Dorfschreiber

Fronleichnam

 Fronleichnam

Als  Protestant  in der Diaspora Gronau empfand ich diesen katholischen Feiertag als merkwürdig. Ich wusste weder von seiner Bedeutung,  noch, dass Fron eine Ableitung des Althochdeutschen "vron" für Herr und "licham" für Leib ist, und unter dem Fest des Leibes und Blutes Christi konnte ich mir auch nichts vorstellen. Ich (und nicht nur ich) nannten ihn daher "Happy Kadaver Day". Wir fanden das lustig und frech. Dass Protestanten von diesem Fest ausgeschlossen waren, er ihnen aber einen schul- und arbeitsfreien Tag verschaffte, war aber durchaus willkommen. Davon, dass Martin Luther ihn das "allerschädlichste Jahresfest, das jeder biblischen Grundlegung entbehrte", genannt hat, hatte ich nie gehört und auch heute kann es nicht einordnen. Ich habe keinen Vertrag mit der Kirche, sondern bin mit Godot persönlich unterwegs. Wir verstehen uns gut. .

Da dieses Fest  immer am zweiten Donnerstag nach Pfingsten gefeiert wird, fällt es in eine der prächtigsten Jahreszeiten. Ringsum ist frisches Grün. Alles strahlt. Das Getreide steht schon hüfthoch auf den Feldern.

Die Prozession, die von St. Antonius, der Stadtkirche,  hinaus durch das Buterland und über die Alstätter Straße  zurück vorbei an verschiedenen Kreuzstationen und Matienaltären führte, die  prächtig mit Blüten und Zweigen geschmückt waren, faszinierte mich. Die Alstätter Straße ist von Linden gesäumt, ein grüner Baldachin. Ich sah die Prozession von weitem herankommen. Ich hörte den Gesang und das Gebetsgemurmel. Unter einem von vier Männern getragenen Baldachin lief jemand in prächtigem Ornat, der eine Monstranz vor sich her trug , ein sternförmig, golden glitzerndes Ding, in dem, das wurde gemunkelt, der Leib Christi sei. Eine Hostie. Weihrauch wehte über den Köpfen der Gläubigen, in seiner Wirkung dem THC nicht unähnlich.

Ich war noch ein Kind, zwölf Jahre vielleicht, stand staunend am Straßenrand. und vielleicht war ich manchmal sogar ein bisschen neidisch auf das wandelnde Gottesvolkes mit Christus als "Brot des Lebens" in seiner Mitte. Die Inszenierungen der katholischen Kirche sind farbenfroher und sinnlicher als die der Protestanten. Einmal, ich war schon älter und mit einer Band in Italien unterwegs, erlebte ich einen Ostergottesdienst in Florenz und war hingerissen. Wäre es Zirkus, hätte der Direktor gerufen, man habe weder Kosten noch Mühe gescheut.

Happy Kadaver Day also, eine Verballhornung, vielleicht sogar eine Beleidigung, aber damals in aller Protestanten Mund. Gäbe es die Seuche nicht, wäre ich heute in Everswinkel der Prozession gefolgt. So bleibt mir nur diese Erinnerung an eine längst vergangene Zeit.

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