Dorfschreiber

In den Wald rufen

Als man Deckenbrock beauftragte, in den Wald zu rufen, hatte er an einen Aprilscherz gedacht. Wozu sollte ich das tun, hatte er gedacht, aber seine Auftraggeber, Geldverleiher, Zinsjongleure und Investitionshasadeure, vertreten durch die reitenden Boten W. und G., hatten versichert, dass das keineswegs der Fall sei, im Gegenteil, man habe eine hohe Meinung von seiner Kunst, seine Rufe in die Wälder der Republik hätten nachhaltige Wirkung gezeigt, man habe nur Gutes gehört aus Berlin, Wien, aus Köln und sogar aus New York, er müsse sich also nicht sorgen.

Deckenbrock, nicht uneitel,  aber auch nicht so eitel wie viele andere, die große Wellen vor sich herschieben, sagte, er müsse sich das überlegen. Er hatte schon in viele Wälder gerufen und wusste, dass das ein schwieriges Geschäft ist. Meist nämlich blieb der Wald stumm. Er hatte sich fast ein Leben lang die Seele aus dem Leib gebrüllt, schönste Kadenzen, jubelnde Triller, tiefste Baritöne und Bässe waren dabei herausgekommen, aber nur selten kam ein Pieps zurück, und so war dann viel zu oft bedröppelt seiner Wege gezogen. Aber dieser Ruf, es doch noch einmal zu versuchen,  zumal mit der Aussicht auf ordentliche Bezahlung, hatten ihn umgestimmt.

Und so hatte Deckenbrock sich am 1. April aufgemacht, um den ersten Ruf auszustoßen. Und siehe, zwei Tage darauf meldete die Dorfzeitung, dass da jemand gerufen habe. Angefeuert stieß Deckenbrock nun jeden Tag mindestens einen Ruf, manchmal zwei, drei oder vier aus, übersprang Gattungsgrenzen, wechselte die Tonlage und die Bedeutungstiefe, er tat alles, um seinem Ruf gerecht zu werden, aber der Wald blieb stumm.

Die Boten W. und G. versuchten ihn zu trösten. Die Kunst des In-den-Wald-Rufens sei im Land der Dichter und Denker nicht sonderlich hoch angesehen, Kunst werde kaum  als lebensnotwendig erachtet, dann lieber doch Investitionsprogramme für die Wirtschaft. Ja, ja, hatte Deckenbrock gemurmelt, das ist  wahr. Seine Rufe waren dennoch nicht zögerlicher geworden. Im Gegenteil, nachdem er sich  eingearbeitet hatte, spürte er einen gewissen Ehrgeiz, den auch die  fehlende Resonanz nicht kleinkriegen konnte.

Aber da mit dem Ende des Monats auch Deckenbrocks Engagement endet, spürt er nun neben ein wenig Wehmut über all die folgenlosen Rufe auch Erleichterung. Drei Tage noch, dann kann er sich ein wenig schonen und an andere Dinge denken.

Top