Dorfschreiber

Gedanken zur Corona-Pandemie

Schrebergärtner könnten sich glücklich schätzen.

Jedes Jahr eine Katastrophe wie diese, und der Schrebergarten meiner Partnerin würde als schönster Garten der Republik ausgezeichnet. Sie hat Zeit. Ihre Arbeit, mit der sie ihre Rente aufbessert, ist ausgesetzt. Zum Glück aber terrorisieren Pandemien die Welt nicht jeden Tag, die letzte, die Spanische Grippe, liegt hundert Jahre zurück.

Die Corona-Pandemie scheint ihre Vorgängerin an Schrecken allerdings in den Schatten stellen zu wollen, wenngleich noch längst nicht so viele Opfer zu beklagen sind. Manche glauben an biologische Kriegsführung, aber das ist völliger Unsinn, denn sie träfe ja auch den Verursacher.

Vielleicht wird ihr Schrecken durch das mediale Echo unnötig aufgebauscht, und man könnte sich schützen, indem man nicht ständig Nachrichten hört und liest. Trotzdem. Sie ist da, und sie geht nicht so bald. Sie stellt Forderungen an jeden. Dazu scheint die Sonne, und der Frühling zieht ins Land. Die schönste Zeit, und alles ist trügerisch, und alles ist wahr.

Schrebergärtner könnten sich glücklich schätzen. Sie entfliehen der entvölkerten Stadt und verbringen ihre Tage mit körperlicher Arbeit an frischer Luft, sie haben soziale Kontakte über die Zäune ihrer Gärten hinweg, und wenn sie zudem mit einer Rente nicht völlig ohne Einkommen dastehen, wie viele im Augenblick, könnte man ihre Existenz fast sorglos nennen.

Hinter ihrer Arbeit jedoch, hinter dem sorglosen Gesang der Rotkehlchen, Buchfinken und Meisen, steht tiefe, menschliche Verunsicherung. Ich, der Einzige, den ich halbwegs kenne, habe Angst. Es ist aber nicht die Angst vorm Tod, denn der ist ja nicht da, solange ich hier bin, und wenn er hier ist, bin ich nicht mehr da, nein, ich habe Angst vor den Folgen der Pandemie, ich habe Angst vor den Menschen, die, wenn sie die Nerven verlieren, unberechenbar sein können. Zudem fürchte ich Ungeduld. Der „shutdown“ ist jetzt gerade einmal eine Woche alt, und ich will schon, dass es aufhört.

Ich las, dass die Schulen zum 20. April wieder öffnen. Das brächte etwas Normalität zurück in die Welt. Aber eh ich wieder sorglos sein kann, wird bestimmt noch ein Jahr vergehen. 2020 wird also ersatzlos gestrichen. Es ist mein 72. Lebensjahr, ich hätte gern mehr davon gehabt, ich hätte gern als Dorfschreiber in Everswinkel gelebt und gearbeitet, aber daraus wird nichts, ich bleibe daheim, aber zum Glück habe auch ich einen Garten, den ich beackern kann. Als hätte ich's geahnt, habe ich vor knapp drei Wochen begonnen, meine digitalen Aufzeichnungen, die im August 2000 ans Netz gingen, nach Gedichten zu durchforsten. Gerade habe ich das Jahr 2013 abgeschlossen und schon eine Menge Schätze gehoben. Ich hoffe, auch Sie haben zu tun. Bleiben Sie gesund.

5 Kommentare

  • Carolin schreibt:
    um 096. 2020-04-05 2020 um HH:mm Uhr

    Ich überlege gerade: Mein Nachname beginnt mit "W", der meines Mannes mit "B". Da hätten wir, nach der vielen Rückzugszeit zuhause, massig Gelegenheit, jeder für sich im Café zu sitzen (und würden uns dabei sogar nur an die Vorschriften halten). Er dürfte allerdings seine Tochter nicht mitnehmen zum Eis essen, denn die ist auch in der Gruppe "W". Immerhin könnte ich meine beste Freundin treffen, denn zufällig beginnt ihr Nachname auch mit "W". Außerdem würde man vermutlich meistens einen freien Tisch bekommen.
    Vielleicht könnte man auch, statt alphabetisch, numerisch vorgehen? Heute alle bis 20, morgen 20 bis 40 Jährige, 40 bis 60, Ü60 - da die Woche nur 7 Tage hat, müsste man schauen, welche Gruppe nur einmal Ausgang erhält?
  • dorfschreiber schreibt:
    um 096. 2020-04-05 2020 um HH:mm Uhr

    möglich und denkbar ist vieles, wie immer es ausgeht, ich wünsche es mir von herzen.
  • Helga Lichtenthäler schreibt:
    um 120. 2020-04-29 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Herr Mensing,
    ich habe vor Jahren eine seltsame Begebenheit mit einem Medium in Ascona gehabt. Wenn Sie interessiert sind, schreibe ich Ihnen die "Story".
    Mit freundlichem Gruß
    Helga Lichtenthäler
  • Franz Maxwill schreibt:
    um 120. 2020-04-29 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Dorfschreiber, lieber Herr Mensing,

    erst durch WDR 5 bin ich heute auf Sie aufmerksam geworden. Schade! So spät! Schön, dass ich dennoch davon erfahre.
    Meine Erfahrungen mit der Covid-19-Pandemie sind ähnlich wohl der Ihrigen. Einerseits gibt es viel Veränderungen in der Grundhaltung der Menschen im Alltäglichen. Andererseits haben die meisten wohl nicht verstanden, dass diese Pandemie eine Chance sein könnte, nachdenklicher zu werden. Sie werden weiterhin mit ihren SUVs durch die Lande brausen, die Korosin-Schleuder wieder nutzen, um die letzten schönen Ecken der Welt weit entfernt von hier zu "erkunden" und ignorieren, dass z. B. gestern gemeldet wurde, dass das Eis am Nordpol sich allmählich auflöst.

    Die Pandemie ist einschneidend, ja, aber die Folgen der Klimakatastrophe werden zu Krieg und Millionenfluchten führen, also viel gravierender sein.
  • Susanne Müller für den Arbeitskreis Literatur schreibt:
    um 121. 2020-04-30 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Hermann, heute endet leider der - in dieser Form ungeplante - erste Teil des Projektes DORFSCHREIBER 2020, das dank Corona zum Projekt DORFSCHREIBER 2020/2021 mutierte. Sofern - was wir ja alle hoffen - uns das Virus bis dahin aus seinen Fängen entlässt, werden wir Dich vom 9. Mai bis zum 4. Juli nächsten Jahres in unserer Gemeinde (wieder)sehen - und zwar leibhaftig!

    Wir danken Dir für die vielen und sehr vielfältigen Beiträge für Deinen Blog und freuen uns schon heute auf den zweiten Teil mit zahlreichen Begegnungen und daraus resultierenden frischen Texten.

    JUNGE, KOMM BALD WIEDER!

Franz Maxwill's Kommentar beantworten

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