreiber

PROLOG

Frühling 2019

Gegen halb elf setzte ich mich aufs Rad. Ich dachte, falls ich nächstes Jahr Dorfschreiber in Everswinkel werde, sollte ich hinfahren und es mir anschauen. In den 80erJahren war ich einmal im Vitus Bad, dem einzigen "Erlebnisbad" weit und breit, damals etwas ungeheuer Zeitgemäßes. Mein jüngster Sohn, kaum drei, kletterte auf einen Vorsprung unter einem Wasserfall, rief "ich springe" und sprang. Ich rettete ihn, worauf er prang und prang und prang. Jahre später fuhr ich zu einem Gestüt zwischen Everswinkel und Freckenhorst, wo von vier und sechs schwarzen, dampfenden Kaltblütern gezogene Gespanne um die Wette fuhren, dass die Erde bebte.

Soviel zur Vergangenheit.

In der Gegenwart navigiere ich nach der Sonne, biege links ab und rechts, überall blüht es, jeder Weg, sei er noch so unscheinbar, hält Wunder bereit, geschlagenes Holz, aufsteigende Vögel, ein Windbruch, Wunder über den Horizonten, Waldwunder, Farbwunder, zahllos sie alle, so dass ich vor Staunen manchmal absteigen und mich vergewissern muss, nicht im Paradies zu sein, obwohl ich genau weiß, dass es, falls es ein Paradies gibt, es nur in der Gegenwart existieren kann.

Eine Schnapsfabrik, eine Ziegelbrennerei? In den Wiesen am Wald steht ein ziegelrotes Gebäude mit Schornstein. Falls ich Dorfschreiber werde, wird mich eine meiner ersten Amtshandlungen, falls man das so nennen kann, dorthin führen. Guten Tag, werde ich sagen, ich bin der Dorfschreiber, und dann hoffen, dass man mir erzählt, wie das kam, mit der Schnapsbrennerei. Dass der Westfale gern Kurze trinkt, weiß ich.

Gegen Mittag erreichte ich eine Straßenkreuzung in Alverskirchen, den Mittelpunkt des Ortes. Sein Kirchturm und auch der in Everswinkel (beide Orte zählen im Ernstfall zu meinem zu versprachlichenden Revier) haben einen quadratischen Grundriss mit spitzer, kurzer Haube, worauf ich dachte, hier will man nicht hoch hinaus. Eine gewisse Bescheidenheit herrscht hier, dachte ich, und war angenehm berührt. Später erfuhr ich, dass es Wehrtürme sind, man hatte also praktisch gedacht, konnte sich, wenn Gefahr heraufzog, dorthin zurückziehen, sich vom Turm einen Überblick verschaffen und nötigenfalls wehren.

Eine Eisdiele lag an jenem Mittag im Schatten, was mir nicht gefiel, denn ich esse gern Eis und trinke Cappuccino, und ein Dorfschreiber müsste doch dann und wann unter einem Sonnenschirm sitzen und den Menschen beim Flanieren zuschauen können, wer sonst sollte das tun, aber wie die Dinge standen, wäre das nicht möglich, bis ich erfuhr, dass es eine Sonnenterrasse nach hinten heraus gibt, aber da flaniert niemand. Oder wird sowieso nicht flaniert in Everswinkel? Ist es in Everswinkel wie in Roxel, wo ich lebe, wo auch niemand flaniert, um nicht in den Ruf zu kommen, er habe nichts Besseres zu tun?

Es war Markt, mir war der Mund trocken, der Heimweg lag vor mir, und ich fragte an einem Stand nach Clementinen. Der Bauer, Endsechzig, bisschen krumme Beine, Cordhose, kariertes Flanellhemd, beiger Hut, wollte mir gleich eine Tüte voll verkaufen.

Eine reicht, sagte ich, und wir kamen überein.
Wo kümst du denn wech un wie büsst du?
Ich antwortete, dass ich vielleicht Dorfschreiber würde.
Wat nich all gifft, sagte er und wies er mir den Weg durch den Heidbusch nach Telgte.

Panzerstraße sagte man früher zu so etwas. Die großen Platten sind hier und da gebrochen, manche Ränder stehen gefährlich hoch und gegen so einen fuhr ich. Es verriss mir den Lenker. Ich strauchelte, aber erstaunlich ist dann immer wieder, wie routiniert so ein Körper reagiert. Alle ausgleichenden Bewegungen, alle nötigen Handgriffe und Gewichtsverlagerungen rechnet das System in Sekundenbruchteilen zu meinem Vorteil, ich fange mich, die Gefahr ist vorüber und ich frage mich, wer da wieder seine Hand über mich gehalten hat.


Do 4.07.19 12:41 sonnig, angenehm frisch

Kurz nach halb zwölf schellte mein Telefon. Die Juryvorsitzende für die Wahl des Dorfschreibers in Everswinkel war dran, ihr Telefon sei laut gestellt, rief sie fröhlich, die Jury höre mit, ob ich wisse, warum sie anrufe? Natürlich wusste ich das. Ich hatte versucht, es zu verdrängen, weil ich sowieso nie einen Preis kriege, eigentlich will auch gar keinen, Preise kriegen die anderen, ich will Leser, aber jetzt war es so weit, jetzt hatte ich den Salat, ich war live und sollte Worte sprechen, fernmündliche Worte für Menschen, die zwei Stunden getagt, diskutiert und mich zum Poeta Laureatus gewählt hatten.

Wie ich das fände?

Tja. Was sollte ich sagen?
Rom wäre größer und schöner, aber bestimmt gäbe es auch in Everswinkel interessante Geschichten.
Irgendsoetwas sagte ich, und am nächsten Tag stand es in der Zeitung.

