Dorfschreiber

Literatur, da wird mir übel (Nina Hagen, damals)

Liebe Everswinkler,

ich weiß nicht, wie das Leben in Everswinkel funktioniert, denn ich lebe ja nicht, wie geplant, im Dorf, ich bin umständehalber der erste Dorfschreiber des Universums, der seinen Job vom Home-Office betreibt. Ich weiß auch nicht, ob Ihnen gefällt, was ich täglich schreibe, aber das zu ergründen ist auch nicht meine Sache. Meine Sache ist die Literatur.

Ich bin kein Journalist, aber heute  habe ich so getan, als wäre ich einer. Ich habe Frau U. angerufen, die in der katholischen Pfarrbücherei arbeitet. Arbeiten würde, muss ich der Wahrheit halber anfügen, denn sie hatte sich noch vor dem Ausbruch der Corona-Krise eine schwere Grippe zugezogen, die sich zu einer Lungenentzündung ausweitete. Sie hat das ganze medizinische Prozedere durchlaufen, das auch ein schwer am Covid19-Virus erkrankter Patient durchläuft. Intensivstation, künstliche Beatmung, etwas Beängstigendes, wie sie sagt. Aber sie hat sich gut aufgehoben gefühlt im Münsteraner Franziskus-Hospital, das schon früh auf die schrecklichen Nachrichten aus aller Welt reagiert und eine Station nur für Corona-Patienten freigeräumt hat.

Nun ist sie genesen, aber natürlich muss sie sich vorsehen, ihr System ist geschwächt, sie braucht Zeit zur Rekonvaleszenz. Sie zu besuchen, wie ich eigentlich geplant hatte, geht da natürlich nicht, sie lebt in häuslicher Quarantäne, Lebensmittel werden ihr vor die Tür gestellt. Aber sie ist guten Mutes, sie liest, sie strickt, und sie hat einen Garten, in dem sie sich ungestört und ungefährdet aufhalten und beschäftigen kann. Das mit der Beschäftigung, sagt sie, sei sehr wichtig, was ich bestätigen kann, dernn auch ich habe mir viele Schrecken der Gegenwart durch Beschäftigung vom Halse halten können, wenn auch nicht immer, wie Sie aus meinen Texten auf  meinem Dorfschreiber-Blog entnehmen können.  

Für Frau U, für mich und hoffentlich auch für Sie geht es mit kleinen Schritten aufwärts. Die Statistiker, selten so gefragt wie im Augenblick, bestätigen das. Süchtig nach aufmunternden Nachrichten bin ich froh, dass es sie gibt. Dennoch haben sich zwischen der blühenden Frühlingsnatur und dem Geschehen der Welt tiefe Gräben aufgetan. Sieht man von den inkompetenten Staatslenkern ab, die sich in Beschwichtigungen,Lügen und Ausreden flüchten, sich ansonsten in ihrer Macht sonnen, gibt es eine erfreuliche Tendenz, denn wie jede Krise teilt auch diese die Spreu vom Weizen. Ich entnehme der Presse viel Ermutigendes. Gedanken, die noch vor sechs Wochen kaum ins politische Kalkül einbezogen wurden, bieten jetzt Perspektiven, an denen man sich ausrichten will. Hoffen wir, dass es so kommt.

An einem der nächsten Tage werde ich nach Everswinkel fahren. Ich werde durchs Dorf gehen, ich werde beobachten, notieren, und vielleicht ergibt sich daraus ein Text. Von einer Leserin meines Blogs weiß ich, dass sie nicht zu allem, was ich schreibe, Zugang findet. Aber das ist auch nicht notwendig. Meine Aufgabe ist es, der Welt mit Text die Stirn zu bieten. Und die Welt, das wissen Sie selbst, ist im Großen und Ganzen nur schwer zu verstehen. Ich schlage daher vor, dass Sie die Texte, die ich online stelle, mit größter Unvoreingenommenheit lesen. Fragen Sie sich nicht, was dieses oder jenes zu bedeuten hat, versuchen Sie zu genießen. Lassen Sie sich von Fragen, die beim Lesen auftauchen, nicht den Kopf verdrehen. Nehmen Sie sie als Herausforderung, so wie jeder Tag in diesen erschütterten Zeiten eine Herausforderung darstellt.

Literatur ist Kunst, manche sagen, Kunst käme von Können, aber stimmt das? Literatur hat ihre ureigene Bedeutung. Sie fügt der Wirklichkeit Facetten hinzu, die Sie vorher nicht kannten. Lassen Sie sich also verzaubern. Und melden Sie sich, wenn Sie Fragen haben. Die Initiatoren des Kulturkreises Everswinkel und ich sind ein wenig enttäuscht, dass es so gut wie keine Rückmeldungen auf den Blog gibt. Das ist schade. Aber vielleicht dreht sich der Wind, das würde uns freuen. 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Mittwoch, den 32. Tag dieser Krise, zumindest ist er das für mich, denn am 13. März hat sich für mich alles verändert. Denken Sie daran, was für ein großartiges Fest wir feiern werden, wenn das Schlimmste vorbei ist.  Aber vergessen Sie nicht, dass wir bis dahin noch viel Geduld aufbringen müssen. Halten Sie sich an die Regeln, schützen Sie sich und andere, es wird besser, davon können Sie ausgehen.

Herzlichst, Ihr Dorfschreiber Hermann Mensing

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