Dorfschreiber

Mein Corona Tagebuch

Liebe Everswinkler,
meine Zeit als Dorfschreiber im Home-Office liegt schon wieder zwei Wochen zurück, aber natürlich schreibe ich, in diesem Fall ist es ein Corona-Tagebuch. Nehmen Sie sich Zeit, in fünf Minuten ist das nicht getan, besser, Sie machen es sich gemütlich, trinken einen Schluck und lesen. 


Di 31.12.19 12:56 bisschen diesig

Noch kein Wort von Corona. Falls, habe ich es noch nicht mitgekriegt, daher bin ich zwar unruhig, als ich meine Lebensgefährtin (im Weiteren Muse, auch Praktikantin genannt) die seit zwei Tagen zunehmend hustet und unzureichend Luft bekommt, in die Notaufnahme der Uniklinik bringe. Dort wird sie sofort versorgt. Sie erhält Sauerstoff durch einen Schlauch in der Nase.

Rings um mich ist Beton zu kreisförmigen Türme verbaut, Auf- und Abgänge, Aufzuschächte, kaum Menschen, bis auf die in der Notaufnahme, ein Soziosphärenreservat, von dem noch zu reden sein wird. Seit Stunden warte ich hier. Der Kaffeeautomat ist defekt. Immerhin, es gibt Wasser mit und ohne Bubbel, wie das kleine Mädchen es nennt, das mit Papa hier ist.

Jeder Patient hat einen Zugang im Arm. Ich habe keinen. Ich bin Wartender, und werde gleich neidisch. Irgendwann gehe ich los, um mir in der Automatengalerie ein Stockwerk höher irgendetwas zu kaufen, einen Schokoriegel vielleicht. Der Weg ist lang. Bis auf eine Putzfrau begegnet mir niemand. Sie navigiert mit Google durch das Gebäude, in dem mehrere Tausend Menschen arbeiten. Auf dem Rückweg passiere ich zwei Araber, die auf einer Bank Pizza essen. Hmmm, mache ich im Vorbeigehn. Willst du? fragt mich der mit dem aussagekräftigsten Bart. Ja, sage ich zögernd. Bitte! sagt er. Ich nehme ein Stück und bedanke mich. Alles gut, Bruder, sagt er und legt die rechte Faust aufs Herz.

Mi 01.01.2020

Ich stelle mir vor, dass die Welt schön ist. Die Welt ist schön, sage ich, und schon ist sie schön. Alles, was nicht schön ist, bleibt vor meiner Tür. Jeder, der will, dass die Welt schön ist, darf zu mir kommen. Meine Wohnung ist groß genug. Mir ist egal, woher ihr kommt, mir ist egal, ob ihr einen Gott habt, keinen, oder gleich mehrere, mir ist egal, ob ihr Männer oder Frauen liebt, alles ist mir egal, Hauptsache, ihr wollt, dass die Welt schön ist. Und wenn ihr dann bei mir wart, geht zurück in eure Wohnungen und lasst alle hinein, die wollen, dass die Welt schön ist. Ihr werdet sehen, wie wir immer mehr werden. Jeden Tag werden wir mehr. Jeden Tag wird die Welt schöner. Und dann werden wir ein Fest feiern. Es wird rauschen, dieses Fest. So ein Fest hat die Welt noch nicht gesehen, aber sie wartet darauf, dass wir es feiern. Bald. Es muss bald sein. Also macht eure Türen auf.

Sa 4.01.20 11:29 steingrau

Seit letzten Samstag habe ich jeden Tag ein bis zwei Stunden im UKM zugebracht. Die Diagnose ist klar, Pneumonie, aber der Grund für die Erkrankung nicht. Man behandelt meine Lebensgefährtin mit Antibiotika. Sauerstoff erhält sie noch immer. Ich hingegen pausiere und starre die Decke an. Heute ist nirgendwo Text, heute ist blankes Entsetzen, Menschen im Schutz von Schirmen, Sternsinger, die mit Kreide Signaturen an Häuser kritzeln, ich niese, ich huste, ich schaue den Vögeln zu und verhalte mich still. Ich bin entsetzlich wirkungslos.


Di 7.01.20 19:03

Die Praktikantin ist zurück. Ich habe ihr in der Küche eine Schlafecke zurechtgemacht, mehr benötigt sie nicht. Sie ist ein Mädchen aus dem nördlichen Ruhrgebiet, hat ihre Kindheit auf einem Bauernhof verbracht, Jürgen Drews wohnt um die Ecke, wen wundert es da, dass sie zum einem von ihm, zum anderen von den Geschichten ihrer Vorfahren traumatisiert ist, denn ihre Oma hatte, selbst noch ein pubertierendes Mädchen, ein verstorbenes Geschwisterkind im Koffer von R. nach M. transportiert. Andere Zeiten waren das, die Menschen waren einander zugewandt und pragmatischen Lösungen näher.

Jetzt, wie gesagt, ist Muse E. wieder hier, kocht, putzt und wäscht für mich, wenngleich ich sie natürlich schone, ich will ja noch länger etwas von ihr haben. Heute früh habe ich ein Auto gemietet, habe es gleich neben dem Klinikausgang geparkt, bin ins dreizehnte Stockwerk gespurtet, habe ihre Tasche und sonstigen Requisiten nach unten gebracht, ins Auto geladen und bin mit ihr heimgefahren. Sie ist mir sehr dankbar und möchte mich heiraten, aber ich heirate nicht noch einmal. Jetzt ist Abend und ich höre sie in ihrer Schlafecke Lieder singen. Morgen früh wird sie mir Frühstück ans Bett bringen.


Fr 10.01.20 9:45

Während die Ärzte am Abend des 31.12.2019 kurz nach 18 Uhr erste, vage Annahmen formulierten, wartete ich im Aufenthaltsraum um die Ecke, in dem ein Vater mit seiner Tochter und zwei Frauen saßen. Eine hat Oberarme wie ein Gewichtheber, wenn auch nicht so muskulös, breite Schultern, Riesenbusen, alles an ihr ist konkav, sie ist schwarz gekleidet, um die vierzig und trägt das ebenso schwarze Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Die andere ist drahtig, blond, Jeans, heller Pullover, trägt Cowboystiefel, hat ein sehr freundliches, offenes Gesicht, blaue Augen und eine von Nikotin gezeichnete Haut. Die beiden nehmen sich ab und an in den Arm oder küssen sich. Gegenüber ist ein Checkin-Schalter. Dahinter ein Mann mit dunkel umrandeten, tief liegenden Augen, kaum 30, ein Black Sabbath Fan, und eine Mittvierzigerin, Profi, die Krankenakten liest. Der junge Mann isst einen Hamburger und trinkt aus einer blauen, schlanken Dose. Eh ich durch Zufall erfahre, dass die Praktikantin längst versorgt ist, werden vier Stunden vergehen, während sie derweil glaubtl, man habe mir längst überbracht, ich bräuchte nicht länger warten. Als ich vier Stunden später in die Notaufnahme gehe, um mal nachzufragen, finde ich sie im Bett, versorgt, und darauf wartend, auf eine Station gebracht zu werden.


In diesen vier Stunden tauchten drei junge Türken auf, die einen alten Mann, ihren Vater, nehme ich an, fürsorglich unter den Armen stützend hereinführen. Wenig später kamen drei Afrikaner, eine Mutter mit Tochter und Sohn, die oft und laut lachten. Vier junge Männer brachten eine junge Frau, die nach einer kurzen Untersuchung ratlos mit einem kaum gefüllten Urinbecher zurückkam und nicht wusste, wohin damit, und dann kam noch ein alter Mann, begleitet von einem besorgten Sohn.

Unter der Decke hängt ein Flachbildschirm, Ntv zeigt in Endlosschleifen modernstes Kriegsgerät in digital animierten Posen, der Kaffeeautomat darunter funktioniert nicht, aber es gibt frisches Wasser. Wann wer aufgerufen wird, entzieht sich allgemeiner Kenntnis, man hat keine Nummer, man wartet und wartet. Irgendwann spricht man mit dem oder dem. Das gleichgeschlechtliche Paar wartet seit 15:00 Uhr. Als ich mich auf den Heimweg mache, ist es 23:15. Ein Bus fährt mir vor der Nase weg, den nächsten erreiche ich an der Diekmannstraße.

So 9.02.20 14:18 hohe Bewölkung, manchmal etwas Sonne, windig

Die Republik verharrt in Schnappatmung. Erst diese unappetitliche Politik in Thüringen, das schon immer braun war, dazu das Coronavirus, das den Wirtschaftsgiganten China in die Schranken verweist, und dann Sabine, seit Tagen als Star unter den Stürmen auf Isobarenkarten erklärt, hier bisher nur ein Ritzenheuler, huiiiiiiii, macht er, und schüttelt die Forsythien, was nicht heißt, dass es nicht schlimmer kommt, schlimm nämlich käme es erst in der Nacht und morgen früh. Wir werden sehen. Mein Held, der nie weiß, wie ein Tag ausgeht, immer damit rechnet, dass es der letzte sein könnte, tut, was er am besten kann, er wartet. Beckett ist auch da. Vielleicht ziehen sie in sein Haus an der Küste.

Fr 28.02.20 11:00 sonnig


Desillusioniert stiegen mein Held, Herr M. und ich auf den Motorroller. Wir würden Drogen nehmen und rumfahren, wie von Bernadette la Hengst empfohlen. H. war gestorben, U. hatte es kurz vor Weihnachten die Hauptschlagader perforiert, aber er hat immerhin überlebt, der hatte dies, die hatte jenes und dann noch das Virus.

Drogen nehmen und rumfahren ist das Vernünftigste, was man noch tun kann. Aber keiner von uns hatte welche. Wo sollte das bloss alles enden?
Ich weiß was, sagt mein Held. Wir fahren zur Madam. Die hat immer Drogen.
Never, sagt Herr M. Die sitzt da in ihrem roten Nachthemd, das will ich nicht sehen.
Dann nicht, sagt mein Held.
Haltet mal, sage ich. Lass mich absteigen. Fahrt allein weiter. Ich gehe ins Bett.
Gute Nacht, sagt mein Held.


So 1.03.20 11:45 bedeckt

Ob Herr M. in die Stadt fährt und übern Markt bummelt, ist noch nicht entschieden. Er würde lieber im Bett bleiben. Mir wäre das peinlich. Ich bin Protestant, das heißt, ich war Protestant, aber so etwas hängt einem lange nach. Mein Held fände einen Tag im Bett wundervoll, allerdings müsste alles in Reichweite sein, was man braucht, zu essen, zu trinken, zu lesen. Beckett braucht weiter nichts, er ist Ire, trinkt gern Whisky und wartet. Godot nervt das.

Eine fette Seuche, ein kleiner Dreh an einem der Pole und ihr seid Geschichte, sagt er.
Dann hätte sich zumindest das Warten erübrigt, sagt Beckett.
Wenn das so ist, steh ich nicht auf, sagt Herr M.

Mo 2.03.20 10:45 bewölkt

Ich kaufe Hühnerbeine, Fenchel, Lollo Rosso, Champignons und eine große Zwiebel, ich flirte mit einer sehr gut aussehenden, zudem freundlichen Mittfünfzigerin am Gemüsestand, treffe sie noch zweimal, und beide Male leuchten wir, aber statt sie zu einem Kaffee einzuladen, geh ich allein. Die Sonnentische sind besetzt, ich suche mir einen Tisch weiter hinten. Nach und nach trudeln Männer ein, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Mit jedem habe ich schon Musik gemacht. Einer fragt, ob er rauchen dürfe. Kein Problem, sage ich. Einer kommt gerade von einem Krankenbesuch. Einem fehlt seit fünf Jahren eine Niere, ein anderer hat ein neues Hüftgelenk, der dritte hatte einen Schlaganfall und der vierte war schon einmal tot. Und du, fragt einer, was hast du? Nichts, sage ich, und schäme mich, weil ich zu den Geschichten von Siechtum und aufziehendem Alter nichts hinzufügen kann, dann aber fällt mir H. ein. H. ist gestorben, sage ich. Was, sagen alle, wieeee bitte? Wieso das denn, hab ich nichts von gelesen, woran denn? Ich erkläre es. Mein Held stößt mir in die Seite. Jetzt hast du sie glücklich gemacht, sagt er. Wieso? frage ich. Weil sie begreifen, dass sie noch leben. Sind doch auch alles Rentner, die den Tod fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Dieses Zusammentreffen ist mein letztes soziales Ereignis für lange Zeit, aber das weiß ich noch nicht.

Do 5.03.20 15:10 bedeckt

Von den Toten will ich gar nicht reden, die sind tot, die haben es hinter sich, aber von Lebenden, von Vertriebenen, die in allen Erdteilen unter immer den gleichen Machenschaften leiden, von denen, die in der Kälte hocken, von denen, die in der Hitze hocken, von denen, die nichts zu Essen und zu Trinken haben, von denen müsse er sprechen, sagt Beckett.

Das sind Menschen, denen unsere Solidarität gehört, davon sehe ich zu wenig.
Ich sehe Schissertum, Verleugnen von moralischen Grundsätzen, Rassenhochmut, wirtschaftlichen-, militärischen und staatlichen Hochmut.

Was, sagt Beckett, glaubt ihr, wird los sein, wenn die Scheiße in den Ventilator fliegt, glaubt ihr, dass ihr dann so einfach davon kommt?
Vergesst es! Ihr kommt nicht davon. Jedee, den wir daran hindern, an unserem Reichtum teilzuhaben, wird sich rächen. Nicht heute, nicht morgen, aber er rächt sich.
Ach komm, sagt mein Held. Jetzt übertreibst du.
Ich? sagt Beckett. Ich untertreibe.


Di 10.03. 20 7:40 grau, Regen

Ich weiß, dass ich zur Risikogruppe der Corona-Pandemie gehöre, wir Älteren sterben gern. Ich mache mir dennoch keine Sorgen. Ich werde vorsichtig abwarten, Kaffee trinken, Geburtstagswhiskey zur Nachtdesinfektion, und kiffen. Soll ich Angst haben vor etwas, das kommen kann, aber nicht kommen muss? Nein. Ich habe die Kuba-Krise, den Mauerbau, den kalten Krieg, die Ölkrisen, die jährlichen Grippeepidemien, den Witwer- und den Rentnertod überlebt. Ich bin 71. Ich lebe gern, und ich lebe, so lang es dauert.


Fr 13.03.20 / Krise Tag 1 / 12:01 windig /wechselhaft

Alles auf Null. Wenn ich richtig verstehe, was in den Medien kommuniziert wird, plädiere ich für eine vierzehntägige Pause, ein lockdown auf allen Ebenen, der exponentiellen Verbreitung des Virus sehr hinderlich, aus Sicht seiner potentiellen Opfer aber äußerst positiv, aber ich bin nur ein denkender Mensch, kein Virologe.


18:33

Während der nächsten Wochen, die Sie zwangsläufig zuhause verbringen müssen, werde ich Sie mit frohen Texten unterhalten. Ich stelle mir vor, dass draußen Millionen sitzen und lesen, während die Statistiken Gegenteiles sagen und immer gesagt haben. Von durchschnittlich monatlich 2000 registrierten Besuchern bleiben kaum 2 Prozent länger als eine halbe Stunde auf meiner Seite.

Also fasse ich mich kurz. Das Medium definiert das Format. Das Format das Genre. Von nun an wünsche ich Ihnen gute Unterhaltung in dieser beunruhigten Welt. Tschernobyl war für die ersten vierzehn Tage ähnlich. Aber keine Sorge: es geht vorbei, kann aber hart werden. Lebensbedrohlich sogar, aber das ist das Leben sowieso. Also scheißen Sie sich nicht ins Hemd, und lassen Sie sich von niemandem Bange machen und vor niemandes Karren spannen.

22:32

komm wir kiffen
mit der oma
essen ein corona
törtchen und danach
legen wir dalwhinnie flach
das bewahrte urgroßmutter schon
vor der infektion
narhalla marsch/marschfox/
händewaschen


So 15.03.20 / Krise Tag 3/ 8:35 sonnig

Gleich gehe ich in den Schrebergarten. Dort singen Vögel, Spechte hacken, niemand ist krank und Ärger machen nur die Sportflugzeuge, die über der Stadt kreisen. Sie sind lauter als jedes Verkehrsflugzeug. Wir schießen auf sie. Während ich Wege von Unkraut befreie, eine völlig sinnlose Tätigkeit, werde ich singen. Wer singt, hat keine Angst. Mein Museumsführerjob im Rüschhaus und auf der Burg Hülshoff wird wegen der Pandemie nicht, wie geplant, am 1. April, sondern erst am 21 beginnen, falls überhaupt. Auch meine Berufung zum Dorfschreiber ist nicht mehr sicher. Zum Glück bin ich Rentner. Ich darf mich jederzeit infizieren, möchte aber, bevor ich verarmt und entrechtet sterbe, noch Radau machen. Überhaupt wäre mir eine Zombie Apokalypse angenehmer. Da könnte ich pfählen und Köpfe zu Brei hauen.

12:21

Sah gerade den ersten Zitronenfalter. Hörte vorgestern abend Kraniche. Bin heute müde.

Di 17.03.2020 / Krise Tag 5 / sonnig 10:15

Muse E. und ich waren in der Stadt unterwegs, gucken, ob noch Leben ist. Auf der Windthorststrasse kommen uns zwei böse Araber entgegen, Anfang 30, einer mit Bart. Als wir aneinander vorbeigehen, sagt einer, indem er auf seinen Begleiter zeigt: der hat Corona. Fünf Meter weiter hab ich begriffen, drehe mich um und rufe: ich auch. Wir lachen laut.

70 Prozent aller Flüge fallen aus. Lockdown. Ein Großteil des täglichen Bewegungswahns fällt auch weg. Die Welt kann ein bisschen aufatmen. In Peking sehen sie wieder die Sterne. Das ist bei allem Geschrei doch auch eine gute Nachricht.

10:47

Herr M. niest morgens gern. Er hat das von seiner Mutter. Die nieste morgens gern eine goldene Serie, 7 bis 13 mal. Früher dachte Herr M., ich hab das von Mutti., Im Augenblick denkt er: das war's. Corona. Quarantäne. Tod, owohl er weiß, dass die Sterbequote bei etwa 0,2 Prozent liegt, und dass 2017/18 20.000 Menschen an der Grippe gestorben sind. Surreal das alles. Völlig. Man muss aufpassen, nicht am Rad zu drehen.

11:18

schau die sonne
schau das frische grün
schau wie schaurig schön
die corona wölkchen ziehn
schau wie alle sich nun aus dem wege gehn
hach wie schön hach wie morbid
werden wir jetzt alle sterben
kommt wir singen noch ein lied
und versaufen alles vor den erben


Do 19.03.2020 / Krise Tag 7 / 16:13

Zuerst war da nur ein dominierendes Wort. Man konnte es mit Informationen unterfüttern, verglich Statistiken, alles hatte noch seine katastrophale Ordnung, aber nun, fast eine Woche später, wird es langsam zu einem beklemmenden Gefühl. Alle Scherze sind gemacht. Die Psyche muss sich positionieren, um diese schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen. Sie hat angefangen, und sie wird ein Ende finden. Es werden Menschen sterben, aber die Menschheit stirbt nicht. Trotzdem ist da ein ungutes Gefühl. Auch, wer keine Nachrichten und Talkshows sieht, weiß, dass alle nur von einem reden und eines denken.

Ich trete fest auf, um mich des Bodens zu vergewissern. Ich hoffe, dass es nicht zu lange dauert, aber er hat gerade erst angefangen. Das Schöne und das Schreckliche ist überall. Manchmal liegt es so nah beieinander, dass man es kaum auseinanderhalten kann. Ich bin für das Rotkehlchen, das im Garten für mich singt. Ich bin für den Frosch, der sich gestern, durch's Unkraujäten gestört, schleunigst im frischen Grün einer Staude versteckte.

Am Himmel sind kaum noch Kondensstreifen. Die Börsen, Orte hemmungsloser Gier und Wettleidenschaft, stolpern. Viele Menschen sind von heute auf morgen arbeitslos geworden. Flüchtende, egal, aus welchem Krieg, haben im Augenblick keine Chance. Das Rotkehlchen singt noch immer.


Fr 20.03.2020 / Krise Tag 8 / 7:05 bewölkt


Wer hätte gedacht, dass ein alter Dorfschreiber wie ich noch einmal Gefallen an Statistiken findet. Gerade habe ich eine gesehen, die mir sehr gut gefiel. Die Kurve der chinesischen Infektionen zwischen 26.1. und 15.03. Der Peak liegt etwa bei vierzehn Tagen nach Ausbruch. Heute gibt es aus China keine neu gemeldeten Infektionen. Das ist das eine. Das andere ist natürlich, dass China ein zentral regiertes Land mit deutlich eingeschränkteren bürgerlichen Rechten ist, aber immerhin auch ein Volk, das trotz seiner vielen Menschen zumindest die grobe Kontrolle über das Virus zurückerlangt hat.

Das bedeutet nicht, dass die Pandemie dort schon am Ende ist, nein, die Spanische Grippe von 1918/1919 kam in insgesamt drei Wellen, wobei die letzte kaum noch Opfer fand, weil viele mittlerweile immunisiert waren.

Ich bitte aber zu bedenken, dass Infrastruktur, Kommunikationswege, Medizin und Wissenschaft vor gut 100 Jahren mit heutigen Standards kaum zu vergleichen ist. Und obwohl man davon spricht, dass während der Spanischen Grippe 20 bis 50 Millionen Menschen gestorben sind, liegt die Letalität dennoch nur zwischen 1,6 und 3,5 Prozent, in Ausnahmenfällen bei 6,5.

In Deutschland liegt sie augenblicklich zwischen 0,2 und 0,3 Prozent. Wie kann es dann sein, dass damals so viele gestorben sind? Weil die Spanische Grippe weltweit grassierte. Es gab Tage in Philadelphia, einer der Hochburgen, an denen, ähnlich wie in Italien gestern, 600 bis 800 Menschen täglich starben. Das ist furchtbar, aber die Statistiken sagen nichts über Vorerkrankungen. Auch heute sagen sie nichts oder nur wenig darüber.

Heute Abend wird entschieden, ob es Ausgehbeschränkungen gibt. Ich hätte nichts dagegen, kann aber von Münster sagen, dass vorhin, als ich mit dem Rad aus der Stadt nach Hause fuhr, so gut wie keine Menschen unterwegs waren. Hier und da mal ein Spaziergänger, aber das soll ja auch nicht verboten werden.

Tatsache ist, dass längst so gut wie alle Geschäfte geschlossen sind, und das soll auch so bleiben. Also, Freunde, es ist gruselig, es treibt Wellen wilder Verzweiflung, aber größer als all das ist die Hoffnung. Ich hoffe. Du hoffst. Er sie es hofft. Wir ihr sie hoffen. Los jetzt.
Seit Montag kratze ich Tapeten von meinen Küchenwänden. Das treibt Schweiß, macht Dreck, gute Laune, und schmerzt im Kreuz, aber das macht nichts, denn heute abend wird der letzte Quadratmeter neben der Spüle tapetenfrei sein, dann müssen nur noch Reste entfernt und Kacheln gesäubert werden, Müll wird entsorgt, und dann werde ich mich zurück lehnen, lesen, Klavier spielen, und mit meiner Lebensgefährtin den Tag teilen. Montag kommt ein Freund und hilft beim Spachteln von Schadstellen und Verputzen der Wände, Dienstag werde ich anstreichen, Mittwoch stelle ich die alten Küchenmöbel zum Sperrmüll, Donnerstag kommt der Schreiner und baut die neue Küche auf. Das ist der Plan. Meine letzte Grippe liegt fast zwanzig Jahre zurück, ich baue auf mein Immunsystem und Gott, ich bewege mich so wenig wie möglich, der Plan könnte aufgehen.

20:23

Vorhin läuteten die Glocken. Das war tröstlich und schön.


21:49

Man kann erwachen und sagen: oh, es ist bitter. Was sonst sollte man angesichts einer Lage, die einem neu und unheimlich ist, auch sagen. Die Alten, die fünfundachtzig aufwärts, die wüssten mehr, die haben noch den Krieg mitbekommen, zumindest aber den Zusammenbruch. Mit denen könnte man erwachen und sagen: oh, es ist bitter.

Stattdessen kann man auch erwachen und laut schreien. Das laute Schreien habe ich zum ersten Mal auf einem griechischen Kreuzfahrtschiff gehört. Es war April, das griechische Schiff hatte im südamerikanischen Winter den Amazonas befahren, und war auf dem Heimweg. Ich hatte mich in Rio eingeschifft. An Bord waren Hippies, wie ich. Manche standen abends, während das Schiff sich dem Äquator näherte, am Bug und schrien wie am Spieß. Ich dachte, sie spinnen. Sie sprachen von Urschrei.

Urschrei war, während ich studierte, populär. Ich war misstrauisch. Ich wollte damit nichts zu tun haben. Seit zehn Jahren aber nutze ich ihn, wenn sonst nichts mehr wirkt. Da ich mir selbst im Wald blöd vorkomme, wenn ich "urschreie", habe ich es meist im Auto paktiziert, heute tue ich es auf dem Motorroller.

Liebe mit Corona-Geschädigte, verliert nicht den Mut. Schreit.


heute wird das schwere leicht
schwebt, zerplatzt, wird unauffindbar
wird von mir an dich gereicht
denn du bist ja unverwundbar

mir hingegen lauert stille
und im winkel hinterm augenlicht
wütet schon mein letzter wille
wille will schon, oder willst du nicht

ach, egal, ich bürste meinen hobel
weiß ja nicht, was da noch kommt
als galan getarnt und nobel
werd ich von corona zart besonnt

seh schon aus wie eine frikadelle
macht nichts, auch der papst kackt braun
schiebe eine meterhohe welle
vorsichtig an meinen gartenzaun

lasse drohnen steigen und gerät
das laut knallt und feinde brät
hebe hier und da den saum der schönen
lebe leben, lasse mich verwöhnen.

Mo 23.03.2020 / Krise Tag 11 / 10:49 sonnig, kalt

Mutti hatte kaum verkündet, was zu verkünden war, als sie sich in die Quarantäne verabschieden musste. D'accorcd, Frau Merkel, ich hatte mir diese Maßnahmen schon vor zwei Wochen gewünscht, jetzt sind sie da, und ich hoffe, dass sie in absehbarer Zeit zu einer Verflachung der Infektionszunahme führen. Noch ist es kalt, aber bald kommen die ersten wärmeren Tage, dann wird sich zeigen, ob wir, die Bedrohten, weiterhin Zurückhaltung üben. Ich glaube, wir werden das tun. Im Grunde meines Herzen bin ich davon überzeugt, dass der Mensch, trotz aller Grausamkeiten, die er in seiner Geschichte verübt hat, dennoch GUT ist, der Mensch ist ein soziales Wesen, er kann nicht ohne den anderen. Es gibt überall Zeichen, die mich rühren. Gesten. Blicke. Ja, auch ich bin voller Sorge, aber wenn ein Mensch einem anderen begegnet, so wie mir gerade, ein wenig zur Seite tritt, mich anlächelt, worauf ich lächelnd nicke, wird mir warm ums Herz, und das ist etwas, was wir dringend benötigen. Krise ist immer Chance auf Besserung. Auf ein Besseres danach. Gestern las ich den Artikel eines italienischen Soziologen, 93 Jahre alt. Er prognostiziert einen Ausbruch der Lebensfreude, wenn das Gröbste überstanden ist. Er prognostiziert, dass in uns gewaltige Energiereserven stecken, die wir mobilisieren, wenn dieser Tag gekommen ist. Und der Tag wird kommen. Bis dahin wird es schwer, aber schwer ist es immer, ein Leben ist voller Fallstricke, niemand ist gegen das Schicksal gefeit, also Kopf hoch.


Di 24.03. 2020 / Krise Tag 12 / 9:00 sonnig, kalt

Seit gut einer Woche renoviere ich meine Küche. Heute wird die Wand über der Küchenzeile mit Gips verputzt. Die gegenüberliegende Wand haben wir gestern gemacht. Ich hatte so etwas noch nie getan, aber unter Anleitung von W., einem gelernten Stukkateur, ging es recht gut. Morgen wird die Küche gestrichen und die alten Möbel kommen zum Sperrmüll an die Straße. Donnerstag wird W. die neue Küche einbauen. Holz. Geölt. Handgemacht. Vor
zwanzig Jahren hat er mir ein Vertiko und Bücherregale gebaut, an denen seitdem jeden Tag Freude habe, und ich bin sicher, dass die Küche dem in nichts nachstehen wird. Wenn alles läuft, wie geplant, kann ich am Wochenende meine Wohnung wieder wie gewohnt nutzen. Obwohl es bei meiner Gefährtin schön ist, hatte ich in den letzten Tagen großes Heimweh nach der Dorffeldstraße. Aber dort herrschte das - wenngleich - überschaubare Chaos einer Baustelle. Aber es geht voran. Ich habe gut und konzentriert gearbeitet und mich nicht überanstrengt. Ich bin stolz, dass mein Plan auf Tag und Stunde aufgegangen ist. Grund ist, dass ich früh genug angefangen habe. Über die Arbeit vergesse ich die Corona Misere, die mir täglich schwerer auf der Seele lastet. Nicht, weil ich mich um mich sorge, sondern um die Welt. Um uns.

Die Küche ist verputzt. Morgen streichen wir an. Es herrscht Einigkeit über die Farben. Ich werde den Herd vom Strom nehmen und beiseite stellen, die Spüle abbauen und zum Sperrmüll stellen, putzen und den Fußboden legen. Am Donnerstag kommt W., der Schreiner. Ich freue mich. Ich freue mich, wie ich lange nicht mehr gefreut habe. Ich genieße das Leben. Es hat etwas Zwanghaftes, es hat etwas vom Tanz auf dem Vulkan, aber es ist die Realität, und an der gibt es nichts zu deuteln. Sie ist das Leben. Wenn man, wie wir, Zeuge einer weltbedrohenden Katastrophe sind, schält sich das Leben von den Banalitäten, um die wir uns sonst streiten. Ich spüre, dass jeder Augenblick wichtig ist. Das ist es, was mich die Kastrophe lehrt. Die andere Katastrophe, die schon 11 Jahre her ist, hatte ähnliche Auswirkungen, auf mich, und auf meine schwerkranke Frau. Wir waren eins. Wir haben uns jeden Wunsch von den Lippen gelesen. Wir waren glückliche Menschen.


Mi 25.03.2020 / Krise Tag 13 / 19:45 sonnig und kalt

Schlaf ist die einzig sorglose Zeit. Wenn der Schlaf endet, herrscht Corona. Beim Zähneputzen ist das Virus anwesend, beim Frühstück sitzt es mir gegenüber. Ich lenke es ab, aber das ist nicht einfach. Wenn ich mich auf meinen Scarabeo setze und durch eine verkehrsberuhigte Stadt nach Hause fahre, bin ich schneller als das Virus, wenn ich renoviere, kann es mir auch nichts. Gestern habe ich die alten Küchenmöbel zum Sperrmüll gestellt. Dreißig Jahre Geschichte vorbei. Ich streiche die verputzten Wände. Ein Glück, dass meine Lebensgefährtin mir hilft, denn ich neige zu Pfusch. Das stört keinen großen Geist, sage ich, aber das akzeptiert sie nicht. Es gibt viel Kleinarbeit in Ecken, an Fußleisten, am Kachelspiegel. Am Abend sind wir stehend KO. Um uns und andere abzulenken, gehen wir gegen halb zehn auf den Balkon und singen die Ode an die Freude. Wir singen eher laut als schön, aber es hilft.


Do 26.03.2021 / Krise Tag 14 /

Alles Unglück der Menschen komme daher, "dass sie nicht ruhig in ihrem Zimmer bleiben könne", sagt der französische Philosoph Blaise Bascal. Ich fürchte, dass Bewegung oft als Übersprungshandlung herhalten muss, statt nichts zu tun. Still in seinem Zimmer zu sein scheint eine Herausforderung. Faulsein gilt nur im Urlaub. Aber ist es nicht so, dass der, der sich Herausforderungen stellt, wächst? Dass ihm ein Gewinn zufliegt. Den Tag verstreichen zu lassen ist eine Kunst. Daheim bleiben und nichts tun ist Arbeit.

Wenn nun aber "das im Zimmer bleiben" verfügt wird, wenn diese Verfügung sowohl vernünftig, als auch ein staatlicher Eingriff in die bürgerlichen Rechte ist, wie steht es dann mit dem zu verhindernden Virus, das doch längst da ist, unter anderem deshalb, weil wir ständig von A nach B unterwegs waren. Wie reagieren wir auf die jetzt herrschende Zwangsruhe. Fühlt sie sich entspannt an?

Der Himmel ist frei von Kondensstreifen. Vielen wird das gefallen. Auf den Autobahnen ist es ruhig. Alte Gewohnheiten kommen zum Erliegen, weil alle im "Zimmer bleiben". Ich vermisse das Leben, aber nicht die Unrast der Welt. Ich weiß, dass die wirtschaftlichen Schäden immens sind, aber wer sagt, dass alles immer mehr werden muss. Der Gedanke vom Ende des Wachstum stammt aus den Sechzigern. Jetzt wird er zur Erfahrung von vielen. Einstein wusste, dass man nur durch Erfahrung lernt. Alles andere ist Information.

21:02

Wir, sagt sie, leben in einem Land, dass sich solidarisch erklärt hat, um die Schwachen zu retten. Wir lassen nicht die Starken überleben, und die Schwachen sterben. Wir entscheiden im Gespräch mit den Wissenschaftlern und reagieren jeden Tag neu, das mache sie stolz. Hinderlich sei allerdings die Bürokratie. Aber das, sagt sie, bessere sich gerade. Vieles wird sich ändern. Hoffen wir. Was Vieles ist? Das Verständnis vom Menschen. Von seinem Eingebundensein. Die Einsicht, dass der Kapitalismus andere Wege gehen muss und wird, will er in veränderter Form überleben. Vielleicht kehrt die soziale Marktwirtschaft in verifizierter Form zurück. Ich weiß es nicht. Ich bin nicht politisch. Mir reicht meine Kunst.

22:02

Liebe Everswinkler,

schade, dass wir uns nun doch noch nicht sehen. Na ja, ein paar Everswinkler habe ich schon getroffen, einen Feuerwehrmann, einen aus einer Metropole zugezogenen, kräftigen Raucher, der das Konzept des Dorfschreibers gut fand, einen Musiker, mit dem ich mich über Keyboards unterhalten habe, und natürlich Menschen vom Kulturverein, die mich ernst nehmen und sehr freundlich behandeln, aber Sie wissen, wie die Dinge stehen. Ich kann nicht kommen, ich werde zuhause bleiben und das tun, was im Augenblick viele machen - homeoffice ab 1. April. Ich bin ihr Aprilscherz. Genießen Sie ihn. Schenken Sie ihm ein bisschen Zeit. Schreiben Sie ihm, er wird sich freuen. Ich schätze, wir könnten eine gute Zeit miteinander verbringen.

Herzlichst
ihr Dorfschreiber


Fr 27.03.2020 / Krise Tag 15 / 20:12 / es war sonnig

Waren Sie nicht schon am Morgen genervt, fragte Herr M.
Nein, im Gegenteil, sagte ich, beim Aufstehen hatte ich gute Laune, aber dass ich fast eine halbe Stunde in einer staubigen und unaufgeräumten Wohnung auf den Schreiner warten musste, fand ich nervig.
Und was haben Sie getan?
Was hätte ich tun sollen? Ich wusste ja, dass er käme. Er macht seins, wie ich meins mache, wir arbeiten präzis und mögen nicht, wenn man versucht, uns dreinzureden.
Es klopfte. Man hätte nicht sagen können, wo geklopft worden war, oder ob überhaupt, aber Herr M. und ich wussten sofort, dass Godot in der Nähe sein musste. Nach einem Augenblick stürmte Beckett herein. Außer Atem schüttelte er sich und zündete sich eine Zigarette an.
Ach, sagte ich und kam mir ziemlich blöd vor.
Sagen Sie, Beckett, gehören Sie nicht zur Hochrisikogruppe? sagte Herr M.
Ja, allerdings.
Dürfen Sie ihr Haus verlassen?
Ich verlasse, wen und was ich will jederzeit, sagte Beckett, und seine trüben, ein wenig melancholischen Augen glommen wie die sich entzündenden Lichter eines kleinen Leuchtturms auf einer Küste vorgelagerten Klippe.
Und Sie, fragte Herr M.
Wie, ich?
Sie müssen doch eine Meinung haben.
Ich soll eine Meinung haben. Wovon? Ich weiß doch gar nicht, was geschieht.
Aber Sie kennen die Tatsachen, sagte Herr M.
Ich lese davon, ja, sagte ich, jeden Tag. Sie haben mir den Job vermasselt, wie vielen anderen. Aber ich weiß nicht, was ich davon halten soll und verdränge. Ich habe ein Dach über dem Kopf und eine Frau neben mir, der Schreiner braucht für die Küche noch zwei Tage, ab 1.04. bin der erste virtuelle Dorfschreiber des Landes. Und die Dinge gehen vorüber, soviel ist sicher.
Godot, immer zu Scherzen aufgelegt, ließ es rote Rosen regnen.
Beckett sagte, er habe rennen müssen, weil Zombies die Straße herab kämen.
Sechs Verstümmelte in gebührendem Abstand von einsachtzig zueinander, jeder mit einem Schild: Es hätte auch so kommen können!

Sa 28.03.2020 / Krise Tag 16 / 15:05 / sonnig, recht mild

Jedes Jahr eine Katastrophe wie diese, und der Schrebergarten meiner Partnerin würde als schönster Garten der Republik ausgezeichnet. Sie hat Zeit. Ihre Arbeit, mit der sie ihre Rente aufbessert, ist ausgesetzt. Zum Glück aber terrorisieren Pandemien die Welt nicht jeden Tag, die letzte, die spanische Grippe, liegt hundert Jahre zurück.

Corona scheint ihre Vorgängerin an Schrecken allerdings in den Schatten stellen zu wollen, wenngleich noch längst nicht so viele Opfer zu beklagen sind. Manche glauben an biologische Kriegsführung, aber das ist völliger Unsinn, denn sie träfe ja auch den Verursacher.

Vielleicht wird ihr Schrecken durch das medialen Echo aufgebauscht, und man könnte sich schützen, indem man nicht ständig Nachrichten hört und liest. Trotzdem. Sie ist da, und sie geht nicht so bald. Sie stellt Forderungen an jeden. Dazu scheint die Sonne und der Frühling zieht ins Land. Die schönste Zeit, alles ist trügerisch, und alles ist wahr.

Schrebergärtner könnten sich glücklich schätzen. Sie entfliehen der entvölkerten Stadt und verbringen ihre Tage mit körperlicher Arbeit an frischer Luft, sie haben soziale Kontakte über die Zäune ihrer Gärten hinweg, und wenn sie zudem mit einer Rente nicht völlig ohne Einkommen dastehen, wie viele im Augenblick, könnte man ihre Existenz fast sorglos nennen.

Hinter ihrer Arbeit jedoch, hinter dem sorglosen Gesang der Rotkehlchen, Buchfinken und Meisen, steht tiefe, menschliche Verunsicherung. Ich, der Einzige, den ich halbwegs kenne, habe Angst. Es ist aber nicht die Angst vorm Tod, denn der ist ja nicht da, solange ich hier bin, und wenn er hier ist, bin ich nicht mehr da, nein, ich habe Angst vor den Folgen der Pandemie, ich habe Angst vor den Menschen, die, wenn sie die Nerven verlieren, unberechenbar sein können. Zudem fürchte ich Ungeduld. Der shutdown ist jetzt gerade einmal eine Woche alt, und ich will schon, dass es aufhört.

