Dorfschreiber

Halbzeit

Halbzeit

Ob es regnen wird? Unklar. Das vielfarbige Grau hat das bleiche Blau des Vortages ersetzt. Da und dort hat es Starkregen gegeben hat, hier aber nichts dergleichen, wenngleich ein paar Wiesen flach liegen, aber die erholen sich. Gerste, die Nachfahre dieser Gräser, steht dreimal wieder auf. Weizen ist nach einem Mal verloren. Die Pfingstrosen haben ihre Blütenblätter abgeworfen. Die Luft ist erträglich. Ich atme auf. Die Seuche ist auf dem Rückzug. Bald sind wieder Veranstaltungen mit Publikum möglich, aber die erste Halbzeit des Dorfschreibers hat ohne Publikum stattgefunden.

Der Dichter ruft in den digitalen Orbit. Is there anybody out there...?

Vier Wochen sind eine lange Zeit. Jeden Tag etwas aus dem Hut zaubern, das Mumm hat und nicht in die Irre führt, ist anstrengend. Zur Not schneide ich  mir etwas aus der Rippe. Das tut wehr, aber der Schmerz vergeht, wenn es gelingt, etwas daraus zu machen. .

Einen Text. Eine Dummheit. Ein Gedicht. Eine Geschichte. Ein Foto.
Etwas geht  immer, so viel hat mich die erste Halbzeit gelehrt. Auf dem Hinterrad meines Aprilia Rollers hat es begonnen, und es endet mit einem triumphalen Auszug unter Glockengeläut und einem zu Tränen gerührten Bürgermeister, der vom ersten Tag meines Aufenthaltes allergrößtes Interesse für die kulturelle Sache gezeigt hat.

Vier Wochen höchster Konzentration. Spaziergänge, Radtouren, Besuche,  interessante Gespräche, Staunen. Ja, wenn es eines Halbzeitfazits bedarf, dann das des Staunens über die Normalität dessen, was der Fall ist. Und der Freude darüber, wie offen und freundlich der Westfale sein kann, wenn er will. Mein Herz gehört ihm, ich bin selbst einer.

Trotzdem, das hätte auch anders ausgehen können. Der Landwirt hätte mich auflaufen lassen, der Heimatforscher mich in den Tiefschlaf geredet. Vieles hätte geschehen können und Ich hatte vieles befürchtet, aber zum Glück bin ich nicht allein. Godot, Beckett, Herr M. und ich stecken von früh bis spät die Köpfe zusammen. Wir sind im Exil. Wir müssen auifpassen. Bestimmt gibt es politische Feinde, hier draußen, aber das zählt nicht, ich rede trotztdem mit ihnen.
Es hätte mich aber auch nicht gewundert, wenn wir uns auf dem Sofa zusammengerollt und gesagt hätten, nein, tut uns Leid, uns fällt ums Verrecken nichts ein, die Leinwand ist zwar grundiert, aber wir finden nicht den geringsten Anlass, diesen jungfräulichen Zustand zu verändern. Wir haben keinen Bock. Wir warten ab. Man kann der Kunst keinen Auftrag erteilen, sie Schnösel.  Man kann sie nicht drängen. Man kann nicht sagen, hören Sie, machen Sie voran, wir wollen Ergebnisse.

Zum Glück hat das niemand verlangt. Im Gegenteil: volle Kunstfreiheit ist vertraglich vereinbart. Offenbar war bekannt, dass die Kunst einen dicken Kopf und eine von Licht und Dunkelheit geflutete Seele hat. Sie gehorcht nicht, sie befiehlt. Und das Paradox, dass niemand weiß, was Kunst ist, macht die Sache nicht leichter.

So hätten wir die ersten vier Wochen saufend und kiffend sehnsüchtig darauf warten können, möglichst bald wieder von hier zu verschwinden, um zuhause in Ruhe zu altern. Der betrunkene, mit seinen Zweifeln durchs Dorf torkelnde Dichter hätte dann immerhin für ein wenig Tratsch und Unterhaltung gesorgt. Das wäre alles von der Kunstfreiheit gedeckt. Seht ihr, hätten dann alle gesagt, es war eben eine blödsinnige Idee, einen Dorfschreiber zu engagieren, und dann noch für so viel Geld, damit  hätte man auch etwas Besseres machen können.

Bei dem Zahlwort "einen" hätten sie schon falsch gelegen. Ein Künstler kommt selten allein. Immer sind Geister bei ihm. Godot, Beckett, Herr M. und ich. Sie beflügeln mich, oder legen mir Steine in den Weg. Sie können fies und gemein sein.