Die Frage, ob mir die Everswinkeler ihre Geschichten erzählen, ist eine andere Sache, Fakt aber bleibt, dass mich nach all den Jahren harter Arbeit doch noch ein Ruf ereilt, der mir außer ein wenig lokaler Ehre für drei Monate ein regelmäßiges Einkommen verspricht. So etwas haben Schriftsteller selten bis nie und dafür bedanke ich mich.

Und dann ist da ja auch noch eine Unterkunft, möbliert für Landurlauber, in der ich drei Monate wohne. Ich habe sie mir angeschaut. Wie ich ohne meine Platten, meine Bilder, meine Bücher und meine Kassettensammlung, die mich durch meine Tage navigieren, auskommen soll, weiß ich noch nicht. Ich schätze, ich werde ein paar Bilder abhängen und eigene von zu Hause mitbringen müssen. Die Stehimwege räume ich aus den Regalen, und ein Platz für mein E-Piano findet sich ganz bestimmt, denn ohne Klavier will ich nicht sein. Außerdem freue mich auf die Katzen, die - sagt meine Vermieterin - gern auf dem Sessel hinten links am Tisch meiner Terrasse liegen, habe jetzt schon Heimweh und weiß plötzlich nicht mehr, ob ich nach Unterzeichnung des Vertrages noch frei bin, oder schon Hofnarr.

Mein Lieblingszweifel aber ist einer, von dem man Pickel kriegt, weil er so nutzlos ist. Was wäre, wenn mir nichts, aber auch gar nichts zu Everswinkel einfiele? Käme so ein Stinker um die Ecke, könnte es kritisch werden und der vereinbarte Lohn wäre hart erarbeitet. In weiser Voraussicht habe ich mir ein Fluchtfahrzeug gekauft, einen Aprilia Scarabeo Roller, italienisches Design, gelungen und schön, mit dem kann ich jederzeit abhauen. Oder ich könnte die Katzen kraulen. Oder die Beine hochlegen, wenn die Sonne scheint. Oder denken: geil hier in Everswinkel. Könnte ich alles, mal sehn.

7 Kommentare

  • Carolin schreibt:
    um 096. 2020-04-05 2020 um HH:mm Uhr

    Ich überlege gerade: Mein Nachname beginnt mit "W", der meines Mannes mit "B". Da hätten wir, nach der vielen Rückzugszeit zuhause, massig Gelegenheit, jeder für sich im Café zu sitzen (und würden uns dabei sogar nur an die Vorschriften halten). Er dürfte allerdings seine Tochter nicht mitnehmen zum Eis essen, denn die ist auch in der Gruppe "W". Immerhin könnte ich meine beste Freundin treffen, denn zufällig beginnt ihr Nachname auch mit "W". Außerdem würde man vermutlich meistens einen freien Tisch bekommen.
    Vielleicht könnte man auch, statt alphabetisch, numerisch vorgehen? Heute alle bis 20, morgen 20 bis 40 Jährige, 40 bis 60, Ü60 - da die Woche nur 7 Tage hat, müsste man schauen, welche Gruppe nur einmal Ausgang erhält?
  • dorfschreiber schreibt:
    um 096. 2020-04-05 2020 um HH:mm Uhr

    möglich und denkbar ist vieles, wie immer es ausgeht, ich wünsche es mir von herzen.
  • Helga Lichtenthäler schreibt:
    um 120. 2020-04-29 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Herr Mensing,
    ich habe vor Jahren eine seltsame Begebenheit mit einem Medium in Ascona gehabt. Wenn Sie interessiert sind, schreibe ich Ihnen die "Story".
    Mit freundlichem Gruß
    Helga Lichtenthäler
    • Mrs Sharon schreibt:
      um 196. 2020-07-14 2020 um HH:mm Uhr

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  • Franz Maxwill schreibt:
    um 120. 2020-04-29 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Dorfschreiber, lieber Herr Mensing,

    erst durch WDR 5 bin ich heute auf Sie aufmerksam geworden. Schade! So spät! Schön, dass ich dennoch davon erfahre.
    Meine Erfahrungen mit der Covid-19-Pandemie sind ähnlich wohl der Ihrigen. Einerseits gibt es viel Veränderungen in der Grundhaltung der Menschen im Alltäglichen. Andererseits haben die meisten wohl nicht verstanden, dass diese Pandemie eine Chance sein könnte, nachdenklicher zu werden. Sie werden weiterhin mit ihren SUVs durch die Lande brausen, die Korosin-Schleuder wieder nutzen, um die letzten schönen Ecken der Welt weit entfernt von hier zu "erkunden" und ignorieren, dass z. B. gestern gemeldet wurde, dass das Eis am Nordpol sich allmählich auflöst.

    Die Pandemie ist einschneidend, ja, aber die Folgen der Klimakatastrophe werden zu Krieg und Millionenfluchten führen, also viel gravierender sein.
  • Susanne Müller für den Arbeitskreis Literatur schreibt:
    um 121. 2020-04-30 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Hermann, heute endet leider der - in dieser Form ungeplante - erste Teil des Projektes DORFSCHREIBER 2020, das dank Corona zum Projekt DORFSCHREIBER 2020/2021 mutierte. Sofern - was wir ja alle hoffen - uns das Virus bis dahin aus seinen Fängen entlässt, werden wir Dich vom 9. Mai bis zum 4. Juli nächsten Jahres in unserer Gemeinde (wieder)sehen - und zwar leibhaftig!

    Wir danken Dir für die vielen und sehr vielfältigen Beiträge für Deinen Blog und freuen uns schon heute auf den zweiten Teil mit zahlreichen Begegnungen und daraus resultierenden frischen Texten.

    JUNGE, KOMM BALD WIEDER!
  • kelina schreibt:
    um 192. 2020-07-10 2020 um HH:mm Uhr

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