Dorfschreiber

Lea

Lea

Mama war in der Sparkasse, Geld holen. Lea wusste noch nichts vom Geld, aber dass man es holen konnte, erstaunte sie. Sie holte immerzu Dinge. Ihre Puppe Poppeia, fast so groß wie sie,  die Tante Berta, eine baumlange Pastorin aus Billerbeck für sie genäht hatte, oder ihren Stoffhund Paul, der uralt und zerzaust ist, weil er Papa gehört hatte, als Papa ein Kind war, und natürlich holte sie all die Sachen, die sie nicht finden konnte und tagein tagaus suchte.
Lea umkreiste die Wildschweine am Magnus Platz, als eine Stimme sagte: Du, Lea, komm mal her.
Ganz leise, und grunzend. Ruff ruff.
Ein paar Menschen kreuzten den Platz, vor der Bäckerei saß ein spindeldürrer Mann vor zwei großen Stücken Erdbeerkuchen mit Sahne. Lea lief das Wasser im Munde zusammen. Am Himmel sichelten Schwalben, auf dem Dach der Sparkasse stritten zwei Dohlen, aber niemand von denen hatte etwas gesagt.
Psssst, Lea. Ruff ruff...
Wo kam das denn bloß her?
Hier, Lea....
Lea drehte sich um.
Der Keiler zuckte mit dem linken Ohr. Sein kurzer Schwanz kreiste.   
Ja, ich, komm nur, ruff ruff....
Leo kam Schritt für Schritt näher.
Wer  bist du?
Siehst du doch, Lea, ruff ruff. Ein Wildschwein. Ich will dir ein Abenteuer spendieren.
Mama hatte Lea in der Eisdiele an der Vitus Straße schon oft ein Eis spendiert und wusste, dass Spendieren etwas Schönes ist.
In echt?
Ja, ja, ruff ruff.  Hast du einen Wunsch?
Lea überlegte. Und sie überlegte nicht lang.
Ich will ein Erdbeerfeld leer essen!
Lässt sich machen, ruff ruff,  steig mal uff!
Uff? sagte Lea verunsichert.
Aufsteigen sollst du.
Wupps, saß Lea auf dem kühlen Rücken des Keilers, und dann ging es los. Er  ruffte und ruffte, er rief, festhalten Lea, die warme Sommerluft strich an ihr vorbei und wurde kühler, denn der Keiler war schnell wie der Blitz. Es ging vorbei an der Volksbank, die Mühlenstraße hoch über die Brücke und immer geradeaus. Birken säumten den Weg.
Du fliegst ja, rief Lea.
Psssst, sowas musst du nicht laut sagen, sonst fallen wir runter.
Hast du unsichtbare Flügel?
Ja, sowas ähnliches.
Es ging auf und ab, es ging durch den Heidbusch, und irgendwann war da ein Erdbeerfeld voll süßer, roter Früchte. Ihr Geruch machte Lea ganz unruhig.
Das schaffst du nie, sagte der Keiler. Ruff ruff. So viele Erdbeeren kann niemand essen.
Ich wohl, sagte Lea, und dann aßen sie.
Berge Erdbeeren aßen sie, bis Lea sagte: So, jetzt will ich zu Mama.
Ruff ruff, sagte der Keiler,  Lea stieg uff, und dann war sie auch schon zurück auf dem Magnus Platz.
Mama kam gerade aus der Sparkasse und alles war, als wäre nie etwas gewesen. Der Keiler, die Frischlinge, die Bache, alle standen da, sagten keinen Pieps, aber Leas Mund und die Flecken auf ihren Kleid verrieten etwas anderes.   

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