Letztens, ich hatte die Küche gewischt und wollte mir ein Glas Apfelsaft eingießen, lenkte Beckett mich ab. Ich verlor die Kontrolle über meine Achse, rutschte aus und krachte auf den Steiß. Mein Hinterkopf hatte die halb geöffnete Tür um zwei Zentimeter verfehlt. Bingo. Was für eine grandiose, für die Aufmerksamkeits- und Katastrophenjournaille unbezahlbare Schlagzeile: Dorfschreiber bricht sich in der Küche seiner Dorfschreiberwohnung das Genick. War er betrunken? Hatte er Drogen genommen? Ja natürlich. Was sonst sollte ein Dichter in einem gottverlassenen Dorf östlich der beamten- und stundentenlastigen Kleinmetropole auch sonst gewesen sein? Man weiß doch wie Künstler sind. Die Unvernunft des Dichtens kann ihre Seele in Dornengestrüpp treiben, aus dem sie nur mit Mühe herausfinden.

Ich lag also stocknüchtern auf dem von mir gereinigten Boden und sah keine Sterne, sondern die Küchendecke und das Regal mit den spanischen Tortas de Aceite, knuspriges Gebäck  Godot kicherte. Er hatte ganze Arbeit geleistet. Auf ihn kann ich bauen. Nicht, dass ich ihm deshalb eine Lourdes Grotte im Schuter oder eine spätgotkische Kapelle der Deckenbrocks im Wester bauen müsste, so etwas interessiert ihn nicht. Eher würden wir einen Stick rauchen, nach dem Schreck. Beckett, der ständig Spuren verfolgt, immer den Stift zur Hand und das Notizbuch in der Innentasche seines irischen Tweedjacketts , um nichts zu verpassen, sah unverhofft (war das Absicht?) eine Chance, in der zweiten Halbzeit zu spielen. Soll ich einen Krankenwagen rufen?

Ich überlegte, in welchem Zustand ich mich befände. Zwei Möglichkeiten gingen mir durch den Kopf. Ich war entweder unverletzt oder mausetot. Der Tod ist ein Zustand, den ich zwar nicht ersehne, aber auch nicht fürchte. Ich will hundert werden, und der Tod ist die einzig verlässliche Grundkonstante des Lebens, ohne ihn wäre es sinnlos. Ich mag den Tod. Er stiftet mir Sinn.

Ich lebte also. Fuck off, Beckett, sagte ich.  Godot half mir auf, ich goss mir ein Glas Saft ein und trug es hinaus auf meine Terrasse. Beide Katzen waren da, Dinah und Lea. Lea  ließ sich zum ersten Mal von mir streicheln.

Der Holunder blüht tellergroß, eine Amsel singt, es ist 14 Grad. Man fröstelt gern, man liebt das frische Grau. Die Ruhe ist zurück. Ich meine nicht die Abwesenheit störender Geräusche, sondern vor allem die Möglichkeit, in Everswinkel zwei Monate in größtmöglicher Zurückgezogenheit das tun und lassen zu können, was ich wil und am Besten kann.. Was für ein Privileg. Als man mich vor zwei Jahren zum Poeta Laureatus erkor, hatte ich mir das nicht vorstellen können.

Als ich mir vorgestern bei meinem Fahrradhändler in Roxel einen Regenumhang klaufte, grüßte der  mit:  Ach, der Herr Dorfschreiber. Hab' Sie in der Zeitung gesehen. Is ja toll. Sicher interessant, nich? Ja, sagte ich, und freute mich, dass mir die reine Wahrheit von den Lippen tropfte. Das hat man nur selten. Is Halbzeit, sagte ich noch, und das war die Idee zu dieser Geschichte.

Sie bot sich an. Geschichten wollen, dass man sie findet. Es ist wie beim Pilze finden. Ein Dichter ist ein Finder. Wenn er etwas gefunden hat, ist es wahrscheinlich, dass er es in Besitz nimmt, und anfängt, damit zu spielen. Er braucht einen Helden. Kein Pproblem. Da ist der Helf,  und wo ein Held ist, muß auch ein Wetter sein. Es kommt vor, dass er, wie Hitchcock es gern tat, eine Waffe an die Wand zaubert, damit der Aufmerksame begreift, dass sie im Verlauf noch zum Einsatz kommen wird. Suspense.

Ein Dichter liebt die Wahrheit und lügt wie gedruckt. Gute Dichter sind gefährlich. Ich bin ein guter Dichter. Ich habe einen Waffenschein. Wenn es sein muss, kann ich um Ecken schießen. Wenn ich jemanden partout nicht mag, kann ich ihn verletzen, dass er es so schnell nicht vergisst, aber lieber schreibe ich meinen Reim auf die Welt, und hoffe, dass jemand begreift, wie schön und verletzlich sie ist, wie jeder von uns es verschläft, sie zu schützen, und  jeder sich einlullen lässt von den Dingen, die er besitzt. Das Grauen ist der Welt inhärent, aber ihre Schönheit ist größer. Das will ich sie sichtbar.

