Dorfschreiber

Ich kann fliegen

W. und ich treffen uns am Flugplatz. W. ist ein erfahrener Fluglehrer. Er bildet seit 30 Jahren Piloten aus. Wir sind Gronauer und kennen uns seit über 50 Jahren. Wenn damals in der Concordia die Swinging Blue Jeans, die Liver Birds oder die Stadthelden The Lightnings spielten, standen W. und ich gern in der Nähe der Bühne und schüttelten uns die Frustrationen der Fünfziger aus den Knochen.  

W. besitzt ein kleines Flugzeug, eine Comco Ikarus mit einem Rotax Motor, was mich auf der Stelle beruhigte, denn mein Aprilia Roller hat einen ebensolchen Motor, und aus berufenem Mund weiß ich, dass diese Motoren äußerst zuverlässig arbeiten. Das kleine Flugzeug steht hinten in der Halle. Wir öffnen die schweren Rolltüren, dann müssen wir Flugzeuge beiseiteschieben, damit unsere Maschine an die frische Luft kommen kann. W. meckert. Er findet, die Kollegen müssten ein wenig mehr auf Ordnung achten.

Als die Maschine vor der Halle steht, gehen wir herum, um Ruder, Verstrebungen und schließlich den Motor zu inspizieren. Alles ist fragil. Die Bespannung der Flügel, die Verstrebungen, selbst die Türen sind dünn wie Pappe. Die Ikarus ist eine kleine Maschine mit Platz für zwei Erwachsene. Taschen kommen nach hinten in Rumpf, da ist eine kleine Klappe, die man aufmachen kann. Dort befindet sich zudem ein Fallschirm und eine kleine Rakete, die, das höre ich zu meiner großen Verwunderung, durch einen roten Notgriff mittig über den Köpfen der Insassen ausgelöst, eine Klappe wegsprengt, die Rakete zündet, die den Fallschirm herausschießt, der, und jetzt staune ich, das Flugzeug sicher zur Erde bringt.

Wir steigen ein. Zwei Schalter werden umgelegt, ein Knopf wird gedrückt, der Motor startet. Zwei, drei Minuten stehen wir, damit der Öldruck sich aufbaut und die Maschine rund läuft. Dann rollen wir zum Startplatz.
W. hat mir erklärt, dass ich das Flugzeug mit den Fußpedalen der Seitenruder steuern könne. Ich schlingere auf dem Weg zur Startbahn, aber dann weiß ich schon, wie es geht. Statt aufzurollen, um am Ende der Startbahn noch ein letztes Gebet zu sprechen, machen wir einen Rolling Take Off und sind schon in der Luft.

Die kleine Maschine hüpft und ich spüre die Thermik in den Pedalen. Ich steure gegen. Ich fliege. Ich bin begeistert. Mir wäre nach einem Sturzflug. Auch gegen einen Looping wären nichts einzuwenden. Stattdessen schaue ich begeistert auf eine geometrisch geordnete Welt, und überfliege Everswinkel. Ich erkenne meine Straße. Wir fliegen Richtung Raestrup, wir sehen die Ems, einen Zeltplatz, parzelliertes Land und die Wälder. Telgte lassen wir links, Warendorf rechts liegen. Am Horizont der Teutoburger Wald, die Senne, der Haarstrang.

W. kontaktiert Münster Osnabrück und erbittet die Erlaubnis, den Flughafen überfliegen zu dürfen. Der Tower gibt sein okay. Ich kann die Runway schon sehen.  In sechshundert Metern Höhe fliege ich eine Linkskurve, folge ihr bis ans westliche Ende , und biege nach Münster ab. Parallel unter uns die A1, der Felix See, der Kanal, der KÜ mit der Baustelle der Umfahrung, schließlich die Rieselfelder, dann Münster.

Alles außerordentlich ordentlich von hier oben. Meine latente Flugangst, die sich meist legte, wenn ich in der Luft war, hatte sich vor ein paar Jahren aufgelöst, und so bin ich entspannt. Ich genieße das leichte Schaukeln und Hüpfen und den Blick auf die Welt. Ob die Freiheit über den Wolken grenzenlos ist, weiß ich nicht, aber ich könnte noch Stunden so herumfliegen. Die Ikarus sei ein gutmütiges Flugzeug, die flöge auch von allein, sagt W.

Hinterm Fernsehturm Wolbeck verliere ich die Orientierung, aber W. sagt, wir seien auf dem richtigen Weg und meldet uns beim Tower an. Unter uns eine weitere Maschine im Landeanflug. Das sei A., sagt W. erfreut, eine kregle alte Dame, die gerade ihren Flugschein gemacht habe, aber nächste Woche müsse sie bei ihm "noch mal ran".  Sie landet. Wir landen kurz darauf. Das Starten und Landen übernimmt W. Dazu bräuchte es schon noch ein wenig mehr Erfahrung. Die Maschine kommt zum Stillstand. Wir entladen sie, schieben sie zurück in die Halle. Ich bedanke mich bei W. Dass Fliegen so einfach ist, hätte ich nicht gedacht. 

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