Ich las, dass die Schulen zum 20. April wieder öffnen. Das brächte etwas Normalität zurück in die Welt. Aber eh ich wieder sorglos sein kann, wird bestimmt noch ein Jahr vergehen. 2020 wird also ersatzlos gestrichen. Es ist mein 72 Lebensjahr, ich hätte gern mehr davon gehabt, ich hätte gern als Dorfschreiber in Everswinkel gelebt und gearbeitet, aber daraus wird nichts, ich bleibe daheim, aber zum Glück habe auch ich einen Garten, den ich beackern kann. Als hätte ich's geahnt, habe ich vor knapp drei Wochen begonnen, meine digitalen Aufzeichnungen, die im August 2000 ans Netz gingen, nach Gedichten zu durchforsten. Gerade habe ich das Jahr 2013 abgeschlossen und schon eine Menge Schätze gehoben. Ich hoffe, auch Sie haben zu tun. Bleiben Sie gesund.


17:31


Schlage Folgendes für die vorsichtige Revitalisierung der coronagefährdeten Gesellschaft vor: Die Geschäfte werden nach und nach wieder geöffnet. Bürger dürfen nach dem Alphabet gestaffelt am Leben teilnehmen: Heute zb. alle, deren Namen mit A, B, C. oder D beginnen, dann die nächste Gruppe, so wäre man in sechs Tagen einmal durch mit dem Alphabet und könnte zudem leicht kontrollieren, ob sich alle an die Absprachen halten.

21:48

Was immer sie von Bill Gates halten, er hat gesagt, bei einer Pandemie gibt es nur eine Priorität: die Rettung der Menschen. Eine Wirtschaft kann man wieder aufbauen, sagt er, Gestorbene aber nie mehr zurückholen.


So 29.03.2020 / Krise Tag 17 / 18:07 / kalt und windig

Nicht weit vor uns ist der Ereignishorizont eines schwarzen Loches. Jemand bewegt sich darauf zu. Es ist mein Vater. Mit jedem Schritt kommt er dem Ereignishorizont näher. Der Ereignishorizont ist der Rand eines schwarzen Loches. Hat man ihn überquert, bleibt nichts mehr.

Jedenfalls sieht es so aus, als mein Vater ihn überschreitet.
Ich sehe, dass er verschwindet. Er löst sich in seine molekularen Bestandteile auf. Für mich ist er fort.

Physiker aber sagen, dass mein Vater das Überschreiten des Ereignishorizontes ganz anders wahrnimmt. Er registriere nicht, dass er sich auflöse. Er träte nur ein in einen anderen Zustand. Dieses Ereignis und seine Folgen seien nach den uns bekannten Naturgesetzen berechenbar. Berechenbar also sei, dass der den Ereignishorizont eines schwarzen Loches Überschreitende eine objektiv wahrnehmbare Existenz vor Überschreiten und eine berechenbare, objektiv jedoch nicht wahrnehmbare Existenz nach Überschreiten des Ereignishorizontes habe.

Ich verstehe das als Metapher.
Sie sagt: es gib ein Leben nach dem Tod.
Ob mich das beruhigen soll, weiß ich nicht.

18:10

Kaum aufgestanden bisher. Wundervoll.

21:59

Der Tag geht mit einer Stunde Vorsprung zur Neige. Obwohl ich informiert bin, Kurven, Neuinfektionen, Leta- und Mortalität, ist es mir gelungen, meinen Tag weitesgehend coronafrei zu halten. Das war und ist noch immer sehr erholsam. Wir haben fast alles im Bett erledigt. Wir haben gefrühstückt, geschlummert, gelesen, gepuzzelt, ich habe weiter Gedichte aus meinen Aufzeichnungen seit 8/2000 gesucht, mittlerweile sind es dreihundert Seiten, wir haben dieses und jenes beredet, aufgepasst, dass es warm blieb, nachmittags sind wir aufgestanden, waren wir eine halbe Stunde an der frischen Luft, haben Bekannte getroffen und uns wie Schneekönige gefreut, sie zu sehen, obwohl wir sie unter normalen Umständen nur alle Jubeljahre sehen, der Grieche hatte ein Fenster seines Imbiss geöffnet und verkaufte nach draußen, wir haben, obwohl wir keinen Hunger hatten, Pommes gegessen, weil es so schön war, Pommes kaufen zu können, die wir auf der Bank einer Bushaltestelle an der so gut wie nicht befahrenen Warendorfer Straße gegessen haben, dann sind wir zurück ins Bett, nur zum Essen noch einmal kurz raus. Meine Küche wird Mittwoch fertig. Bis dahin wohne ich in der Stadt. Gleich schlafe ich. Noch so ein Vergnügen, das coronafrei ist.


Mo 30.03.2020 / Krise Tag 18 / 11:07 / bewölkt, kalt

Meine Wohnung ist Schutz.
Meine Welt taumelt.
Details sind tödlich.
Ich bin ein Tränensack.

Ich schreibe keine Ballade.
Ich will dem Leben verbunden bleiben,
im Augenblick können Balladen nichts tun,
als den Virus zu beobachten,
der um die Welt rast.

Erschreckt ruhig,
das tut gut,
sagt die Ballade,
wenn Zeit kommt,
singe ich euch ein Lied.
Bis dahin überlebt,
bis dahin wünsche ich euch Glück.

Aber eins sage ich euch:
macht nicht Gott verantwortlich,
Gott hat damit nichts zu tun,
macht euch klar, dass es euer Leben war,
das zu dem geführt hat, was ist.

Zieht Bilanz, Zeit habt ihr,
lernt Demut, das Wort für Balladen,
schreibt es tausendmal auf,
und wenn es vorbei ist,
wenn das Virus gestellt ist,
verweigert jeden Versuch,
die Welt, wie sie war,
wieder aufzubauen.
Verjagt die Unterdrücker.
Verjagt die Verroher.
Verjagt die Dummschwätzer.
Verjagt das Kapital.

Ich werde eine Ballade schreiben,
vom einundzwanzigsten Jahrhundert
wir wurden gebeten, zu Hause zu bleiben,
und sind bis aufs Mark verwundert.

Ich hätte viele Balladen geschrieben,
wäre das Miststück nicht aufgetaucht,
ich hätte es zwischen Fingern zerrieben,
und Feuer gefaucht ja Feuer gefaucht.

Ich hätte das Leben gefeiert,
nun feiert das Miststück den Tod,
ich ge...


Mi 1.04.2020 / Krise Tag 19 / sonnig

In den letzten zwei Wochen hat Herr M. drei Tage von morgens bis mittags Tapeten von den Wänden gekratzt, zwei Tage Gipsputz aufgetragen und einen Tag angestrichen, mittags ist er in den Schrebergarten gefahren, um in einem kleinen windgeschützen Holzhaus seiner schriftstellerischen Arbeit nachzugehen. Gestern, er hatte die Jahre 2013 bis 2015 auf Gedichte durchforstet, zog es ihn zu W., der einen Garten in der Nachbarschaft hat. W. und er spielen in einer Band. Beiden sind Rentner. Sie setzten sich in die Sonne, Dompfaffen hüpften von Ast zu Ast und Rotkehlchen sangen und die tranken Gin Tonic. Ein Glass gab das andere, so dass Herr M. den Heimweg in bester Laune, aber nur mit äußerster Konzentration hinter sich brachte. So, dachte er, könne die Katastrophe ruhig noch ein wenig andauern, der Garten ist ein äußerst luxusiöser Ort, um abzuwarten, dass bundesweit das geschieht, was sich in Münster schon abzeichnet, die Kurve der Neuinfektionen fällt.


Der kleine Tresor am Hörster Platz mit den Schlüsseln der Stadtteilautos öffnet sich nicht, obwohl ich meine Chipkarte davor halte. Das Licht fällt halbschräg gegen das deshalb schwer zu lesende Display. Nichts. Erst, als ich den Stern im Eingabefeld drücke, fordert das Display meine Geheimnummer. Die gebe ich ein, und der Tresor öffnet sich. Ich entnehme den Schlüssel für einen Renault Clio, der gleich nebenan steht, ich öffne, das Desinfektionsspray steht neben dem Schalthebel auf der Konsole, ich sprühe, ich starte und fahre los.
Kein Kondensstreifen weit und breit, die Osterglocken sind fast schon verblüht, und die Magnolien haben die vorletzten Frostnacht nicht überstanden. Frisches, betörendes Grün. Hier und da Bauern auf riesigen Trecken, die Landparfüm sprühen. Nach zwei Wochen Ausnahmezustand bin ich geneigt, diesen Geruch romantisch zu finden. Alles geht seinen Gang, zumindest hier, auf dem Land. In Everswinkel auch? Als ich bei den Milchwerken abbiege, fahren gerade zwei LKW durch die Werkstore, die Lieferketten funktionieren offenbar. Bis ich die Kirche erreiche, sehe ich zwei Menschen.

Mittwoch, 1. April 2020, elf Uhr fünfundvierzig. Dies ist kein Aprilscherz. Dies ist die Realität. Wir drehen ein kleines Video, wir benötigen zwei Takes, und sind zufrieden. In der Marienkapelle treffen wir zwei Frauen. Eine spielt Gitarre. Die beiden singen von Maria, die durch einen Dornenwald geht. Sie beten. Ich grüße, sage, dass ich der "virtuelle Dorfschreiber" bin, und bitte sie, mich in ihre Gebete einzuschließen. Das tun sie gern.


Der Dorfschreiber begrüßt die Everswinkler


youtu.be/4hVZoIvwUeM

01.04.2020

Zur Lage

A: Haben Sie eine Idee?
B: Nein.
A: Sie haben keine Idee?
B: Nein.
A: Soll ich Ihnen eine Idee schenken?
B: Haben Sie denn eine?
A: Nein.
B: Was würden Sie mir dann schenken wollen?
A: Die Aussicht auf eine Idee.
B: Gibt es denn eine Aussicht?
A: Das weiß ich nicht.
B: Aber wenn Sie mir eine Aussicht schenken wollten, was für eine Aussicht wäre das?
A: Eine schöne Aussicht.
B: Wäre diese Aussicht eine Aussicht für alle?
A: Ja.
B: Und wäre diese schöne Aussicht eine friedliche?
A: Ja.
B: Dann schenken Sie sie mir doch, bitte.
A: Gern. Aber ich weiß nicht, woher ich sie nehmen soll.
B: Von den Menschen vielleicht?
A: Kennen Sie welche, die ohne Arg sind?
B: Nein.
A: Von den Göttern vielleicht?
B: Die sind an den Menschen verzweifelt.
A. Von den Teufeln?
B: Schon gar nicht.
A. Von wem sonst?
B: Ich weiß es nicht.


3. April 2020 / Krise Tag 21 /

Meine Welt taumelt.

Gebet

Meine Wohnung ist Schutz.
Meine Welt taumelt.
Details sind tödlich.
Ich bin ein Tränensack.
Ich schreibe keine Ballade.
im Augenblick können Balladen nichts tun,
als das Virus zu beobachten,
das um die Welt rast.
Erschreckt ruhig,
das tut gut,
sagt die Ballade,
wenn Zeit kommt,
singe ich euch ein Lied.
Bis dahin überlebt,
bis dahin wünsche ich euch Glück.
Aber eins sage ich euch:
macht nicht Gott verantwortlich,
Gott hat damit nichts zu tun,
macht euch klar, dass es euer Leben war,
das zu dem geführt hat, was ist.
Zieht Bilanz, Zeit habt ihr,
lernt Demut, das Wort für Balladen,
schreibt es tausendmal auf,
und wenn es vorbei ist,
wenn das Virus gestellt ist,
verweigert jeden Versuch,
die Welt, wie sie war,
wieder aufzubauen.
Verjagt die Unterdrücker.
Verjagt die Verroher.
Verjagt die Dummschwätzer.
Fordert eine bessere Welt.


04.04.2020 / Krise Tag 22 /

nun sag das wort,
das dich erleichtert,
sag etwas,
dass dein herz erheitert,
sag, dass es gut ist
und du nie vergisst,
dass sinn des lebens
leben ist.

du weißt längst,
dass zuweilen dornen reißen,
du hast so viel erlebt,
und manches wollte dich zerreißen,
doch du hast überlebt.

du weißt,
wie schön die welt,
die blaue kugel, dreht,
du hofftst,
dass sie verzeiht,
du gibst ihr liebe, die verweht,
die trübsal,
und du bist bereit.

du sagst,
ich werde nochmal bäume pflanzen,
du sagst, ich werd' mich schwindlig tanzen,
mein leben mach ich immer wieder neu,
beweise mich, bin sternenstreu.

ich bin ein fernes licht im all,
ein lachen, manchmal seufze ich,
ich atme aus, ich liebe mich,
und alles, was der fall ist, ist der fall.


Liebe Everswinkler,

es gab gab ein kleines Hin und Her, eh die Dorfschreiber-Webseite funktionierte, die digitale Welt ist kompliziert, ein fehlendes Leerzeichen, schon steht alles Kopf, die 0 und die 1 wissen nicht mehr, was sie tun sollen, dann müssen Fachleute her. Zum Glück gibt es sie. Und wenn es, wie jetzt, funktioniert, freut sich der Mensch.

Ich schreibe für Euch. Worte fehlen mir nicht. Ich schreibe gern. Ich kann und wollte nie etwas anderes. Manchmal werde ich grün vor Ärger, weil Worte widerspenstig werden können, aber im Großen und Ganzen machen sie mir Freude. Und jetzt seid Ihr dran. Ich würde gern von Euch hören. Ihr dürft alles sagen. Ihr habt Wünsche frei. Es soll rappeln im Blog, es soll hoch hergehen, dafür bin Euer Dorfschreiber, und ich nehme nichts krumm.

Liebhaber des gepflegten Wortes, des Sinns und des Unsinns, Freunde der Literatur, postet, was Euch unter den Nägeln brennt. Falls Covid19 Euch zu schwer auf der Seele liegt, singt, stellt Euch auf Eure Balkone und singt die Ode an die Freude. Ich habe das vorletzte Woche getan. Ich bin kein Sangeskünstler, aber ich weiß, dass Singen gut tut. Die Hirnforschung sagt, dass Gesang Angst verhindert. Der Gesang ist stärker als Angst. Nicht umsonst singen Kinder, wenn sie in den Keller gehen. In meinem Elternhaus gab es einen Keller mit so düsteren Ecken, dass ich schon zu singen anfing, wenn ich mich der Kellertür näherte.

So. Es ist Samstag, meine neue Küche (die erste neue Küche meines Lebens) wird heute mittag bezugsfertig, es ist ein schöner Tag, seid vorsichtig, gebt Acht auf Euch und andere, am Ende des Tunnels ist Licht..

Euer Dorfschreiber

PS.: Ich hatte bis vor 5 Jahren nie ein neues Fahrrad, ich hatte nie ein neues Auto, ich hatte nie Schulden.


05.04.2020 /Krise Tag 23 /

gegebenenfalls
wäre ein gedicht eine antwort
auf die herrschenden zustände
aber die herrschenden zustände
haben kein gedicht verdient
die herrschenden zustände
rufen nach einem baldigen ende

05.04.2020

Vorschlag für eine Rückkehr in die Normalität

Das Paradies ist unbeschwert, aber wer ist das schon in diesen Tagen? Die Natur kontrastiert unsere Gegenwart ironisch. Mit mir, sagt sie, ist zwar auch nicht alles in Ordnung, aber der uralte Plan funktioniert noch, der Mond ist fast voll, tagsüber ist es sommerlich, die Vögel singen Hochzeitslieder, hinaus ruft alles, hinaus mit den Freunden, mit denen man zusammensitzen möchte, sich austauschen, sich vergewissern, dass sie noch da sind, dass sie den Mut nicht verloren haben, und Träume träumen für das Danach.

Wie aber kann dieses Danach aussehen? Wie schaffen wir es, die Welle des Virus mit aller gebotenen Vorsicht so zu reiten, wie es ein Surfer täte, der jede Bewegung der Welle beobachtet, jede Strömung kennt, der die Richtung wechselt, wenn es Not tut, und ständig auf der Hut ist, dass der Wellenkamm nicht über ihm zusammenbricht.

Wenn die Verdoppelungsrate der Infektionen bei 12 bis 14 Tagen liegt, sollte eine Revitalisierung des Lebens beginnen. Wie - das sollte von Virologen, Epidemiologen, Geisteswissenschaftlern, Psychologen, Soziologen, Ökonomen, Kulturschaffenden und dem Ethikrat entschieden werden. Dazu muss ein runder Tisch her, an dem Klartext geredet wird. Es dürfen nicht die geringsten Zweifel aufkommen.

Um den Menschen die Last der Isolation zu erleichtern, könnten Städte auf Basis der vorhandenen statistischen Daten in wechselndem Turnus Stadtteilen die Erlaubnis erteilen, ihre Geschäften wieder zu öffnen. Der Zugang könnte nach den Anfangsbuchstaben des Familiennamens geregelt werden. Danach hätten am Montag alle, deren Namen von A bis D beginnen, freien Ausgang. Sie dürften in den entsprechenden Stadtteilen in Cafés sitzen, einkaufen, soziales Leben pflegen. Das Alphabet wäre in gut einer Woche durch, und die Sache begänne von vorn.

Die letzten Wochen haben gezeigt, dass sich die Bürger im Großen und Ganzen verantwortungsvoll verhalten. 93 Prozent aller stimmen den augenblicklich geltenden Regeln als unumgänglich und vernünftig zu, man könnte jemanden, der in ein Café will, fragen, wie er heißt, vielleicht müsste er seinen Ausweis zeigen, und Verstöße würde mit Verweisen, oder, wenn es nicht anders geht, mit Bußgeld geahndet.
Wäre das nichts?
Wäre das nicht eine vorsichtige Rückkehr zur Normalität?
So stelle ich mir das vor.
Und Sie?

06.04.2020 /Krise Tag 24 /

Die digitalen Eingeborenen

Was treiben die Freunde bloß? Man könnte den oder die treffen, ja, das könnte man, verboten ist es nicht, aber mehr als zwei dürften es nicht werden, auch wenn das Gefühl eines Sechzehnjährigen manchmal drei, vier, fünf oder noch mehr fordert.

Also zu zweit. Zwei Gleichgesinnte könnten sich auf einer Bank in der Nähe des Rathauses treffen oder im Schatten von St. Magnus, um über das zu reden, was ihnen am meisten unter den Nägeln brennt. Die anstehenden Prüfungen. Als das Corona-Virus viral ging, hatten sie vielleicht noch gejubelt und geglaubt, sie hätten jetzt Extraferien, könnten ausschlafen und zu gegebener Zeit in Ruhe pauken, aber die Sache sieht anders aus. Sie gehen zwar nicht zur Schule, aber ihr Unterricht geht weiter. Ihre Lehrer verschicken Lernpakete per E-Mail. Es gilt das normale Curriculum für den Alltag eines Zehntklässlers der Verbundschule Everswinkel mit Fokus auf die baldige Prüfung, kein modifiziertes Krisen-Curriculum, und wenn alles gut geht, sollen die Prüfungen im Mai stattfinden Dann wird aus dem digitalen Schülerleben wieder ein analoges, ein physisches sogar. Sie werden in einem Prüfungsraum sitzen, aber so anders als zu normalen Zeiten wird es nicht zugehen, denn bei Prüfungen galt immer schon größtmöglicher Abstand zum Mitschüler. Ich erinnere mich, dass Kassiber diese Abstände überwinden konnten, aber man durfte sich nicht erwischen lassen. Dann lieber verstohlene Handzeichen. Erwischt zu werden wäre fatal. Das Virus zu erwischen, wäre ebenso fatal, wenngleich sie jung sind und aller Wahrscheinlichkeit weniger gefährdet sind als ich, der Dorfschreiber im 72. Lebensjahr.

Heute ist der 6. April, es bleiben noch gut 5 Wochen bis zum Tag X. Von Frau Reiberg, Lehrerin an der Verbundsschule, mit der ich ein Reportage-Projekt mit Hauptschülern geplant hatte, das aus bekannten Gründe ausfallen muss, erfahre ich, dass die Schüler konzentriert arbeiten. Dass zwar Aufregung herrscht, aber keine Panik. Dass es regen Austausch gibt in WhatsApp-Gruppen, über die man kommuniziert, schließlich schreiben wir das Jahr 2020, und jeder ab 10/12 Jahren ist heute ein 'Digital Native', ein digitaler Eingeborener, der weiß, wie man mit diesen Medien umgeht.

Die Bürokratie der zuständigen Ministerien, sonst gern gescholten wegen ihrer manchmal kafkaesken Umwege, scheint im Angesicht der großen Herausforderungen, die die Pandemie an alle stellt, recht gut zu funktionieren. Fast täglich gibt es vom Ministerium Updates, es geht hin und her, und wenn ein Schüler persönlichen Rat benötigt, kann er jederzeit zur Schule gehen. Es gibt einen Präsenzdienst, man kann seinem Lehrer Auge in Auge gegenübersitzen, aber natürlich gilt auch hier die Zwei-Meter-Regel.

Man könnte glauben, alles gehe seinen geregelten Gang, aber sicher wie das Amen in der Kirche ist schon jetzt, dass keiner der zu Prüfenden die Umstände dieser Prüfung je vergessen wird. Mit ihren Enkeln auf den Knien werden sie eines Tages sagen, ja, ja, damals, im Frühjahr 20, das war nicht einfach, aber das könnt ihr euch ja gar nicht vorstellen. So oder so ähnlich wird es sein, und mir, dem Dorfschreiber, bleibt nichts, als allen Beteiligten in diesen wirren Zeiten Glück zu wünschen.

Zum Schluss noch eine dringende Bitte an Sie, die Everswinkler. Wenn Sie Geschichten haben, die sie schon immer loswerden wollten, benachrichtigen Sie mich. Ich lebe von Geschichten. Ich bin dankbar für jeden Satz.

das ding

die welt gähnt
dabei fliegt etwas aus ihrem mund
kreist um die lampe
kichert
setzt sich auf den rand der kaffeetasse
und beschimpft einen mann

der mann ist empört
der mann sagt
sagen sie
kennt man da
wo sie herkommen
keinen anstand

das ding sagt
man kenne dort alles mögliche
aber ich dachte
es wäre interessant
das gegenteil auszuprobieren

soso sagt der mann
ich fürchte
da sind sie bei mir an der richtigen adresse
zögert nicht
greift das ding
und will es mit dem tauchsieder töten

aber das ding ist stärker
es tötet den tauchsieder
und in folge den mann
die dicke katze
es macht
dass die letzten blätter vom baum fallen
es kann sturm und gewitter
es verursacht ein verkehrschaos
es macht
dass die bauarbeiter
reihenweise von den gerüsten fallen
und die kirchenglocken aus ihren verankerungen reißen
und da natürlich jetzt viele mit offenen mündern dastehen
fällt es dem ding ganz leicht
spurlos zu verschwinden

Felwine Sarr "Fehler im Gehirn"
Ausschnitt eines Artikels der SZ vom 6.04.2020

Das Virus ist ein Ergebnis des Anthropozän (das menschengemachte Zeitalter), einer Zerstörung der Biodiversität durch eine gedankenlose kapitalistische Produktionsweise und der Hybris eines Viertels der Menschheit, der Europäer und Amerikaner, inzwischen auch der Chinesen. Die ganze Welt zahlt den Preis für deren Leichtfertigkeit und Egoismus. Dieses Virus deckt die Anfälligkeit der Weltgesellschaft auf, ihre Ungleichheit, ihren Mangel an Solidarität. Es erinnert uns, dass wir alle dasselbe Schicksal teilen. Niemand wird den Auswirkungen der ökologischen Krise entgehen, die bereits im Gange ist.

Felwine Sarr, geboren 1972, lehrt Ökonomie in Saint-Louis, Senegal.

07.04.2020 / Krise Tag 25 /


www.youtube.com/watch

Kein Schwein ruft mich an
Keine Sau interessiert sich für mich
So lange ich hier wohn', ist es fast wie Hohn, schweigt das Telefon
Kein Schwein ruft mich an
Keine Sau interessiert sich für mich....

Achtet Adalbert auf Autos,
atmen Aale abends auch,
altern Affen aus Äthiopien
auch am Affenbauch???


Everswinkel (gegründet im 10. Jahrhundert)

E E wie Ewig, Eine Ewigkeit,
V Vitus, Heiliger, auch Veit,
E Ernst reckt sich St. Magnus in die Luft,
R Radfahren im Heidbusch, wo ein Häher ruft,
S Spieker, wilde Schweine, die hier Ewer heißen,
W Wieningen, wo Füchse Beute reißen,
I In't läswinkel, was für'n Winkel, kann's nicht fassen,
N Naschen, Leben auf dem Markt, gelassen,
K Kurzweil, Ems und Mussenbach und Angel,
E Everswinkel, Vitusbad, beim Schützenfest Gerangel,
L Leben, Ruhe, sanftes Land, dafür ist der Ort bekannt.


08.04.2020 / Krise Tag 26 /

die sonne scheint,
die vögel singen,
ich bin bereit,
dem leben neuen sinn zu bringen,
ich trete einen schritt zurück,
ich bleib zuhaus', ich habe glück,
ich habe eine wohnung, hab' zu essen,
ich schäme mich,
dass wir die flüchtenden vergessen,
ich blende viele bilder aus,
ich informiere mich,
doch panik kommt mir nicht ins haus,
ich bin stabil, ich übe stille ruh',
ich heb' mich auf, ich bete ab und zu
für eine zeit danach,
für eine bessere welt,
für einen impfstoff,
und für einen menschen,
der sich an die regeln hält,
das jahr zweizwanzig, wird man später sagen,
hat unglück und die große chance in die welt getragen,
die chance, uns zu besinnen,
und neues zu beginnen.


danket dem dativ,
dem dullen dämpfer,
drückt dem den daumen,
dem's dunkel dräut,
drosselt die doofen,
das drückt depression,
dankt doppelt dem dativ,
ach, dem hatten wir schon???

im gegenlicht flirrt glück
falter taumeln ins all
ich weiche scheu zurück
und alles ist der fall

der augenblick geht drüber
und drunter im gebet
ein nachtsaum legt sich nieder
die venus scheint zu spät

der mond hängt seine schleifen
in trock'ne, warme luft,
ich will den himmel greifen
und lange in die gruft

noch immer dieses flirren
momente einer nacht
ich will das all entwirren
nichts steht in meiner macht


09.04.2020 / Krise Tag 27 /

Man hätte,
als die toastbrotdicke Katze
zum ersten Mal
vor dem Balkon auftauchte,
NEIN
gesagt
und nicht gewagt,
sie doch herein zu bitten,
dann hätte man allein gelebt
und sich an ihrer Schönheit nie
geschnitten.

Doch da man JA rief,
ja, du fettes Ding, komm her,
hat man es jetzt
doppelt so schwer,
sie abends nur ein Stück
vom Fußende des Betts nach rechts zu schieben,
denn schließlich will man selber richtig liegen,
und nein zu sagen,
wenn sie wieder ihre Lieder singt,
mit denen sie den Mensch' zum Essengeben zwingt,
und Acht zu geben, wenn sie kämpfen will,
und zuzuhören, wie sie schnurrt,
so still.

Seltsam ist auch,
dass noch kein fester Name für sie gilt.
Der eine nennt sie Puuss,
der andre Mopsi,
Anna war auch schon im Spiel,
doch da sie sowieso nicht hört,
macht das nicht viel.

Sie ist,
wie manche sich den Buddha wünschen,
sie muss nichts tun, und es genügt ihr, da zu sein.
Sie ist zuweilen unsichtbar, doch wir sind nie allein.

Kleiner Exkurs über das Klima

Als ich vor vierzig Jahren hier einzog, war die japanische Kirsche vorm Küchenfenster noch klein. Mittlerweile reicht sie bis zur Dachrinne, und jedes Jahr erwarte ich ihre Blüte. Wenn ich Glück habe, strahlt sie eine Woche, eh sie ihre Blütenblätter abwirft, die wie zartrosa Schnee über die Straße wehen, durchs Küchenfenster, durch die Balkontür, überall hin.
Ich habe sie jedes Jahr fotografiert. Jedes Jahr hat sie mich glücklich gemacht. Dieses Jahr nicht.
Ich will, dass es aufhört. Ich ertrage es nicht.

2015 blühte sie am 24.04.
2016 am 20.04.
2017 am 7.04.
2018 am 19.04
2019 am 9.04.
2020 am 9.04.


10.04.2020 /Krise Tag 28 /

Karfreitag. Kummertag, so die Herleitung aus dem Althochdeutschen, hat in der Geschichte des Christentums eine herausragende Bedeutung. Seltsam, dass es eine Analogie zur Gegenwart gibt. Er war immer schon ein Tag des Lockdown, wie wir das im Augenblick nennen. Nicht, dass man nicht hätte ausgehen und Freunde treffen können, nein, das nicht, aber nichts passierte. Die Welt stand still. Es gab keinerlei Vergnügungen. Sie waren verboten. Als junger Mensch habe ich das nicht verstanden, er hat mich genervt und jedes Mal ratlos hinterlassen. Er hatte keine Bedeutung für mich. Noch heute muss ich nachschauen, wofür er eigentlich steht, obwohl ich es als Konfirmand gelernt hatte.

Ich stamme aus einem Haus, in dem Gott keine Rolle spielte. Meine älteste Schwester Ingrid lag im vierten Kriegsjahr 1943 an Scharlach erkrankt auf der Isolierstation des katholischen Krankenhauses in Gronau, sie war drei Jahre alt, und meine Mutter durfte sie nur durch eine Trennscheibe sehen. Wie heute gab es gravierenden Engpässe, Medikamente standen nicht oder nur begrenzt zur Verfügung. Als sie deshalb starb, blieb meine Mutter verzweifelt und allein zurück. Mein Vater war Soldat in Afrika. Jeder Tag hätte auch seinen Tod bringen können. Nachrichten von ihm kamen spärlich und brauchten ein Weile. Meine Mutter hätte beten können, Trost finden, wie ich Trost im Gebet fand, als meine Frau vor fast 11 Jahren am Krebs starb, aber sie hat Gott den Tod ihrer Tochter nie verziehen. Und so blieb Gott für mich zwar denkbar, war aber nie Teil meines Alltags, und mit der Kirche und ihren tröstenden Ritualen schon gar nicht verknüpft.

Heute kann man Gott in allem denken und sehen, seine Schöpfung ist großartig, seine Liebe gilt allen und allem, ich spüre sie, mache ihn aber nicht verantwortlich für das, was mit der Welt und uns Menschen geschieht. Menschenwerk ist etwas anderes. Gottes Ratschluss und seine Wege, heißt es, seien unergründlich. Soviel Wissen über unser Nichtwissen gab es noch nie, sagt der Philosoph Jürgen Habermas über die Coronakrise. Und so bleibt der Karfreitag ein Tag der Besinnung.

Früher konnte man in die Kirche gehen. Im Augenblick kann man nicht einmal das. Zum ersten Mal in der zweitausendjährigen Geschichte des Christentums finden am Karfreitag und Ostern keine Messen statt. Das Oberhaupt der katholischen Kirche, ein den Menschen zugewandter Mann, muss seinen Gottesdienst allein feiern, der Segen, den er den von Sorgen geplagten Menschen spendet, wird online gestreamt.

Der Lockdown der Gegenwart hat viel mit dem Kummer und der Trauer der Christen gemein, denn Ostern folgt, und die Hoffnung kommt in die Welt. Hoffnung ist aus psychologischer Sicht eine Illusion, die Physiker sind bei aller Erkenntnis ebenso ratlos wie alle, das Universum ist zwar berechenbar, aber letztlich unergründlich.

Wenn wir jetzt in den Himmel schauen, stellen wir fest, dass die Sterne heller strahlen als sonst. Die Venus ist klar wie nie. Der Grund ist simpel, es ist weniger Dreck in der Luft. Metropolen melden eine deutliche Luftverbesserung.

Ich will, dass das so bleibt. Ich will, dass die Welt sich besinnt. Ich bin vor Hoffnung verrückt, aber ich traue weder mir noch uns. Ich fürchte, wir warten nur darauf, dass der Tanz ums Goldene Kalb endlich wieder losgeht. Die Kriegsgewinnler stehen längst in den Startlöchern. Ich will, dass die Politik sich eindeutig positioniert. Wir können nicht weitermachen wie bisher. Die Corona-Krise ist ein Signal. Jetzt ist jeder ist gefordert. Darum lassen Sie uns beten. Ich, als Gottloser, der jeden Tag mit Gott spricht, Sie, mit einem anderen Gottesbegriff. Es ist egal, wie Sie Gott denken. Denken Sie ihn, wie immer er ihnen am liebsten ist, und richten Sie all Ihre Energie auf eine Zukunft, die besser wird.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gesegnete Ostern.

Ihr Dorfschreiber


11.04.2020 / Krise Tag 29/

Corona, königliches Liebchen,
du bist ein hübsches Ding,
ich schreibe dir ein Liedchen,
das ich zum Abend sing.

So'n Frollein mit so vielen Kronen,
so eine Zicke, die durch Lungen schleimt,
ich lasse dich nicht bei mir wohnen,
bah, bist du abgefeimt.

mir geht dein adel auf den sack,
perverses volk, das auf sein volk schiss,
meist arbeitsscheues pack,
iss kuchen, wenn du arm bist.

mein liebchen, schöne königin,
an deinem kleid gibt's nichts zu meckern,
du bist die schöpfung ohne sinn,
du klotzt, du willst nicht kleckern.

verständlich, aber wir sind auch noch da,
und wie du weißt, dumm sind wir nicht,
klug leider auch nicht, aber wahr,
ist, wir sind dein gericht.

wir werden sagen, vorsätzlicher mord,
wir werden jede klage klagen,
wir jagen dich von süd nach nord,
von ost nach west, und du wirst sagen,

es tut mir leid, ich wollte doch nur leben,
ich tat doch nur, was mir mein plan befahl,
wir werden sagen, siehst du, deshalb eben,
hau'n wir dich an den pfahl.


12.04.2020 / Krise Tag 30 /

Wir schaffen das

Genießen Sie die außergewöhnliche Ruhe, die überm Land liegt. So sollte sich die Welt anhören. So kann sie sich sie sich anhören. Und wenn wir all unsere Energie darauf richten, wird sie sich eines Tages wieder so anhören. Das ist meine Osterhoffnung.
Ich wünsche Ihnen gesegnete Ostern."

13.04.2020 / Krise Tag 31 /

Heute
ist mir so nach Poesie,
Reime über die
in Dachrinnen so vogelfrei sind, spinnen,
und im Freien Lieder singen.

Ach,
beginne nie mit ach,
schaue lieber hoch zum Dach,
wo der Sperlingsmann
die Sperlingsdame pitschert,
die leis' zwitschert.

Er hält flügelschlagend Gleichgewicht,
sie tut's nicht.

Er muss immer wieder neu anfliegen,
sie wird siegen.

Er darf anschließend das Häuschen bauen,
sie wird schauen.

Ja, der Reimkuss
hat was, aber was denn,
was, wenn das denn noch mit rein muss,
ist dann Schluss?

Ja.

Mal angenommen, diese Welt wäre die andere Welt, die, von der man immer träumt, weil man in dieser nicht voran kommt, sie nicht mag, ihr misstraut oder einfach, weil man ein Träumer ist, also angenommen, dies wäre die andere Welt, was wäre ich dann, heute, jetzt, hier? - Nun. Bis mittags wäre ich ein glücklicher Schläfer, ab Mittag ein Wolken- und Lichtmaler, der sich darauf verstünde, die Dynamik des wechselnden Lichtes darzustellen, wie es urplötzlich hervorbricht und die Landschaft blitzblank putzt, so dass alles, was schäbig aussieht, schäbig aussieht, aber das, was schön ist, wunderschön wird. Ja. Das wäre ich. Ich würde nicht mit Farben geizen. Ich wüsste für jede Wolke den passenden Namen. Ich könnte mit Vögeln sprechen, während ich vor meiner Staffelei stünde und atmete. Das würde schon reichen. Abends aber wäre ich Bassist. Bassist einer Band, der es ohne sichtbare Mühe gelänge, Säle voll skeptischer Menschen zur Raserei zu bringen. Ja. Das wäre ich, wenn. Aber da ich bin, was ich bin, bin ich. Ich kann die See riechen, ich höre Amseln singen und Rotkehlchen, ich wundere mich, dass die Spatzen nicht mehr zum Fressen kommen, aber die Amsel wohl. Der Katastrophe begegne ich mit Respekt, aber ich fühle mich stark.


14.04.2020 / Krise Tag 32 /

Ich brauche Zeit, eh' ich in den Schlaf finde. Oft treiben Gedanken quer, manchmal ist es aber auch Furcht. Wie soll das weitergehen, sagt dann die Stimme, und hindert mich, loszulassen und durch die Pforten des kleinen Todes zu gehen. Dann liege ich da und überlege, wie ich ihm ein Schnippchen schlage könnte. Alles ist gut, sage ich mir, aber die anderen Stimmen sind lauter.

Meine Eltern haben den Krieg erlebt, ich habe immer nur von Kriegen gelesen. Von Hunger, Elend und Ungerechtigkeit. Ich gehöre zur "Goldenen Generation". Jetzt aber, vier Wochen nach dem 13. März, der für mich die Zäsur in eine nie gedachte, nicht einmal vorstellbare Welt bedeutet, liege ich wach und habe keine Antwort. Ich meide Tagesschau und Talkshows, es beunruhigt mich, streitenden Menschen zuzusehen, die auch nicht wissen, wie es geht. Man muss nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden. Immerhin, unser Bundespräsident spricht davon, dass das "Höher, Schneller, Weiter" vorbei sein muss. Alles ist gut, flüstere ich, alles ist gut, rufe ich dem Mond zu, als wäre es ein Gebet, aber es funktioniert nicht.

Dann fällt mir der Psalm 6 ein.

Ach, Herr,
strafe mich nicht mit deinem Zorn
und züchtige mich nicht in deinem Grimm.
Sei mir gnädig, denn ich bin schwach.


Heile mich, Herr,
denn meine Gebeine sind erschrocken,
und meine Seele ist sehr erschrocken.

Ach, du, Herr, wie lange!

Wende dich, Herr, und errette mich.
Hilf mir um deiner Güte willen.

Ich bin so müde vom Seufzen,
ich schwemme mein Bett die ganze Nacht
und netze mit meinen Tränen mein Lager.

Mein Auge ist trübe geworden von Gram und matt,
weil meiner Bedränger so viele sind.

Weichet von mir, alle Übeltäter,
denn der Herr hört mein Weinen.

Der Herr hört mein Flehen,
mein Gebet nimmt der Herr an.

Mit diesem wundervollen Text möchte ich Sie in die neue Woche bringen.
Mir hat er oft geholfen.


1

Guckst du hier:

www.facebook.com/hermann.mensing/posts/3477709048910307


15.04.2020 / Krise Tag 33 /

Liebe Everswinkler,

ich weiß nicht, wie das Leben in Everswinkel funktioniert, denn ich lebe ja nicht, wie geplant, im Dorf, ich bin umständehalber der erste Dorfschreiber des Universums, der seinen Job vom Home-Office betreibt. Ich weiß auch nicht, ob Ihnen gefällt, was ich täglich schreibe, aber das zu ergründen ist auch nicht meine Sache. Meine Sache ist die Literatur.