Die zweite Halbzeit wird gleich beginnen. Ob meine Mannschaft und ich in Führung liegt oder nicht, ist zweitrangig. Natürlich, der Empfang beim Bürgermeister und das opulente Essen könnten mir suggerieren, ich hätte längst gewonnen und könne es nun ruhig angehen lassen, aber auf so billige Tricks falle ich nicht rein.  Ich habe in der ersten Halbzeit jede Flanke geschlagen, die sich anbot, ich habe jeden Meter genutzt und viele Räume abgedeckt. Ich bin guter Stimmung. 

In der Kabine werden Witze gerissen. Manche sind so gut, dass man sie nicht erzählen darf, weil die Welt, auf Krawall gebürstet, immer alles falsch versteht. Getränke werden gereicht. Godot hat sich hingesetzt, sein Knöchel hat eine Blessur. Der Physiotherapeut versichert aber, dass er weiterspielen kann. Beckett ist stinkig.  Gerade erst hatte er eine Chance gewittert, jetzt ist sie schon wieder dahin. Trotzdem. Er will er spielen. Er muss spielen. Trainer, sagt er, ich mache dir garantiert ein Tor. Das hast du letztes Mal auch gesagt, sagt der Trainer. Beckett blickt zu der zwischen seinen Füßen stehenden Flasche Glenmorangie. Lebenswasser. Seine Art Tore zu schießen braucht Lebenswasser, Kontemplation, Ekstase und Fantasie. Er trifft häufig, es ist nur so, dass seine Tore nicht für alle wahrnehmbar sind. Aber sie sind von großer Kunst. Der Trainer weiß das. Man kan seine Zurückhaltung dennoch verstehen, denn im Showbusiness (Literatur, Musik, Kunst, Sport, Kino, Kirche) zählt nur, was Erfolg bringt. Alles andere wird kaum besprochen, geschweige goutiert.Künstler aber wollen nichts anderes als Kunst, Ruhm und Ehre.

Darauf kippen Godot, Beckett,Herr M., der Dichter und ich einen Doppelten.  Der Dichter würde gern rauchen, aber das hat der Trainer nicht gern. Und wie geht es jetzt weiter? fragt er. Wollt ihr das bisher Erarbeitete verwalten und sicher zum Ende bringen? Nö, schallt es zurück. Gut, sagt der Trainer, dann legen wir noch einen Zahn zu. Aber schreibt euch eines hinter die Ohren, es muss noch mehr Kunst ins Spiel, Jungs. Auf so einen Dorfacker gehört Kunst. Sie muss leicht aussehen, auch, wenn sie schwer ist. Also strengt euch an. Und jetzt zu dir, Beckett, hör zu, genau deshalb steigst du jetzt nämlivh auch mit ein. Godot, Herr M. und ich schauen ihn an. Beckett strahlt. Beckett ballt die Fäuste. Wir spielen für Friederike Mayröcker, sagt er, für die große Dichterin, die gerade mit 96 gestorben ist. Wir weben ihre Träume fort, streuen ihr Blumen aufs Haar, wir tauchen ins Blau des Himmels, wir von Godot gesegneten flirren durch irisierendes Licht, stehen vor Blüten und trinken, das ist das, was wir in der zweiten Halbzeit tun werden, egal, wie der Ort heißt, wo er liegt, welche Hautfarbe die Menschen haben oder welche Religion, wir besingen unsere gemeinsame Wurzel, die allen gehörende Welt und den Augenblick, mehr haben wir nicht.

Wir bilden einen Kreis. Jeder legt seine Arme auf die Schultern seiner Nebenmänner. Wir stecken die Köpfe zusammen. Schiller ist etwas betrunken. Goethe grimmig entschlossen. Beckett raucht. Godot hat sich in Geist verwandelt. Der Trainer umkreist uns, klopft uns auf die Schultern. Jetzt hält uns nichts mehr! ruft er. Ist das eine Drohung? sagt Godot, der wiedererschienen ist.

Der Platz ist hergerichtet. In den Fankurven Gesänge und Gegengesänge. Der Schiedsrichter schaut auf die Uhr. Wir laufen auf. Wir haben die richtigen Fragen, wir habe keine Antworten, wir wissen nichts, was nicht auch andere wissen könnten, wir strecken die Brust raus und versuchen, uns zu verzaubern. Wir sind Profis. Wir werden gut bezahlt, also liefern wir gute Arbeit. Mehr kann man nicht verlangen. 

 

 

Top