Dorfschreiber

Gesang und Cappuccino

Wir könnten unter den Linden über die Linden singen, die in diesen (und nur in diesen wenigen Tagen)  im prächtigsten Lindgrün stehen,  überall an den Landstraßen. Wir sängen, wie sich jedes Blatt punktgenau und immer im besten Winkel auf die Sonne ausrichtet, ein wahres Wunder.  Wir könnten darüber singen, wie der schwere Regen auf den Blättern zerplatzt und zu Kronen aufspritzt,  Coronen, die Mehrzahl, Corona, die Krise Tag 429. Wir könnten aus dem Haus gehen und über die Straße, fast vierzig Schritt von einer Haustür zur Tür gegenüber, vorbei an gemähtem Rasen, auf dem frühmorgens Dohlen und Elstern streiten, vorbei an Häusern mit Flachdächern. Der Bungalow lebt. Er ist ein wenig aus der Zeit gefallen, ständig wurden seine Dächer undicht, er war in den späten 60ern topmodern, aber er ist immer noch da, so wie wir. Auch über Plastikkrähe, die auf der Ecke eines Daches sitzt, könnten wir singen, aber das lassen wir, der Aufsteller dieses Vogelschrecks ist keinerlei Erwähnung  wert, denn er beleidigt die Intelligenz der Krähen und Dohlen. Man sagt gern, der Dichter sänge, also singe ich. Das Telefon schellt. Jemand vom Kulturkreis erklärt, welche Losung das Ordnungsamt im Hinblick auf die physische Präsenz des Dorfdichters im Augenblick favorisiert. Es herrscht der Tanz der Inzidenzen. Der Dorfdichter darf weder im Dorf stehen und vorlesen, noch darf er die von ihm geplante Großlesung mit viertausend Zuhörern im Sportpark Wester halten, so wie der kleine Udo, der heute 75 wird und bei mir in Gronau ums Ecke wohnte. Nix darf der kleine Dorfdichter, dabei wäre er gern nach der Messe mit seinem Gleitfallschirm neben St. Magnus gelandet, und hätte ein Gedicht vorgelesen.  Der Dorfdichter geht durch die Vitusstraße.  Die Stadt hält Mittagsschlaf.  Über das Wohl einer solchen, längst ausgestorben geglaubten Mittagsruhe muss man nicht weiter singen, da kann man nur noch eines tun: sich fügen. Die Zeitung später abholen und sich stattdessen aufs Sofa legen. Auf dem Sofa dürfen Dorfdichter alles tun, und es ist wundervoll, der Zeit, die uns bleibt, dort für eine Weile beim Verstreichen zuzuschauen. Dazu gibt es Cappuccino, denn Beckett hat einen Milchaufschäumer mitgebracht.  

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