Ich bin kein Journalist, aber heute habe ich so getan, als wäre ich einer. Ich habe Frau U. angerufen, die in der katholischen Pfarrbücherei arbeitet. Arbeiten würde, muss ich der Wahrheit halber anfügen, denn sie hatte sich noch vor dem Ausbruch der Corona-Krise eine schwere Grippe zugezogen, die sich zu einer Lungenentzündung ausweitete. Sie hat das ganze medizinische Prozedere durchlaufen, das auch ein schwer am Covid19-Virus erkrankter Patient durchläuft. Intensivstation, künstliche Beatmung, etwas Beängstigendes, wie sie sagt. Aber sie hat sich gut aufgehoben gefühlt im Münsteraner Franziskus-Hospital, das schon früh auf die schrecklichen Nachrichten aus aller Welt reagiert und eine Station nur für Corona-Patienten freigeräumt hat.

Nun ist sie genesen, aber natürlich muss sie sich vorsehen, ihr System ist geschwächt, sie braucht Zeit zur Rekonvaleszenz. Sie zu besuchen, wie ich eigentlich geplant hatte, geht da natürlich nicht, sie lebt in häuslicher Quarantäne, Lebensmittel werden ihr vor die Tür gestellt. Aber sie ist guten Mutes, sie liest, sie strickt, und sie hat einen Garten, in dem sie sich ungestört und ungefährdet aufhalten und beschäftigen kann. Das mit der Beschäftigung, sagt sie, sei sehr wichtig, was ich bestätigen kann, dernn auch ich habe mir viele Schrecken der Gegenwart durch Beschäftigung vom Halse halten können, wenn auch nicht immer, wie Sie aus meinen Texten auf meinem Dorfschreiber-Blog entnehmen können.

Für Frau U, für mich und hoffentlich auch für Sie geht es mit kleinen Schritten aufwärts. Die Statistiker, selten so gefragt wie im Augenblick, bestätigen das. Süchtig nach aufmunternden Nachrichten bin ich froh, dass es sie gibt. Dennoch haben sich zwischen der blühenden Frühlingsnatur und dem Geschehen der Welt tiefe Gräben aufgetan. Sieht man von den inkompetenten Staatslenkern ab, die sich in Beschwichtigungen,Lügen und Ausreden flüchten, sich ansonsten in ihrer Macht sonnen, gibt es eine erfreuliche Tendenz, denn wie jede Krise teilt auch diese die Spreu vom Weizen. Ich entnehme der Presse viel Ermutigendes. Gedanken, die noch vor sechs Wochen kaum ins politische Kalkül einbezogen wurden, bieten jetzt Perspektiven, an denen man sich ausrichten will. Hoffen wir, dass es so kommt.

An einem der nächsten Tage werde ich nach Everswinkel fahren. Ich werde durchs Dorf gehen, ich werde beobachten, notieren, und vielleicht ergibt sich daraus ein Text. Von einer Leserin meines Blogs weiß ich, dass sie nicht zu allem, was ich schreibe, Zugang findet. Aber das ist auch nicht notwendig. Meine Aufgabe ist es, der Welt mit Text die Stirn zu bieten. Und die Welt, das wissen Sie selbst, ist im Großen und Ganzen nur schwer zu verstehen. Ich schlage daher vor, dass Sie die Texte, die ich online stelle, mit größter Unvoreingenommenheit lesen. Fragen Sie sich nicht, was dieses oder jenes zu bedeuten hat, versuchen Sie zu genießen. Lassen Sie sich von Fragen, die beim Lesen auftauchen, nicht den Kopf verdrehen. Nehmen Sie sie als Herausforderung, so wie jeder Tag in diesen erschütterten Zeiten eine Herausforderung darstellt.

Literatur ist Kunst, manche sagen, Kunst käme von Können, aber stimmt das? Literatur hat ihre ureigene Bedeutung. Sie fügt der Wirklichkeit Facetten hinzu, die Sie vorher nicht kannten. Lassen Sie sich also verzaubern. Und melden Sie sich, wenn Sie Fragen haben. Die Initiatoren des Kulturkreises Everswinkel und ich sind ein wenig enttäuscht, dass es so gut wie keine Rückmeldungen auf den Blog gibt. Das ist schade. Aber vielleicht dreht sich der Wind, das würde uns freuen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Mittwoch, den 32. Tag dieser Krise, zumindest ist er das für mich, denn am 13. März hat sich für mich alles verändert. Denken Sie daran, was für ein großartiges Fest wir feiern werden, wenn das Schlimmste vorbei ist. Aber vergessen Sie nicht, dass wir bis dahin noch viel Geduld aufbringen müssen. Halten Sie sich an die Regeln, schützen Sie sich und andere, es wird besser, davon können Sie ausgehen.

Herzlichst, Ihr Dorfschreiber Hermann Mensing


16.04.2020 / Krise Tag 34 /

Liebe Everswinkler,
heute früh habe ich mit Herrn Kortenjann, dem Pressesprecher der Feuerwehr, telefoniert. Die unten stehende Information ist von ihm. Morgen werde ich nach Everswinkel fahren, mich auf dem Wochenmarkt ein wenig umsehen und Herrn Kortenjann treffen. Darauf freue ich mich.

Freundeskreis Sponheimer Hof

Geschäftsleute, Gastronomen und Bürger rücken auch in Everswinkel in der Coronakrise enger zusammen. Öffentliche Veranstaltungen wie das Frühlingsfest können in diesem Jahr leider nicht wie gewohnt stattfinden. Ein fester Bestandteil vieler Feste im Vitusdorf ist seit Jahren Winzer Heinz Schütz mit seinem Weinstand. Damit die Everswinkeler in dieser besonderen Zeit nicht auch noch auf die Moselweine aus Enkirch verzichten müssen, bietet der Everswinkeler Freundeskreis Sponheimer Hof ab sofort einen kostenfreien Wein-Lieferservice an. Der Freundeskreis besteht seit rund zehn Jahren und besucht das Winzerehepaar Heinz und Gisela Schütz, die gebürtig aus Everswinkel stammt, regelmäßig. „Wir wollen den Sponheimer Hof mit dieser Aktion unterstützen und auch den Everswinkelern eine Freude bereiten." Ausgeliefert werden die Weine kontaktfrei, und auch kleinere Bestellmengen sind möglich. Alle Angebote und Serviceleistungen gibt es im Internet.


Mensing senkt erneut die Preise

Der Autor Mensing will in diesem Jahr aufgrund der Carona-Krise seine Preise erneut radikal reduzieren. "Ich werde meine Kosten - und natürlich auch meine Preise - in diesem Jahr nochmals um bis zu 20 Prozent senken", sagte M. in einem Interview mit dem Magazin "Capital". Gleichzeitig werde der Umsatz weiterhin rasant zulegen. "Ich wachse noch mindestens vier, fünf Jahre lang um ein Viertel und mehr und werde dann etwa 280 cm groß sein", sagte Mensing.


17.04.2020 / Krise Tag 35 /

morgens um sieben

wer hätte mich gerettet,
wenn nicht du und ich,
wer hätte dir kaffee ans bett gebracht
und mir zu abend pfannkuchen gemacht,
wer hätte diese welt verwirrt,
wer brächte mir geduld bei,
ist es nicht so, dass leben niemals irrt,
wer klärt die lage mit dem senkblei,
wer bringt die welt zurück ins lot,
ich liebe sie, und wär ich morgen tot,
träfe ich alle wieder und wär' frei.

18.04.2020 / Krise Tag 36 /

Liebe Everswinkler,

hat ein Dorfschreiber überhaupt am Wochenende frei? Ich glaube nicht. Dorfschreiber, Schriftsteller, Dichter - all das bin ich in Personalunion - haben eigentlich nie frei und werden zudem noch unterirdisch schlecht bezahlt. Mindestlohn gilt für sie nicht, Selbstausbeutung ist Programm. Dennoch schreiben Sie - schreibe ich.
Gestern war ich in Everswinkel. Zwischen 14 und 17 Uhr bin ich herumgegangen, habe Frau Hoffmann vom Eine-Welt-Laden interviewt, mit einem Fischverkäufer, einer Apothekerin und Passanten gesprochen. Das ist natürlich eine ganz andere Sache, als vom Home-Office etwas über eine Gemeinde zu schreiben, die knapp 25 Kilometer von meinem Wohnort entfernt liegt und der Ausgangsbeschränkungen wegen nicht täglich zu bereisen ist. Eines aber kann ich schon jetzt sagen: wenn ich im nächsten Jahr in Everswinkel wohne, werde ich an jeder Tür, die mir interessant erscheint, klingeln und den Menschen Geschichten aus der Nase ziehen.
Und noch etwas: am 29. April 2020, einem Mittwoch, wird auf WDR 5 um 10:00 in der Sendung "Neugier genügt" ein Interview mit mir zu hören sein. Diesen Termin sollten Sie sich merken.

ab montag
werden sie sich wieder in die läden stürzen,
sich endlich wieder jeden wunsch erfüllen,
sie werden ihre leere mit gekauftem würzen
und ihre sehnsucht mit kreditkauf stillen.

ich seh und höre sie, sie atmen schwer,
sie hatten jetzt vier wochen keinen einkauf mehr,
ich sehe, wie sie in die masken sabbeln,
mit ihrer leibesfülle vor begeist'rung schwabbeln.

mir wäre lockdown dann doch lieber,
er böt' noch eine weile schutz vor diesem einkaufsfieber,
und wäre ich ein hellseher, sagt' ich voraus,
die rückkehr zum gewohnten wird ein graus.
.
noch grausliger als das, was jetzt vier wochen war
und sein wird, noch das ganze jahr.


19.04.2020 / Krise Tag 37 /

Beim Kaffee ploppte eine Erinnerung meines Terminkalender auf meinem Tablet auf: 11:00 Begrüßung des Dorfschreibers bei Arning. Da die ja nun umständehalber nicht stattfinden kann, erlauben Sie mir eine kleine Zeitreise. Zeitreisen, der ein oder andere wird davon gehört haben, unterliegen strengsten Gesetzen, ähnlich den Corona-Beschränkungen. So darf ein Zeitreisender an dem Ort, den er bereist, nichts, aber auch gar nichts verändern, denn jede Intervention würde die Zeit, aus der er angereist ist, verändern. Dieses Gesetz gilt in der Science-Fiction-Literatur seit mehr als 50 Jahren.

Also: Vorsicht bei Zeitreisen.

Der Dorfschreiber lebt in einer geräumigen Wohnung in der Schulze-Delitzsch-Straße. Er ist erst seit vier Tagen dort, weiß noch nicht, wie der Hase hoppelt, und hat auch noch keinen Frieden mit dem neuen Mobiliar geschlossen. Zwei oder drei Bilder seiner Kunstsammlung stehen herum, sind aber noch nicht aufgehängt.
Er hat nicht besonders gut geschlafen, weil er weiß, dass er eine gute Figur machen sollte. Also denkt er zunächst darüber nach, was er anziehen könnte. Seit er in Münster das Geschäft der Wohlfahrsorganisation Oxfam entdeckt hat, das in bester Lage ein Ort ist, an dem gut situierte Münsteraner ihre Garderobe abgeben, um ihr soziales Gewissen zu beruhigen, ist er dort Stammgast. Er hat ein gutes Auge, und so sind über die Jahre fast zwanzig Jacketts in seinen Besitz übergegangen. Alle von bester Qualität, Boss, Joop, Armani, Lagerfeld, keines teurer als zwanzig Euro. An manchen waren noch nicht einmal die gepaspelten Taschen geöffnet. Er entschließt sich für das Lagerfeld-Jackett, es ist tailliert, und macht "einen schlanken Fuß". Eine Jeans dazu, oder? Ja.

Er geht in die Küche, setzt einen Kaffee auf, den er nur zur Hälfte trinkt, schwingt sich auf sein rotes Dorfschreiberrad und fährt in die Stadt. Bei Arning war er noch nie, deshalb kann er auch in dieser Fiktion, die eine doppelte ist, keine Auskunft über das Interieur der Gaststätte liefern. Aber er stellt sich vor, dass es eher altdeutsch ist, westfälisch, urig.

Ob der Bürgermeister kommt? Die Mitglieder des Kulturkreises werden bestimmt da sein. Man hat ihn gefragt, ob er eine kleine Rede halten wolle. Er hat genickt, nachgedacht und sich darauf verlassen, dass eine Rede immer dann gut werden kann, wenn er sie improvisiert. Improvisation ist eine Kunst, mit der er sich schon sein Leben lang beschäftigt.

Vielleicht wird er sogar ein Gedicht vorlesen. Aber was für eines? Bloß nichts Ernstes, denkt er. Aber auch nichts zu Launiges. Vielleicht eines von einem Kollegen? Von einem, den alle kennen? Vielleicht. Als er die Alverskirchener Staße hochfährt, denkt er, dass es gereimt sein sollte. Nur wenn sich's reimt, ist's ein Gedicht. Reimt es sich nicht, ist es es nicht, denkt er, was natürlich Blödsinn ist, aber er ist in Everswinkel, Everswinkel ist ein ruhiger Ort, und er will niemanden verschrecken. Obwohl, denkt er, als er sein Rad vor Arning abstellt, so ein kleiner Bürgerschreck wäre auch nicht von schlechten Eltern, oder? Er zieht sein Tablet auf der Tasche und scrollt die dort gespeicherten Gedichte. Aha, denkt er, da ist ja eines. Dann tritt er ein.

Auf wieder einer anderen Zeitebene wäre der Raum jetzt rauchgeschwängert. Dreißíg, vierzig Menschen sind gekommen. Man begrüßt ihn. Er schüttelt Hände, Das waren noch Zeiten, als man Hände schüttelte. Er spürt, dass man ihm nichts Böses will. Man ist nur neugierig. Die Sprecherin des Arbeitskreises Literatur hält die Eröffnungsrede, der oder der Dorfobere spricht ebenfalls ein paar Worte, dann muss Mensing ran.

Hier endet die Zeitreise. Vielleicht ist noch ein Süppchen gereicht worden. Gerstenkaltschalen wurden zum Zuprosten gereckt, Mensing hat kein dummes Zeug geredet, sondern sich kurz gehalten. Er hatte sogar ein paar Lacher. Lacher sind immer gut.

Als es vorbei ist, schwingt er sich wieder auf sein Dorfschreiberrad, fährt zurück in seine Wohnung, setzt sich in einen Stuhl auf seiner Terrasse und flirtet ein wenig mit den Hauskatzen. Drei Monate wird er jetzt hier sein. Eine lange Zeit. Beängstigend lang, wenn man bedenkt, dass er noch nie Dorfschreiber war, aber irgendetwas ist immer neu in jedem Leben, und er hat nichts gegen Herausforderungen, im Gegenteil.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Sonntag.
Bleiben Sie gesund. Halten Sie Abstand und lassen sich kein X für ein U vormachen.

20.04.2020 / Krise Tag 38 /

Guten Morgen,

es ist Montag, mein Home-Office ist geöffnet. Ich habe die ersten Mails heruntergeladen und gelesen, was in Everswinkel alles passiert ist. Menno! Da kann ich nicht gegenhalten. Trompetensolos von der Spitze einer Feuerleiter, Drive-In-Spargelhöfe, Malworkshops, Online-Lesungen... Ich bin einfach zu weit vom Schuss. Aber es gibt Hoffnung. Nächstes Jahr werde ich vor Ort sein und jeden Quadratmeter der Gemeinde auf Geschichten beackern.

Freitag allerdings war ich vor Ort. Ich war auf dem Wochenmarkt. Ich war früh, ich hatte eine erste Runde gedreht und mich entschlossen, Kibbeling zu essen, einen Euro billiger als zuhause, da kann man mal sehen, wie schnell die Preise fallen. Der Fischverkäufer kommt aus Steinhagen. Au, sage ich, das ist ja ein Stückchen weg. Naja, sagt er, so weit nun auch wieder nicht, wenn er nach Everswinkel komme, mache er morgens Station in Herzebrock, dann rechne sich das. Hinter mir stehen eine kräftige Frau um die 60, die sich ein wenig aufstützen muss, und ein Paar um die Vierzig mit Tochter im Kinderwagen. Für einen Kinderwagen ist sie schon ein bisschen groß, finde ich, aber sie ist die Prinzessin, und sie möchte auch einen Backfisch. Das Paar und die Frau haben ein Thema. Dass es langsam nervt, sagen sie, dass es vorbei sein soll.

Ich nehme meine Portion Fisch, kreuze den Markt und setze mich auf eine Bank neben einem gesperrten Spielplatz. Mir gegenüber ein behauener Stein, mit dem ich nichts Rechtes anzufangen weiß. Auf jeden Fall ist es Sandstein. Und mittig ist ein Loch hineingetrieben, groß genug, um seinen Kopf hineinzustecken, aber das mache ich nicht. Eine Armlänge weiter unten rechts verschwindet eine Maus im Stein, nur ihr Hinterteil ist zu sehen. Kunst also? Ich frage Passanten, aber niemand weiß Genaueres. Erst später klärt sich die Sache. Es ist eine Arbeit von Stefan Lutterbeck, Bildhauer aus Everswinkel. Eine Stele von ihm steht nicht weit vor St. Magnus und erinnert an die Webertradition des Ortes, eine andere auf dem Kreisverkehr in Alverskirchen.

St. Magnus schlägt drei. Eine Frau trägt einen 10-Kilo-Sack Kartoffeln nach Hause, eine Mutter steigt aus ihrem Kombi, ruft in ein Handy, dass sie nun gleich da sei, und versucht gleichzeitig, ihre beiden Kinder aus den Kindersitzen zu schälen. Multitasking, nennt man das, oder? Können Frauen besonders gut.

Drüben sind die Sparkasse, die Apotheke, auf einem Reklameschild von 'alltours' hockt eine gurrende Taube. Meine Nase juckt. Niemand ist in der Nähe, ich kann also niesen, ohne in Verdacht zu geraten. Dabei ist so ein herzhaftes Frühlingsniesen etwas Wundervolles. Außer singenden Vögeln höre ich von fern ein Motorrad, das durchs Dorf knattert. Wo könnte man alles hinreisen. Sommer in der weißen Welt. Hawai. Canada. Namibia. Island, die schönsten Plätze. Die ganze Welt steht zum Ausverkaufspreis bereit, aber wir bleiben hier. Hier ist es auch schön.

Ich habe gleich eine Verabredung mit Frau Hoffmann vom Eine-Welt-Stand. Davon erzähle ich aber erst morgen. Jetzt muss ich eine Tür abschleifen.


21.04.2020 /Krise Tag 39 /

Der Kulturkreis hatte mir eine Liste von Everswinklern geschickt, die Interesse hatten, mit mir ein Gespräch zu führen. Da ich die Ausgangsbeschränkungen der Gegenwart respektiere, musste ich mich entscheiden, und entschied mich für ein Treffen mit Frau Hoffmann, die den Eine-Welt-Stand auf dem Everswinkler Wochenmarkt führt.

Eine Welt, dachte ich, das ist ein einleuchtender Gedanke, den alle denken sollten, nicht nur in Zeiten der Krise, sondern grundsätzlich, denn mehr als Eine Welt haben wir nicht. Eine Welt, in der für alle gleiche Rechte herrschen. Leider ist das nach wie vor Utopie. Aber lieber einer Utopie nachhängen als einer Dystopie.

Der Gedanke, sich für 'Eine Welt' zu engagieren, kam ihr, als ihre Tochter nach dem Abitur nach Brasilien reiste. In Bacabal, einer Stadt in Nordosten Brasiliens im Bundesstaat Maranaho, lernte sie einen Franziskaner kennenlernte, der eine Missionsstation betrieb, in der Indigene medizinische Hilfe erhielten, ihre Kinder zur Schule schicken und zu fairen Konditionen arbeiten konnten. Ein Produkt war Astharol, ein Bronchialsaft. Frau Hoffmanns Tochter lernte einen brasilianischen Künstler kennen, und - so ist das Leben in Einer Welt - verliebte sich in ihn. Dieser Künstler zeichnete unter anderem Postkarten. Frau Hoffmann besuchte ihre Tochter, und damit nahm alles seinen Lauf. Sie, eine gelernte Ökotrophologin, beschloss, Dinge, die in der Missionsstation hergestellt wurden, zu importieren. Ein Pastoralreferent bot ihr das Bischofshäuschen in Everswinkel an, um dort einen kleinen Eine-Welt-Laden zu eröffnen. Das muss in den späten 90er Jahren geschehen sein. Der Laden war klein, der Umsatz bescheiden, und Frau Hoffmann überlegte, einen Marktstand aufzubauen. Der wäre sichtbarer. Mit Hilfe von Everswinkler Bürgern gelang es ihr, die Kaufsumme für einen Anhänger aufzubringen.

2002 war es soweit. Der Anhänger wurde umgerüstet, der erste Eine-Welt-Stand in Everswinkel stand nun jeden Freitag auf dem Wochenmarkt. Die Umsätze waren gering, aber immerhin, man arbeitet ehrenamtlich, und die Gewinne wurden an die Missionsstation in Bacabal überwiesen. Auch Kleinvieh macht Mist, und jeder Euro zählt. Frau Hoffmann ist eine engagierte Frau. So ein Wochenmarkt fordert einiges an Arbeit, egal, welche Jahreszeit gerade das Regiment übernommen hat, ab 14.00 ist der Eine-Welt-Stand vor Ort. Mittlerweile ist das Sortiment gewachsen, es gibt fair gehandelten Kaffee, es gibt Literatur, es gibt Schokolade, Honig, Kekse, von deren Qualität ich mich vor Ort überzeugen konnte. Ich kaufte außerdem einen fair gehandelten Bio-Kaffee aus Mexiko, der vorzüglich schmeckt. Dunkel gebrannt, so, wie ich ihn mag.

Als wir - Distanz haltend und Masken tragend - beieinander saßen, kamen Bekannte vorbei und blieben für einen Plausch. Herr Hoffmann, ehemals Lehrer, der sich in einer Flüchtlingsinitiative engagiert, Schüler aus aller Herren Länder unterrichtet und, wenn möglich, in Arbeitsverhältnisse vermittelt. Das alles in Kooperation mit dem Kolping, der im Haus der Generationen eine Anlaufstelle betreibt. Dort gibt es Ansprechpartner der "Anti-Rost-Gruppe", eine informelle Initiative Everswinkler Bürger, die über eine WhatsApp-Gruppe organisiert ist, und immer da hilft, wo Hilfe nötig ist. Eine älterer Mensch benötigt jemanden, der ihm eine Lampe anbringt. Wer kann das? Bestimmt findet sich jemand.

Später stieß auch Herr W. zu unserem Gespräch, der seit zwanzig Jahren als freier Mitarbeiter für die Westfälischen Nachrichten aus Everswinkel berichtet, begeistert, wie er sagt, weil ihn diese Tätigkeit mit vielen interessanten Menschen zusammenbringt.

Mit all diesen Informationen fuhr ich heim. Vorher jedoch besuchte ich noch den Pressesprecher der Feuerwehr, Herrn Kortenjann, der mich zu einem Treffen der Feuerwehr an diesem Abend eingeladen hatte. Ich war mir aber nicht sicher, ich wollte nicht mit so vielen Menschen zusammentreffen, Sie wissen schon, Corona. Er schenkte mir zwei Festschriften. Eine zum 100jährigen und eine zum 125jährigen Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr. Heute würde man so etwas eine Bürgerinitiative nennen. Die Feuerwehr ist also auf der Höhe der Zeit.
Ein wenig erfuhr ich auch von der Komplexität der gegenwärtigen Organisation der Feuerwehr und ihrer Einsätze. Man fährt jetzt grundsätzlich mit zwei Einsatzwagen, wo früher einer mit 8 Insassen ausgereicht hätte. Auch die Feuerwehr muss Abstand halten. Und wenn irgendwo ein Unfall gemeldet wird, fährt man in Schutzkleidung, denn man weiß nie, auf wenn man trifft.
Als ich wieder zuhause war, stieg Freude in mir auf. Nächstes Jahr bin ich vor Ort, dachte ich.


Alle Kunst muss vor dem, was der Fall ist, zurückstehen.
Alle Kunst ist nichtig im Anblick des Lebens.
Alle Kunst ist lebensergänzende Unterhaltung.

AMEN


22.04.2020 / Krise Tag 40 /

Aphrodite

Das Meer ist ruhig, der Himmel bleich und blau, der Strand voller Menschen. Ein Mann steht bis zum Bauch im Wasser und winkt. Er ist dick, aber nicht fett.
Einer, der seinem Enkel winkt, denken manche, einer, der für ein Foto posiert, hier, schaut, Opa ist noch gut beieinander, aber kaum jemand bemerkt, dass er langsam aus dem Meer aufsteigt.
Er trägt eine rot-weiße Badehose.
Eine männliche Aphrodite?
Sind irgendwo Kameras versteckt?
Also, was geht da vor?
In biblischen Zeiten gab es derartige Erscheinungen, aber unter einem calvinistischen Himmel, an dem Möwen und Flugzeuge unterwegs sind?
Unwahrscheinlich.
Trotzdem steigt er Zentimeter für Zentimeter auf, und immer mehr Menschen bemerken, dass dort etwas vor sich geht. Viele denken, der Mann habe gekniet und sei aufgestanden, aber damit ist nicht zu erklären, wieso er jetzt fast auf der Wasseroberfläche steht, gleich darauf zwanzig Zentimeter darüber, um plötzlich mit irrwitzigem Schwung aufzusteigen, so dass sich alle die Augen reiben.
In fünfzig oder hundert Metern Höhe bleibt er stehen, taumelt wie ein Drachen hin und her, bis er sich stabilisiert hat und Kunststücke zu fliegen beginnt.
Die, die ihre Smartphones emporgerissen haben, staunen später nicht schlecht, dass ihre digitalen Zweitaugen nichts von dem registrieren konnten, was Augenzeugen im Brustton der Überzeugung erzählten.
Aber da Männer nie und nimmer aus dem Meer aufsteigen und am Himmel Kunststücke fliegen, ging man davon aus, dass es sich bei den Loops, Achten und atemberaubenden Sturzflügen, die in Pirouetten knapp überm Wasser endeten, um eine Massenhalluzination gehandelt haben müsse. Dabei beließen sie es und steckten ihre Smartphones weg.
Die Augenzeugen aber bombardierten die Medien mit Fragen. Sie hätten nicht halluziniert, sagten sie, Lügenpresse, riefen sie, dieses Wort passte für jede Gelegenheit, denn die Welt war so verwirrt, dass jederzeit sowohl das eine als auch das andere zur unumstößlichen Wahrheit erklärt werden konnte.
Die Medien wehrten sich. Spezialisten gaben Kommentare ab. Massenhalluzinationen seien nichts Ungewöhnliches, sagten sie, bis die Zeichnungen mehrerer Kinder auftauchten.
Auf denen sieht man das Meer, den blauen Himmel, die Möwen, Kondensstreifen und den fliegenden Mann, der, das muss allerdings angemerkt werden, auf einem Bild eine rote Badehose mit weißen Punkten, auf einem andere eine weiße mit roten Punkten und auf einem dritten ein rot-weißes Ringertrikot trug. Offenbar nehmen Kinder es mit ihrer Fantasie nie so genau, aber wozu sollte Fantasie gut sein, wenn sie nicht dürfte, was sie will. Abschließend kann man sagen, dass dieser Sommer voller Wunder war, die nie aufgeklärt wurden.

aus:
Hermann Mensing
Lesebuch
Wir denken, wir träumen
Nylands Kleine Westfälische Bibliothek
AISTHESIS VERLAG
ISBN 978-3-8498-1523-3
2020


Leseempfehlungen von Margret Uhkötter aus der kath. Pfarrbücherei

Und jetzt meine Bücherliste.
Sie werden sehen, dass es "querbeet" geht, was aber vorteilhaft ist, wenn Leser*innen beraten werden möchten.

Für alle, die fiktive Familiengeschichten während des Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit miterleben möchten:

Ulla Hahn: Das verborgene Wort
Hanni Münzer: Honigtot
Hanni Münzer: Marlene
Hanni Münzer: Heimat ist ein Sehnsuchtsort
Dörte Hansen: Altes Land
Dörte Hansen: Mittagsstunde
Peter Prange: Unsere wunderbaren Jahre
Peter Prange: Eine Familie in Deutschland
Katharina Hagena: Der Geschmack von Apfelkernen

Für Leser, die Thriller und Krimis mögen:

Dennis Lehane: Der Abgrund in dir
Melanie Raabe: Die Falle

Ein wortgewaltiger Roman ist:
Gerhard Jäger: Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod

"Eine Liebeserklärung an die Queen" zum Schmunzeln:
Alan Bennett: Die souveräne Leserin

Drei Frauenschicksale, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und doch miteinander verwoben sind:
Laetitia Colombani: Der Zopf

Eine Gedichtsammlung für Kinder und Erwachsene, sehr schön illustriert:
Woher kommen die Worte?

und

Anne Griffin: Ein Leben und eine Nacht

Ein Buch, empfohlen von Herrn Hesse aus der Buchhandlung Ebbeke, das auf meinem Tisch liegt.


23.04.2020 / Krise Tag 41 /

Der 40. Tag

Ostern ist Geschichte, Menschen gehen herum, als wäre nichts geschehen, im Supermarkt tragen nur die wenigsten Masken, obwohl doch eine Maskenpflicht vereinbart ist. Wenn ich mit meiner Maske herumgehe, ärgere ich mich über deren Sorglosigkeit. Glauben diese Menschen, das Schlimmste sei schon vorüber?

Ich neige nicht zur Panik, meine anfängliche Sorge, dass unsere Gesundheitssysteme überlastet werden könnten, hat sich gelegt, aber ich lese täglich Zeitung. Das RKI warnt vor einer zweiten Infektionswelle, das ist normal, jede Pandemie geht in Wellen herum, das war 1918 so, und das wird auch diesmal so sein.

Beim Bäcker fragte ich die zwei jungen Männer vor mir, warum sie keine Masken trügen. Einer reagierte überhaupt nicht, der andere sagte recht freundlich, das sei doch erst ab kommenden Montag Pflicht. Habe ich nun etwas falsch verstanden, oder hat er etwas nicht mitbekommen? Wie auch immer, ich bin irritiert. Mir gefällt das nicht. Ich bin für soziales Verhalten in allen Belangen.

PS. 24.04.20

Ja, ich hatte etwas falsch verstanden.
Die Maskenpflicht gilt erst ab kommenden Montag. Trotzdem.
Ich trage meine Maske seit vier Wochen, wenn ich einkaufe.

Vor paar Tagen war auf dem Rad zum Bäcker unterwegs und hatte meine Maske auf, als mir eine Frau, die an ihrem Auto hantierte, kopfschüttelnd zurief, ich übertriebe ja wohl, hier draußen sei kein Virus. Wo das Virus ist, ist mir egal, die Frau war mir auch egal, ich entgegnete nichts. Auf dem Rückweg kommentierte sie mich noch einmal mit einem verächtlichen Stülpen der Lippen und Kopfschütteln. Da allerdings hatte ich prächtige Schimpfwörter auf der Zunge, die ich besser nicht wiedergebe und die ich auch in der Situation für mich behalten habe.

Viele Menschen sind offenbar dumm. Sie lesen Zeitungen, deren Hauptaugenmerkt auf Verkaufszahlen liegt. Wer nicht hören will, muss fühlen, denke ich dann, aber ich wünsche ihnen nichts Schlechtes. Meine Hoffnung allerdings, dass sich die Welt neu ordnen könnte nach diesem Desaster, löst sich langsam in Zweifeln auf. Das ist schade.

Ich wünsche Ihnen einen guten Tag und melde mich später noch einmal. Ich arbeite an einer Geschichte über den jungen Mann, der Ostern auf einer recht hohen Feuerleiter über Everswinkel die 'Ode an die Freude' geblasen hat. Es soll eine Geschichte über Zuversicht und Höhenangst werden. Eine fiktive Geschichte, die über das tatsächliche Ereignis hinausgeht. Mal seh'n, ob das klappt.

Herzlich, Ihr Dorfschreiber am 41. Tag der Krise


Der junge Mann heißt Marius Gausebeck. Ostermontag ist er in den Rettungskorb einer Feuerleiter geklettert, hat sich auf beträchtliche Höhe fahren lassen, um dort oben die 'Ode an die Freude' auf der Trompete zu spielen. So weit zu den Tatsachen.

In meiner Geschichte, die fiktiv ist, steigt er ebenfalls in den Rettungskorb, wird gesichert und dann wird die Leiter langsam, aber stetig auf maximale Höhe (23 Meter) ausgefahren. Da, soweit ich mich erinnere, auch Ostern sein gehöriger Wind blies, blieb es nicht aus, dass der Rettungskorb schwankte. Das ist normal, eine Leiter braucht eine gewisse Elastizität, damit sie nicht wegknickt. Auf halber Höhe kamen ihm erste Zweifel. Ob er Höhenangst hatte, weiß ich nicht, aber ich stelle mir vor, dass es selbst so einen mutigen Trompeter wie ihn nicht ganz kalt ließ, zu sehen, wie die Erde immer weiter schwand, die Menschen kleiner und kleiner wurden und er diesen weiten Blick hatte. Wie auf eine Spielzeugstadt.

So einen Blick kann man genießen, muss es aber nicht. Man darf sich schon auch ein wenig gruseln. Ich bin also Marius Gausenbeck, ich bin Dorfschreiber, ich kann nicht Trompete spielen und mir wird, je höher es hinausgeht, leicht mulmig.

Ich erinnere mich, dass ich Delft einmal einen Kirchturm bestieg, oben angekommen durch eine niedrige Tür nach draußen trat und mich auf einem umlaufenden Balkon wiederfand, dessen gemauerte Brüstung mir kaum bis zu den Hüften reichte. Alles tiefe Durchatmen half nicht, ich stellte mich mit dem Rücken zur Wand. Außer mir waren weitere Menschen auf diesem Balkon, um die Aussicht über Vermeers Stadt zu genießen, es war eng, und mir war ganz und gar nicht nach Genuss. Ich hatte weiche Knie und bewegte mich keinen Meter.

So oder so ähnlich stelle ich mir also den jungen Trompeter vor, der, nun oben angekommen, mit sich und seinem Mut ringt. Der Rettungskorb schwankt. Er kann Alverskirchen sehen, er ahnt, wo Telgte liegt, er sieht das Dorf und die umliegenden Bauernschaften, und jetzt setzt er die Trompete an die Lippen. Der Ansatz ist geprobt, aber er atmet ein wenig hektisch, so dass sich erst einmal keine vertrauenswürdige Luftsäule in seiner Trompete aufbaut, die zum ersten Ton führt. Er setzt ab und wieder an. Er atmet noch einmal tief durch, Tauben fliegen dicht an ihm vorüber und wundern sich, was das zu bedeuten hat. Von unten schauen Menschen zu ihm herauf. Die meisten sind froh, dass sie nicht da oben stehen, mal davon abgesehen, dass sie nicht Trompete spielen können. Aber auf Teufel komm raus, sie würden das nicht tun. Never. Marius aber hat sich gefangen. Er ist ja gesichert, der Wind wird ihn nicht davonblasen, er leckt sich noch einmal die Lippen, setzt an, und siehe, 'Freude schöner Götterfunken' schallt über die Stadt, ein Trost in Zeiten, in denen man nicht einmal in die Kirche gehen kann. Gratulation.


Nur wenn's sich reimt
ist's ein Gedicht,
reimt es sich nicht,
ist es es nicht?


24.04.2020 / Krise Tag 42 /

Fahrt in den Mail fällt aus (WN 24.04.2020)

Fahrt in den Mail fällt aus,
statt Birkengrün ans Rad zu binden,
sind wir zuhaus',
und mailen allen und verkünden,
dass wir stattdessen Wald und Flur
mit Google Maps rund um die Uhr erkunden,
nur digitales Trinken lassen wir,
Westfalen lieben analoges Bier.

Heute vor einem Jahr oder: Corona? Was' das denn?

Die beiden kräftigen Blitze kurz nach acht sahen dramatisch und schön aus, gegen zehn kam ein Nachtwind und verwehte die letzten Blüten der japanischen Kirsche, es hat ein wenig geregnet, aber zu mehr ist es in dieser Weltgegend nicht gekommen. Alle sagen, es sei jetzt schon zu trocken, und natürlich sagen alle Klimawandel. Ich bin nicht mehr so erschöpft wie am Tag vorher, aber ein wenig lustlos. Mein Klavier sagt mir im Augenblick nichts, die Ukulele spricht häufiger, die Literatur sagt, ich solle warten. Das will ich gern tun, schließlich begleitet sich mich schon viele Jahrzehnte. Anfang nächster Woche will ich mich mit H. zusammensetzen, der Posaune spielt und ein umfangreiches Sound-Equipment besitzt. Wir wollen sehen, ob das mit meinen Texten zusammengeht. Schon vor zwei Jahren haben wir einmal darüber gesprochen, aber so recht hat sich niemand den ersten Schritt zu tun getraut. Ich bin gespannt. Ein neuer Aspekt tritt ins Werk, das ist schön und aufregend.


mal wieder dichten,
meister, hast angestrichen,
hast renoviert,
dinge entschieden
und hingekriegt,
von denen du nicht wusstest,
dass du sie hinkriegen willst.
hast eine liebe,
hast körperkraft verbraucht
und dich abends müde ins bett gerollt,
da liegt jemand,
den du nicht mehr missen willst,
doch dichten ist ein anderes ding,
du kannst sagen,
dass das leben aufregend schön ist
und dass du ein dichter bist.
ein bichter dist. ein dichter bist.


25.04.2020 / Krise Tag 43 /

Guten Morgen,

die letzte Runde des Dorfschreibers im Home-Office ist eingeläutet. Er hat geschrieben, was ihm zu schreiben wichtig war und seiner Qualitätskontrolle standhielt. Er ist ein Boxer ohne sichtbaren Feind, der versucht, ihn auszutanzen. Sein Vorbild ist Muhammad Ali, der das wie kein zweiter konnte. Seine Beine sind trotz einer Venenentzündung, die ihn ein paar Tage geärgert hat, noch schnell genug und erstaunlich leicht. Zwischenzeitlich ist er vom selbstgenähten Mundschutz, den jeder Boxer im Kampf gegen diesen brutalen, hinterhältigen und zudem unsichtbaren Feind tragen sollte, auf ein Plastikvisier umgestiegen, das ihm das Aussehen eines Raumfahrers verleiht,

Der Feind, so steht es in jeder Zeitung, kämpft auf allen Erdteilen erbittert ums Überleben. Das ist das Surreale dieses Kampfes, bei dem auf beiden Seiten ums Überleben gekämpft wird. Manche sagen, der Feind komme von dort, andere, von dort, aber ganz gleich, wo er her kommt, er hat ein ebensolches Recht auf Leben wie jedes andere Lebenwesen. Der Feind ist Biologie, Chemie, Lebenslust, und alle wollen sich austobenl.

