Dorfschreiber

Los jetzt.

Wer hätte gedacht, ...

Wer hätte gedacht, dass ein alter Dorfschreiber wie ich noch einmal Gefallen an Statistiken findet. Gerade habe ich eine gesehen, die mir sehr gut gefiel. Die Kurve der chinesischen Infektionen zwischen 26.1. und 15.03. Der Peak liegt etwa bei vierzehn Tagen nach Ausbruch. Heute gibt es aus China keine neu gemeldeten Infektionen. Das ist das eine. Das andere ist natürlich, dass China ein zentral regiertes Land mit deutlich eingeschränkteren bürgerlichen Rechten ist, aber immerhin auch ein Volk, das trotz seiner vielen Menschen zumindest die grobe Kontrolle über das Virus zurückerlangt hat.

Das bedeutet nicht, dass die Pandemie dort schon am Ende ist, nein, die Spanische Grippe von 1918/1919 kam in insgesamt drei Wellen, wobei die letzte kaum noch Opfer fand, weil viele mittlerweile immunisiert waren.

Ich bitte aber zu bedenken, dass Infrastruktur, Kommunikationswege, Medizin und Wissenschaft vor gut 100 Jahren mit heutigen Standards kaum zu vergleichen ist. Und obwohl man davon spricht, dass während der Spanischen Grippe 20 bis 50 Millionen Menschen gestorben sind, liegt die Letalität dennoch nur zwischen 1,6 und 3,5 Prozent, in Ausnahmenfällen bei 6,5.

In Deutschland liegt sie augenblicklich zwischen 0,2 und 0,3 Prozent. Wie kann es dann sein, dass damals so viele gestorben sind? Weil die Spanische Grippe weltweit grassierte. Es gab Tage in Philadelphia, einer der Hochburgen, an denen, ähnlich wie in Italien gestern, 600 bis 800 Menschen täglich starben. Das ist furchtbar, aber die Statistiken sagen nichts über Vorerkrankungen. Auch heute sagen sie nichts oder nur wenig darüber.

Heute Abend wird entschieden, ob es Ausgehbeschränkungen gibt. Ich hätte nichts dagegen, kann aber von Münster sagen, dass vorhin, als ich mit dem Rad aus der Stadt nach Hause fuhr, so gut wie keine Menschen unterwegs waren. Hier und da mal ein Spaziergänger, aber das soll ja auch nicht verboten werden.

Tatsache ist, dass längst so gut wie alle Geschäfte geschlossen sind, und das soll auch so bleiben. Also, Freunde, es ist gruselig, es treibt Wellen wilder Verzweiflung, aber größer als all das ist die Hoffnung. Ich hoffe. Du hoffst. Er sie es hofft. Wir ihr sie hoffen. Los jetzt.

5 Kommentare

  • Carolin schreibt:
    um 096. 2020-04-05 2020 um HH:mm Uhr

    Ich überlege gerade: Mein Nachname beginnt mit "W", der meines Mannes mit "B". Da hätten wir, nach der vielen Rückzugszeit zuhause, massig Gelegenheit, jeder für sich im Café zu sitzen (und würden uns dabei sogar nur an die Vorschriften halten). Er dürfte allerdings seine Tochter nicht mitnehmen zum Eis essen, denn die ist auch in der Gruppe "W". Immerhin könnte ich meine beste Freundin treffen, denn zufällig beginnt ihr Nachname auch mit "W". Außerdem würde man vermutlich meistens einen freien Tisch bekommen.
    Vielleicht könnte man auch, statt alphabetisch, numerisch vorgehen? Heute alle bis 20, morgen 20 bis 40 Jährige, 40 bis 60, Ü60 - da die Woche nur 7 Tage hat, müsste man schauen, welche Gruppe nur einmal Ausgang erhält?
  • dorfschreiber schreibt:
    um 096. 2020-04-05 2020 um HH:mm Uhr

    möglich und denkbar ist vieles, wie immer es ausgeht, ich wünsche es mir von herzen.
  • Helga Lichtenthäler schreibt:
    um 120. 2020-04-29 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Herr Mensing,
    ich habe vor Jahren eine seltsame Begebenheit mit einem Medium in Ascona gehabt. Wenn Sie interessiert sind, schreibe ich Ihnen die "Story".
    Mit freundlichem Gruß
    Helga Lichtenthäler
  • Franz Maxwill schreibt:
    um 120. 2020-04-29 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Dorfschreiber, lieber Herr Mensing,

    erst durch WDR 5 bin ich heute auf Sie aufmerksam geworden. Schade! So spät! Schön, dass ich dennoch davon erfahre.
    Meine Erfahrungen mit der Covid-19-Pandemie sind ähnlich wohl der Ihrigen. Einerseits gibt es viel Veränderungen in der Grundhaltung der Menschen im Alltäglichen. Andererseits haben die meisten wohl nicht verstanden, dass diese Pandemie eine Chance sein könnte, nachdenklicher zu werden. Sie werden weiterhin mit ihren SUVs durch die Lande brausen, die Korosin-Schleuder wieder nutzen, um die letzten schönen Ecken der Welt weit entfernt von hier zu "erkunden" und ignorieren, dass z. B. gestern gemeldet wurde, dass das Eis am Nordpol sich allmählich auflöst.

    Die Pandemie ist einschneidend, ja, aber die Folgen der Klimakatastrophe werden zu Krieg und Millionenfluchten führen, also viel gravierender sein.
  • Susanne Müller für den Arbeitskreis Literatur schreibt:
    um 121. 2020-04-30 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Hermann, heute endet leider der - in dieser Form ungeplante - erste Teil des Projektes DORFSCHREIBER 2020, das dank Corona zum Projekt DORFSCHREIBER 2020/2021 mutierte. Sofern - was wir ja alle hoffen - uns das Virus bis dahin aus seinen Fängen entlässt, werden wir Dich vom 9. Mai bis zum 4. Juli nächsten Jahres in unserer Gemeinde (wieder)sehen - und zwar leibhaftig!

    Wir danken Dir für die vielen und sehr vielfältigen Beiträge für Deinen Blog und freuen uns schon heute auf den zweiten Teil mit zahlreichen Begegnungen und daraus resultierenden frischen Texten.

    JUNGE, KOMM BALD WIEDER!

Helga Lichtenthäler's Kommentar beantworten

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