Wir sind ähnlich beseelt, aber mit anderen Zielen. Der Boxer weiß nicht, wer der Klügere ist, aber beide sind Teil der Schöpfung, und die Schöpfung, das wissen alle, ist brutal. Man könnte mit Darwin argumentieren. Der Boxer weiß die Wissenschaft an seiner Seite. Während er seine Runden strategisch plant, stehen seine Trainer in der Ringecke und arbeiten fieberhaft an Schlagkombinationen, die sie ihm zurufen. Sie fordern Körpertreffer, Uppercuts und Links-Rechts-Kombinationen. Der Boxer hört diese Rufe, aber das Adrenalin lässt sie nicht in die Tiefe seines Bewusstseins dringen. Er ist allein wie alle, die jetzt kämpfen müssen.

In der Ringpause hört er, was seine Trainer ihm hinter vorgehaltener Hand ins Ohr flüstern. Sie warnen vor dem Ringrichter. Ein Trottel. Ein gewissenloser Narzisst aus dem Land Mubhammad Alis, der so dumm, dreist und jenseits aller Vernunft steht, dass man ihm den sofortigen Niederschlag wünscht.

Die Glocke läutet. Der Boxer nimmt noch einen Schluck Wasser und bewegt sich auf die Ringmitte zu. Er kämpft für den Faktor R, der die Reproduktionszahl des Feindes definiert und für Leben und Tod eine bedeutende Rolle spielt. Der Boxer weiß, dass dieser Kampf längst nicht ausgestanden ist. Wenn er nachher aus dem Ring steigt, wird er klüger sein als vorher. Er hat für sich und die Welt gekämpft, nun ist es an der Welt, Vernunft zu zeigen, Großmut, Solidarität. Wirkliche Kontrahenten kämpfen mit harten Bandagen, aber wenn es vorbei ist, umarmen sie sich. Aber dieser Feind hält sich an keine Regel.

Wenn der Ringrichter dann auch noch ein egoistischer Trottel ist, hilft das nicht.

In dieser letzten Runde entschließt sich der Boxer zu einer Volte. Mit zwei, drei schnellen Kombinationen fügt er dem Feind empfindlichen Schaden zu, dann nimmt er sich den Ringrichter vor, ein feister, solariumgebräunter Lügner, der - ginge es mit rechten Dingen zu in der Welt - vor Dummheit schreien müsste, stattdessen aber, mit einem brutalen Selbstbewußtsein ausgestattet, jeden zum Lügner erklärt, der seine Regeln hinterfragt. Der Boxer fixiert ihn. Die Welt hält den Atem an, und der Boxer tut das, was sich alle längst gewünscht haben: er schlägt ihn nieder.

Nicht, dass die Welt jetzt eine bessere wäre, nein, so einfach geht das nicht, denn während man den Ringrichter aus dem Ring schleift, geht der Kampf weiter. Dieser Kampf wird das Jahr 2020 mit einer Dramatik aufladen, über die man noch in hundert Jahren sprechen wird. Aber das macht dem Boxer nichts aus. Er hat eine gute Kondition. Er kämpft für uns alle.


26.04.2020 / Krise Tag 44 /

ich hab noch einen auftrag,
liefere text für geld,
vier wochen ohne abschlag,
hab ich mein feld bestellt.

ich atme durch und freu mich,
spinne mir meinen tag,
erlaube mir mein ich-ich,
so lange wie ich mag.

ich bin mein präzedenzfall,
bin ein chamäleon,
zuhause hier im weltall,
in personalunion.

als liebender mit herzschritt,
als tosender mit wut,
als hoffender mit durchschnitt,
als leidender mit hut.

ich liebe das ereignis,
vergöttere die frauen,
die nähe - mal verhängnis,
mal kein - mal urvertrauen.

so viel also für heute,
nun schenk ich mir den tag,
ich machte kleine beute,
bin kleine leute, die ich mag.


27.04.2020

Als man Deckenbrock beauftragte, in den Wald zu rufen, hatte er an einen Aprilscherz gedacht. Wozu sollte ich das tun, hatte er gedacht, aber seine Auftraggeber, Geldverleiher, Zinsjongleure und Investitionshasadeure, vertreten durch die reitenden Boten W. und G., hatten versichert, dass das keineswegs der Fall sei, im Gegenteil, man habe eine hohe Meinung von seiner Kunst, seine Rufe in die Wälder der Republik hätten nachhaltige Wirkung gezeigt, man habe nur Gutes gehört aus Berlin, Wien, aus Köln und sogar aus New York, er müsse sich also nicht sorgen.

Deckenbrock, nicht uneitel, aber auch nicht so eitel wie viele andere, die große Wellen vor sich herschieben, sagte, er müsse sich das überlegen. Er hatte schon in viele Wälder gerufen und wusste, dass das ein schwieriges Geschäft ist. Meist nämlich blieb der Wald stumm. Er hatte sich fast ein Leben lang die Seele aus dem Leib gebrüllt, schönste Kadenzen, jubelnde Triller, tiefste Baritöne und Bässe waren dabei herausgekommen, aber nur selten kam ein Pieps zurück, und so war er dann viel zu oft bedröppelt seiner Wege gezogen. Aber dieser Ruf, es doch noch einmal zu versuchen, zumal mit der Aussicht auf ordentliche Bezahlung, hatten ihn umgestimmt.

Und so hatte Deckenbrock sich am 1. April aufgemacht, um den ersten Ruf auszustoßen. Und siehe, zwei Tage darauf meldete die Dorfzeitung, dass da jemand gerufen habe. Angefeuert stieß Deckenbrock nun jeden Tag mindestens einen Ruf, manchmal zwei, drei oder vier aus, übersprang Gattungsgrenzen, wechselte die Tonlage und die Bedeutungstiefe, er tat alles, um seinem Ruf gerecht zu werden, aber der Wald blieb stumm.

Die Boten W. und G. versuchten ihn zu trösten. Die Kunst des In-den-Wald-Rufens sei im Land der Dichter und Denker nicht sonderlich hoch angesehen, Kunst werde kaum als lebensnotwendig erachtet, dann lieber doch Investitionsprogramme für die Wirtschaft. Ja, ja, hatte Deckenbrock gemurmelt, das ist wahr. Seine Rufe waren dennoch nicht zögerlicher geworden. Im Gegenteil, nachdem er sich eingearbeitet hatte, spürte er einen gewissen Ehrgeiz, den auch die fehlende Resonanz nicht kleinkriegen konnte.

Aber da mit dem Ende des Monats auch Deckenbrocks Engagement endet, spürt er nun neben ein wenig Wehmut über all die folgenlosen Rufe auch Erleichterung. Drei Tage noch, dann kann er sich ein wenig schonen und an andere Dinge denken.


28.04.2020

Über die Natur der Dinge


Lukrez

Titus Lucretius Carus

Römischer Philosoph und Dichter

geb. 55 v.Chr., gest. etwa 99 v. Chr.


Preis der Venus
Mutter der Äneaden, du Wonne der Menschen und Götter,
Lebensspendende Venus: du waltest im Sternengeflimmer
Über das fruchtbare Land und die schiffedurchwimmelte Meerflut,
Du befruchtest die Keime zu jedem beseelten Geschöpfe,
Daß es zum Lichte sich ringt und geboren der Sonne sich freuet.
Wenn du nahest, o Göttin, dann fliehen die Winde, vom Himmel
Flieht das Gewölk, dir breitet die liebliche Bildnerin Erde
Duftende Blumen zum Teppich, dir lächelt entgegen die Meerluft,
Und ein friedlicher Schimmer verbreitet sich über den Himmel.
Denn sobald sich erschlossen des Frühlings strahlende Pforte
Und aus dem Kerker befreit der fruchtbare West sich erhoben,
Künden zuerst, o Göttin, dich an die Bewohner der Lüfte,
Und dein Nahen entzündet ihr Herz mit Zaubergewalten.
Jetzt durchstürmet das Vieh wildrasend die sprossenden Wiesen
Und durchschwimmt den geschwollenen Strom. Ja, Jegliches folgt dir
Gierig, wohin du es lenkest; dein Liebreiz bändigt sie alle;
So erweckst du im Meer und Gebirg' und im reißenden Flusse
Wie in der Vögel belaubtem Revier und auf grünenden Feldern
Zärtlichen Liebestrieb in dem Herzblut aller Geschöpfe,
Daß sie begierig Geschlecht um Geschlecht sich mehren und mehren.
Also lenkst du, o Göttin, allein das Steuer des Weltalls.
Ohne dich dringt kein sterblich' Geschöpf zu des Lichtes Gefilden,
Ohne dich kann nichts Frohes der Welt, nichts Liebes entstehen:
Drum sollst du mir auch Helferin sein beim Dichten der Verse,
Die ich zum Preis der Natur mich erkühne zu schreiben.
Ich widme unserem Memmius sie, der dir es vor allem verdanket,
Allzeit allen voran sich in jeglichem Amt zu bewähren.
Drum so verleih', o Göttin, dem Lied unsterbliche Schönheit,
Heiß indessen das wilde Gebrüll laut tosenden Krieges
Aller Orten nun schweigen und ruh'n zu Land und zu Wasser,
Da nur du es verstehst, die Welt mit dem Segen des Friedens
Zu beglücken. Es lenkt ja des Kriegs wildtobendes Wüten
Waffengewaltig dein Gatte. Von ewiger Liebe bezwingen
Lehnt sich der Kriegsgott oft in den Schoß der Gemahlin zurücke;
Während sein rundlicher Nacken hier ruht, schaut gierig sein Auge,
Göttin, zu dir empor und weidet die trunkenen Blicke,
Während des Ruhenden Odem berührt dein göttliches Antlitz.
Wenn er so ruht, o Göttin, in deinem geheiligten Schoße,
Beuge dich liebend zu ihm und erbitte mit süßesten Worten,
Hochgebenedeite von ihm für die Römer den lieblichen Frieden.
Denn ich vermag mein Werk in den jetzigen Nöten des Staates
Sonst nicht mit Ruhe zu fördern, und du, des Memmierstammes
Rühmlicher Sproß, du könntest dich jetzt nicht entziehen dem

29.04.2020 um 10:00 auf WDR 5

Liebe Everswinkler,
morgen, Mittwoch, den 29.04.2020, bin ich in der Sendung 'Neugier genügt' zwischen 10:00 und 10:30 Uhr auf WDR 5 zu hören.

29.04.2020

Radiointerview

Kaum ist man mal im Radio und spricht mit Herrn Erdenberger, Moderator der Sendung "Neugier genügt" über die Dorfschreibverei, schneit eine Mail ins Haus, ein Architekt erzähltm er habe auf einem Ohr "Everswinkel" gehört und sich erinnert, dass er vor etwas zwanzig Jahren einmal wegen eines Altenheimprojektes im Dorf war, später herumging und auf eine alte Kornbrennerei stieß, von der er sich vorstellen konnte, sie zu einem Ort umzubauen, in dem Kultur stattfände. Der Plan wurde nicht realisiert, heute, sagt er, sei in diesem Gebäude eine Schreinerei. Aber immerhin, mich hat gefreut, dass jemand auf einen Beitrag zu meinem Dorfschreiber Job reagiert hat.


30.04.2020

Ihr Lieben,

three days before the shit hit the fan hatte ich mich mit Mitgliedern des Kulturkreises getroffen, um organisatorische Dinge meines "Dienstantrittes" zu besprechen. Eine Absage bzw. die Idee, meine Dorfschreiberei könne sich auf ein Jahr nach hinten verschieben, stand zwar im Raum, war aber noch nicht beschlossen. Wir hofften. Wir aßen leckere Dinge, dann fuhr ich heim.

Als ich den Kanal auf der Wolbecker überquerte, überlegte ich, ob ich tanzen gehen sollte, es war Mittwoch, Salsa im Hot Jazz. Irgendetwas hielt mich ab, vielleicht war es ein Instinkt, vielleicht hat es auch nichts zu bedeuten, denn ich wüsste von keinem, der sich an jenem Abend infiziert hätte. Ich fuhr also heim.

Am Tag drauf fiel eine Entscheidung, einen Tag später ging ich schon nicht mehr ohne Maske vor's Haus, schon gar nicht Einkaufen. Dann entwickelte sich alles rasend schnell. In Italien wurden an Covid19 Verstorbene in LKW Kolonnen fortgebracht, so viele waren es. Katastrophenstimmung. Endzeit. Es würde uns alle dahin raffen. Und wenn nicht?

Lockdown. Wir fanden einen Kompromiss: ich würde Dorfschreiber im Home-Office. Wahrscheinlich hatte es so etwas noch nicht gegeben. Egal. Das Virus raste um die Welt. Die öffentliche Diskussion hechelte hinterher. Stars wurden geboren. Der Virologe hatte das Ohr der andächtig Lauschenden. Frau Merkel beeindruckte durch Besonnenheit, während anderswo ein der Sprache, geschweige eines vernünftigen Gedankens nicht mächtiger Präsident mit krudeste Theorien verbreitete und sich über den grünen Klee lobte. Man wunderte sich schon, dass er China nicht den Krieg erklärte. Auch in anderen Ländern äußersten sich Staatsoberhäupter widersprüchlich. Einer bekam schließlich selbst die Seuche, und mancher dachte, siehste, das geschieht ihm recht. Deutschland wurde für sein Krisenmanagment gelobt. Himmel, dass ich so etwas noch erleben darf.

Aber dann kam langsam Unmut auf. Die Menschen verloren die Geduld. Nicht, dass es nicht ein großes, demokratisches Einverständnis mit den als unumgänglich getroffenen Maßnahmen gegeben hätte, aber die Menschen sehnten sich nach Lockerung.

Um diese Zeit begann ich als Dorfschreiber mit einem Video, aufgenommen unter St. Magnus.

So oder so, ich habe in meinem Leben eine Menge Text verfasst, manches veröffentlicht, anderes für die Schublade, ich bin also nicht unerfahren, aber was ein Dorfschreiber tut, wusste ich da noch nicht. Das ist das Schöne an meinem Beruf, dass man ständig Dinge tut, die man noch nie getan hat, oder von denen man nicht weiß, wie man sie tut.

Learning by doing.

Heute ist mein letzter Tag. Vier Wochen habe ich "Hier!" gerufen, "Hier Leute, kommt her, lest, 1a Literatur!" aber kaum einer hat's bemerkt. Gestern war ich im Radio, heute ruft mich eine Redakteurin der WN an, um für das der Zeitung beiliegende "Panoroma" ein Interview mit mir zu machen, aber Leute, ihr seid zu spät.

Ich bin raus!

Tschüss und bis nächstes Jahr. Da dürft ihr mich anfassen, dürft kluge und dumme Fragen stellen, wir werden zusammen trinken und uns freuen, dass wir 2020 abgehakt und überlebt haben, falls wir es überleben. Gestorben wird schließlich immer.

In diesem Sinne,
Venceremos
euer Dorfschreiber Hermann Mensing


Fr. 3.04.2020 / Krise Tag 22 / 19:42 / leicht bewölkt


Fr. 3.04.2020 / Krise Tag 22 / 19:42 / leicht bewölkt

vom schönen leben

nun sag das wort
das dich erleichtert
sag etwas,
dass dein herz erheitert,
sag, dass es gut ist
und du nie vergisst,
dass sinn des lebens
leben ist.

du weißt längst,
dass zuweilen dornen reißen,
du hast so viel erlebt,
und manches wollte dich zerreißen,
doch du hast überlebt.

du weißt,
wie schön die welt,
die blaue kugel, dreht,
du hofftst,
dass sie verzeiht,
du gibst ihr liebe, die verweht
die trübsal,
und du bist bereit.

du sagst,
ich werde nochmal bäume pflanzen,
du sagst, ich werd' mich schwindlig tanzen,
mein leben mach ich immer wieder neu,
beweise mich, bin sternenstreu.

ich bin ein fernes licht im all,
ein lachen, manchmal seufze ich,
ich atme aus, ich liebe mich,
und alles, was der fall ist, ist der fall.


So. 5.04.2020 / Krise Tag 24 / 23.45

Vorschlag für eine Rückkehr zur Normalität

Das Paradies ist unbeschwert, aber wer ist das schon in diesen Tagen. Die Natur kontrastiert unsere Gegenwart ironisch. Mit mir, sagt sie, ist zwar auch nicht alles in Ordnung, aber der uralte Plan funktioniert noch, der Mond ist fast voll, tagsüber ist es sommerlich, die Vögel singen Hochzeitslieder, hinaus, ruft alles, hinaus mit den Freunden, mit denen man zusammen sitzen möchte, sich austauschen, sich vergewissern, dass sie noch da sind, dass sie den Mut nicht verlieren, und Träume träumen für das Danach.

Wie aber kann dieses Danach aussehen? Wie schaffen wir es, die Welle des Virus mit aller Vorsicht so zu reiten, wie es ein Surfer täte, der jede Bewegung der Welle beobachtet, jede Strömung kennt, der die Richtung wechselt, wenn es Not tut, und ständig auf der Hut ist, dass der Wellenkamm nicht über ihm zusammenbricht.

Ich stelle mir vor, dass, wenn die Verdopplungsrate der Infektionen bei 12 bis 14 Tagen liegt, eine Revitalisierung des Lebens beginnen muss. Wie, das sollte von Virologen, Epidemiologen Geisteswissenschaftlern, Psychologen, Soziologen, Ökonomen und Kulturschaffenden entschieden werden. Dazu muss ein runder Tisch her, es muss Klartext geredet werden, und vor allem darf nicht der geringste Zweifel der Vertuschung aufkommen.

Um das Leben wieder in Gang zu bringen, und den Menschen die Last der Isolation zu erleichtern, könnten Städte auf Basis der vorhandenen statistischen Daten in wechselndem Turnus Stadtteilen die Erlaubnis erteilen, ihren Geschäften wieder zu öffnen. Der Zugang würde zum Beispiel nach den Anfangsbuchstaben des Familiennamens geregelt. Danach hätten am Montag alle, deren Namen mit A bis D beginnen, freien Ausgang. Sie dürften in den entsprechenden Stadtteilen in Cafés sitzen, einkaufen, soziales Leben pflegen. Das Alphabet wäre in gut einer Woche einmal durch, und die Sache begänne von vorn. Zu kontrollieren wäre das leicht.

Die letzten Wochen haben gezeigt, dass die Bürger sich im Großen und Ganzen verantwortungsvoll verhalten. 93 Prozent aller stimmen den augenblicklich geltenden Regeln als unumgänglich und vernünftig zu, man könnte also jemanden, der in ein Café will, fragen, wie er heißt, vielleicht müsste er sogar seinen Ausweis zeigen, und Verstöße würde mit Verweisen, oder, wenn es nicht anders geht, mit Bußgeld geahndet.
Wäre das nichts?
Wäre das nicht eine vorsichtige Rückkehr ins Paradies?
So stelle ich mir das vor?
Und Sie?

Montag, 6.04.2020 / Krise Tag 25 / sonniger Tag

Ich habe heute den Stuhl gestrichen, den Chris und ich vor knapp dreißig Jahren aus dem Odeon geklaut haben, Martina den Türrahmen, die Durchreiche und den Jalousienkasten, wir haben in der Küche Kuchen gegessen und Kaffee getrunken und beim Spülen habe ich die Ergonomie der neuen Küche begriffen. Was gespült wird, kommt nach dem Abtrocknen in den Wandschrank über mir. Das Besteck lege ich in die oberste Schublade einen Schritt rechts. Über die restlichen fünf Schubladen wird noch verhandelt. Auch über die Regale ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. Das Schärfste aber ist, dass sich die Schubladen auf den letzten fünf Zentimetern mittels einer Feder einziehen.

Eine Kohlezeichnung von Thomas Poggenhans, mein "schwarzes Loch", das mir seit dreißig Jahren gut tut, hängt überm Esstisch (auch von Thomas), ein Feininger Druck links neben dem Fenster, ein vorgebeugter Mann, groß wie ein rotes Haus im Hintergrund, eilt über einen Platz. Das war das Titelbild meines Romanes "Meier der Große" in den Achtzigern, alles war besprochen, dann ging der Verlag Pleite. So etwas hatte ich dreimal. Feines Leben.


Mi 8.04.20 / Krise Tag 27 / sonnig /

Lockdown ist anders. Finde ich jedenfalls. In der Stadt bewegt sich vieles. Bei mir ebenso. Der Umzug hat begonnen. Mein Balkon wird mit Einzug meiner Lebensgefährtin, eine kluge und mutige Frau, zu einem Blumengarten. Überall stehen schon Töpfchen mit Setzlingen, die demnächst in ihren Schrebergarten umziehen. Und, wichtig, die japanische Kirsche blüht.


19:31

Manche Tage sind hell, andere dunkel. Heute war ein dunkler Tag, obwohl Frühling ist. Aber dieser Frühling ist anders. Er bedroht mich. Er schreit mich an. Versteck dich, rät er. Fliehe. Aber Flucht ist nicht möglich. Die Bedrohung ist überall, und hier ist es noch sicherer, als anderswo.


Fr 9.04.20 /Krise Tag 28 / sonnig 10:54

Corona, königliches Liebchen,
du bist ein hübsches Ding,
ich schreibe dir ein Liedchen,
das ich zum Abend sing.

So'n Frollein mit so vielen Kronen,
so eine Zicke, die durch Lungen schleimt,
ich lasse dich nicht bei mir wohnen,
bah, bist du abgefeimt.

mir geht dein adel auf den sack,
perverses volk, das auf sein volk schiss,
meist arbeitsscheues pack,
iss kuchen, wenn du arm bist.

mein liebchen, schöne königin,
an deinem kleid gibt's nichts zu meckern,
du bist die schöpfung ohne sinn,
du klotzt, du willst nicht kleckern.

verständlich, aber wir sind auch noch da,
und wie du weißt, dumm sind wir nicht
klug leider auch nicht, aber wahr,
ist, wir sind dein gericht.

wir werden sagen, vorsätzlicher mord,
wir werden jede klage klagen,
wir jagen dich von süd nach nord,
von ost nach west, und du wirst sagen,

es tut mir leid, ich wollte doch nur leben,
ich tat doch nur, was mir mein plan befahl,
wir werden sagen, siehst du, deshalb eben,
hau'n wir dich an den pfahl.


Mi 15.04.20 / Krise Tag 32 / 10:45 sonnig, noch frisch

Corona ist draußen. Hier drinnen, 93 Quadratmeter, Wohnzimmer, Elternschlafzimmer, zwei Kinderzimmer, Küche, Toilette, Bad, gebaut in den späten Sechzigern für Offiziere der britischen Arme, von mir und meiner Familie seit 1983 bewohnt, wird renoviert. Alte Tapeten müssen von den Wänden, oder überstrichen, Türen abgeschliffen und gestrichen werden, eines kommt zum anderen. Es ist schon nicht mehr so schlimm wie vor zwei Wochen, als ich die Küche renoviert habe, es staubt nicht mehr wie verrückt, aber Chaos herrscht dennoch, überall stehen Umzugskartons und Farbtöpfe. Eines aber unterscheidet dieses Drinnen vom Draußen. So lange renoviert wird, muss ich nicht ständig an Corona denken.

16:23

Bei allem, was ich schreibe, denke ich mich, den Leser. Ich bin nicht nachsichtig. Ich bin einer, der Text oft schon verwirft, eh er geschrieben ist. Diesen Text aber werde ich nicht verwerfen, denn ich denke an uns, an die Familie der Menschen. Die Existenz dieser Familie ist in größter Gefahr. Wer die Gefährder sind, ist mir egal. Jeder, der sich gegen die Familie der Menschen wendet, ist dumm und herzlos. Wir haben es weit gebracht, ohne klug zu werden. Wenn wir unser Leben nicht grundlegend ändern, ist es mit uns vorbei. Die Welt, alles was nicht Mensch ist, würde sich freuen. Für uns aber wäre das schade, denn wir sind schön und könnten im Paradies sein.


Do 16.04.20 / Krise Tag 33 / 23:15 es war sonnig

Seit 16 Tagen bin ich Dorfschreiber. Da Corona über die Welt kam, kann ich nicht in Everswinkel wohnen. Stattdessen blogge ich jeden Tag Text in die Welt, so, wie ich es seit zwanzig Jahren tue. Reaktionen gibt es nicht. Ich weiß nicht einmal, ob ich deshalb enttäuscht bin. Ich kriege ja Geld für diesen Monat, ich werde gut bezahlt, niemand redet mir rein. Trotzdem ist es ein seltsames Geschäft. Als würde ich ins Nichts rufen. Ich weiß nicht, wie es wäre, wenn alle vor Begeisterung Purzelbäume schlügen, ich fürchte, das wäre mir noch weniger recht. Heute war der Tag schwer. Corona lastet auf mir wie Blei. Ich rette mich mit Anstreichen. Ich versuche, meine Arbeit so gut wie möglich zu machen. Das hilft. Abends aber fällt die Last auf mich wie Blei. Da hilft Literatur, Musik und Schlaf. Zum Glück schlafe ich gut.


Fr 17.04.20 / Krise Tag 34 / 7:59 sonnig

wer hätte mich gerettet
wenn nicht du und ich
wer hätte dir kaffee ans bett gebracht,
und mir zu abend pfannkuchen gemacht,
wer hätte diese welt verwirrt,
wer brächte mir geduld bei,
ist es nicht so, dass leben niemals irrt,
wer klärt die lage mit dem senkblei,
wer bringt die welt zurück ins lot,
ich liebe sie, und wär ich morgen tot,
ich träfe alle wieder und wär frei.


So 19.04.20 / Krise Tag 36 / 16:54 sonnig, schon seit Tagen zu trocken

ab montag
werden sie sich wieder in die läden stürzen,
sich endlich wieder jeden wunsch erfüllen,
sie werden ihre leere mit gekauftem würzen,
und ihre sehnsucht mit kreditkauf stillen,

ich seh und höre sie, sie atmen schwer,
sie hatten jetzt vier wochen keinen einkauf mehr,
ich sehe, wie sie in die masken sabbeln,
mit ihrer leibesfülle vor begeist'rung schwabbeln.

mir wäre lockdown dann doch lieber,
er böt' noch eine weile schutz vor diesem einkaufsfieber,
und wäre ich ein hellseher, sagt ich voraus,
die rückkehr zum gewohnten wird ein graus.

noch grausliger als das,was jetzt vier wochen war,
und sein wird, noch das ganze jahr.


Mo 20.04.20 12:10 / Krise Tag 37 / sonnig, windig und frisch

Heute werden wir das Schlafzimmer beziehen. Seit vier Wochen renovieren wir, die Küche war der dickste Brocken mit all der Tapetenkratzerei, dem Verputzen, dem Anstrich, der Entsorgung der schon 1984 gebrauchten Möbel und dem Einbau der neuen Küche, die so schön und funktionabel ist, dass ich es noch immer kaum glaube. Handwerkskunst von Werner Haremsa, der vor etwa zwanzig Jahren für Chris und mich Bücherregale und ein Vertiko gebaut hat. Samstag habe ich Kartons transportiert, heute muss ein wenig Atem holen, mein Rücken ist zwar stabil, aber besser ist besser. Morgen wird das alte Schlafzimmer zu M.'s neuen Zimmer, und wenn das gegen Ende der Woche fertig ist, kommen ihre Möbel.

Mi 22.04.20 20:36 / Krise Tag 39 / sonnig, wärmer, schwächerer Wind.

Ich habe heute die ersten Schwalben gesehen und war glücklich, denn letzte Woche las ich, dass viele Vögel, u.a. Schwalben, auf dem Heimweg in ihre nördlichen Brutgebiete über Griechenland in eine Schlechtwetterfront geraten und zu tausenden tot vom Himmel gefallen waren. Drei Schwalben also, es werden immer weniger. Das letzte Mal habe ich Schwalben in großen Schwärmen auf Korfu gesehen, abends zirkelten sie über der Stadt, aber das ist zwölf Jahre her, oder noch länger.

Seit Montag ist wieder ein wenig Leben zurückgekehrt, man sieht es an den Autos, man hört es von der Autobahn, aber ich weiß nicht, ob ich glücklich darüber sein soll. Nach wie vor ist die Lage kritisch, glaube ich. Und dann kommt hinzu, dass es nun im dritten Jahr in Folge viel zu trocken ist, wenngleich die Winterregen teils sehr ergiebig waren, und die Bauern noch nicht klagen. Ich habe heute Wände gestrichen, altes Geschirr, Küchenutensilien, ein Bett, einen alten Stuhl, ein Bügelbrett und Matratze zum Sperrmüll gestellt. M. hat den Schrank neu organisiert. Alles geht langsam und stetig voran, so dass es eine Freude ist. Nachmittags sind wir nach Häger gefahren und haben Bärlauch gesammelt. Todmüde jetzt.


Fr 24.04.20 19:35 / Krise Tag 41 / sonnig, warm

mal wieder dichten,
meister, hast angestrichen
hast renoviert,
dinge entschieden
und hingekriegt,
von denen du nicht wusstest,
dass du sie hinkriegen willst.
hast ein liebe
hast körperkraft verbraucht,
und dich abends müde ins bett gerollt,
da liegt jemand,
den du nicht mehr wissen willst,
doch dichten ist ein anderes ding,
du kannst sagen,
dass das leben aufregend schön ist
und dass du ein dichter bist.
ein bichter dist. ein dichter bist.


Di 28.04.20 17:10 / Krise Tag 45 / bewölkt, mild noch kaum Regen

Ich zähle die Tage nicht mehr, aber über den Daumen gepeilt gehen wir in die fünfte oder sechste Renovierungswoche. Alles, was wir bisher unternommen haben, war erfolgreich, die Farbwahl, die Atmosphäre, eines ist immer zum anderen gekommen, und das Beste von allem, wir hatten keine tiefgehenden Streits. Heute habe ich mein Zimmer in Angriff genommen. Auch hier wird vieles ausgemustert. Wenn die Woche vorüber ist, wird das Zimmer fertig sein, vielleicht aber schon früher. Seit ich nicht mehr allein lebe, ist die Düsternis der mit Ausgehverboten belegten Abende nicht mehr schlimm.


Über die Natur der Dinge


Lukrez

Titus Lucretius Carus

Römischer Philosoph und Dichter

geb. 55 v.Chr., gest. etwa 99 v. Chr.


Preis der Venus
Mutter der Äneaden, du Wonne der Menschen und Götter,
Lebensspendende Venus: du waltest im Sternengeflimmer
Über das fruchtbare Land und die schiffedurchwimmelte Meerflut,
Du befruchtest die Keime zu jedem beseelten Geschöpfe,
Daß es zum Lichte sich ringt und geboren der Sonne sich freuet.
Wenn du nahest, o Göttin, dann fliehen die Winde, vom Himmel
Flieht das Gewölk, dir breitet die liebliche Bildnerin Erde
Duftende Blumen zum Teppich, dir lächelt entgegen die Meerluft,
Und ein friedlicher Schimmer verbreitet sich über den Himmel.
Denn sobald sich erschlossen des Frühlings strahlende Pforte
Und aus dem Kerker befreit der fruchtbare West sich erhoben,
Künden zuerst, o Göttin, dich an die Bewohner der Lüfte,
Und dein Nahen entzündet ihr Herz mit Zaubergewalten.
Jetzt durchstürmet das Vieh wildrasend die sprossenden Wiesen
Und durchschwimmt den geschwollenen Strom. Ja, Jegliches folgt dir
Gierig, wohin du es lenkest; dein Liebreiz bändigt sie alle;
So erweckst du im Meer und Gebirg' und im reißenden Flusse
Wie in der Vögel belaubtem Revier und auf grünenden Feldern
Zärtlichen Liebestrieb in dem Herzblut aller Geschöpfe,
Daß sie begierig Geschlecht um Geschlecht sich mehren und mehren.
Also lenkst du, o Göttin, allein das Steuer des Weltalls.
Ohne dich dringt kein sterblich' Geschöpf zu des Lichtes Gefilden,
Ohne dich kann nichts Frohes der Welt, nichts Liebes entstehen:
Drum sollst du mir auch Helferin sein beim Dichten der Verse,
Die ich zum Preis der Natur mich erkühne zu schreiben.
Ich widme unserem Memmius sie, der dir es vor allem verdanket,
Allzeit allen voran sich in jeglichem Amt zu bewähren.
Drum so verleih', o Göttin, dem Lied unsterbliche Schönheit,
Heiß indessen das wilde Gebrüll laut tosenden Krieges
Aller Orten nun schweigen und ruh'n zu Land und zu Wasser,
Da nur du es verstehst, die Welt mit dem Segen des Friedens
Zu beglücken. Es lenkt ja des Kriegs wildtobendes Wüten
Waffengewaltig dein Gatte. Von ewiger Liebe bezwingen
Lehnt sich der Kriegsgott oft in den Schoß der Gemahlin zurücke;
Während sein rundlicher Nacken hier ruht, schaut gierig sein Auge,
Göttin, zu dir empor und weidet die trunkenen Blicke,
Während des Ruhenden Odem berührt dein göttliches Antlitz.
Wenn er so ruht, o Göttin, in deinem geheiligten Schoße,
Beuge dich liebend zu ihm und erbitte mit süßesten Worten,
Hochgebenedeite von ihm für die Römer den lieblichen Frieden.
Denn ich vermag mein Werk in den jetzigen Nöten des Staates
Sonst nicht mit Ruhe zu fördern, und du, des Memmierstammes
Rühmlicher Sproß, du könntest dich jetzt nicht entziehen dem

29.04.2020 um 10:00 auf WDR 5

Liebe Everswinkler,
morgen, Mittwoch, den 29.04.2020, bin ich in der Sendung 'Neugier genügt' zwischen 10:00 und 10:30 Uhr auf WDR 5 zu hören.

29.04.2020 / Krise 46 /

Radiointerview

Kaum ist man mal im Radio und spricht mit Herrn Erdenberger, Moderator der Sendung "Neugier genügt" über die Dorfschreibverei, schneit eine Mail ins Haus, ein Architekt erzähltm er habe auf einem Ohr "Everswinkel" gehört und sich erinnert, dass er vor etwas zwanzig Jahren einmal wegen eines Altenheimprojektes im Dorf war, später herumging und auf eine alte Kornbrennerei stieß, von der er sich vorstellen konnte, sie zu einem Ort umzubauen, in dem Kultur stattfände. Der Plan wurde nicht realisiert, heute, sagt er, sei in diesem Gebäude eine Schreinerei. Aber immerhin, mich hat gefreut, dass jemand auf einen Beitrag zu meinem Dorfschreiber Job reagiert hat.


30.04.2020 / Krise Tag 47 /

Ihr Lieben,

three day before the shit hit the fan hatte ich mich mit Mitgliedern des Kulturkreises getroffen, um organisatorische Dinge meines "Dienstantrittes" zu besprechen. Eine Absage bzw. die Idee, meine Dorfschreiberei könne sich auf ein Jahr nach hinten verschieben, stand zwar im Raum, war aber noch nicht beschlossen. Wir hofften. Wir aßen leckere Dinge, dann fuhr ich heim.

Als ich den Kanal auf der Wolbecker überquerte, überlegte ich, ob ich tanzen gehen sollte, es war Mittwoch, Salsa im Hot Jazz. Irgendetwas hielt mich ab, vielleicht war es ein Instinkt, vielleicht hat es auch nichts zu bedeuten, denn ich wüsste von keinem, der sich an jenem Abend infiziert hätte. Ich fuhr also heim.

Am Tag drauf fiel eine Entscheidung, einen Tag später ging ich schon nicht mehr ohne Maske vor's Haus, schon gar nicht Einkaufen. Dann entwickelte sich alles rasend schnell. In Italien wurden an Covid19 Verstorbene in LKW Kolonnen fortgebracht, so viele waren es. Katastrophenstimmung. Endzeit. Es würde uns alle dahin raffen. Und wenn nicht?

Lockdown. Wir fanden einen Kompromiss: ich würde Dorfschreiber im Home-Office. Wahrscheinlich hatte es so etwas noch nicht gegeben. Egal. Das Virus raste um die Welt. Die öffentliche Diskussion hechelte hinterher. Stars wurden geboren. Der Virologe hatte das Ohr der andächtig Lauschenden. Frau Merkel beeindruckte durch Besonnenheit, während anderswo ein der Sprache, geschweige eines vernünftigen Gedankens nicht mächtiger Präsident mit einer Luxusnutte als Gattin krudeste Theorien verbreitete. Man wunderte sich schon, dass er China nicht den Krieg erklärte. Auch in anderen Ländern äußersten sich Staatsoberhäupter widersprüchlich. Einer bekam schließlich selbst die Seuche, und mancher dachte, siehste, das geschieht ihm recht. Deutschland wurde für sein Krisenmanagment gelobt. Himmel, dass ich so etwas noch erleben darf.

Aber dann kam langsam Unmut auf. Die Menschen verloren die Geduld. Nicht, dass es nicht ein großes, demokratisches Einverständnis mit den als unumgänglich getroffenen Maßnahmen gegeben hätte, aber die Menschen sehnten sich nach Lockerung.

Um diese Zeit begann ich als Dorfschreiber mit einem Video, aufgenommen unter St. Magnus.

So oder so, ich habe in meinem Leben eine Menge Text verfasst, manches veröffentlicht, anderes für die Schublade, ich bin also nicht unerfahren, aber was ein Dorfschreiber tut, wusste ich da noch nicht. Das ist das Schöne an meinem Beruf, dass man ständig Dinge tut, die man noch nie getan hat, oder von denen man nicht weiß, wie man sie tut.

Learning by doing.

Heute ist mein letzter Tag. Vier Wochen habe ich "Hier!" gerufen, "Hier Leute, kommt her, lest, 1a Literatur!" aber kaum einer hat's bemerkt. Gestern war ich im Radio, heute ruft mich eine Redakteurin der WN an, um für das der Zeitung beiliegende "Panoroma" ein Interview mit mir zu machen, aber Leute, ihr seid zu spät.

Ich bin raus!

Tschüss und bis nächstes Jahr. Da dürft ihr mich anfassen, dürft kluge und dumme Fragen stellen, wir werden zusammen trinken und uns freuen, dass wir 2020 abgehakt und überlebt haben, falls wir es überleben. Gestorben wird schließlich immer.

In diesem Sinne,
Venceremos
euer Dorfschreiber Hermann Mensing

Corona Tagebuch www.hermann-mensing.de mensing literatur

Bücher von Hermann Herr M. bei: Amazon.de

zum letzten eintrag


Di 31.12.19 12:56 bisschen diesig

Noch kein Wort von Corona. Falls, habe ich es noch nicht mitgekriegt, daher bin ich zwar unruhig, als ich meine Lebensgefährtin (im Weiteren Muse, auch Praktikantin genannt) die seit zwei Tagen zunehmend hustet und unzureichend Luft bekommt, in die Notaufnahme der Uniklinik bringe. Dort wird sie sofort versorgt. Sie erhält Sauerstoff durch einen Schlauch in der Nase.

Rings um mich ist Beton zu kreisförmigen Türme verbaut, Auf- und Abgänge, Aufzuschächte, kaum Menschen, bis auf die in der Notaufnahme, ein Soziosphärenreservat, von dem noch zu reden sein wird. Seit Stunden warte ich hier. Der Kaffeeautomat ist defekt. Immerhin, es gibt Wasser mit und ohne Bubbel, wie das kleine Mädchen es nennt, das mit Papa hier ist.

Jeder Patient hat einen Zugang im Arm. Ich habe keinen. Ich bin Wartender, und werde gleich neidisch. Irgendwann gehe ich los, um mir in der Automatengalerie ein Stockwerk höher irgendetwas zu kaufen, einen Schokoriegel vielleicht. Der Weg ist lang. Bis auf eine Putzfrau begegnet mir niemand. Sie navigiert mit Google durch das Gebäude, in dem mehrere Tausend Menschen arbeiten. Auf dem Rückweg passiere ich zwei Araber, die auf einer Bank Pizza essen. Hmmm, mache ich im Vorbeigehn. Willst du? fragt mich der mit dem aussagekräftigsten Bart. Ja, sage ich zögernd. Bitte! sagt er. Ich nehme ein Stück und bedanke mich. Alles gut, Bruder, sagt er und legt die rechte Faust aufs Herz.

Mi 01.01.2020

Ich stelle mir vor, dass die Welt schön ist. Die Welt ist schön, sage ich, und schon ist sie schön. Alles, was nicht schön ist, bleibt vor meiner Tür. Jeder, der will, dass die Welt schön ist, darf zu mir kommen. Meine Wohnung ist groß genug. Mir ist egal, woher ihr kommt, mir ist egal, ob ihr einen Gott habt, keinen, oder gleich mehrere, mir ist egal, ob ihr Männer oder Frauen liebt, alles ist mir egal, Hauptsache, ihr wollt, dass die Welt schön ist. Und wenn ihr dann bei mir wart, geht zurück in eure Wohnungen und lasst alle hinein, die wollen, dass die Welt schön ist. Ihr werdet sehen, wie wir immer mehr werden. Jeden Tag werden wir mehr. Jeden Tag wird die Welt schöner. Und dann werden wir ein Fest feiern. Es wird rauschen, dieses Fest. So ein Fest hat die Welt noch nicht gesehen, aber sie wartet darauf, dass wir es feiern. Bald. Es muss bald sein. Also macht eure Türen auf.

Sa 4.01.20 11:29 steingrau

Seit letzten Samstag habe ich jeden Tag ein bis zwei Stunden im UKM zugebracht. Die Diagnose ist klar, Pneumonie, aber der Grund für die Erkrankung nicht. Man behandelt meine Lebensgefährtin mit Antibiotika. Sauerstoff erhält sie noch immer. Ich hingegen pausiere und starre die Decke an. Heute ist nirgendwo Text, heute ist blankes Entsetzen, Menschen im Schutz von Schirmen, Sternsinger, die mit Kreide Signaturen an Häuser kritzeln, ich niese, ich huste, ich schaue den Vögeln zu und verhalte mich still. Ich bin entsetzlich wirkungslos.


Di 7.01.20 19:03

Die Praktikantin ist zurück. Ich habe ihr in der Küche eine Schlafecke zurechtgemacht, mehr benötigt sie nicht. Sie ist ein Mädchen aus dem nördlichen Ruhrgebiet, hat ihre Kindheit auf einem Bauernhof verbracht, Jürgen Drews wohnt um die Ecke, wen wundert es da, dass sie zum einem von ihm, zum anderen von den Geschichten ihrer Vorfahren traumatisiert ist, denn ihre Oma hatte, selbst noch ein pubertierendes Mädchen, ein verstorbenes Geschwisterkind im Koffer von R. nach M. transportiert. Andere Zeiten waren das, die Menschen waren einander zugewandt und pragmatischen Lösungen näher.

Jetzt, wie gesagt, ist Muse E. wieder hier, kocht, putzt und wäscht für mich, wenngleich ich sie natürlich schone, ich will ja noch länger etwas von ihr haben. Heute früh habe ich ein Auto gemietet, habe es gleich neben dem Klinikausgang geparkt, bin ins dreizehnte Stockwerk gespurtet, habe ihre Tasche und sonstigen Requisiten nach unten gebracht, ins Auto geladen und bin mit ihr heimgefahren. Sie ist mir sehr dankbar und möchte mich heiraten, aber ich heirate nicht noch einmal. Jetzt ist Abend und ich höre sie in ihrer Schlafecke Lieder singen. Morgen früh wird sie mir Frühstück ans Bett bringen.


Fr 10.01.20 9:45

Während die Ärzte am Abend des 31.12.2019 kurz nach 18 Uhr erste, vage Annahmen formulierten, wartete ich im Aufenthaltsraum um die Ecke, in dem ein Vater mit seiner Tochter und zwei Frauen saßen. Eine hat Oberarme wie ein Gewichtheber, wenn auch nicht so muskulös, breite Schultern, Riesenbusen, alles an ihr ist konkav, sie ist schwarz gekleidet, um die vierzig und trägt das ebenso schwarze Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Die andere ist drahtig, blond, Jeans, heller Pullover, trägt Cowboystiefel, hat ein sehr freundliches, offenes Gesicht, blaue Augen und eine von Nikotin gezeichnete Haut. Die beiden nehmen sich ab und an in den Arm oder küssen sich. Gegenüber ist ein Checkin-Schalter. Dahinter ein Mann mit dunkel umrandeten, tief liegenden Augen, kaum 30, ein Black Sabbath Fan, und eine Mittvierzigerin, Profi, die Krankenakten liest. Der junge Mann isst einen Hamburger und trinkt aus einer blauen, schlanken Dose. Eh ich durch Zufall erfahre, dass die Praktikantin längst versorgt ist, werden vier Stunden vergehen, während sie derweil glaubtl, man habe mir längst überbracht, ich bräuchte nicht länger warten. Als ich vier Stunden später in die Notaufnahme gehe, um mal nachzufragen, finde ich sie im Bett, versorgt, und darauf wartend, auf eine Station gebracht zu werden.


In diesen vier Stunden tauchten drei junge Türken auf, die einen alten Mann, ihren Vater, nehme ich an, fürsorglich unter den Armen stützend hereinführen. Wenig später kamen drei Afrikaner, eine Mutter mit Tochter und Sohn, die oft und laut lachten. Vier junge Männer brachten eine junge Frau, die nach einer kurzen Untersuchung ratlos mit einem kaum gefüllten Urinbecher zurückkam und nicht wusste, wohin damit, und dann kam noch ein alter Mann, begleitet von einem besorgten Sohn.

Unter der Decke hängt ein Flachbildschirm, Ntv zeigt in Endlosschleifen modernstes Kriegsgerät in digital animierten Posen, der Kaffeeautomat darunter funktioniert nicht, aber es gibt frisches Wasser. Wann wer aufgerufen wird, entzieht sich allgemeiner Kenntnis, man hat keine Nummer, man wartet und wartet. Irgendwann spricht man mit dem oder dem. Das gleichgeschlechtliche Paar wartet seit 15:00 Uhr. Als ich mich auf den Heimweg mache, ist es 23:15. Ein Bus fährt mir vor der Nase weg, den nächsten erreiche ich an der Diekmannstraße.

So 9.02.20 14:18 hohe Bewölkung, manchmal etwas Sonne, windig

Die Republik verharrt in Schnappatmung. Erst diese unappetitliche Politik in Thüringen, das schon immer braun war, dazu das Coronavirus, das den Wirtschaftsgiganten China in die Schranken verweist, und dann Sabine, seit Tagen als Star unter den Stürmen auf Isobarenkarten erklärt, hier bisher nur ein Ritzenheuler, huiiiiiiii, macht er, und schüttelt die Forsythien, was nicht heißt, dass es nicht schlimmer kommt, schlimm nämlich käme es erst in der Nacht und morgen früh. Wir werden sehen. Mein Held, der nie weiß, wie ein Tag ausgeht, immer damit rechnet, dass es der letzte sein könnte, tut, was er am besten kann, er wartet. Beckett ist auch da. Vielleicht ziehen sie in sein Haus an der Küste.

Fr 28.02.20 11:00 sonnig


Desillusioniert stiegen mein Held, Herr M. und ich auf den Motorroller. Wir würden Drogen nehmen und rumfahren, wie von Bernadette la Hengst empfohlen. H. war gestorben, U. hatte es kurz vor Weihnachten die Hauptschlagader perforiert, aber er hat immerhin überlebt, der hatte dies, die hatte jenes und dann noch das Virus.

Drogen nehmen und rumfahren ist das Vernünftigste, was man noch tun kann. Aber keiner von uns hatte welche. Wo sollte das bloss alles enden?
Ich weiß was, sagt mein Held. Wir fahren zur Madam. Die hat immer Drogen.
Never, sagt Herr M. Die sitzt da in ihrem roten Nachthemd, das will ich nicht sehen.
Dann nicht, sagt mein Held.
Haltet mal, sage ich. Lass mich absteigen. Fahrt allein weiter. Ich gehe ins Bett.
Gute Nacht, sagt mein Held.


So 1.03.20 11:45 bedeckt

Ob Herr M. in die Stadt fährt und übern Markt bummelt, ist noch nicht entschieden. Er würde lieber im Bett bleiben. Mir wäre das peinlich. Ich bin Protestant, das heißt, ich war Protestant, aber so etwas hängt einem lange nach. Mein Held fände einen Tag im Bett wundervoll, allerdings müsste alles in Reichweite sein, was man braucht, zu essen, zu trinken, zu lesen. Beckett braucht weiter nichts, er ist Ire, trinkt gern Whisky und wartet. Godot nervt das.

Eine fette Seuche, ein kleiner Dreh an einem der Pole und ihr seid Geschichte, sagt er.
Dann hätte sich zumindest das Warten erübrigt, sagt Beckett.
Wenn das so ist, steh ich nicht auf, sagt Herr M.

Mo 2.03.20 10:45 bewölkt

Ich kaufe Hühnerbeine, Fenchel, Lollo Rosso, Champignons und eine große Zwiebel, ich flirte mit einer sehr gut aussehenden, zudem freundlichen Mittfünfzigerin am Gemüsestand, treffe sie noch zweimal, und beide Male leuchten wir, aber statt sie zu einem Kaffee einzuladen, geh ich allein. Die Sonnentische sind besetzt, ich suche mir einen Tisch weiter hinten. Nach und nach trudeln Männer ein, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Mit jedem habe ich schon Musik gemacht. Einer fragt, ob er rauchen dürfe. Kein Problem, sage ich. Einer kommt gerade von einem Krankenbesuch. Einem fehlt seit fünf Jahren eine Niere, ein anderer hat ein neues Hüftgelenk, der dritte hatte einen Schlaganfall und der vierte war schon einmal tot. Und du, fragt einer, was hast du? Nichts, sage ich, und schäme mich, weil ich zu den Geschichten von Siechtum und aufziehendem Alter nichts hinzufügen kann, dann aber fällt mir H. ein. H. ist gestorben, sage ich. Was, sagen alle, wieeee bitte? Wieso das denn, hab ich nichts von gelesen, woran denn? Ich erkläre es. Mein Held stößt mir in die Seite. Jetzt hast du sie glücklich gemacht, sagt er. Wieso? frage ich. Weil sie begreifen, dass sie noch leben. Sind doch auch alles Rentner, die den Tod fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Dieses Zusammentreffen ist mein letztes soziales Ereignis für lange Zeit, aber das weiß ich noch nicht.

Do 5.03.20 15:10 bedeckt

Von den Toten will ich gar nicht reden, die sind tot, die haben es hinter sich, aber von Lebenden, von Vertriebenen, die in allen Erdteilen unter immer den gleichen Machenschaften leiden, von denen, die in der Kälte hocken, von denen, die in der Hitze hocken, von denen, die nichts zu Essen und zu Trinken haben, von denen müsse er sprechen, sagt Beckett.

Das sind Menschen, denen unsere Solidarität gehört, davon sehe ich zu wenig.
Ich sehe Schissertum, Verleugnen von moralischen Grundsätzen, Rassenhochmut, wirtschaftlichen-, militärischen und staatlichen Hochmut.

Was, sagt Beckett, glaubt ihr, wird los sein, wenn die Scheiße in den Ventilator fliegt, glaubt ihr, dass ihr dann so einfach davon kommt?
Vergesst es! Ihr kommt nicht davon. Jedee, den wir daran hindern, an unserem Reichtum teilzuhaben, wird sich rächen. Nicht heute, nicht morgen, aber er rächt sich.
Ach komm, sagt mein Held. Jetzt übertreibst du.
Ich? sagt Beckett. Ich untertreibe.


Di 10.03. 20 7:40 grau, Regen

Ich weiß, dass ich zur Risikogruppe der Corona-Pandemie gehöre, wir Älteren sterben gern. Ich mache mir dennoch keine Sorgen. Ich werde vorsichtig abwarten, Kaffee trinken, Geburtstagswhiskey zur Nachtdesinfektion, und kiffen. Soll ich Angst haben vor etwas, das kommen kann, aber nicht kommen muss? Nein. Ich habe die Kuba-Krise, den Mauerbau, den kalten Krieg, die Ölkrisen, die jährlichen Grippeepidemien, den Witwer- und den Rentnertod überlebt. Ich bin 71. Ich lebe gern, und ich lebe, so lang es dauert.


Fr 13.03.20 / Krise Tag 1 / 12:01 windig /wechselhaft

Alles auf Null. Wenn ich richtig verstehe, was in den Medien kommuniziert wird, plädiere ich für eine vierzehntägige Pause, ein lockdown auf allen Ebenen, der exponentiellen Verbreitung des Virus sehr hinderlich, aus Sicht seiner potentiellen Opfer aber äußerst positiv, aber ich bin nur ein denkender Mensch, kein Virologe.


18:33

Während der nächsten Wochen, die Sie zwangsläufig zuhause verbringen müssen, werde ich Sie mit frohen Texten unterhalten. Ich stelle mir vor, dass draußen Millionen sitzen und lesen, während die Statistiken Gegenteiles sagen und immer gesagt haben. Von durchschnittlich monatlich 2000 registrierten Besuchern bleiben kaum 2 Prozent länger als eine halbe Stunde auf meiner Seite.

Also fasse ich mich kurz. Das Medium definiert das Format. Das Format das Genre. Von nun an wünsche ich Ihnen gute Unterhaltung in dieser beunruhigten Welt. Tschernobyl war für die ersten vierzehn Tage ähnlich. Aber keine Sorge: es geht vorbei, kann aber hart werden. Lebensbedrohlich sogar, aber das ist das Leben sowieso. Also scheißen Sie sich nicht ins Hemd, und lassen Sie sich von niemandem Bange machen und vor niemandes Karren spannen.

22:32

komm wir kiffen
mit der oma
essen ein corona
törtchen und danach
legen wir dalwhinnie flach
das bewahrte urgroßmutter schon
vor der infektion
narhalla marsch/marschfox/
händewaschen


So 15.03.20 / Krise Tag 3/ 8:35 sonnig

Gleich gehe ich in den Schrebergarten. Dort singen Vögel, Spechte hacken, niemand ist krank und Ärger machen nur die Sportflugzeuge, die über der Stadt kreisen. Sie sind lauter als jedes Verkehrsflugzeug. Wir schießen auf sie. Während ich Wege von Unkraut befreie, eine völlig sinnlose Tätigkeit, werde ich singen. Wer singt, hat keine Angst. Mein Museumsführerjob im Rüschhaus und auf der Burg Hülshoff wird wegen der Pandemie nicht, wie geplant, am 1. April, sondern erst am 21 beginnen, falls überhaupt. Auch meine Berufung zum Dorfschreiber ist nicht mehr sicher. Zum Glück bin ich Rentner. Ich darf mich jederzeit infizieren, möchte aber, bevor ich verarmt und entrechtet sterbe, noch Radau machen. Überhaupt wäre mir eine Zombie Apokalypse angenehmer. Da könnte ich pfählen und Köpfe zu Brei hauen.

12:21

Sah gerade den ersten Zitronenfalter. Hörte vorgestern abend Kraniche. Bin heute müde.

Di 17.03.2020 / Krise Tag 5 / sonnig 10:15

Muse E. und ich waren in der Stadt unterwegs, gucken, ob noch Leben ist. Auf der Windthorststrasse kommen uns zwei böse Araber entgegen, Anfang 30, einer mit Bart. Als wir aneinander vorbeigehen, sagt einer, indem er auf seinen Begleiter zeigt: der hat Corona. Fünf Meter weiter hab ich begriffen, drehe mich um und rufe: ich auch. Wir lachen laut.

70 Prozent aller Flüge fallen aus. Lockdown. Ein Großteil des täglichen Bewegungswahns fällt auch weg. Die Welt kann ein bisschen aufatmen. In Peking sehen sie wieder die Sterne. Das ist bei allem Geschrei doch auch eine gute Nachricht.

10:47

Herr M. niest morgens gern. Er hat das von seiner Mutter. Die nieste morgens gern eine goldene Serie, 7 bis 13 mal. Früher dachte Herr M., ich hab das von Mutti., Im Augenblick denkt er: das war's. Corona. Quarantäne. Tod, owohl er weiß, dass die Sterbequote bei etwa 0,2 Prozent liegt, und dass 2017/18 20.000 Menschen an der Grippe gestorben sind. Surreal das alles. Völlig. Man muss aufpassen, nicht am Rad zu drehen.

11:18

schau die sonne
schau das frische grün
schau wie schaurig schön
die corona wölkchen ziehn
schau wie alle sich nun aus dem wege gehn
hach wie schön hach wie morbid
werden wir jetzt alle sterben
kommt wir singen noch ein lied
und versaufen alles vor den erben


Do 19.03.2020 / Krise Tag 7 / 16:13

Zuerst war da nur ein dominierendes Wort. Man konnte es mit Informationen unterfüttern, verglich Statistiken, alles hatte noch seine katastrophale Ordnung, aber nun, fast eine Woche später, wird es langsam zu einem beklemmenden Gefühl. Alle Scherze sind gemacht. Die Psyche muss sich positionieren, um diese schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen. Sie hat angefangen, und sie wird ein Ende finden. Es werden Menschen sterben, aber die Menschheit stirbt nicht. Trotzdem ist da ein ungutes Gefühl. Auch, wer keine Nachrichten und Talkshows sieht, weiß, dass alle nur von einem reden und eines denken.

Ich trete fest auf, um mich des Bodens zu vergewissern. Ich hoffe, dass es nicht zu lange dauert, aber er hat gerade erst angefangen. Das Schöne und das Schreckliche ist überall. Manchmal liegt es so nah beieinander, dass man es kaum auseinanderhalten kann. Ich bin für das Rotkehlchen, das im Garten für mich singt. Ich bin für den Frosch, der sich gestern, durch's Unkraujäten gestört, schleunigst im frischen Grün einer Staude versteckte.

Am Himmel sind kaum noch Kondensstreifen. Die Börsen, Orte hemmungsloser Gier und Wettleidenschaft, stolpern. Viele Menschen sind von heute auf morgen arbeitslos geworden. Flüchtende, egal, aus welchem Krieg, haben im Augenblick keine Chance. Das Rotkehlchen singt noch immer.


Fr 20.03.2020 / Krise Tag 8 / 7:05 bewölkt


Wer hätte gedacht, dass ein alter Dorfschreiber wie ich noch einmal Gefallen an Statistiken findet. Gerade habe ich eine gesehen, die mir sehr gut gefiel. Die Kurve der chinesischen Infektionen zwischen 26.1. und 15.03. Der Peak liegt etwa bei vierzehn Tagen nach Ausbruch. Heute gibt es aus China keine neu gemeldeten Infektionen. Das ist das eine. Das andere ist natürlich, dass China ein zentral regiertes Land mit deutlich eingeschränkteren bürgerlichen Rechten ist, aber immerhin auch ein Volk, das trotz seiner vielen Menschen zumindest die grobe Kontrolle über das Virus zurückerlangt hat.

Das bedeutet nicht, dass die Pandemie dort schon am Ende ist, nein, die Spanische Grippe von 1918/1919 kam in insgesamt drei Wellen, wobei die letzte kaum noch Opfer fand, weil viele mittlerweile immunisiert waren.

Ich bitte aber zu bedenken, dass Infrastruktur, Kommunikationswege, Medizin und Wissenschaft vor gut 100 Jahren mit heutigen Standards kaum zu vergleichen ist. Und obwohl man davon spricht, dass während der Spanischen Grippe 20 bis 50 Millionen Menschen gestorben sind, liegt die Letalität dennoch nur zwischen 1,6 und 3,5 Prozent, in Ausnahmenfällen bei 6,5.

In Deutschland liegt sie augenblicklich zwischen 0,2 und 0,3 Prozent. Wie kann es dann sein, dass damals so viele gestorben sind? Weil die Spanische Grippe weltweit grassierte. Es gab Tage in Philadelphia, einer der Hochburgen, an denen, ähnlich wie in Italien gestern, 600 bis 800 Menschen täglich starben. Das ist furchtbar, aber die Statistiken sagen nichts über Vorerkrankungen. Auch heute sagen sie nichts oder nur wenig darüber.

Heute Abend wird entschieden, ob es Ausgehbeschränkungen gibt. Ich hätte nichts dagegen, kann aber von Münster sagen, dass vorhin, als ich mit dem Rad aus der Stadt nach Hause fuhr, so gut wie keine Menschen unterwegs waren. Hier und da mal ein Spaziergänger, aber das soll ja auch nicht verboten werden.

Tatsache ist, dass längst so gut wie alle Geschäfte geschlossen sind, und das soll auch so bleiben. Also, Freunde, es ist gruselig, es treibt Wellen wilder Verzweiflung, aber größer als all das ist die Hoffnung. Ich hoffe. Du hoffst. Er sie es hofft. Wir ihr sie hoffen. Los jetzt.
Seit Montag kratze ich Tapeten von meinen Küchenwänden. Das treibt Schweiß, macht Dreck, gute Laune, und schmerzt im Kreuz, aber das macht nichts, denn heute abend wird der letzte Quadratmeter neben der Spüle tapetenfrei sein, dann müssen nur noch Reste entfernt und Kacheln gesäubert werden, Müll wird entsorgt, und dann werde ich mich zurück lehnen, lesen, Klavier spielen, und mit meiner Lebensgefährtin den Tag teilen. Montag kommt ein Freund und hilft beim Spachteln von Schadstellen und Verputzen der Wände, Dienstag werde ich anstreichen, Mittwoch stelle ich die alten Küchenmöbel zum Sperrmüll, Donnerstag kommt der Schreiner und baut die neue Küche auf. Das ist der Plan. Meine letzte Grippe liegt fast zwanzig Jahre zurück, ich baue auf mein Immunsystem und Gott, ich bewege mich so wenig wie möglich, der Plan könnte aufgehen.

20:23

Vorhin läuteten die Glocken. Das war tröstlich und schön.


21:49

Man kann erwachen und sagen: oh, es ist bitter. Was sonst sollte man angesichts einer Lage, die einem neu und unheimlich ist, auch sagen. Die Alten, die fünfundachtzig aufwärts, die wüssten mehr, die haben noch den Krieg mitbekommen, zumindest aber den Zusammenbruch. Mit denen könnte man erwachen und sagen: oh, es ist bitter.

Stattdessen kann man auch erwachen und laut schreien. Das laute Schreien habe ich zum ersten Mal auf einem griechischen Kreuzfahrtschiff gehört. Es war April, das griechische Schiff hatte im südamerikanischen Winter den Amazonas befahren, und war auf dem Heimweg. Ich hatte mich in Rio eingeschifft. An Bord waren Hippies, wie ich. Manche standen abends, während das Schiff sich dem Äquator näherte, am Bug und schrien wie am Spieß. Ich dachte, sie spinnen. Sie sprachen von Urschrei.

Urschrei war, während ich studierte, populär. Ich war misstrauisch. Ich wollte damit nichts zu tun haben. Seit zehn Jahren aber nutze ich ihn, wenn sonst nichts mehr wirkt. Da ich mir selbst im Wald blöd vorkomme, wenn ich "urschreie", habe ich es meist im Auto paktiziert, heute tue ich es auf dem Motorroller.

Liebe mit Corona-Geschädigte, verliert nicht den Mut. Schreit.


heute wird das schwere leicht
schwebt, zerplatzt, wird unauffindbar
wird von mir an dich gereicht
denn du bist ja unverwundbar

mir hingegen lauert stille
und im winkel hinterm augenlicht
wütet schon mein letzter wille
wille will schon, oder willst du nicht

ach, egal, ich bürste meinen hobel
weiß ja nicht, was da noch kommt
als galan getarnt und nobel
werd ich von corona zart besonnt

seh schon aus wie eine frikadelle
macht nichts, auch der papst kackt braun
schiebe eine meterhohe welle
vorsichtig an meinen gartenzaun

lasse drohnen steigen und gerät
das laut knallt und feinde brät
hebe hier und da den saum der schönen
lebe leben, lasse mich verwöhnen.

Mo 23.03.2020 / Krise Tag 11 / 10:49 sonnig, kalt

Mutti hatte kaum verkündet, was zu verkünden war, als sie sich in die Quarantäne verabschieden musste. D'accorcd, Frau Merkel, ich hatte mir diese Maßnahmen schon vor zwei Wochen gewünscht, jetzt sind sie da, und ich hoffe, dass sie in absehbarer Zeit zu einer Verflachung der Infektionszunahme führen. Noch ist es kalt, aber bald kommen die ersten wärmeren Tage, dann wird sich zeigen, ob wir, die Bedrohten, weiterhin Zurückhaltung üben. Ich glaube, wir werden das tun. Im Grunde meines Herzen bin ich davon überzeugt, dass der Mensch, trotz aller Grausamkeiten, die er in seiner Geschichte verübt hat, dennoch GUT ist, der Mensch ist ein soziales Wesen, er kann nicht ohne den anderen. Es gibt überall Zeichen, die mich rühren. Gesten. Blicke. Ja, auch ich bin voller Sorge, aber wenn ein Mensch einem anderen begegnet, so wie mir gerade, ein wenig zur Seite tritt, mich anlächelt, worauf ich lächelnd nicke, wird mir warm ums Herz, und das ist etwas, was wir dringend benötigen. Krise ist immer Chance auf Besserung. Auf ein Besseres danach. Gestern las ich den Artikel eines italienischen Soziologen, 93 Jahre alt. Er prognostiziert einen Ausbruch der Lebensfreude, wenn das Gröbste überstanden ist. Er prognostiziert, dass in uns gewaltige Energiereserven stecken, die wir mobilisieren, wenn dieser Tag gekommen ist. Und der Tag wird kommen. Bis dahin wird es schwer, aber schwer ist es immer, ein Leben ist voller Fallstricke, niemand ist gegen das Schicksal gefeit, also Kopf hoch.


Di 24.03. 2020 / Krise Tag 12 / 9:00 sonnig, kalt

Seit gut einer Woche renoviere ich meine Küche. Heute wird die Wand über der Küchenzeile mit Gips verputzt. Die gegenüberliegende Wand haben wir gestern gemacht. Ich hatte so etwas noch nie getan, aber unter Anleitung von W., einem gelernten Stukkateur, ging es recht gut. Morgen wird die Küche gestrichen und die alten Möbel kommen zum Sperrmüll an die Straße. Donnerstag wird W. die neue Küche einbauen. Holz. Geölt. Handgemacht. Vor
zwanzig Jahren hat er mir ein Vertiko und Bücherregale gebaut, an denen seitdem jeden Tag Freude habe, und ich bin sicher, dass die Küche dem in nichts nachstehen wird. Wenn alles läuft, wie geplant, kann ich am Wochenende meine Wohnung wieder wie gewohnt nutzen. Obwohl es bei meiner Gefährtin schön ist, hatte ich in den letzten Tagen großes Heimweh nach der Dorffeldstraße. Aber dort herrschte das - wenngleich - überschaubare Chaos einer Baustelle. Aber es geht voran. Ich habe gut und konzentriert gearbeitet und mich nicht überanstrengt. Ich bin stolz, dass mein Plan auf Tag und Stunde aufgegangen ist. Grund ist, dass ich früh genug angefangen habe. Über die Arbeit vergesse ich die Corona Misere, die mir täglich schwerer auf der Seele lastet. Nicht, weil ich mich um mich sorge, sondern um die Welt. Um uns.

Die Küche ist verputzt. Morgen streichen wir an. Es herrscht Einigkeit über die Farben. Ich werde den Herd vom Strom nehmen und beiseite stellen, die Spüle abbauen und zum Sperrmüll stellen, putzen und den Fußboden legen. Am Donnerstag kommt W., der Schreiner. Ich freue mich. Ich freue mich, wie ich lange nicht mehr gefreut habe. Ich genieße das Leben. Es hat etwas Zwanghaftes, es hat etwas vom Tanz auf dem Vulkan, aber es ist die Realität, und an der gibt es nichts zu deuteln. Sie ist das Leben. Wenn man, wie wir, Zeuge einer weltbedrohenden Katastrophe sind, schält sich das Leben von den Banalitäten, um die wir uns sonst streiten. Ich spüre, dass jeder Augenblick wichtig ist. Das ist es, was mich die Kastrophe lehrt. Die andere Katastrophe, die schon 11 Jahre her ist, hatte ähnliche Auswirkungen, auf mich, und auf meine schwerkranke Frau. Wir waren eins. Wir haben uns jeden Wunsch von den Lippen gelesen. Wir waren glückliche Menschen.


Mi 25.03.2020 / Krise Tag 13 / 19:45 sonnig und kalt

Schlaf ist die einzig sorglose Zeit. Wenn der Schlaf endet, herrscht Corona. Beim Zähneputzen ist das Virus anwesend, beim Frühstück sitzt es mir gegenüber. Ich lenke es ab, aber das ist nicht einfach. Wenn ich mich auf meinen Scarabeo setze und durch eine verkehrsberuhigte Stadt nach Hause fahre, bin ich schneller als das Virus, wenn ich renoviere, kann es mir auch nichts. Gestern habe ich die alten Küchenmöbel zum Sperrmüll gestellt. Dreißig Jahre Geschichte vorbei. Ich streiche die verputzten Wände. Ein Glück, dass meine Lebensgefährtin mir hilft, denn ich neige zu Pfusch. Das stört keinen großen Geist, sage ich, aber das akzeptiert sie nicht. Es gibt viel Kleinarbeit in Ecken, an Fußleisten, am Kachelspiegel. Am Abend sind wir stehend KO. Um uns und andere abzulenken, gehen wir gegen halb zehn auf den Balkon und singen die Ode an die Freude. Wir singen eher laut als schön, aber es hilft.


Do 26.03.2021 / Krise Tag 14 /

Alles Unglück der Menschen komme daher, "dass sie nicht ruhig in ihrem Zimmer bleiben könne", sagt der französische Philosoph Blaise Bascal. Ich fürchte, dass Bewegung oft als Übersprungshandlung herhalten muss, statt nichts zu tun. Still in seinem Zimmer zu sein scheint eine Herausforderung. Faulsein gilt nur im Urlaub. Aber ist es nicht so, dass der, der sich Herausforderungen stellt, wächst? Dass ihm ein Gewinn zufliegt. Den Tag verstreichen zu lassen ist eine Kunst. Daheim bleiben und nichts tun ist Arbeit.

Wenn nun aber "das im Zimmer bleiben" verfügt wird, wenn diese Verfügung sowohl vernünftig, als auch ein staatlicher Eingriff in die bürgerlichen Rechte ist, wie steht es dann mit dem zu verhindernden Virus, das doch längst da ist, unter anderem deshalb, weil wir ständig von A nach B unterwegs waren. Wie reagieren wir auf die jetzt herrschende Zwangsruhe. Fühlt sie sich entspannt an?

Der Himmel ist frei von Kondensstreifen. Vielen wird das gefallen. Auf den Autobahnen ist es ruhig. Alte Gewohnheiten kommen zum Erliegen, weil alle im "Zimmer bleiben". Ich vermisse das Leben, aber nicht die Unrast der Welt. Ich weiß, dass die wirtschaftlichen Schäden immens sind, aber wer sagt, dass alles immer mehr werden muss. Der Gedanke vom Ende des Wachstum stammt aus den Sechzigern. Jetzt wird er zur Erfahrung von vielen. Einstein wusste, dass man nur durch Erfahrung lernt. Alles andere ist Information.

21:02

Wir, sagt sie, leben in einem Land, dass sich solidarisch erklärt hat, um die Schwachen zu retten. Wir lassen nicht die Starken überleben, und die Schwachen sterben. Wir entscheiden im Gespräch mit den Wissenschaftlern und reagieren jeden Tag neu, das mache sie stolz. Hinderlich sei allerdings die Bürokratie. Aber das, sagt sie, bessere sich gerade. Vieles wird sich ändern. Hoffen wir. Was Vieles ist? Das Verständnis vom Menschen. Von seinem Eingebundensein. Die Einsicht, dass der Kapitalismus andere Wege gehen muss und wird, will er in veränderter Form überleben. Vielleicht kehrt die soziale Marktwirtschaft in verifizierter Form zurück. Ich weiß es nicht. Ich bin nicht politisch. Mir reicht meine Kunst.

22:02

Liebe Everswinkler,

schade, dass wir uns nun doch noch nicht sehen. Na ja, ein paar Everswinkler habe ich schon getroffen, einen Feuerwehrmann, einen aus einer Metropole zugezogenen, kräftigen Raucher, der das Konzept des Dorfschreibers gut fand, einen Musiker, mit dem ich mich über Keyboards unterhalten habe, und natürlich Menschen vom Kulturverein, die mich ernst nehmen und sehr freundlich behandeln, aber Sie wissen, wie die Dinge stehen. Ich kann nicht kommen, ich werde zuhause bleiben und das tun, was im Augenblick viele machen - homeoffice ab 1. April. Ich bin ihr Aprilscherz. Genießen Sie ihn. Schenken Sie ihm ein bisschen Zeit. Schreiben Sie ihm, er wird sich freuen. Ich schätze, wir könnten eine gute Zeit miteinander verbringen.

Herzlichst
ihr Dorfschreiber


Fr 27.03.2020 / Krise Tag 15 / 20:12 / es war sonnig

Waren Sie nicht schon am Morgen genervt, fragte Herr M.
Nein, im Gegenteil, sagte ich, beim Aufstehen hatte ich gute Laune, aber dass ich fast eine halbe Stunde in einer staubigen und unaufgeräumten Wohnung auf den Schreiner warten musste, fand ich nervig.
Und was haben Sie getan?
Was hätte ich tun sollen? Ich wusste ja, dass er käme. Er macht seins, wie ich meins mache, wir arbeiten präzis und mögen nicht, wenn man versucht, uns dreinzureden.
Es klopfte. Man hätte nicht sagen können, wo geklopft worden war, oder ob überhaupt, aber Herr M. und ich wussten sofort, dass Godot in der Nähe sein musste. Nach einem Augenblick stürmte Beckett herein. Außer Atem schüttelte er sich und zündete sich eine Zigarette an.
Ach, sagte ich und kam mir ziemlich blöd vor.
Sagen Sie, Beckett, gehören Sie nicht zur Hochrisikogruppe? sagte Herr M.
Ja, allerdings.
Dürfen Sie ihr Haus verlassen?
Ich verlasse, wen und was ich will jederzeit, sagte Beckett, und seine trüben, ein wenig melancholischen Augen glommen wie die sich entzündenden Lichter eines kleinen Leuchtturms auf einer Küste vorgelagerten Klippe.
Und Sie, fragte Herr M.
Wie, ich?
Sie müssen doch eine Meinung haben.
Ich soll eine Meinung haben. Wovon? Ich weiß doch gar nicht, was geschieht.
Aber Sie kennen die Tatsachen, sagte Herr M.
Ich lese davon, ja, sagte ich, jeden Tag. Sie haben mir den Job vermasselt, wie vielen anderen. Aber ich weiß nicht, was ich davon halten soll und verdränge. Ich habe ein Dach über dem Kopf und eine Frau neben mir, der Schreiner braucht für die Küche noch zwei Tage, ab 1.04. bin der erste virtuelle Dorfschreiber des Landes. Und die Dinge gehen vorüber, soviel ist sicher.
Godot, immer zu Scherzen aufgelegt, ließ es rote Rosen regnen.
Beckett sagte, er habe rennen müssen, weil Zombies die Straße herab kämen.
Sechs Verstümmelte in gebührendem Abstand von einsachtzig zueinander, jeder mit einem Schild: Es hätte auch so kommen können!

Sa 28.03.2020 / Krise Tag 16 / 15:05 / sonnig, recht mild

Jedes Jahr eine Katastrophe wie diese, und der Schrebergarten meiner Partnerin würde als schönster Garten der Republik ausgezeichnet. Sie hat Zeit. Ihre Arbeit, mit der sie ihre Rente aufbessert, ist ausgesetzt. Zum Glück aber terrorisieren Pandemien die Welt nicht jeden Tag, die letzte, die spanische Grippe, liegt hundert Jahre zurück.

Corona scheint ihre Vorgängerin an Schrecken allerdings in den Schatten stellen zu wollen, wenngleich noch längst nicht so viele Opfer zu beklagen sind. Manche glauben an biologische Kriegsführung, aber das ist völliger Unsinn, denn sie träfe ja auch den Verursacher.

Vielleicht wird ihr Schrecken durch das medialen Echo aufgebauscht, und man könnte sich schützen, indem man nicht ständig Nachrichten hört und liest. Trotzdem. Sie ist da, und sie geht nicht so bald. Sie stellt Forderungen an jeden. Dazu scheint die Sonne und der Frühling zieht ins Land. Die schönste Zeit, alles ist trügerisch, und alles ist wahr.

Schrebergärtner könnten sich glücklich schätzen. Sie entfliehen der entvölkerten Stadt und verbringen ihre Tage mit körperlicher Arbeit an frischer Luft, sie haben soziale Kontakte über die Zäune ihrer Gärten hinweg, und wenn sie zudem mit einer Rente nicht völlig ohne Einkommen dastehen, wie viele im Augenblick, könnte man ihre Existenz fast sorglos nennen.

Hinter ihrer Arbeit jedoch, hinter dem sorglosen Gesang der Rotkehlchen, Buchfinken und Meisen, steht tiefe, menschliche Verunsicherung. Ich, der Einzige, den ich halbwegs kenne, habe Angst. Es ist aber nicht die Angst vorm Tod, denn der ist ja nicht da, solange ich hier bin, und wenn er hier ist, bin ich nicht mehr da, nein, ich habe Angst vor den Folgen der Pandemie, ich habe Angst vor den Menschen, die, wenn sie die Nerven verlieren, unberechenbar sein können. Zudem fürchte ich Ungeduld. Der shutdown ist jetzt gerade einmal eine Woche alt, und ich will schon, dass es aufhört.

Ich las, dass die Schulen zum 20. April wieder öffnen. Das brächte etwas Normalität zurück in die Welt. Aber eh ich wieder sorglos sein kann, wird bestimmt noch ein Jahr vergehen. 2020 wird also ersatzlos gestrichen. Es ist mein 72 Lebensjahr, ich hätte gern mehr davon gehabt, ich hätte gern als Dorfschreiber in Everswinkel gelebt und gearbeitet, aber daraus wird nichts, ich bleibe daheim, aber zum Glück habe auch ich einen Garten, den ich beackern kann. Als hätte ich's geahnt, habe ich vor knapp drei Wochen begonnen, meine digitalen Aufzeichnungen, die im August 2000 ans Netz gingen, nach Gedichten zu durchforsten. Gerade habe ich das Jahr 2013 abgeschlossen und schon eine Menge Schätze gehoben. Ich hoffe, auch Sie haben zu tun. Bleiben Sie gesund.


17:31


Schlage Folgendes für die vorsichtige Revitalisierung der coronagefährdeten Gesellschaft vor: Die Geschäfte werden nach und nach wieder geöffnet. Bürger dürfen nach dem Alphabet gestaffelt am Leben teilnehmen: Heute zb. alle, deren Namen mit A, B, C. oder D beginnen, dann die nächste Gruppe, so wäre man in sechs Tagen einmal durch mit dem Alphabet und könnte zudem leicht kontrollieren, ob sich alle an die Absprachen halten.

21:48

Was immer sie von Bill Gates halten, er hat gesagt, bei einer Pandemie gibt es nur eine Priorität: die Rettung der Menschen. Eine Wirtschaft kann man wieder aufbauen, sagt er, Gestorbene aber nie mehr zurückholen.


So 29.03.2020 / Krise Tag 17 / 18:07 / kalt und windig

Nicht weit vor uns ist der Ereignishorizont eines schwarzen Loches. Jemand bewegt sich darauf zu. Es ist mein Vater. Mit jedem Schritt kommt er dem Ereignishorizont näher. Der Ereignishorizont ist der Rand eines schwarzen Loches. Hat man ihn überquert, bleibt nichts mehr.

Jedenfalls sieht es so aus, als mein Vater ihn überschreitet.
Ich sehe, dass er verschwindet. Er löst sich in seine molekularen Bestandteile auf. Für mich ist er fort.

Physiker aber sagen, dass mein Vater das Überschreiten des Ereignishorizontes ganz anders wahrnimmt. Er registriere nicht, dass er sich auflöse. Er träte nur ein in einen anderen Zustand. Dieses Ereignis und seine Folgen seien nach den uns bekannten Naturgesetzen berechenbar. Berechenbar also sei, dass der den Ereignishorizont eines schwarzen Loches Überschreitende eine objektiv wahrnehmbare Existenz vor Überschreiten und eine berechenbare, objektiv jedoch nicht wahrnehmbare Existenz nach Überschreiten des Ereignishorizontes habe.

Ich verstehe das als Metapher.
Sie sagt: es gib ein Leben nach dem Tod.
Ob mich das beruhigen soll, weiß ich nicht.

18:10

Kaum aufgestanden bisher. Wundervoll.

21:59

Der Tag geht mit einer Stunde Vorsprung zur Neige. Obwohl ich informiert bin, Kurven, Neuinfektionen, Leta- und Mortalität, ist es mir gelungen, meinen Tag weitesgehend coronafrei zu halten. Das war und ist noch immer sehr erholsam. Wir haben fast alles im Bett erledigt. Wir haben gefrühstückt, geschlummert, gelesen, gepuzzelt, ich habe weiter Gedichte aus meinen Aufzeichnungen seit 8/2000 gesucht, mittlerweile sind es dreihundert Seiten, wir haben dieses und jenes beredet, aufgepasst, dass es warm blieb, nachmittags sind wir aufgestanden, waren wir eine halbe Stunde an der frischen Luft, haben Bekannte getroffen und uns wie Schneekönige gefreut, sie zu sehen, obwohl wir sie unter normalen Umständen nur alle Jubeljahre sehen, der Grieche hatte ein Fenster seines Imbiss geöffnet und verkaufte nach draußen, wir haben, obwohl wir keinen Hunger hatten, Pommes gegessen, weil es so schön war, Pommes kaufen zu können, die wir auf der Bank einer Bushaltestelle an der so gut wie nicht befahrenen Warendorfer Straße gegessen haben, dann sind wir zurück ins Bett, nur zum Essen noch einmal kurz raus. Meine Küche wird Mittwoch fertig. Bis dahin wohne ich in der Stadt. Gleich schlafe ich. Noch so ein Vergnügen, das coronafrei ist.


Mo 30.03.2020 / Krise Tag 18 / 11:07 / bewölkt, kalt

Meine Wohnung ist Schutz.
Meine Welt taumelt.
Details sind tödlich.
Ich bin ein Tränensack.

Ich schreibe keine Ballade.
Ich will dem Leben verbunden bleiben,
im Augenblick können Balladen nichts tun,
als den Virus zu beobachten,
der um die Welt rast.

Erschreckt ruhig,
das tut gut,
sagt die Ballade,
wenn Zeit kommt,
singe ich euch ein Lied.
Bis dahin überlebt,
bis dahin wünsche ich euch Glück.

Aber eins sage ich euch:
macht nicht Gott verantwortlich,
Gott hat damit nichts zu tun,
macht euch klar, dass es euer Leben war,
das zu dem geführt hat, was ist.

Zieht Bilanz, Zeit habt ihr,
lernt Demut, das Wort für Balladen,
schreibt es tausendmal auf,
und wenn es vorbei ist,
wenn das Virus gestellt ist,
verweigert jeden Versuch,
die Welt, wie sie war,
wieder aufzubauen.
Verjagt die Unterdrücker.
Verjagt die Verroher.
Verjagt die Dummschwätzer.
Verjagt das Kapital.

Ich werde eine Ballade schreiben,
vom einundzwanzigsten Jahrhundert
wir wurden gebeten, zu Hause zu bleiben,
und sind bis aufs Mark verwundert.

Ich hätte viele Balladen geschrieben,
wäre das Miststück nicht aufgetaucht,
ich hätte es zwischen Fingern zerrieben,
und Feuer gefaucht ja Feuer gefaucht.

Ich hätte das Leben gefeiert,
nun feiert das Miststück den Tod,
ich ge...


Mi 1.04.2020 / Krise Tag 19 / sonnig

In den letzten zwei Wochen hat Herr M. drei Tage von morgens bis mittags Tapeten von den Wänden gekratzt, zwei Tage Gipsputz aufgetragen und einen Tag angestrichen, mittags ist er in den Schrebergarten gefahren, um in einem kleinen windgeschützen Holzhaus seiner schriftstellerischen Arbeit nachzugehen. Gestern, er hatte die Jahre 2013 bis 2015 auf Gedichte durchforstet, zog es ihn zu W., der einen Garten in der Nachbarschaft hat. W. und er spielen in einer Band. Beiden sind Rentner. Sie setzten sich in die Sonne, Dompfaffen hüpften von Ast zu Ast und Rotkehlchen sangen und die tranken Gin Tonic. Ein Glass gab das andere, so dass Herr M. den Heimweg in bester Laune, aber nur mit äußerster Konzentration hinter sich brachte. So, dachte er, könne die Katastrophe ruhig noch ein wenig andauern, der Garten ist ein äußerst luxusiöser Ort, um abzuwarten, dass bundesweit das geschieht, was sich in Münster schon abzeichnet, die Kurve der Neuinfektionen fällt.


Der kleine Tresor am Hörster Platz mit den Schlüsseln der Stadtteilautos öffnet sich nicht, obwohl ich meine Chipkarte davor halte. Das Licht fällt halbschräg gegen das deshalb schwer zu lesende Display. Nichts. Erst, als ich den Stern im Eingabefeld drücke, fordert das Display meine Geheimnummer. Die gebe ich ein, und der Tresor öffnet sich. Ich entnehme den Schlüssel für einen Renault Clio, der gleich nebenan steht, ich öffne, das Desinfektionsspray steht neben dem Schalthebel auf der Konsole, ich sprühe, ich starte und fahre los.
Kein Kondensstreifen weit und breit, die Osterglocken sind fast schon verblüht, und die Magnolien haben die vorletzten Frostnacht nicht überstanden. Frisches, betörendes Grün. Hier und da Bauern auf riesigen Trecken, die Landparfüm sprühen. Nach zwei Wochen Ausnahmezustand bin ich geneigt, diesen Geruch romantisch zu finden. Alles geht seinen Gang, zumindest hier, auf dem Land. In Everswinkel auch? Als ich bei den Milchwerken abbiege, fahren gerade zwei LKW durch die Werkstore, die Lieferketten funktionieren offenbar. Bis ich die Kirche erreiche, sehe ich zwei Menschen.

Mittwoch, 1. April 2020, elf Uhr fünfundvierzig. Dies ist kein Aprilscherz. Dies ist die Realität. Wir drehen ein kleines Video, wir benötigen zwei Takes, und sind zufrieden. In der Marienkapelle treffen wir zwei Frauen. Eine spielt Gitarre. Die beiden singen von Maria, die durch einen Dornenwald geht. Sie beten. Ich grüße, sage, dass ich der "virtuelle Dorfschreiber" bin, und bitte sie, mich in ihre Gebete einzuschließen. Das tun sie gern.


Der Dorfschreiber begrüßt die Everswinkler


youtu.be/4hVZoIvwUeM

01.04.2020

Zur Lage

A: Haben Sie eine Idee?
B: Nein.
A: Sie haben keine Idee?
B: Nein.
A: Soll ich Ihnen eine Idee schenken?
B: Haben Sie denn eine?
A: Nein.
B: Was würden Sie mir dann schenken wollen?
A: Die Aussicht auf eine Idee.
B: Gibt es denn eine Aussicht?
A: Das weiß ich nicht.
B: Aber wenn Sie mir eine Aussicht schenken wollten, was für eine Aussicht wäre das?
A: Eine schöne Aussicht.
B: Wäre diese Aussicht eine Aussicht für alle?
A: Ja.
B: Und wäre diese schöne Aussicht eine friedliche?
A: Ja.
B: Dann schenken Sie sie mir doch, bitte.
A: Gern. Aber ich weiß nicht, woher ich sie nehmen soll.
B: Von den Menschen vielleicht?
A: Kennen Sie welche, die ohne Arg sind?
B: Nein.
A: Von den Göttern vielleicht?
B: Die sind an den Menschen verzweifelt.
A. Von den Teufeln?
B: Schon gar nicht.
A. Von wem sonst?
B: Ich weiß es nicht.


3. April 2020 / Krise Tag 21 /

Meine Welt taumelt.

Gebet

Meine Wohnung ist Schutz.
Meine Welt taumelt.
Details sind tödlich.
Ich bin ein Tränensack.
Ich schreibe keine Ballade.
im Augenblick können Balladen nichts tun,
als das Virus zu beobachten,
das um die Welt rast.
Erschreckt ruhig,
das tut gut,
sagt die Ballade,
wenn Zeit kommt,
singe ich euch ein Lied.
Bis dahin überlebt,
bis dahin wünsche ich euch Glück.
Aber eins sage ich euch:
macht nicht Gott verantwortlich,
Gott hat damit nichts zu tun,
macht euch klar, dass es euer Leben war,
das zu dem geführt hat, was ist.
Zieht Bilanz, Zeit habt ihr,
lernt Demut, das Wort für Balladen,
schreibt es tausendmal auf,
und wenn es vorbei ist,
wenn das Virus gestellt ist,
verweigert jeden Versuch,
die Welt, wie sie war,
wieder aufzubauen.
Verjagt die Unterdrücker.
Verjagt die Verroher.
Verjagt die Dummschwätzer.
Fordert eine bessere Welt.


04.04.2020 / Krise Tag 22 /

nun sag das wort,
das dich erleichtert,
sag etwas,
dass dein herz erheitert,
sag, dass es gut ist
und du nie vergisst,
dass sinn des lebens
leben ist.

du weißt längst,
dass zuweilen dornen reißen,
du hast so viel erlebt,
und manches wollte dich zerreißen,
doch du hast überlebt.

du weißt,
wie schön die welt,
die blaue kugel, dreht,
du hofftst,
dass sie verzeiht,
du gibst ihr liebe, die verweht,
die trübsal,
und du bist bereit.

du sagst,
ich werde nochmal bäume pflanzen,
du sagst, ich werd' mich schwindlig tanzen,
mein leben mach ich immer wieder neu,
beweise mich, bin sternenstreu.

ich bin ein fernes licht im all,
ein lachen, manchmal seufze ich,
ich atme aus, ich liebe mich,
und alles, was der fall ist, ist der fall.


Liebe Everswinkler,

es gab gab ein kleines Hin und Her, eh die Dorfschreiber-Webseite funktionierte, die digitale Welt ist kompliziert, ein fehlendes Leerzeichen, schon steht alles Kopf, die 0 und die 1 wissen nicht mehr, was sie tun sollen, dann müssen Fachleute her. Zum Glück gibt es sie. Und wenn es, wie jetzt, funktioniert, freut sich der Mensch.

Ich schreibe für Euch. Worte fehlen mir nicht. Ich schreibe gern. Ich kann und wollte nie etwas anderes. Manchmal werde ich grün vor Ärger, weil Worte widerspenstig werden können, aber im Großen und Ganzen machen sie mir Freude. Und jetzt seid Ihr dran. Ich würde gern von Euch hören. Ihr dürft alles sagen. Ihr habt Wünsche frei. Es soll rappeln im Blog, es soll hoch hergehen, dafür bin Euer Dorfschreiber, und ich nehme nichts krumm.

Liebhaber des gepflegten Wortes, des Sinns und des Unsinns, Freunde der Literatur, postet, was Euch unter den Nägeln brennt. Falls Covid19 Euch zu schwer auf der Seele liegt, singt, stellt Euch auf Eure Balkone und singt die Ode an die Freude. Ich habe das vorletzte Woche getan. Ich bin kein Sangeskünstler, aber ich weiß, dass Singen gut tut. Die Hirnforschung sagt, dass Gesang Angst verhindert. Der Gesang ist stärker als Angst. Nicht umsonst singen Kinder, wenn sie in den Keller gehen. In meinem Elternhaus gab es einen Keller mit so düsteren Ecken, dass ich schon zu singen anfing, wenn ich mich der Kellertür näherte.

So. Es ist Samstag, meine neue Küche (die erste neue Küche meines Lebens) wird heute mittag bezugsfertig, es ist ein schöner Tag, seid vorsichtig, gebt Acht auf Euch und andere, am Ende des Tunnels ist Licht..

Euer Dorfschreiber

PS.: Ich hatte bis vor 5 Jahren nie ein neues Fahrrad, ich hatte nie ein neues Auto, ich hatte nie Schulden.


05.04.2020 /Krise Tag 23 /

gegebenenfalls
wäre ein gedicht eine antwort
auf die herrschenden zustände
aber die herrschenden zustände
haben kein gedicht verdient
die herrschenden zustände
rufen nach einem baldigen ende

05.04.2020

Vorschlag für eine Rückkehr in die Normalität

Das Paradies ist unbeschwert, aber wer ist das schon in diesen Tagen? Die Natur kontrastiert unsere Gegenwart ironisch. Mit mir, sagt sie, ist zwar auch nicht alles in Ordnung, aber der uralte Plan funktioniert noch, der Mond ist fast voll, tagsüber ist es sommerlich, die Vögel singen Hochzeitslieder, hinaus ruft alles, hinaus mit den Freunden, mit denen man zusammensitzen möchte, sich austauschen, sich vergewissern, dass sie noch da sind, dass sie den Mut nicht verloren haben, und Träume träumen für das Danach.

Wie aber kann dieses Danach aussehen? Wie schaffen wir es, die Welle des Virus mit aller gebotenen Vorsicht so zu reiten, wie es ein Surfer täte, der jede Bewegung der Welle beobachtet, jede Strömung kennt, der die Richtung wechselt, wenn es Not tut, und ständig auf der Hut ist, dass der Wellenkamm nicht über ihm zusammenbricht.

Wenn die Verdoppelungsrate der Infektionen bei 12 bis 14 Tagen liegt, sollte eine Revitalisierung des Lebens beginnen. Wie - das sollte von Virologen, Epidemiologen, Geisteswissenschaftlern, Psychologen, Soziologen, Ökonomen, Kulturschaffenden und dem Ethikrat entschieden werden. Dazu muss ein runder Tisch her, an dem Klartext geredet wird. Es dürfen nicht die geringsten Zweifel aufkommen.

Um den Menschen die Last der Isolation zu erleichtern, könnten Städte auf Basis der vorhandenen statistischen Daten in wechselndem Turnus Stadtteilen die Erlaubnis erteilen, ihre Geschäften wieder zu öffnen. Der Zugang könnte nach den Anfangsbuchstaben des Familiennamens geregelt werden. Danach hätten am Montag alle, deren Namen von A bis D beginnen, freien Ausgang. Sie dürften in den entsprechenden Stadtteilen in Cafés sitzen, einkaufen, soziales Leben pflegen. Das Alphabet wäre in gut einer Woche durch, und die Sache begänne von vorn.

Die letzten Wochen haben gezeigt, dass sich die Bürger im Großen und Ganzen verantwortungsvoll verhalten. 93 Prozent aller stimmen den augenblicklich geltenden Regeln als unumgänglich und vernünftig zu, man könnte jemanden, der in ein Café will, fragen, wie er heißt, vielleicht müsste er seinen Ausweis zeigen, und Verstöße würde mit Verweisen, oder, wenn es nicht anders geht, mit Bußgeld geahndet.
Wäre das nichts?
Wäre das nicht eine vorsichtige Rückkehr zur Normalität?
So stelle ich mir das vor.
Und Sie?

06.04.2020 /Krise Tag 24 /

Die digitalen Eingeborenen

Was treiben die Freunde bloß? Man könnte den oder die treffen, ja, das könnte man, verboten ist es nicht, aber mehr als zwei dürften es nicht werden, auch wenn das Gefühl eines Sechzehnjährigen manchmal drei, vier, fünf oder noch mehr fordert.

Also zu zweit. Zwei Gleichgesinnte könnten sich auf einer Bank in der Nähe des Rathauses treffen oder im Schatten von St. Magnus, um über das zu reden, was ihnen am meisten unter den Nägeln brennt. Die anstehenden Prüfungen. Als das Corona-Virus viral ging, hatten sie vielleicht noch gejubelt und geglaubt, sie hätten jetzt Extraferien, könnten ausschlafen und zu gegebener Zeit in Ruhe pauken, aber die Sache sieht anders aus. Sie gehen zwar nicht zur Schule, aber ihr Unterricht geht weiter. Ihre Lehrer verschicken Lernpakete per E-Mail. Es gilt das normale Curriculum für den Alltag eines Zehntklässlers der Verbundschule Everswinkel mit Fokus auf die baldige Prüfung, kein modifiziertes Krisen-Curriculum, und wenn alles gut geht, sollen die Prüfungen im Mai stattfinden Dann wird aus dem digitalen Schülerleben wieder ein analoges, ein physisches sogar. Sie werden in einem Prüfungsraum sitzen, aber so anders als zu normalen Zeiten wird es nicht zugehen, denn bei Prüfungen galt immer schon größtmöglicher Abstand zum Mitschüler. Ich erinnere mich, dass Kassiber diese Abstände überwinden konnten, aber man durfte sich nicht erwischen lassen. Dann lieber verstohlene Handzeichen. Erwischt zu werden wäre fatal. Das Virus zu erwischen, wäre ebenso fatal, wenngleich sie jung sind und aller Wahrscheinlichkeit weniger gefährdet sind als ich, der Dorfschreiber im 72. Lebensjahr.

Heute ist der 6. April, es bleiben noch gut 5 Wochen bis zum Tag X. Von Frau Reiberg, Lehrerin an der Verbundsschule, mit der ich ein Reportage-Projekt mit Hauptschülern geplant hatte, das aus bekannten Gründe ausfallen muss, erfahre ich, dass die Schüler konzentriert arbeiten. Dass zwar Aufregung herrscht, aber keine Panik. Dass es regen Austausch gibt in WhatsApp-Gruppen, über die man kommuniziert, schließlich schreiben wir das Jahr 2020, und jeder ab 10/12 Jahren ist heute ein 'Digital Native', ein digitaler Eingeborener, der weiß, wie man mit diesen Medien umgeht.

Die Bürokratie der zuständigen Ministerien, sonst gern gescholten wegen ihrer manchmal kafkaesken Umwege, scheint im Angesicht der großen Herausforderungen, die die Pandemie an alle stellt, recht gut zu funktionieren. Fast täglich gibt es vom Ministerium Updates, es geht hin und her, und wenn ein Schüler persönlichen Rat benötigt, kann er jederzeit zur Schule gehen. Es gibt einen Präsenzdienst, man kann seinem Lehrer Auge in Auge gegenübersitzen, aber natürlich gilt auch hier die Zwei-Meter-Regel.

Man könnte glauben, alles gehe seinen geregelten Gang, aber sicher wie das Amen in der Kirche ist schon jetzt, dass keiner der zu Prüfenden die Umstände dieser Prüfung je vergessen wird. Mit ihren Enkeln auf den Knien werden sie eines Tages sagen, ja, ja, damals, im Frühjahr 20, das war nicht einfach, aber das könnt ihr euch ja gar nicht vorstellen. So oder so ähnlich wird es sein, und mir, dem Dorfschreiber, bleibt nichts, als allen Beteiligten in diesen wirren Zeiten Glück zu wünschen.

Zum Schluss noch eine dringende Bitte an Sie, die Everswinkler. Wenn Sie Geschichten haben, die sie schon immer loswerden wollten, benachrichtigen Sie mich. Ich lebe von Geschichten. Ich bin dankbar für jeden Satz.

das ding

die welt gähnt
dabei fliegt etwas aus ihrem mund
kreist um die lampe
kichert
setzt sich auf den rand der kaffeetasse
und beschimpft einen mann

der mann ist empört
der mann sagt
sagen sie
kennt man da
wo sie herkommen
keinen anstand

das ding sagt
man kenne dort alles mögliche
aber ich dachte
es wäre interessant
das gegenteil auszuprobieren

soso sagt der mann
ich fürchte
da sind sie bei mir an der richtigen adresse
zögert nicht
greift das ding
und will es mit dem tauchsieder töten

aber das ding ist stärker
es tötet den tauchsieder
und in folge den mann
die dicke katze
es macht
dass die letzten blätter vom baum fallen
es kann sturm und gewitter
es verursacht ein verkehrschaos
es macht
dass die bauarbeiter
reihenweise von den gerüsten fallen
und die kirchenglocken aus ihren verankerungen reißen
und da natürlich jetzt viele mit offenen mündern dastehen
fällt es dem ding ganz leicht
spurlos zu verschwinden

Felwine Sarr "Fehler im Gehirn"
Ausschnitt eines Artikels der SZ vom 6.04.2020

Das Virus ist ein Ergebnis des Anthropozän (das menschengemachte Zeitalter), einer Zerstörung der Biodiversität durch eine gedankenlose kapitalistische Produktionsweise und der Hybris eines Viertels der Menschheit, der Europäer und Amerikaner, inzwischen auch der Chinesen. Die ganze Welt zahlt den Preis für deren Leichtfertigkeit und Egoismus. Dieses Virus deckt die Anfälligkeit der Weltgesellschaft auf, ihre Ungleichheit, ihren Mangel an Solidarität. Es erinnert uns, dass wir alle dasselbe Schicksal teilen. Niemand wird den Auswirkungen der ökologischen Krise entgehen, die bereits im Gange ist.

Felwine Sarr, geboren 1972, lehrt Ökonomie in Saint-Louis, Senegal.

07.04.2020 / Krise Tag 25 /


www.youtube.com/watch

Kein Schwein ruft mich an
Keine Sau interessiert sich für mich
So lange ich hier wohn', ist es fast wie Hohn, schweigt das Telefon
Kein Schwein ruft mich an
Keine Sau interessiert sich für mich....

Achtet Adalbert auf Autos,
atmen Aale abends auch,
altern Affen aus Äthiopien
auch am Affenbauch???


Everswinkel (gegründet im 10. Jahrhundert)

E E wie Ewig, Eine Ewigkeit,
V Vitus, Heiliger, auch Veit,
E Ernst reckt sich St. Magnus in die Luft,
R Radfahren im Heidbusch, wo ein Häher ruft,
S Spieker, wilde Schweine, die hier Ewer heißen,
W Wieningen, wo Füchse Beute reißen,
I In't läswinkel, was für'n Winkel, kann's nicht fassen,
N Naschen, Leben auf dem Markt, gelassen,
K Kurzweil, Ems und Mussenbach und Angel,
E Everswinkel, Vitusbad, beim Schützenfest Gerangel,
L Leben, Ruhe, sanftes Land, dafür ist der Ort bekannt.


08.04.2020 / Krise Tag 26 /

die sonne scheint,
die vögel singen,
ich bin bereit,
dem leben neuen sinn zu bringen,
ich trete einen schritt zurück,
ich bleib zuhaus', ich habe glück,
ich habe eine wohnung, hab' zu essen,
ich schäme mich,
dass wir die flüchtenden vergessen,
ich blende viele bilder aus,
ich informiere mich,
doch panik kommt mir nicht ins haus,
ich bin stabil, ich übe stille ruh',
ich heb' mich auf, ich bete ab und zu
für eine zeit danach,
für eine bessere welt,
für einen impfstoff,
und für einen menschen,
der sich an die regeln hält,
das jahr zweizwanzig, wird man später sagen,
hat unglück und die große chance in die welt getragen,
die chance, uns zu besinnen,
und neues zu beginnen.


danket dem dativ,
dem dullen dämpfer,
drückt dem den daumen,
dem's dunkel dräut,
drosselt die doofen,
das drückt depression,
dankt doppelt dem dativ,
ach, dem hatten wir schon???

im gegenlicht flirrt glück
falter taumeln ins all
ich weiche scheu zurück
und alles ist der fall

der augenblick geht drüber
und drunter im gebet
ein nachtsaum legt sich nieder
die venus scheint zu spät

der mond hängt seine schleifen
in trock'ne, warme luft,
ich will den himmel greifen
und lange in die gruft

noch immer dieses flirren
momente einer nacht
ich will das all entwirren
nichts steht in meiner macht


09.04.2020 / Krise Tag 27 /

Man hätte,
als die toastbrotdicke Katze
zum ersten Mal
vor dem Balkon auftauchte,
NEIN
gesagt
und nicht gewagt,
sie doch herein zu bitten,
dann hätte man allein gelebt
und sich an ihrer Schönheit nie
geschnitten.

Doch da man JA rief,
ja, du fettes Ding, komm her,
hat man es jetzt
doppelt so schwer,
sie abends nur ein Stück
vom Fußende des Betts nach rechts zu schieben,
denn schließlich will man selber richtig liegen,
und nein zu sagen,
wenn sie wieder ihre Lieder singt,
mit denen sie den Mensch' zum Essengeben zwingt,
und Acht zu geben, wenn sie kämpfen will,
und zuzuhören, wie sie schnurrt,
so still.

Seltsam ist auch,
dass noch kein fester Name für sie gilt.
Der eine nennt sie Puuss,
der andre Mopsi,
Anna war auch schon im Spiel,
doch da sie sowieso nicht hört,
macht das nicht viel.

Sie ist,
wie manche sich den Buddha wünschen,
sie muss nichts tun, und es genügt ihr, da zu sein.
Sie ist zuweilen unsichtbar, doch wir sind nie allein.

Kleiner Exkurs über das Klima

Als ich vor vierzig Jahren hier einzog, war die japanische Kirsche vorm Küchenfenster noch klein. Mittlerweile reicht sie bis zur Dachrinne, und jedes Jahr erwarte ich ihre Blüte. Wenn ich Glück habe, strahlt sie eine Woche, eh sie ihre Blütenblätter abwirft, die wie zartrosa Schnee über die Straße wehen, durchs Küchenfenster, durch die Balkontür, überall hin.
Ich habe sie jedes Jahr fotografiert. Jedes Jahr hat sie mich glücklich gemacht. Dieses Jahr nicht.
Ich will, dass es aufhört. Ich ertrage es nicht.

2015 blühte sie am 24.04.
2016 am 20.04.
2017 am 7.04.
2018 am 19.04
2019 am 9.04.
2020 am 9.04.


10.04.2020 /Krise Tag 28 /

Karfreitag. Kummertag, so die Herleitung aus dem Althochdeutschen, hat in der Geschichte des Christentums eine herausragende Bedeutung. Seltsam, dass es eine Analogie zur Gegenwart gibt. Er war immer schon ein Tag des Lockdown, wie wir das im Augenblick nennen. Nicht, dass man nicht hätte ausgehen und Freunde treffen können, nein, das nicht, aber nichts passierte. Die Welt stand still. Es gab keinerlei Vergnügungen. Sie waren verboten. Als junger Mensch habe ich das nicht verstanden, er hat mich genervt und jedes Mal ratlos hinterlassen. Er hatte keine Bedeutung für mich. Noch heute muss ich nachschauen, wofür er eigentlich steht, obwohl ich es als Konfirmand gelernt hatte.

Ich stamme aus einem Haus, in dem Gott keine Rolle spielte. Meine älteste Schwester Ingrid lag im vierten Kriegsjahr 1943 an Scharlach erkrankt auf der Isolierstation des katholischen Krankenhauses in Gronau, sie war drei Jahre alt, und meine Mutter durfte sie nur durch eine Trennscheibe sehen. Wie heute gab es gravierenden Engpässe, Medikamente standen nicht oder nur begrenzt zur Verfügung. Als sie deshalb starb, blieb meine Mutter verzweifelt und allein zurück. Mein Vater war Soldat in Afrika. Jeder Tag hätte auch seinen Tod bringen können. Nachrichten von ihm kamen spärlich und brauchten ein Weile. Meine Mutter hätte beten können, Trost finden, wie ich Trost im Gebet fand, als meine Frau vor fast 11 Jahren am Krebs starb, aber sie hat Gott den Tod ihrer Tochter nie verziehen. Und so blieb Gott für mich zwar denkbar, war aber nie Teil meines Alltags, und mit der Kirche und ihren tröstenden Ritualen schon gar nicht verknüpft.

Heute kann man Gott in allem denken und sehen, seine Schöpfung ist großartig, seine Liebe gilt allen und allem, ich spüre sie, mache ihn aber nicht verantwortlich für das, was mit der Welt und uns Menschen geschieht. Menschenwerk ist etwas anderes. Gottes Ratschluss und seine Wege, heißt es, seien unergründlich. Soviel Wissen über unser Nichtwissen gab es noch nie, sagt der Philosoph Jürgen Habermas über die Coronakrise. Und so bleibt der Karfreitag ein Tag der Besinnung.

Früher konnte man in die Kirche gehen. Im Augenblick kann man nicht einmal das. Zum ersten Mal in der zweitausendjährigen Geschichte des Christentums finden am Karfreitag und Ostern keine Messen statt. Das Oberhaupt der katholischen Kirche, ein den Menschen zugewandter Mann, muss seinen Gottesdienst allein feiern, der Segen, den er den von Sorgen geplagten Menschen spendet, wird online gestreamt.

Der Lockdown der Gegenwart hat viel mit dem Kummer und der Trauer der Christen gemein, denn Ostern folgt, und die Hoffnung kommt in die Welt. Hoffnung ist aus psychologischer Sicht eine Illusion, die Physiker sind bei aller Erkenntnis ebenso ratlos wie alle, das Universum ist zwar berechenbar, aber letztlich unergründlich.

Wenn wir jetzt in den Himmel schauen, stellen wir fest, dass die Sterne heller strahlen als sonst. Die Venus ist klar wie nie. Der Grund ist simpel, es ist weniger Dreck in der Luft. Metropolen melden eine deutliche Luftverbesserung.

Ich will, dass das so bleibt. Ich will, dass die Welt sich besinnt. Ich bin vor Hoffnung verrückt, aber ich traue weder mir noch uns. Ich fürchte, wir warten nur darauf, dass der Tanz ums Goldene Kalb endlich wieder losgeht. Die Kriegsgewinnler stehen längst in den Startlöchern. Ich will, dass die Politik sich eindeutig positioniert. Wir können nicht weitermachen wie bisher. Die Corona-Krise ist ein Signal. Jetzt ist jeder ist gefordert. Darum lassen Sie uns beten. Ich, als Gottloser, der jeden Tag mit Gott spricht, Sie, mit einem anderen Gottesbegriff. Es ist egal, wie Sie Gott denken. Denken Sie ihn, wie immer er ihnen am liebsten ist, und richten Sie all Ihre Energie auf eine Zukunft, die besser wird.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gesegnete Ostern.

Ihr Dorfschreiber


11.04.2020 / Krise Tag 29/

Corona, königliches Liebchen,
du bist ein hübsches Ding,
ich schreibe dir ein Liedchen,
das ich zum Abend sing.

So'n Frollein mit so vielen Kronen,
so eine Zicke, die durch Lungen schleimt,
ich lasse dich nicht bei mir wohnen,
bah, bist du abgefeimt.

mir geht dein adel auf den sack,
perverses volk, das auf sein volk schiss,
meist arbeitsscheues pack,
iss kuchen, wenn du arm bist.

mein liebchen, schöne königin,
an deinem kleid gibt's nichts zu meckern,
du bist die schöpfung ohne sinn,
du klotzt, du willst nicht kleckern.

verständlich, aber wir sind auch noch da,
und wie du weißt, dumm sind wir nicht,
klug leider auch nicht, aber wahr,
ist, wir sind dein gericht.

wir werden sagen, vorsätzlicher mord,
wir werden jede klage klagen,
wir jagen dich von süd nach nord,
von ost nach west, und du wirst sagen,

es tut mir leid, ich wollte doch nur leben,
ich tat doch nur, was mir mein plan befahl,
wir werden sagen, siehst du, deshalb eben,
hau'n wir dich an den pfahl.


12.04.2020 / Krise Tag 30 /

Wir schaffen das

Genießen Sie die außergewöhnliche Ruhe, die überm Land liegt. So sollte sich die Welt anhören. So kann sie sich sie sich anhören. Und wenn wir all unsere Energie darauf richten, wird sie sich eines Tages wieder so anhören. Das ist meine Osterhoffnung.
Ich wünsche Ihnen gesegnete Ostern."

13.04.2020 / Krise Tag 31 /

Heute
ist mir so nach Poesie,
Reime über die
in Dachrinnen so vogelfrei sind, spinnen,
und im Freien Lieder singen.

Ach,
beginne nie mit ach,
schaue lieber hoch zum Dach,
wo der Sperlingsmann
die Sperlingsdame pitschert,
die leis' zwitschert.

Er hält flügelschlagend Gleichgewicht,
sie tut's nicht.

Er muss immer wieder neu anfliegen,
sie wird siegen.

Er darf anschließend das Häuschen bauen,
sie wird schauen.

Ja, der Reimkuss
hat was, aber was denn,
was, wenn das denn noch mit rein muss,
ist dann Schluss?

Ja.

Mal angenommen, diese Welt wäre die andere Welt, die, von der man immer träumt, weil man in dieser nicht voran kommt, sie nicht mag, ihr misstraut oder einfach, weil man ein Träumer ist, also angenommen, dies wäre die andere Welt, was wäre ich dann, heute, jetzt, hier? - Nun. Bis mittags wäre ich ein glücklicher Schläfer, ab Mittag ein Wolken- und Lichtmaler, der sich darauf verstünde, die Dynamik des wechselnden Lichtes darzustellen, wie es urplötzlich hervorbricht und die Landschaft blitzblank putzt, so dass alles, was schäbig aussieht, schäbig aussieht, aber das, was schön ist, wunderschön wird. Ja. Das wäre ich. Ich würde nicht mit Farben geizen. Ich wüsste für jede Wolke den passenden Namen. Ich könnte mit Vögeln sprechen, während ich vor meiner Staffelei stünde und atmete. Das würde schon reichen. Abends aber wäre ich Bassist. Bassist einer Band, der es ohne sichtbare Mühe gelänge, Säle voll skeptischer Menschen zur Raserei zu bringen. Ja. Das wäre ich, wenn. Aber da ich bin, was ich bin, bin ich. Ich kann die See riechen, ich höre Amseln singen und Rotkehlchen, ich wundere mich, dass die Spatzen nicht mehr zum Fressen kommen, aber die Amsel wohl. Der Katastrophe begegne ich mit Respekt, aber ich fühle mich stark.


14.04.2020 / Krise Tag 32 /

Ich brauche Zeit, eh' ich in den Schlaf finde. Oft treiben Gedanken quer, manchmal ist es aber auch Furcht. Wie soll das weitergehen, sagt dann die Stimme, und hindert mich, loszulassen und durch die Pforten des kleinen Todes zu gehen. Dann liege ich da und überlege, wie ich ihm ein Schnippchen schlage könnte. Alles ist gut, sage ich mir, aber die anderen Stimmen sind lauter.

Meine Eltern haben den Krieg erlebt, ich habe immer nur von Kriegen gelesen. Von Hunger, Elend und Ungerechtigkeit. Ich gehöre zur "Goldenen Generation". Jetzt aber, vier Wochen nach dem 13. März, der für mich die Zäsur in eine nie gedachte, nicht einmal vorstellbare Welt bedeutet, liege ich wach und habe keine Antwort. Ich meide Tagesschau und Talkshows, es beunruhigt mich, streitenden Menschen zuzusehen, die auch nicht wissen, wie es geht. Man muss nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden. Immerhin, unser Bundespräsident spricht davon, dass das "Höher, Schneller, Weiter" vorbei sein muss. Alles ist gut, flüstere ich, alles ist gut, rufe ich dem Mond zu, als wäre es ein Gebet, aber es funktioniert nicht.

Dann fällt mir der Psalm 6 ein.

Ach, Herr,
strafe mich nicht mit deinem Zorn
und züchtige mich nicht in deinem Grimm.
Sei mir gnädig, denn ich bin schwach.


Heile mich, Herr,
denn meine Gebeine sind erschrocken,
und meine Seele ist sehr erschrocken.

Ach, du, Herr, wie lange!

Wende dich, Herr, und errette mich.
Hilf mir um deiner Güte willen.

Ich bin so müde vom Seufzen,
ich schwemme mein Bett die ganze Nacht
und netze mit meinen Tränen mein Lager.

Mein Auge ist trübe geworden von Gram und matt,
weil meiner Bedränger so viele sind.

Weichet von mir, alle Übeltäter,
denn der Herr hört mein Weinen.

Der Herr hört mein Flehen,
mein Gebet nimmt der Herr an.

Mit diesem wundervollen Text möchte ich Sie in die neue Woche bringen.
Mir hat er oft geholfen.


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Guckst du hier:

www.facebook.com/hermann.mensing/posts/3477709048910307


15.04.2020 / Krise Tag 33 /

Liebe Everswinkler,

ich weiß nicht, wie das Leben in Everswinkel funktioniert, denn ich lebe ja nicht, wie geplant, im Dorf, ich bin umständehalber der erste Dorfschreiber des Universums, der seinen Job vom Home-Office betreibt. Ich weiß auch nicht, ob Ihnen gefällt, was ich täglich schreibe, aber das zu ergründen ist auch nicht meine Sache. Meine Sache ist die Literatur.

Ich bin kein Journalist, aber heute habe ich so getan, als wäre ich einer. Ich habe Frau U. angerufen, die in der katholischen Pfarrbücherei arbeitet. Arbeiten würde, muss ich der Wahrheit halber anfügen, denn sie hatte sich noch vor dem Ausbruch der Corona-Krise eine schwere Grippe zugezogen, die sich zu einer Lungenentzündung ausweitete. Sie hat das ganze medizinische Prozedere durchlaufen, das auch ein schwer am Covid19-Virus erkrankter Patient durchläuft. Intensivstation, künstliche Beatmung, etwas Beängstigendes, wie sie sagt. Aber sie hat sich gut aufgehoben gefühlt im Münsteraner Franziskus-Hospital, das schon früh auf die schrecklichen Nachrichten aus aller Welt reagiert und eine Station nur für Corona-Patienten freigeräumt hat.

Nun ist sie genesen, aber natürlich muss sie sich vorsehen, ihr System ist geschwächt, sie braucht Zeit zur Rekonvaleszenz. Sie zu besuchen, wie ich eigentlich geplant hatte, geht da natürlich nicht, sie lebt in häuslicher Quarantäne, Lebensmittel werden ihr vor die Tür gestellt. Aber sie ist guten Mutes, sie liest, sie strickt, und sie hat einen Garten, in dem sie sich ungestört und ungefährdet aufhalten und beschäftigen kann. Das mit der Beschäftigung, sagt sie, sei sehr wichtig, was ich bestätigen kann, dernn auch ich habe mir viele Schrecken der Gegenwart durch Beschäftigung vom Halse halten können, wenn auch nicht immer, wie Sie aus meinen Texten auf meinem Dorfschreiber-Blog entnehmen können.

Für Frau U, für mich und hoffentlich auch für Sie geht es mit kleinen Schritten aufwärts. Die Statistiker, selten so gefragt wie im Augenblick, bestätigen das. Süchtig nach aufmunternden Nachrichten bin ich froh, dass es sie gibt. Dennoch haben sich zwischen der blühenden Frühlingsnatur und dem Geschehen der Welt tiefe Gräben aufgetan. Sieht man von den inkompetenten Staatslenkern ab, die sich in Beschwichtigungen,Lügen und Ausreden flüchten, sich ansonsten in ihrer Macht sonnen, gibt es eine erfreuliche Tendenz, denn wie jede Krise teilt auch diese die Spreu vom Weizen. Ich entnehme der Presse viel Ermutigendes. Gedanken, die noch vor sechs Wochen kaum ins politische Kalkül einbezogen wurden, bieten jetzt Perspektiven, an denen man sich ausrichten will. Hoffen wir, dass es so kommt.

An einem der nächsten Tage werde ich nach Everswinkel fahren. Ich werde durchs Dorf gehen, ich werde beobachten, notieren, und vielleicht ergibt sich daraus ein Text. Von einer Leserin meines Blogs weiß ich, dass sie nicht zu allem, was ich schreibe, Zugang findet. Aber das ist auch nicht notwendig. Meine Aufgabe ist es, der Welt mit Text die Stirn zu bieten. Und die Welt, das wissen Sie selbst, ist im Großen und Ganzen nur schwer zu verstehen. Ich schlage daher vor, dass Sie die Texte, die ich online stelle, mit größter Unvoreingenommenheit lesen. Fragen Sie sich nicht, was dieses oder jenes zu bedeuten hat, versuchen Sie zu genießen. Lassen Sie sich von Fragen, die beim Lesen auftauchen, nicht den Kopf verdrehen. Nehmen Sie sie als Herausforderung, so wie jeder Tag in diesen erschütterten Zeiten eine Herausforderung darstellt.

Literatur ist Kunst, manche sagen, Kunst käme von Können, aber stimmt das? Literatur hat ihre ureigene Bedeutung. Sie fügt der Wirklichkeit Facetten hinzu, die Sie vorher nicht kannten. Lassen Sie sich also verzaubern. Und melden Sie sich, wenn Sie Fragen haben. Die Initiatoren des Kulturkreises Everswinkel und ich sind ein wenig enttäuscht, dass es so gut wie keine Rückmeldungen auf den Blog gibt. Das ist schade. Aber vielleicht dreht sich der Wind, das würde uns freuen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Mittwoch, den 32. Tag dieser Krise, zumindest ist er das für mich, denn am 13. März hat sich für mich alles verändert. Denken Sie daran, was für ein großartiges Fest wir feiern werden, wenn das Schlimmste vorbei ist. Aber vergessen Sie nicht, dass wir bis dahin noch viel Geduld aufbringen müssen. Halten Sie sich an die Regeln, schützen Sie sich und andere, es wird besser, davon können Sie ausgehen.

Herzlichst, Ihr Dorfschreiber Hermann Mensing


16.04.2020 / Krise Tag 34 /

Liebe Everswinkler,
heute früh habe ich mit Herrn Kortenjann, dem Pressesprecher der Feuerwehr, telefoniert. Die unten stehende Information ist von ihm. Morgen werde ich nach Everswinkel fahren, mich auf dem Wochenmarkt ein wenig umsehen und Herrn Kortenjann treffen. Darauf freue ich mich.

Freundeskreis Sponheimer Hof

Geschäftsleute, Gastronomen und Bürger rücken auch in Everswinkel in der Coronakrise enger zusammen. Öffentliche Veranstaltungen wie das Frühlingsfest können in diesem Jahr leider nicht wie gewohnt stattfinden. Ein fester Bestandteil vieler Feste im Vitusdorf ist seit Jahren Winzer Heinz Schütz mit seinem Weinstand. Damit die Everswinkeler in dieser besonderen Zeit nicht auch noch auf die Moselweine aus Enkirch verzichten müssen, bietet der Everswinkeler Freundeskreis Sponheimer Hof ab sofort einen kostenfreien Wein-Lieferservice an. Der Freundeskreis besteht seit rund zehn Jahren und besucht das Winzerehepaar Heinz und Gisela Schütz, die gebürtig aus Everswinkel stammt, regelmäßig. „Wir wollen den Sponheimer Hof mit dieser Aktion unterstützen und auch den Everswinkelern eine Freude bereiten." Ausgeliefert werden die Weine kontaktfrei, und auch kleinere Bestellmengen sind möglich. Alle Angebote und Serviceleistungen gibt es im Internet.


Mensing senkt erneut die Preise

Der Autor Mensing will in diesem Jahr aufgrund der Carona-Krise seine Preise erneut radikal reduzieren. "Ich werde meine Kosten - und natürlich auch meine Preise - in diesem Jahr nochmals um bis zu 20 Prozent senken", sagte M. in einem Interview mit dem Magazin "Capital". Gleichzeitig werde der Umsatz weiterhin rasant zulegen. "Ich wachse noch mindestens vier, fünf Jahre lang um ein Viertel und mehr und werde dann etwa 280 cm groß sein", sagte Mensing.


17.04.2020 / Krise Tag 35 /

morgens um sieben

wer hätte mich gerettet,
wenn nicht du und ich,
wer hätte dir kaffee ans bett gebracht
und mir zu abend pfannkuchen gemacht,
wer hätte diese welt verwirrt,
wer brächte mir geduld bei,
ist es nicht so, dass leben niemals irrt,
wer klärt die lage mit dem senkblei,
wer bringt die welt zurück ins lot,
ich liebe sie, und wär ich morgen tot,
träfe ich alle wieder und wär' frei.

18.04.2020 / Krise Tag 36 /

Liebe Everswinkler,

hat ein Dorfschreiber überhaupt am Wochenende frei? Ich glaube nicht. Dorfschreiber, Schriftsteller, Dichter - all das bin ich in Personalunion - haben eigentlich nie frei und werden zudem noch unterirdisch schlecht bezahlt. Mindestlohn gilt für sie nicht, Selbstausbeutung ist Programm. Dennoch schreiben Sie - schreibe ich.
Gestern war ich in Everswinkel. Zwischen 14 und 17 Uhr bin ich herumgegangen, habe Frau Hoffmann vom Eine-Welt-Laden interviewt, mit einem Fischverkäufer, einer Apothekerin und Passanten gesprochen. Das ist natürlich eine ganz andere Sache, als vom Home-Office etwas über eine Gemeinde zu schreiben, die knapp 25 Kilometer von meinem Wohnort entfernt liegt und der Ausgangsbeschränkungen wegen nicht täglich zu bereisen ist. Eines aber kann ich schon jetzt sagen: wenn ich im nächsten Jahr in Everswinkel wohne, werde ich an jeder Tür, die mir interessant erscheint, klingeln und den Menschen Geschichten aus der Nase ziehen.
Und noch etwas: am 29. April 2020, einem Mittwoch, wird auf WDR 5 um 10:00 in der Sendung "Neugier genügt" ein Interview mit mir zu hören sein. Diesen Termin sollten Sie sich merken.

ab montag
werden sie sich wieder in die läden stürzen,
sich endlich wieder jeden wunsch erfüllen,
sie werden ihre leere mit gekauftem würzen
und ihre sehnsucht mit kreditkauf stillen.

ich seh und höre sie, sie atmen schwer,
sie hatten jetzt vier wochen keinen einkauf mehr,
ich sehe, wie sie in die masken sabbeln,
mit ihrer leibesfülle vor begeist'rung schwabbeln.

mir wäre lockdown dann doch lieber,
er böt' noch eine weile schutz vor diesem einkaufsfieber,
und wäre ich ein hellseher, sagt' ich voraus,
die rückkehr zum gewohnten wird ein graus.
.
noch grausliger als das, was jetzt vier wochen war
und sein wird, noch das ganze jahr.


19.04.2020 / Krise Tag 37 /

Beim Kaffee ploppte eine Erinnerung meines Terminkalender auf meinem Tablet auf: 11:00 Begrüßung des Dorfschreibers bei Arning. Da die ja nun umständehalber nicht stattfinden kann, erlauben Sie mir eine kleine Zeitreise. Zeitreisen, der ein oder andere wird davon gehört haben, unterliegen strengsten Gesetzen, ähnlich den Corona-Beschränkungen. So darf ein Zeitreisender an dem Ort, den er bereist, nichts, aber auch gar nichts verändern, denn jede Intervention würde die Zeit, aus der er angereist ist, verändern. Dieses Gesetz gilt in der Science-Fiction-Literatur seit mehr als 50 Jahren.

Also: Vorsicht bei Zeitreisen.

Der Dorfschreiber lebt in einer geräumigen Wohnung in der Schulze-Delitzsch-Straße. Er ist erst seit vier Tagen dort, weiß noch nicht, wie der Hase hoppelt, und hat auch noch keinen Frieden mit dem neuen Mobiliar geschlossen. Zwei oder drei Bilder seiner Kunstsammlung stehen herum, sind aber noch nicht aufgehängt.
Er hat nicht besonders gut geschlafen, weil er weiß, dass er eine gute Figur machen sollte. Also denkt er zunächst darüber nach, was er anziehen könnte. Seit er in Münster das Geschäft der Wohlfahrsorganisation Oxfam entdeckt hat, das in bester Lage ein Ort ist, an dem gut situierte Münsteraner ihre Garderobe abgeben, um ihr soziales Gewissen zu beruhigen, ist er dort Stammgast. Er hat ein gutes Auge, und so sind über die Jahre fast zwanzig Jacketts in seinen Besitz übergegangen. Alle von bester Qualität, Boss, Joop, Armani, Lagerfeld, keines teurer als zwanzig Euro. An manchen waren noch nicht einmal die gepaspelten Taschen geöffnet. Er entschließt sich für das Lagerfeld-Jackett, es ist tailliert, und macht "einen schlanken Fuß". Eine Jeans dazu, oder? Ja.

Er geht in die Küche, setzt einen Kaffee auf, den er nur zur Hälfte trinkt, schwingt sich auf sein rotes Dorfschreiberrad und fährt in die Stadt. Bei Arning war er noch nie, deshalb kann er auch in dieser Fiktion, die eine doppelte ist, keine Auskunft über das Interieur der Gaststätte liefern. Aber er stellt sich vor, dass es eher altdeutsch ist, westfälisch, urig.

Ob der Bürgermeister kommt? Die Mitglieder des Kulturkreises werden bestimmt da sein. Man hat ihn gefragt, ob er eine kleine Rede halten wolle. Er hat genickt, nachgedacht und sich darauf verlassen, dass eine Rede immer dann gut werden kann, wenn er sie improvisiert. Improvisation ist eine Kunst, mit der er sich schon sein Leben lang beschäftigt.

Vielleicht wird er sogar ein Gedicht vorlesen. Aber was für eines? Bloß nichts Ernstes, denkt er. Aber auch nichts zu Launiges. Vielleicht eines von einem Kollegen? Von einem, den alle kennen? Vielleicht. Als er die Alverskirchener Staße hochfährt, denkt er, dass es gereimt sein sollte. Nur wenn sich's reimt, ist's ein Gedicht. Reimt es sich nicht, ist es es nicht, denkt er, was natürlich Blödsinn ist, aber er ist in Everswinkel, Everswinkel ist ein ruhiger Ort, und er will niemanden verschrecken. Obwohl, denkt er, als er sein Rad vor Arning abstellt, so ein kleiner Bürgerschreck wäre auch nicht von schlechten Eltern, oder? Er zieht sein Tablet auf der Tasche und scrollt die dort gespeicherten Gedichte. Aha, denkt er, da ist ja eines. Dann tritt er ein.

Auf wieder einer anderen Zeitebene wäre der Raum jetzt rauchgeschwängert. Dreißíg, vierzig Menschen sind gekommen. Man begrüßt ihn. Er schüttelt Hände, Das waren noch Zeiten, als man Hände schüttelte. Er spürt, dass man ihm nichts Böses will. Man ist nur neugierig. Die Sprecherin des Arbeitskreises Literatur hält die Eröffnungsrede, der oder der Dorfobere spricht ebenfalls ein paar Worte, dann muss Mensing ran.

Hier endet die Zeitreise. Vielleicht ist noch ein Süppchen gereicht worden. Gerstenkaltschalen wurden zum Zuprosten gereckt, Mensing hat kein dummes Zeug geredet, sondern sich kurz gehalten. Er hatte sogar ein paar Lacher. Lacher sind immer gut.

Als es vorbei ist, schwingt er sich wieder auf sein Dorfschreiberrad, fährt zurück in seine Wohnung, setzt sich in einen Stuhl auf seiner Terrasse und flirtet ein wenig mit den Hauskatzen. Drei Monate wird er jetzt hier sein. Eine lange Zeit. Beängstigend lang, wenn man bedenkt, dass er noch nie Dorfschreiber war, aber irgendetwas ist immer neu in jedem Leben, und er hat nichts gegen Herausforderungen, im Gegenteil.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Sonntag.
Bleiben Sie gesund. Halten Sie Abstand und lassen sich kein X für ein U vormachen.

20.04.2020 / Krise Tag 38 /

Guten Morgen,

es ist Montag, mein Home-Office ist geöffnet. Ich habe die ersten Mails heruntergeladen und gelesen, was in Everswinkel alles passiert ist. Menno! Da kann ich nicht gegenhalten. Trompetensolos von der Spitze einer Feuerleiter, Drive-In-Spargelhöfe, Malworkshops, Online-Lesungen... Ich bin einfach zu weit vom Schuss. Aber es gibt Hoffnung. Nächstes Jahr werde ich vor Ort sein und jeden Quadratmeter der Gemeinde auf Geschichten beackern.

Freitag allerdings war ich vor Ort. Ich war auf dem Wochenmarkt. Ich war früh, ich hatte eine erste Runde gedreht und mich entschlossen, Kibbeling zu essen, einen Euro billiger als zuhause, da kann man mal sehen, wie schnell die Preise fallen. Der Fischverkäufer kommt aus Steinhagen. Au, sage ich, das ist ja ein Stückchen weg. Naja, sagt er, so weit nun auch wieder nicht, wenn er nach Everswinkel komme, mache er morgens Station in Herzebrock, dann rechne sich das. Hinter mir stehen eine kräftige Frau um die 60, die sich ein wenig aufstützen muss, und ein Paar um die Vierzig mit Tochter im Kinderwagen. Für einen Kinderwagen ist sie schon ein bisschen groß, finde ich, aber sie ist die Prinzessin, und sie möchte auch einen Backfisch. Das Paar und die Frau haben ein Thema. Dass es langsam nervt, sagen sie, dass es vorbei sein soll.

Ich nehme meine Portion Fisch, kreuze den Markt und setze mich auf eine Bank neben einem gesperrten Spielplatz. Mir gegenüber ein behauener Stein, mit dem ich nichts Rechtes anzufangen weiß. Auf jeden Fall ist es Sandstein. Und mittig ist ein Loch hineingetrieben, groß genug, um seinen Kopf hineinzustecken, aber das mache ich nicht. Eine Armlänge weiter unten rechts verschwindet eine Maus im Stein, nur ihr Hinterteil ist zu sehen. Kunst also? Ich frage Passanten, aber niemand weiß Genaueres. Erst später klärt sich die Sache. Es ist eine Arbeit von Stefan Lutterbeck, Bildhauer aus Everswinkel. Eine Stele von ihm steht nicht weit vor St. Magnus und erinnert an die Webertradition des Ortes, eine andere auf dem Kreisverkehr in Alverskirchen.

St. Magnus schlägt drei. Eine Frau trägt einen 10-Kilo-Sack Kartoffeln nach Hause, eine Mutter steigt aus ihrem Kombi, ruft in ein Handy, dass sie nun gleich da sei, und versucht gleichzeitig, ihre beiden Kinder aus den Kindersitzen zu schälen. Multitasking, nennt man das, oder? Können Frauen besonders gut.

Drüben sind die Sparkasse, die Apotheke, auf einem Reklameschild von 'alltours' hockt eine gurrende Taube. Meine Nase juckt. Niemand ist in der Nähe, ich kann also niesen, ohne in Verdacht zu geraten. Dabei ist so ein herzhaftes Frühlingsniesen etwas Wundervolles. Außer singenden Vögeln höre ich von fern ein Motorrad, das durchs Dorf knattert. Wo könnte man alles hinreisen. Sommer in der weißen Welt. Hawai. Canada. Namibia. Island, die schönsten Plätze. Die ganze Welt steht zum Ausverkaufspreis bereit, aber wir bleiben hier. Hier ist es auch schön.

Ich habe gleich eine Verabredung mit Frau Hoffmann vom Eine-Welt-Stand. Davon erzähle ich aber erst morgen. Jetzt muss ich eine Tür abschleifen.


21.04.2020 /Krise Tag 39 /

Der Kulturkreis hatte mir eine Liste von Everswinklern geschickt, die Interesse hatten, mit mir ein Gespräch zu führen. Da ich die Ausgangsbeschränkungen der Gegenwart respektiere, musste ich mich entscheiden, und entschied mich für ein Treffen mit Frau Hoffmann, die den Eine-Welt-Stand auf dem Everswinkler Wochenmarkt führt.

Eine Welt, dachte ich, das ist ein einleuchtender Gedanke, den alle denken sollten, nicht nur in Zeiten der Krise, sondern grundsätzlich, denn mehr als Eine Welt haben wir nicht. Eine Welt, in der für alle gleiche Rechte herrschen. Leider ist das nach wie vor Utopie. Aber lieber einer Utopie nachhängen als einer Dystopie.

Der Gedanke, sich für 'Eine Welt' zu engagieren, kam ihr, als ihre Tochter nach dem Abitur nach Brasilien reiste. In Bacabal, einer Stadt in Nordosten Brasiliens im Bundesstaat Maranaho, lernte sie einen Franziskaner kennenlernte, der eine Missionsstation betrieb, in der Indigene medizinische Hilfe erhielten, ihre Kinder zur Schule schicken und zu fairen Konditionen arbeiten konnten. Ein Produkt war Astharol, ein Bronchialsaft. Frau Hoffmanns Tochter lernte einen brasilianischen Künstler kennen, und - so ist das Leben in Einer Welt - verliebte sich in ihn. Dieser Künstler zeichnete unter anderem Postkarten. Frau Hoffmann besuchte ihre Tochter, und damit nahm alles seinen Lauf. Sie, eine gelernte Ökotrophologin, beschloss, Dinge, die in der Missionsstation hergestellt wurden, zu importieren. Ein Pastoralreferent bot ihr das Bischofshäuschen in Everswinkel an, um dort einen kleinen Eine-Welt-Laden zu eröffnen. Das muss in den späten 90er Jahren geschehen sein. Der Laden war klein, der Umsatz bescheiden, und Frau Hoffmann überlegte, einen Marktstand aufzubauen. Der wäre sichtbarer. Mit Hilfe von Everswinkler Bürgern gelang es ihr, die Kaufsumme für einen Anhänger aufzubringen.

2002 war es soweit. Der Anhänger wurde umgerüstet, der erste Eine-Welt-Stand in Everswinkel stand nun jeden Freitag auf dem Wochenmarkt. Die Umsätze waren gering, aber immerhin, man arbeitet ehrenamtlich, und die Gewinne wurden an die Missionsstation in Bacabal überwiesen. Auch Kleinvieh macht Mist, und jeder Euro zählt. Frau Hoffmann ist eine engagierte Frau. So ein Wochenmarkt fordert einiges an Arbeit, egal, welche Jahreszeit gerade das Regiment übernommen hat, ab 14.00 ist der Eine-Welt-Stand vor Ort. Mittlerweile ist das Sortiment gewachsen, es gibt fair gehandelten Kaffee, es gibt Literatur, es gibt Schokolade, Honig, Kekse, von deren Qualität ich mich vor Ort überzeugen konnte. Ich kaufte außerdem einen fair gehandelten Bio-Kaffee aus Mexiko, der vorzüglich schmeckt. Dunkel gebrannt, so, wie ich ihn mag.

Als wir - Distanz haltend und Masken tragend - beieinander saßen, kamen Bekannte vorbei und blieben für einen Plausch. Herr Hoffmann, ehemals Lehrer, der sich in einer Flüchtlingsinitiative engagiert, Schüler aus aller Herren Länder unterrichtet und, wenn möglich, in Arbeitsverhältnisse vermittelt. Das alles in Kooperation mit dem Kolping, der im Haus der Generationen eine Anlaufstelle betreibt. Dort gibt es Ansprechpartner der "Anti-Rost-Gruppe", eine informelle Initiative Everswinkler Bürger, die über eine WhatsApp-Gruppe organisiert ist, und immer da hilft, wo Hilfe nötig ist. Eine älterer Mensch benötigt jemanden, der ihm eine Lampe anbringt. Wer kann das? Bestimmt findet sich jemand.

Später stieß auch Herr W. zu unserem Gespräch, der seit zwanzig Jahren als freier Mitarbeiter für die Westfälischen Nachrichten aus Everswinkel berichtet, begeistert, wie er sagt, weil ihn diese Tätigkeit mit vielen interessanten Menschen zusammenbringt.

Mit all diesen Informationen fuhr ich heim. Vorher jedoch besuchte ich noch den Pressesprecher der Feuerwehr, Herrn Kortenjann, der mich zu einem Treffen der Feuerwehr an diesem Abend eingeladen hatte. Ich war mir aber nicht sicher, ich wollte nicht mit so vielen Menschen zusammentreffen, Sie wissen schon, Corona. Er schenkte mir zwei Festschriften. Eine zum 100jährigen und eine zum 125jährigen Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr. Heute würde man so etwas eine Bürgerinitiative nennen. Die Feuerwehr ist also auf der Höhe der Zeit.
Ein wenig erfuhr ich auch von der Komplexität der gegenwärtigen Organisation der Feuerwehr und ihrer Einsätze. Man fährt jetzt grundsätzlich mit zwei Einsatzwagen, wo früher einer mit 8 Insassen ausgereicht hätte. Auch die Feuerwehr muss Abstand halten. Und wenn irgendwo ein Unfall gemeldet wird, fährt man in Schutzkleidung, denn man weiß nie, auf wenn man trifft.
Als ich wieder zuhause war, stieg Freude in mir auf. Nächstes Jahr bin ich vor Ort, dachte ich.


Alle Kunst muss vor dem, was der Fall ist, zurückstehen.
Alle Kunst ist nichtig im Anblick des Lebens.
Alle Kunst ist lebensergänzende Unterhaltung.

AMEN


22.04.2020 / Krise Tag 40 /

Aphrodite

Das Meer ist ruhig, der Himmel bleich und blau, der Strand voller Menschen. Ein Mann steht bis zum Bauch im Wasser und winkt. Er ist dick, aber nicht fett.
Einer, der seinem Enkel winkt, denken manche, einer, der für ein Foto posiert, hier, schaut, Opa ist noch gut beieinander, aber kaum jemand bemerkt, dass er langsam aus dem Meer aufsteigt.
Er trägt eine rot-weiße Badehose.
Eine männliche Aphrodite?
Sind irgendwo Kameras versteckt?
Also, was geht da vor?
In biblischen Zeiten gab es derartige Erscheinungen, aber unter einem calvinistischen Himmel, an dem Möwen und Flugzeuge unterwegs sind?
Unwahrscheinlich.
Trotzdem steigt er Zentimeter für Zentimeter auf, und immer mehr Menschen bemerken, dass dort etwas vor sich geht. Viele denken, der Mann habe gekniet und sei aufgestanden, aber damit ist nicht zu erklären, wieso er jetzt fast auf der Wasseroberfläche steht, gleich darauf zwanzig Zentimeter darüber, um plötzlich mit irrwitzigem Schwung aufzusteigen, so dass sich alle die Augen reiben.
In fünfzig oder hundert Metern Höhe bleibt er stehen, taumelt wie ein Drachen hin und her, bis er sich stabilisiert hat und Kunststücke zu fliegen beginnt.
Die, die ihre Smartphones emporgerissen haben, staunen später nicht schlecht, dass ihre digitalen Zweitaugen nichts von dem registrieren konnten, was Augenzeugen im Brustton der Überzeugung erzählten.
Aber da Männer nie und nimmer aus dem Meer aufsteigen und am Himmel Kunststücke fliegen, ging man davon aus, dass es sich bei den Loops, Achten und atemberaubenden Sturzflügen, die in Pirouetten knapp überm Wasser endeten, um eine Massenhalluzination gehandelt haben müsse. Dabei beließen sie es und steckten ihre Smartphones weg.
Die Augenzeugen aber bombardierten die Medien mit Fragen. Sie hätten nicht halluziniert, sagten sie, Lügenpresse, riefen sie, dieses Wort passte für jede Gelegenheit, denn die Welt war so verwirrt, dass jederzeit sowohl das eine als auch das andere zur unumstößlichen Wahrheit erklärt werden konnte.
Die Medien wehrten sich. Spezialisten gaben Kommentare ab. Massenhalluzinationen seien nichts Ungewöhnliches, sagten sie, bis die Zeichnungen mehrerer Kinder auftauchten.
Auf denen sieht man das Meer, den blauen Himmel, die Möwen, Kondensstreifen und den fliegenden Mann, der, das muss allerdings angemerkt werden, auf einem Bild eine rote Badehose mit weißen Punkten, auf einem andere eine weiße mit roten Punkten und auf einem dritten ein rot-weißes Ringertrikot trug. Offenbar nehmen Kinder es mit ihrer Fantasie nie so genau, aber wozu sollte Fantasie gut sein, wenn sie nicht dürfte, was sie will. Abschließend kann man sagen, dass dieser Sommer voller Wunder war, die nie aufgeklärt wurden.

aus:
Hermann Mensing
Lesebuch
Wir denken, wir träumen
Nylands Kleine Westfälische Bibliothek
AISTHESIS VERLAG
ISBN 978-3-8498-1523-3
2020


Leseempfehlungen von Margret Uhkötter aus der kath. Pfarrbücherei

Und jetzt meine Bücherliste.
Sie werden sehen, dass es "querbeet" geht, was aber vorteilhaft ist, wenn Leser*innen beraten werden möchten.

Für alle, die fiktive Familiengeschichten während des Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit miterleben möchten:

Ulla Hahn: Das verborgene Wort
Hanni Münzer: Honigtot
Hanni Münzer: Marlene
Hanni Münzer: Heimat ist ein Sehnsuchtsort
Dörte Hansen: Altes Land
Dörte Hansen: Mittagsstunde
Peter Prange: Unsere wunderbaren Jahre
Peter Prange: Eine Familie in Deutschland
Katharina Hagena: Der Geschmack von Apfelkernen

Für Leser, die Thriller und Krimis mögen:

Dennis Lehane: Der Abgrund in dir
Melanie Raabe: Die Falle

Ein wortgewaltiger Roman ist:
Gerhard Jäger: Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod

"Eine Liebeserklärung an die Queen" zum Schmunzeln:
Alan Bennett: Die souveräne Leserin

Drei Frauenschicksale, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und doch miteinander verwoben sind:
Laetitia Colombani: Der Zopf

Eine Gedichtsammlung für Kinder und Erwachsene, sehr schön illustriert:
Woher kommen die Worte?

und

Anne Griffin: Ein Leben und eine Nacht

Ein Buch, empfohlen von Herrn Hesse aus der Buchhandlung Ebbeke, das auf meinem Tisch liegt.


23.04.2020 / Krise Tag 41 /

Der 40. Tag

Ostern ist Geschichte, Menschen gehen herum, als wäre nichts geschehen, im Supermarkt tragen nur die wenigsten Masken, obwohl doch eine Maskenpflicht vereinbart ist. Wenn ich mit meiner Maske herumgehe, ärgere ich mich über deren Sorglosigkeit. Glauben diese Menschen, das Schlimmste sei schon vorüber?

Ich neige nicht zur Panik, meine anfängliche Sorge, dass unsere Gesundheitssysteme überlastet werden könnten, hat sich gelegt, aber ich lese täglich Zeitung. Das RKI warnt vor einer zweiten Infektionswelle, das ist normal, jede Pandemie geht in Wellen herum, das war 1918 so, und das wird auch diesmal so sein.

Beim Bäcker fragte ich die zwei jungen Männer vor mir, warum sie keine Masken trügen. Einer reagierte überhaupt nicht, der andere sagte recht freundlich, das sei doch erst ab kommenden Montag Pflicht. Habe ich nun etwas falsch verstanden, oder hat er etwas nicht mitbekommen? Wie auch immer, ich bin irritiert. Mir gefällt das nicht. Ich bin für soziales Verhalten in allen Belangen.

PS. 24.04.20

Ja, ich hatte etwas falsch verstanden.
Die Maskenpflicht gilt erst ab kommenden Montag. Trotzdem.
Ich trage meine Maske seit vier Wochen, wenn ich einkaufe.

Vor paar Tagen war auf dem Rad zum Bäcker unterwegs und hatte meine Maske auf, als mir eine Frau, die an ihrem Auto hantierte, kopfschüttelnd zurief, ich übertriebe ja wohl, hier draußen sei kein Virus. Wo das Virus ist, ist mir egal, die Frau war mir auch egal, ich entgegnete nichts. Auf dem Rückweg kommentierte sie mich noch einmal mit einem verächtlichen Stülpen der Lippen und Kopfschütteln. Da allerdings hatte ich prächtige Schimpfwörter auf der Zunge, die ich besser nicht wiedergebe und die ich auch in der Situation für mich behalten habe.

Viele Menschen sind offenbar dumm. Sie lesen Zeitungen, deren Hauptaugenmerkt auf Verkaufszahlen liegt. Wer nicht hören will, muss fühlen, denke ich dann, aber ich wünsche ihnen nichts Schlechtes. Meine Hoffnung allerdings, dass sich die Welt neu ordnen könnte nach diesem Desaster, löst sich langsam in Zweifeln auf. Das ist schade.

Ich wünsche Ihnen einen guten Tag und melde mich später noch einmal. Ich arbeite an einer Geschichte über den jungen Mann, der Ostern auf einer recht hohen Feuerleiter über Everswinkel die 'Ode an die Freude' geblasen hat. Es soll eine Geschichte über Zuversicht und Höhenangst werden. Eine fiktive Geschichte, die über das tatsächliche Ereignis hinausgeht. Mal seh'n, ob das klappt.

Herzlich, Ihr Dorfschreiber am 41. Tag der Krise


Der junge Mann heißt Marius Gausebeck. Ostermontag ist er in den Rettungskorb einer Feuerleiter geklettert, hat sich auf beträchtliche Höhe fahren lassen, um dort oben die 'Ode an die Freude' auf der Trompete zu spielen. So weit zu den Tatsachen.

In meiner Geschichte, die fiktiv ist, steigt er ebenfalls in den Rettungskorb, wird gesichert und dann wird die Leiter langsam, aber stetig auf maximale Höhe (23 Meter) ausgefahren. Da, soweit ich mich erinnere, auch Ostern sein gehöriger Wind blies, blieb es nicht aus, dass der Rettungskorb schwankte. Das ist normal, eine Leiter braucht eine gewisse Elastizität, damit sie nicht wegknickt. Auf halber Höhe kamen ihm erste Zweifel. Ob er Höhenangst hatte, weiß ich nicht, aber ich stelle mir vor, dass es selbst so einen mutigen Trompeter wie ihn nicht ganz kalt ließ, zu sehen, wie die Erde immer weiter schwand, die Menschen kleiner und kleiner wurden und er diesen weiten Blick hatte. Wie auf eine Spielzeugstadt.

So einen Blick kann man genießen, muss es aber nicht. Man darf sich schon auch ein wenig gruseln. Ich bin also Marius Gausenbeck, ich bin Dorfschreiber, ich kann nicht Trompete spielen und mir wird, je höher es hinausgeht, leicht mulmig.

Ich erinnere mich, dass ich Delft einmal einen Kirchturm bestieg, oben angekommen durch eine niedrige Tür nach draußen trat und mich auf einem umlaufenden Balkon wiederfand, dessen gemauerte Brüstung mir kaum bis zu den Hüften reichte. Alles tiefe Durchatmen half nicht, ich stellte mich mit dem Rücken zur Wand. Außer mir waren weitere Menschen auf diesem Balkon, um die Aussicht über Vermeers Stadt zu genießen, es war eng, und mir war ganz und gar nicht nach Genuss. Ich hatte weiche Knie und bewegte mich keinen Meter.

So oder so ähnlich stelle ich mir also den jungen Trompeter vor, der, nun oben angekommen, mit sich und seinem Mut ringt. Der Rettungskorb schwankt. Er kann Alverskirchen sehen, er ahnt, wo Telgte liegt, er sieht das Dorf und die umliegenden Bauernschaften, und jetzt setzt er die Trompete an die Lippen. Der Ansatz ist geprobt, aber er atmet ein wenig hektisch, so dass sich erst einmal keine vertrauenswürdige Luftsäule in seiner Trompete aufbaut, die zum ersten Ton führt. Er setzt ab und wieder an. Er atmet noch einmal tief durch, Tauben fliegen dicht an ihm vorüber und wundern sich, was das zu bedeuten hat. Von unten schauen Menschen zu ihm herauf. Die meisten sind froh, dass sie nicht da oben stehen, mal davon abgesehen, dass sie nicht Trompete spielen können. Aber auf Teufel komm raus, sie würden das nicht tun. Never. Marius aber hat sich gefangen. Er ist ja gesichert, der Wind wird ihn nicht davonblasen, er leckt sich noch einmal die Lippen, setzt an, und siehe, 'Freude schöner Götterfunken' schallt über die Stadt, ein Trost in Zeiten, in denen man nicht einmal in die Kirche gehen kann. Gratulation.


Nur wenn's sich reimt
ist's ein Gedicht,
reimt es sich nicht,
ist es es nicht?


24.04.2020 / Krise Tag 42 /

Fahrt in den Mail fällt aus (WN 24.04.2020)

Fahrt in den Mail fällt aus,
statt Birkengrün ans Rad zu binden,
sind wir zuhaus',
und mailen allen und verkünden,
dass wir stattdessen Wald und Flur
mit Google Maps rund um die Uhr erkunden,
nur digitales Trinken lassen wir,
Westfalen lieben analoges Bier.

Heute vor einem Jahr oder: Corona? Was' das denn?

Die beiden kräftigen Blitze kurz nach acht sahen dramatisch und schön aus, gegen zehn kam ein Nachtwind und verwehte die letzten Blüten der japanischen Kirsche, es hat ein wenig geregnet, aber zu mehr ist es in dieser Weltgegend nicht gekommen. Alle sagen, es sei jetzt schon zu trocken, und natürlich sagen alle Klimawandel. Ich bin nicht mehr so erschöpft wie am Tag vorher, aber ein wenig lustlos. Mein Klavier sagt mir im Augenblick nichts, die Ukulele spricht häufiger, die Literatur sagt, ich solle warten. Das will ich gern tun, schließlich begleitet sich mich schon viele Jahrzehnte. Anfang nächster Woche will ich mich mit H. zusammensetzen, der Posaune spielt und ein umfangreiches Sound-Equipment besitzt. Wir wollen sehen, ob das mit meinen Texten zusammengeht. Schon vor zwei Jahren haben wir einmal darüber gesprochen, aber so recht hat sich niemand den ersten Schritt zu tun getraut. Ich bin gespannt. Ein neuer Aspekt tritt ins Werk, das ist schön und aufregend.


mal wieder dichten,
meister, hast angestrichen,
hast renoviert,
dinge entschieden
und hingekriegt,
von denen du nicht wusstest,
dass du sie hinkriegen willst.
hast eine liebe,
hast körperkraft verbraucht
und dich abends müde ins bett gerollt,
da liegt jemand,
den du nicht mehr missen willst,
doch dichten ist ein anderes ding,
du kannst sagen,
dass das leben aufregend schön ist
und dass du ein dichter bist.
ein bichter dist. ein dichter bist.


25.04.2020 / Krise Tag 43 /

Guten Morgen,

die letzte Runde des Dorfschreibers im Home-Office ist eingeläutet. Er hat geschrieben, was ihm zu schreiben wichtig war und seiner Qualitätskontrolle standhielt. Er ist ein Boxer ohne sichtbaren Feind, der versucht, ihn auszutanzen. Sein Vorbild ist Muhammad Ali, der das wie kein zweiter konnte. Seine Beine sind trotz einer Venenentzündung, die ihn ein paar Tage geärgert hat, noch schnell genug und erstaunlich leicht. Zwischenzeitlich ist er vom selbstgenähten Mundschutz, den jeder Boxer im Kampf gegen diesen brutalen, hinterhältigen und zudem unsichtbaren Feind tragen sollte, auf ein Plastikvisier umgestiegen, das ihm das Aussehen eines Raumfahrers verleiht,

Der Feind, so steht es in jeder Zeitung, kämpft auf allen Erdteilen erbittert ums Überleben. Das ist das Surreale dieses Kampfes, bei dem auf beiden Seiten ums Überleben gekämpft wird. Manche sagen, der Feind komme von dort, andere, von dort, aber ganz gleich, wo er her kommt, er hat ein ebensolches Recht auf Leben wie jedes andere Lebenwesen. Der Feind ist Biologie, Chemie, Lebenslust, und alle wollen sich austobenl.

Wir sind ähnlich beseelt, aber mit anderen Zielen. Der Boxer weiß nicht, wer der Klügere ist, aber beide sind Teil der Schöpfung, und die Schöpfung, das wissen alle, ist brutal. Man könnte mit Darwin argumentieren. Der Boxer weiß die Wissenschaft an seiner Seite. Während er seine Runden strategisch plant, stehen seine Trainer in der Ringecke und arbeiten fieberhaft an Schlagkombinationen, die sie ihm zurufen. Sie fordern Körpertreffer, Uppercuts und Links-Rechts-Kombinationen. Der Boxer hört diese Rufe, aber das Adrenalin lässt sie nicht in die Tiefe seines Bewusstseins dringen. Er ist allein wie alle, die jetzt kämpfen müssen.

In der Ringpause hört er, was seine Trainer ihm hinter vorgehaltener Hand ins Ohr flüstern. Sie warnen vor dem Ringrichter. Ein Trottel. Ein gewissenloser Narzisst aus dem Land Mubhammad Alis, der so dumm, dreist und jenseits aller Vernunft steht, dass man ihm den sofortigen Niederschlag wünscht.

Die Glocke läutet. Der Boxer nimmt noch einen Schluck Wasser und bewegt sich auf die Ringmitte zu. Er kämpft für den Faktor R, der die Reproduktionszahl des Feindes definiert und für Leben und Tod eine bedeutende Rolle spielt. Der Boxer weiß, dass dieser Kampf längst nicht ausgestanden ist. Wenn er nachher aus dem Ring steigt, wird er klüger sein als vorher. Er hat für sich und die Welt gekämpft, nun ist es an der Welt, Vernunft zu zeigen, Großmut, Solidarität. Wirkliche Kontrahenten kämpfen mit harten Bandagen, aber wenn es vorbei ist, umarmen sie sich. Aber dieser Feind hält sich an keine Regel.

Wenn der Ringrichter dann auch noch ein egoistischer Trottel ist, hilft das nicht.

In dieser letzten Runde entschließt sich der Boxer zu einer Volte. Mit zwei, drei schnellen Kombinationen fügt er dem Feind empfindlichen Schaden zu, dann nimmt er sich den Ringrichter vor, ein feister, solariumgebräunter Lügner, der - ginge es mit rechten Dingen zu in der Welt - vor Dummheit schreien müsste, stattdessen aber, mit einem brutalen Selbstbewußtsein ausgestattet, jeden zum Lügner erklärt, der seine Regeln hinterfragt. Der Boxer fixiert ihn. Die Welt hält den Atem an, und der Boxer tut das, was sich alle längst gewünscht haben: er schlägt ihn nieder.

Nicht, dass die Welt jetzt eine bessere wäre, nein, so einfach geht das nicht, denn während man den Ringrichter aus dem Ring schleift, geht der Kampf weiter. Dieser Kampf wird das Jahr 2020 mit einer Dramatik aufladen, über die man noch in hundert Jahren sprechen wird. Aber das macht dem Boxer nichts aus. Er hat eine gute Kondition. Er kämpft für uns alle.


26.04.2020 / Krise Tag 44 /

ich hab noch einen auftrag,
liefere text für geld,
vier wochen ohne abschlag,
hab ich mein feld bestellt.

ich atme durch und freu mich,
spinne mir meinen tag,
erlaube mir mein ich-ich,
so lange wie ich mag.

ich bin mein präzedenzfall,
bin ein chamäleon,
zuhause hier im weltall,
in personalunion.

als liebender mit herzschritt,
als tosender mit wut,
als hoffender mit durchschnitt,
als leidender mit hut.

ich liebe das ereignis,
vergöttere die frauen,
die nähe - mal verhängnis,
mal kein - mal urvertrauen.

so viel also für heute,
nun schenk ich mir den tag,
ich machte kleine beute,
bin kleine leute, die ich mag.


27.04.2020

Als man Deckenbrock beauftragte, in den Wald zu rufen, hatte er an einen Aprilscherz gedacht. Wozu sollte ich das tun, hatte er gedacht, aber seine Auftraggeber, Geldverleiher, Zinsjongleure und Investitionshasadeure, vertreten durch die reitenden Boten W. und G., hatten versichert, dass das keineswegs der Fall sei, im Gegenteil, man habe eine hohe Meinung von seiner Kunst, seine Rufe in die Wälder der Republik hätten nachhaltige Wirkung gezeigt, man habe nur Gutes gehört aus Berlin, Wien, aus Köln und sogar aus New York, er müsse sich also nicht sorgen.

Deckenbrock, nicht uneitel, aber auch nicht so eitel wie viele andere, die große Wellen vor sich herschieben, sagte, er müsse sich das überlegen. Er hatte schon in viele Wälder gerufen und wusste, dass das ein schwieriges Geschäft ist. Meist nämlich blieb der Wald stumm. Er hatte sich fast ein Leben lang die Seele aus dem Leib gebrüllt, schönste Kadenzen, jubelnde Triller, tiefste Baritöne und Bässe waren dabei herausgekommen, aber nur selten kam ein Pieps zurück, und so war er dann viel zu oft bedröppelt seiner Wege gezogen. Aber dieser Ruf, es doch noch einmal zu versuchen, zumal mit der Aussicht auf ordentliche Bezahlung, hatten ihn umgestimmt.

Und so hatte Deckenbrock sich am 1. April aufgemacht, um den ersten Ruf auszustoßen. Und siehe, zwei Tage darauf meldete die Dorfzeitung, dass da jemand gerufen habe. Angefeuert stieß Deckenbrock nun jeden Tag mindestens einen Ruf, manchmal zwei, drei oder vier aus, übersprang Gattungsgrenzen, wechselte die Tonlage und die Bedeutungstiefe, er tat alles, um seinem Ruf gerecht zu werden, aber der Wald blieb stumm.

Die Boten W. und G. versuchten ihn zu trösten. Die Kunst des In-den-Wald-Rufens sei im Land der Dichter und Denker nicht sonderlich hoch angesehen, Kunst werde kaum als lebensnotwendig erachtet, dann lieber doch Investitionsprogramme für die Wirtschaft. Ja, ja, hatte Deckenbrock gemurmelt, das ist wahr. Seine Rufe waren dennoch nicht zögerlicher geworden. Im Gegenteil, nachdem er sich eingearbeitet hatte, spürte er einen gewissen Ehrgeiz, den auch die fehlende Resonanz nicht kleinkriegen konnte.

Aber da mit dem Ende des Monats auch Deckenbrocks Engagement endet, spürt er nun neben ein wenig Wehmut über all die folgenlosen Rufe auch Erleichterung. Drei Tage noch, dann kann er sich ein wenig schonen und an andere Dinge denken.


28.04.2020

Über die Natur der Dinge


Lukrez

Titus Lucretius Carus

Römischer Philosoph und Dichter

geb. 55 v.Chr., gest. etwa 99 v. Chr.


Preis der Venus
Mutter der Äneaden, du Wonne der Menschen und Götter,
Lebensspendende Venus: du waltest im Sternengeflimmer
Über das fruchtbare Land und die schiffedurchwimmelte Meerflut,
Du befruchtest die Keime zu jedem beseelten Geschöpfe,
Daß es zum Lichte sich ringt und geboren der Sonne sich freuet.
Wenn du nahest, o Göttin, dann fliehen die Winde, vom Himmel
Flieht das Gewölk, dir breitet die liebliche Bildnerin Erde
Duftende Blumen zum Teppich, dir lächelt entgegen die Meerluft,
Und ein friedlicher Schimmer verbreitet sich über den Himmel.
Denn sobald sich erschlossen des Frühlings strahlende Pforte
Und aus dem Kerker befreit der fruchtbare West sich erhoben,
Künden zuerst, o Göttin, dich an die Bewohner der Lüfte,
Und dein Nahen entzündet ihr Herz mit Zaubergewalten.
Jetzt durchstürmet das Vieh wildrasend die sprossenden Wiesen
Und durchschwimmt den geschwollenen Strom. Ja, Jegliches folgt dir
Gierig, wohin du es lenkest; dein Liebreiz bändigt sie alle;
So erweckst du im Meer und Gebirg' und im reißenden Flusse
Wie in der Vögel belaubtem Revier und auf grünenden Feldern
Zärtlichen Liebestrieb in dem Herzblut aller Geschöpfe,
Daß sie begierig Geschlecht um Geschlecht sich mehren und mehren.
Also lenkst du, o Göttin, allein das Steuer des Weltalls.
Ohne dich dringt kein sterblich' Geschöpf zu des Lichtes Gefilden,
Ohne dich kann nichts Frohes der Welt, nichts Liebes entstehen:
Drum sollst du mir auch Helferin sein beim Dichten der Verse,
Die ich zum Preis der Natur mich erkühne zu schreiben.
Ich widme unserem Memmius sie, der dir es vor allem verdanket,
Allzeit allen voran sich in jeglichem Amt zu bewähren.
Drum so verleih', o Göttin, dem Lied unsterbliche Schönheit,
Heiß indessen das wilde Gebrüll laut tosenden Krieges
Aller Orten nun schweigen und ruh'n zu Land und zu Wasser,
Da nur du es verstehst, die Welt mit dem Segen des Friedens
Zu beglücken. Es lenkt ja des Kriegs wildtobendes Wüten
Waffengewaltig dein Gatte. Von ewiger Liebe bezwingen
Lehnt sich der Kriegsgott oft in den Schoß der Gemahlin zurücke;
Während sein rundlicher Nacken hier ruht, schaut gierig sein Auge,
Göttin, zu dir empor und weidet die trunkenen Blicke,
Während des Ruhenden Odem berührt dein göttliches Antlitz.
Wenn er so ruht, o Göttin, in deinem geheiligten Schoße,
Beuge dich liebend zu ihm und erbitte mit süßesten Worten,
Hochgebenedeite von ihm für die Römer den lieblichen Frieden.
Denn ich vermag mein Werk in den jetzigen Nöten des Staates
Sonst nicht mit Ruhe zu fördern, und du, des Memmierstammes
Rühmlicher Sproß, du könntest dich jetzt nicht entziehen dem

29.04.2020 um 10:00 auf WDR 5

Liebe Everswinkler,
morgen, Mittwoch, den 29.04.2020, bin ich in der Sendung 'Neugier genügt' zwischen 10:00 und 10:30 Uhr auf WDR 5 zu hören.

29.04.2020

Radiointerview

Kaum ist man mal im Radio und spricht mit Herrn Erdenberger, Moderator der Sendung "Neugier genügt" über die Dorfschreibverei, schneit eine Mail ins Haus, ein Architekt erzähltm er habe auf einem Ohr "Everswinkel" gehört und sich erinnert, dass er vor etwas zwanzig Jahren einmal wegen eines Altenheimprojektes im Dorf war, später herumging und auf eine alte Kornbrennerei stieß, von der er sich vorstellen konnte, sie zu einem Ort umzubauen, in dem Kultur stattfände. Der Plan wurde nicht realisiert, heute, sagt er, sei in diesem Gebäude eine Schreinerei. Aber immerhin, mich hat gefreut, dass jemand auf einen Beitrag zu meinem Dorfschreiber Job reagiert hat.


30.04.2020

Ihr Lieben,

three days before the shit hit the fan hatte ich mich mit Mitgliedern des Kulturkreises getroffen, um organisatorische Dinge meines "Dienstantrittes" zu besprechen. Eine Absage bzw. die Idee, meine Dorfschreiberei könne sich auf ein Jahr nach hinten verschieben, stand zwar im Raum, war aber noch nicht beschlossen. Wir hofften. Wir aßen leckere Dinge, dann fuhr ich heim.

Als ich den Kanal auf der Wolbecker überquerte, überlegte ich, ob ich tanzen gehen sollte, es war Mittwoch, Salsa im Hot Jazz. Irgendetwas hielt mich ab, vielleicht war es ein Instinkt, vielleicht hat es auch nichts zu bedeuten, denn ich wüsste von keinem, der sich an jenem Abend infiziert hätte. Ich fuhr also heim.

Am Tag drauf fiel eine Entscheidung, einen Tag später ging ich schon nicht mehr ohne Maske vor's Haus, schon gar nicht Einkaufen. Dann entwickelte sich alles rasend schnell. In Italien wurden an Covid19 Verstorbene in LKW Kolonnen fortgebracht, so viele waren es. Katastrophenstimmung. Endzeit. Es würde uns alle dahin raffen. Und wenn nicht?

Lockdown. Wir fanden einen Kompromiss: ich würde Dorfschreiber im Home-Office. Wahrscheinlich hatte es so etwas noch nicht gegeben. Egal. Das Virus raste um die Welt. Die öffentliche Diskussion hechelte hinterher. Stars wurden geboren. Der Virologe hatte das Ohr der andächtig Lauschenden. Frau Merkel beeindruckte durch Besonnenheit, während anderswo ein der Sprache, geschweige eines vernünftigen Gedankens nicht mächtiger Präsident mit krudeste Theorien verbreitete und sich über den grünen Klee lobte. Man wunderte sich schon, dass er China nicht den Krieg erklärte. Auch in anderen Ländern äußersten sich Staatsoberhäupter widersprüchlich. Einer bekam schließlich selbst die Seuche, und mancher dachte, siehste, das geschieht ihm recht. Deutschland wurde für sein Krisenmanagment gelobt. Himmel, dass ich so etwas noch erleben darf.

Aber dann kam langsam Unmut auf. Die Menschen verloren die Geduld. Nicht, dass es nicht ein großes, demokratisches Einverständnis mit den als unumgänglich getroffenen Maßnahmen gegeben hätte, aber die Menschen sehnten sich nach Lockerung.

Um diese Zeit begann ich als Dorfschreiber mit einem Video, aufgenommen unter St. Magnus.

So oder so, ich habe in meinem Leben eine Menge Text verfasst, manches veröffentlicht, anderes für die Schublade, ich bin also nicht unerfahren, aber was ein Dorfschreiber tut, wusste ich da noch nicht. Das ist das Schöne an meinem Beruf, dass man ständig Dinge tut, die man noch nie getan hat, oder von denen man nicht weiß, wie man sie tut.

Learning by doing.

Heute ist mein letzter Tag. Vier Wochen habe ich "Hier!" gerufen, "Hier Leute, kommt her, lest, 1a Literatur!" aber kaum einer hat's bemerkt. Gestern war ich im Radio, heute ruft mich eine Redakteurin der WN an, um für das der Zeitung beiliegende "Panoroma" ein Interview mit mir zu machen, aber Leute, ihr seid zu spät.

Ich bin raus!

Tschüss und bis nächstes Jahr. Da dürft ihr mich anfassen, dürft kluge und dumme Fragen stellen, wir werden zusammen trinken und uns freuen, dass wir 2020 abgehakt und überlebt haben, falls wir es überleben. Gestorben wird schließlich immer.

In diesem Sinne,
Venceremos
euer Dorfschreiber Hermann Mensing


Fr. 3.04.2020 / Krise Tag 22 / 19:42 / leicht bewölkt


Fr. 3.04.2020 / Krise Tag 22 / 19:42 / leicht bewölkt

vom schönen leben

nun sag das wort
das dich erleichtert
sag etwas,
dass dein herz erheitert,
sag, dass es gut ist
und du nie vergisst,
dass sinn des lebens
leben ist.

du weißt längst,
dass zuweilen dornen reißen,
du hast so viel erlebt,
und manches wollte dich zerreißen,
doch du hast überlebt.

du weißt,
wie schön die welt,
die blaue kugel, dreht,
du hofftst,
dass sie verzeiht,
du gibst ihr liebe, die verweht
die trübsal,
und du bist bereit.

du sagst,
ich werde nochmal bäume pflanzen,
du sagst, ich werd' mich schwindlig tanzen,
mein leben mach ich immer wieder neu,
beweise mich, bin sternenstreu.

ich bin ein fernes licht im all,
ein lachen, manchmal seufze ich,
ich atme aus, ich liebe mich,
und alles, was der fall ist, ist der fall.


So. 5.04.2020 / Krise Tag 24 / 23.45

Vorschlag für eine Rückkehr zur Normalität

Das Paradies ist unbeschwert, aber wer ist das schon in diesen Tagen. Die Natur kontrastiert unsere Gegenwart ironisch. Mit mir, sagt sie, ist zwar auch nicht alles in Ordnung, aber der uralte Plan funktioniert noch, der Mond ist fast voll, tagsüber ist es sommerlich, die Vögel singen Hochzeitslieder, hinaus, ruft alles, hinaus mit den Freunden, mit denen man zusammen sitzen möchte, sich austauschen, sich vergewissern, dass sie noch da sind, dass sie den Mut nicht verlieren, und Träume träumen für das Danach.

Wie aber kann dieses Danach aussehen? Wie schaffen wir es, die Welle des Virus mit aller Vorsicht so zu reiten, wie es ein Surfer täte, der jede Bewegung der Welle beobachtet, jede Strömung kennt, der die Richtung wechselt, wenn es Not tut, und ständig auf der Hut ist, dass der Wellenkamm nicht über ihm zusammenbricht.

Ich stelle mir vor, dass, wenn die Verdopplungsrate der Infektionen bei 12 bis 14 Tagen liegt, eine Revitalisierung des Lebens beginnen muss. Wie, das sollte von Virologen, Epidemiologen Geisteswissenschaftlern, Psychologen, Soziologen, Ökonomen und Kulturschaffenden entschieden werden. Dazu muss ein runder Tisch her, es muss Klartext geredet werden, und vor allem darf nicht der geringste Zweifel der Vertuschung aufkommen.

Um das Leben wieder in Gang zu bringen, und den Menschen die Last der Isolation zu erleichtern, könnten Städte auf Basis der vorhandenen statistischen Daten in wechselndem Turnus Stadtteilen die Erlaubnis erteilen, ihren Geschäften wieder zu öffnen. Der Zugang würde zum Beispiel nach den Anfangsbuchstaben des Familiennamens geregelt. Danach hätten am Montag alle, deren Namen mit A bis D beginnen, freien Ausgang. Sie dürften in den entsprechenden Stadtteilen in Cafés sitzen, einkaufen, soziales Leben pflegen. Das Alphabet wäre in gut einer Woche einmal durch, und die Sache begänne von vorn. Zu kontrollieren wäre das leicht.

Die letzten Wochen haben gezeigt, dass die Bürger sich im Großen und Ganzen verantwortungsvoll verhalten. 93 Prozent aller stimmen den augenblicklich geltenden Regeln als unumgänglich und vernünftig zu, man könnte also jemanden, der in ein Café will, fragen, wie er heißt, vielleicht müsste er sogar seinen Ausweis zeigen, und Verstöße würde mit Verweisen, oder, wenn es nicht anders geht, mit Bußgeld geahndet.
Wäre das nichts?
Wäre das nicht eine vorsichtige Rückkehr ins Paradies?
So stelle ich mir das vor?
Und Sie?

Montag, 6.04.2020 / Krise Tag 25 / sonniger Tag

Ich habe heute den Stuhl gestrichen, den Chris und ich vor knapp dreißig Jahren aus dem Odeon geklaut haben, Martina den Türrahmen, die Durchreiche und den Jalousienkasten, wir haben in der Küche Kuchen gegessen und Kaffee getrunken und beim Spülen habe ich die Ergonomie der neuen Küche begriffen. Was gespült wird, kommt nach dem Abtrocknen in den Wandschrank über mir. Das Besteck lege ich in die oberste Schublade einen Schritt rechts. Über die restlichen fünf Schubladen wird noch verhandelt. Auch über die Regale ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. Das Schärfste aber ist, dass sich die Schubladen auf den letzten fünf Zentimetern mittels einer Feder einziehen.

Eine Kohlezeichnung von Thomas Poggenhans, mein "schwarzes Loch", das mir seit dreißig Jahren gut tut, hängt überm Esstisch (auch von Thomas), ein Feininger Druck links neben dem Fenster, ein vorgebeugter Mann, groß wie ein rotes Haus im Hintergrund, eilt über einen Platz. Das war das Titelbild meines Romanes "Meier der Große" in den Achtzigern, alles war besprochen, dann ging der Verlag Pleite. So etwas hatte ich dreimal. Feines Leben.


Mi 8.04.20 / Krise Tag 27 / sonnig /

Lockdown ist anders. Finde ich jedenfalls. In der Stadt bewegt sich vieles. Bei mir ebenso. Der Umzug hat begonnen. Mein Balkon wird mit Einzug meiner Lebensgefährtin, eine kluge und mutige Frau, zu einem Blumengarten. Überall stehen schon Töpfchen mit Setzlingen, die demnächst in ihren Schrebergarten umziehen. Und, wichtig, die japanische Kirsche blüht.


19:31

Manche Tage sind hell, andere dunkel. Heute war ein dunkler Tag, obwohl Frühling ist. Aber dieser Frühling ist anders. Er bedroht mich. Er schreit mich an. Versteck dich, rät er. Fliehe. Aber Flucht ist nicht möglich. Die Bedrohung ist überall, und hier ist es noch sicherer, als anderswo.


Fr 9.04.20 /Krise Tag 28 / sonnig 10:54

Corona, königliches Liebchen,
du bist ein hübsches Ding,
ich schreibe dir ein Liedchen,
das ich zum Abend sing.

So'n Frollein mit so vielen Kronen,
so eine Zicke, die durch Lungen schleimt,
ich lasse dich nicht bei mir wohnen,
bah, bist du abgefeimt.

mir geht dein adel auf den sack,
perverses volk, das auf sein volk schiss,
meist arbeitsscheues pack,
iss kuchen, wenn du arm bist.

mein liebchen, schöne königin,
an deinem kleid gibt's nichts zu meckern,
du bist die schöpfung ohne sinn,
du klotzt, du willst nicht kleckern.

verständlich, aber wir sind auch noch da,
und wie du weißt, dumm sind wir nicht
klug leider auch nicht, aber wahr,
ist, wir sind dein gericht.

wir werden sagen, vorsätzlicher mord,
wir werden jede klage klagen,
wir jagen dich von süd nach nord,
von ost nach west, und du wirst sagen,

es tut mir leid, ich wollte doch nur leben,
ich tat doch nur, was mir mein plan befahl,
wir werden sagen, siehst du, deshalb eben,
hau'n wir dich an den pfahl.


Mi 15.04.20 / Krise Tag 32 / 10:45 sonnig, noch frisch

Corona ist draußen. Hier drinnen, 93 Quadratmeter, Wohnzimmer, Elternschlafzimmer, zwei Kinderzimmer, Küche, Toilette, Bad, gebaut in den späten Sechzigern für Offiziere der britischen Arme, von mir und meiner Familie seit 1983 bewohnt, wird renoviert. Alte Tapeten müssen von den Wänden, oder überstrichen, Türen abgeschliffen und gestrichen werden, eines kommt zum anderen. Es ist schon nicht mehr so schlimm wie vor zwei Wochen, als ich die Küche renoviert habe, es staubt nicht mehr wie verrückt, aber Chaos herrscht dennoch, überall stehen Umzugskartons und Farbtöpfe. Eines aber unterscheidet dieses Drinnen vom Draußen. So lange renoviert wird, muss ich nicht ständig an Corona denken.

16:23

Bei allem, was ich schreibe, denke ich mich, den Leser. Ich bin nicht nachsichtig. Ich bin einer, der Text oft schon verwirft, eh er geschrieben ist. Diesen Text aber werde ich nicht verwerfen, denn ich denke an uns, an die Familie der Menschen. Die Existenz dieser Familie ist in größter Gefahr. Wer die Gefährder sind, ist mir egal. Jeder, der sich gegen die Familie der Menschen wendet, ist dumm und herzlos. Wir haben es weit gebracht, ohne klug zu werden. Wenn wir unser Leben nicht grundlegend ändern, ist es mit uns vorbei. Die Welt, alles was nicht Mensch ist, würde sich freuen. Für uns aber wäre das schade, denn wir sind schön und könnten im Paradies sein.


Do 16.04.20 / Krise Tag 33 / 23:15 es war sonnig

Seit 16 Tagen bin ich Dorfschreiber. Da Corona über die Welt kam, kann ich nicht in Everswinkel wohnen. Stattdessen blogge ich jeden Tag Text in die Welt, so, wie ich es seit zwanzig Jahren tue. Reaktionen gibt es nicht. Ich weiß nicht einmal, ob ich deshalb enttäuscht bin. Ich kriege ja Geld für diesen Monat, ich werde gut bezahlt, niemand redet mir rein. Trotzdem ist es ein seltsames Geschäft. Als würde ich ins Nichts rufen. Ich weiß nicht, wie es wäre, wenn alle vor Begeisterung Purzelbäume schlügen, ich fürchte, das wäre mir noch weniger recht. Heute war der Tag schwer. Corona lastet auf mir wie Blei. Ich rette mich mit Anstreichen. Ich versuche, meine Arbeit so gut wie möglich zu machen. Das hilft. Abends aber fällt die Last auf mich wie Blei. Da hilft Literatur, Musik und Schlaf. Zum Glück schlafe ich gut.


Fr 17.04.20 / Krise Tag 34 / 7:59 sonnig

wer hätte mich gerettet
wenn nicht du und ich
wer hätte dir kaffee ans bett gebracht,
und mir zu abend pfannkuchen gemacht,
wer hätte diese welt verwirrt,
wer brächte mir geduld bei,
ist es nicht so, dass leben niemals irrt,
wer klärt die lage mit dem senkblei,
wer bringt die welt zurück ins lot,
ich liebe sie, und wär ich morgen tot,
ich träfe alle wieder und wär frei.


So 19.04.20 / Krise Tag 36 / 16:54 sonnig, schon seit Tagen zu trocken

ab montag
werden sie sich wieder in die läden stürzen,
sich endlich wieder jeden wunsch erfüllen,
sie werden ihre leere mit gekauftem würzen,
und ihre sehnsucht mit kreditkauf stillen,

ich seh und höre sie, sie atmen schwer,
sie hatten jetzt vier wochen keinen einkauf mehr,
ich sehe, wie sie in die masken sabbeln,
mit ihrer leibesfülle vor begeist'rung schwabbeln.

mir wäre lockdown dann doch lieber,
er böt' noch eine weile schutz vor diesem einkaufsfieber,
und wäre ich ein hellseher, sagt ich voraus,
die rückkehr zum gewohnten wird ein graus.

noch grausliger als das,was jetzt vier wochen war,
und sein wird, noch das ganze jahr.


Mo 20.04.20 12:10 / Krise Tag 37 / sonnig, windig und frisch

Heute werden wir das Schlafzimmer beziehen. Seit vier Wochen renovieren wir, die Küche war der dickste Brocken mit all der Tapetenkratzerei, dem Verputzen, dem Anstrich, der Entsorgung der schon 1984 gebrauchten Möbel und dem Einbau der neuen Küche, die so schön und funktionabel ist, dass ich es noch immer kaum glaube. Handwerkskunst von Werner Haremsa, der vor etwa zwanzig Jahren für Chris und mich Bücherregale und ein Vertiko gebaut hat. Samstag habe ich Kartons transportiert, heute muss ein wenig Atem holen, mein Rücken ist zwar stabil, aber besser ist besser. Morgen wird das alte Schlafzimmer zu M.'s neuen Zimmer, und wenn das gegen Ende der Woche fertig ist, kommen ihre Möbel.

Mi 22.04.20 20:36 / Krise Tag 39 / sonnig, wärmer, schwächerer Wind.

Ich habe heute die ersten Schwalben gesehen und war glücklich, denn letzte Woche las ich, dass viele Vögel, u.a. Schwalben, auf dem Heimweg in ihre nördlichen Brutgebiete über Griechenland in eine Schlechtwetterfront geraten und zu tausenden tot vom Himmel gefallen waren. Drei Schwalben also, es werden immer weniger. Das letzte Mal habe ich Schwalben in großen Schwärmen auf Korfu gesehen, abends zirkelten sie über der Stadt, aber das ist zwölf Jahre her, oder noch länger.

Seit Montag ist wieder ein wenig Leben zurückgekehrt, man sieht es an den Autos, man hört es von der Autobahn, aber ich weiß nicht, ob ich glücklich darüber sein soll. Nach wie vor ist die Lage kritisch, glaube ich. Und dann kommt hinzu, dass es nun im dritten Jahr in Folge viel zu trocken ist, wenngleich die Winterregen teils sehr ergiebig waren, und die Bauern noch nicht klagen. Ich habe heute Wände gestrichen, altes Geschirr, Küchenutensilien, ein Bett, einen alten Stuhl, ein Bügelbrett und Matratze zum Sperrmüll gestellt. M. hat den Schrank neu organisiert. Alles geht langsam und stetig voran, so dass es eine Freude ist. Nachmittags sind wir nach Häger gefahren und haben Bärlauch gesammelt. Todmüde jetzt.


Fr 24.04.20 19:35 / Krise Tag 41 / sonnig, warm

mal wieder dichten,
meister, hast angestrichen
hast renoviert,
dinge entschieden
und hingekriegt,
von denen du nicht wusstest,
dass du sie hinkriegen willst.
hast ein liebe
hast körperkraft verbraucht,
und dich abends müde ins bett gerollt,
da liegt jemand,
den du nicht mehr wissen willst,
doch dichten ist ein anderes ding,
du kannst sagen,
dass das leben aufregend schön ist
und dass du ein dichter bist.
ein bichter dist. ein dichter bist.


Di 28.04.20 17:10 / Krise Tag 45 / bewölkt, mild noch kaum Regen

Ich zähle die Tage nicht mehr, aber über den Daumen gepeilt gehen wir in die fünfte oder sechste Renovierungswoche. Alles, was wir bisher unternommen haben, war erfolgreich, die Farbwahl, die Atmosphäre, eines ist immer zum anderen gekommen, und das Beste von allem, wir hatten keine tiefgehenden Streits. Heute habe ich mein Zimmer in Angriff genommen. Auch hier wird vieles ausgemustert. Wenn die Woche vorüber ist, wird das Zimmer fertig sein, vielleicht aber schon früher. Seit ich nicht mehr allein lebe, ist die Düsternis der mit Ausgehverboten belegten Abende nicht mehr schlimm.


Über die Natur der Dinge


Lukrez

Titus Lucretius Carus

Römischer Philosoph und Dichter

geb. 55 v.Chr., gest. etwa 99 v. Chr.


Preis der Venus
Mutter der Äneaden, du Wonne der Menschen und Götter,
Lebensspendende Venus: du waltest im Sternengeflimmer
Über das fruchtbare Land und die schiffedurchwimmelte Meerflut,
Du befruchtest die Keime zu jedem beseelten Geschöpfe,
Daß es zum Lichte sich ringt und geboren der Sonne sich freuet.
Wenn du nahest, o Göttin, dann fliehen die Winde, vom Himmel
Flieht das Gewölk, dir breitet die liebliche Bildnerin Erde
Duftende Blumen zum Teppich, dir lächelt entgegen die Meerluft,
Und ein friedlicher Schimmer verbreitet sich über den Himmel.
Denn sobald sich erschlossen des Frühlings strahlende Pforte
Und aus dem Kerker befreit der fruchtbare West sich erhoben,
Künden zuerst, o Göttin, dich an die Bewohner der Lüfte,
Und dein Nahen entzündet ihr Herz mit Zaubergewalten.
Jetzt durchstürmet das Vieh wildrasend die sprossenden Wiesen
Und durchschwimmt den geschwollenen Strom. Ja, Jegliches folgt dir
Gierig, wohin du es lenkest; dein Liebreiz bändigt sie alle;
So erweckst du im Meer und Gebirg' und im reißenden Flusse
Wie in der Vögel belaubtem Revier und auf grünenden Feldern
Zärtlichen Liebestrieb in dem Herzblut aller Geschöpfe,
Daß sie begierig Geschlecht um Geschlecht sich mehren und mehren.
Also lenkst du, o Göttin, allein das Steuer des Weltalls.
Ohne dich dringt kein sterblich' Geschöpf zu des Lichtes Gefilden,
Ohne dich kann nichts Frohes der Welt, nichts Liebes entstehen:
Drum sollst du mir auch Helferin sein beim Dichten der Verse,
Die ich zum Preis der Natur mich erkühne zu schreiben.
Ich widme unserem Memmius sie, der dir es vor allem verdanket,
Allzeit allen voran sich in jeglichem Amt zu bewähren.
Drum so verleih', o Göttin, dem Lied unsterbliche Schönheit,
Heiß indessen das wilde Gebrüll laut tosenden Krieges
Aller Orten nun schweigen und ruh'n zu Land und zu Wasser,
Da nur du es verstehst, die Welt mit dem Segen des Friedens
Zu beglücken. Es lenkt ja des Kriegs wildtobendes Wüten
Waffengewaltig dein Gatte. Von ewiger Liebe bezwingen
Lehnt sich der Kriegsgott oft in den Schoß der Gemahlin zurücke;
Während sein rundlicher Nacken hier ruht, schaut gierig sein Auge,
Göttin, zu dir empor und weidet die trunkenen Blicke,
Während des Ruhenden Odem berührt dein göttliches Antlitz.
Wenn er so ruht, o Göttin, in deinem geheiligten Schoße,
Beuge dich liebend zu ihm und erbitte mit süßesten Worten,
Hochgebenedeite von ihm für die Römer den lieblichen Frieden.
Denn ich vermag mein Werk in den jetzigen Nöten des Staates
Sonst nicht mit Ruhe zu fördern, und du, des Memmierstammes
Rühmlicher Sproß, du könntest dich jetzt nicht entziehen dem

29.04.2020 um 10:00 auf WDR 5

Liebe Everswinkler,
morgen, Mittwoch, den 29.04.2020, bin ich in der Sendung 'Neugier genügt' zwischen 10:00 und 10:30 Uhr auf WDR 5 zu hören.

29.04.2020 / Krise 46 /

Radiointerview

Kaum ist man mal im Radio und spricht mit Herrn Erdenberger, Moderator der Sendung "Neugier genügt" über die Dorfschreibverei, schneit eine Mail ins Haus, ein Architekt erzähltm er habe auf einem Ohr "Everswinkel" gehört und sich erinnert, dass er vor etwas zwanzig Jahren einmal wegen eines Altenheimprojektes im Dorf war, später herumging und auf eine alte Kornbrennerei stieß, von der er sich vorstellen konnte, sie zu einem Ort umzubauen, in dem Kultur stattfände. Der Plan wurde nicht realisiert, heute, sagt er, sei in diesem Gebäude eine Schreinerei. Aber immerhin, mich hat gefreut, dass jemand auf einen Beitrag zu meinem Dorfschreiber Job reagiert hat.


30.04.2020 / Krise Tag 47 /

Ihr Lieben,

three day before the shit hit the fan hatte ich mich mit Mitgliedern des Kulturkreises getroffen, um organisatorische Dinge meines "Dienstantrittes" zu besprechen. Eine Absage bzw. die Idee, meine Dorfschreiberei könne sich auf ein Jahr nach hinten verschieben, stand zwar im Raum, war aber noch nicht beschlossen. Wir hofften. Wir aßen leckere Dinge, dann fuhr ich heim.

Als ich den Kanal auf der Wolbecker überquerte, überlegte ich, ob ich tanzen gehen sollte, es war Mittwoch, Salsa im Hot Jazz. Irgendetwas hielt mich ab, vielleicht war es ein Instinkt, vielleicht hat es auch nichts zu bedeuten, denn ich wüsste von keinem, der sich an jenem Abend infiziert hätte. Ich fuhr also heim.

Am Tag drauf fiel eine Entscheidung, einen Tag später ging ich schon nicht mehr ohne Maske vor's Haus, schon gar nicht Einkaufen. Dann entwickelte sich alles rasend schnell. In Italien wurden an Covid19 Verstorbene in LKW Kolonnen fortgebracht, so viele waren es. Katastrophenstimmung. Endzeit. Es würde uns alle dahin raffen. Und wenn nicht?

Lockdown. Wir fanden einen Kompromiss: ich würde Dorfschreiber im Home-Office. Wahrscheinlich hatte es so etwas noch nicht gegeben. Egal. Das Virus raste um die Welt. Die öffentliche Diskussion hechelte hinterher. Stars wurden geboren. Der Virologe hatte das Ohr der andächtig Lauschenden. Frau Merkel beeindruckte durch Besonnenheit, während anderswo ein der Sprache, geschweige eines vernünftigen Gedankens nicht mächtiger Präsident mit einer Luxusnutte als Gattin krudeste Theorien verbreitete. Man wunderte sich schon, dass er China nicht den Krieg erklärte. Auch in anderen Ländern äußersten sich Staatsoberhäupter widersprüchlich. Einer bekam schließlich selbst die Seuche, und mancher dachte, siehste, das geschieht ihm recht. Deutschland wurde für sein Krisenmanagment gelobt. Himmel, dass ich so etwas noch erleben darf.

Aber dann kam langsam Unmut auf. Die Menschen verloren die Geduld. Nicht, dass es nicht ein großes, demokratisches Einverständnis mit den als unumgänglich getroffenen Maßnahmen gegeben hätte, aber die Menschen sehnten sich nach Lockerung.

Um diese Zeit begann ich als Dorfschreiber mit einem Video, aufgenommen unter St. Magnus.

So oder so, ich habe in meinem Leben eine Menge Text verfasst, manches veröffentlicht, anderes für die Schublade, ich bin also nicht unerfahren, aber was ein Dorfschreiber tut, wusste ich da noch nicht. Das ist das Schöne an meinem Beruf, dass man ständig Dinge tut, die man noch nie getan hat, oder von denen man nicht weiß, wie man sie tut.

Learning by doing.

Heute ist mein letzter Tag. Vier Wochen habe ich "Hier!" gerufen, "Hier Leute, kommt her, lest, 1a Literatur!" aber kaum einer hat's bemerkt. Gestern war ich im Radio, heute ruft mich eine Redakteurin der WN an, um für das der Zeitung beiliegende "Panoroma" ein Interview mit mir zu machen, aber Leute, ihr seid zu spät.

Ich bin raus!

Tschüss und bis nächstes Jahr. Da dürft ihr mich anfassen, dürft kluge und dumme Fragen stellen, wir werden zusammen trinken und uns freuen, dass wir 2020 abgehakt und überlebt haben, falls wir es überleben. Gestorben wird schließlich immer.

In diesem Sinne,
Venceremos
euer Dorfschreiber Hermann Mensing

5 Kommentare

  • Carolin schreibt:
    um 096. 2020-04-05 2020 um HH:mm Uhr

    Ich überlege gerade: Mein Nachname beginnt mit "W", der meines Mannes mit "B". Da hätten wir, nach der vielen Rückzugszeit zuhause, massig Gelegenheit, jeder für sich im Café zu sitzen (und würden uns dabei sogar nur an die Vorschriften halten). Er dürfte allerdings seine Tochter nicht mitnehmen zum Eis essen, denn die ist auch in der Gruppe "W". Immerhin könnte ich meine beste Freundin treffen, denn zufällig beginnt ihr Nachname auch mit "W". Außerdem würde man vermutlich meistens einen freien Tisch bekommen.
    Vielleicht könnte man auch, statt alphabetisch, numerisch vorgehen? Heute alle bis 20, morgen 20 bis 40 Jährige, 40 bis 60, Ü60 - da die Woche nur 7 Tage hat, müsste man schauen, welche Gruppe nur einmal Ausgang erhält?
  • dorfschreiber schreibt:
    um 096. 2020-04-05 2020 um HH:mm Uhr

    möglich und denkbar ist vieles, wie immer es ausgeht, ich wünsche es mir von herzen.
  • Helga Lichtenthäler schreibt:
    um 120. 2020-04-29 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Herr Mensing,
    ich habe vor Jahren eine seltsame Begebenheit mit einem Medium in Ascona gehabt. Wenn Sie interessiert sind, schreibe ich Ihnen die "Story".
    Mit freundlichem Gruß
    Helga Lichtenthäler
  • Franz Maxwill schreibt:
    um 120. 2020-04-29 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Dorfschreiber, lieber Herr Mensing,

    erst durch WDR 5 bin ich heute auf Sie aufmerksam geworden. Schade! So spät! Schön, dass ich dennoch davon erfahre.
    Meine Erfahrungen mit der Covid-19-Pandemie sind ähnlich wohl der Ihrigen. Einerseits gibt es viel Veränderungen in der Grundhaltung der Menschen im Alltäglichen. Andererseits haben die meisten wohl nicht verstanden, dass diese Pandemie eine Chance sein könnte, nachdenklicher zu werden. Sie werden weiterhin mit ihren SUVs durch die Lande brausen, die Korosin-Schleuder wieder nutzen, um die letzten schönen Ecken der Welt weit entfernt von hier zu "erkunden" und ignorieren, dass z. B. gestern gemeldet wurde, dass das Eis am Nordpol sich allmählich auflöst.

    Die Pandemie ist einschneidend, ja, aber die Folgen der Klimakatastrophe werden zu Krieg und Millionenfluchten führen, also viel gravierender sein.
  • Susanne Müller für den Arbeitskreis Literatur schreibt:
    um 121. 2020-04-30 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Hermann, heute endet leider der - in dieser Form ungeplante - erste Teil des Projektes DORFSCHREIBER 2020, das dank Corona zum Projekt DORFSCHREIBER 2020/2021 mutierte. Sofern - was wir ja alle hoffen - uns das Virus bis dahin aus seinen Fängen entlässt, werden wir Dich vom 9. Mai bis zum 4. Juli nächsten Jahres in unserer Gemeinde (wieder)sehen - und zwar leibhaftig!

    Wir danken Dir für die vielen und sehr vielfältigen Beiträge für Deinen Blog und freuen uns schon heute auf den zweiten Teil mit zahlreichen Begegnungen und daraus resultierenden frischen Texten.

    JUNGE, KOMM BALD WIEDER!

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