Dorfschreiber

Fazit


Äs et hel wuor in dat düüstere Westfaolen

In Münsters Osten liegt Terra Inkognito.  Man nennt es Westfalen, aber für mich wird  zwischen Wolbeck und Alverskirchen Ostfalen daraus, das von dort unbeeindruckt bis zur Weser rollt. Im Kreis Warendorf ist es durchzogen von vielen Bächen und einem etwas größeren Fluss, der die Besiedlung beförderte, denn man konnte zum Meer und zurück. Rechts der Ems siedelte man auf eher sandigem Boden, links davon auf bestem Kley, manchmal schon zu schwer. Wenn man  hier Schulte! ruft, kommt von den großen Höfen ringsum überall Antwort.  

Ich  kenne Telgte, Milte, Einen, Sassenberg, Warendorf, Harsewinkel, Rheda-Wiedenbrück, Rietberg, Gütersloh und Lippstadt, ich habe dort an Grundschulen gelesen, aber mich nie mit einem Ort befasst. Höchstens, dass ich mich auf dem Heimweg nicht an die Hauptstraßen hielt, sondern Landstraßen bevorzugte.

Aber durchfahrene Orte geben nichts preis. Sie bestehen aus Randsiedlungen, verdichten sich, hier und da noch eine Erinnerung an Fachwerk, eichene Torbögen vielleicht, mit Jahreszahlen. Die Kirchtürme sind im Vergleich zu den hochaufragenden mancher Städte bescheiden. Wenn man Glück hat, gibt es noch einen Bäcker, sogar funktionierende Dorfkneipen findet man, einen Dorfplatz unter Linden, Maibäume häufig.  Die gab es in meiner Jugend nur in Bayern, aber irgendwie haben sie sich klammheimlich nach Norden ausgebreitet.

Dann ist man aber auch schon durchgefahren. Vielleicht ist einem aufgefallen, dass es sich bei diesen Dörfern um Solitäre handelt, die Abstand  zueinander brauchen, und abseits von Bundesstraßen nicht jedem sofort zugänglich sein wollen. Idylle denkt man, wenn man durch die Bauerschaften kreuzt,  Weizen, Gerste, Roggen, der unvermeidliche Mais, Spargel, Eichen, Buchen, Kiefern. Viel kultivierte Heide, den Namen nach.  

Mein Westen, der von Münster bis an die Nordsee reicht, ist zersiedelter. Es gibt Autobahnen, die das Land zerschneiden und  trotz vieler schöner  Orte unruhiger machen. Rastloser auch. In Hörhaft nehmen, die selbst nachts nicht ausgesetzt ist.

Soviel zur geographischen Verortung und Wahrnehmung meiner Heimat, die ich mit dem Rad bis in die Winkel ausgeleuchtet habe, was zu ungleich höherem Genuss führt, als das Durcheilen auf vier Rädern.  

Im Frühsommer 2019 ereilte mich der Ruf, 2020 drei Monate als Poeta Laureatus in Everswinkel zu leben und zu arbeiten.  So einen Titel lasse ich mir nicht entgehen, dachte ich, wo ich doch sonst nichts hab. Die Bezahlung stimmt, sollen sie also ruhig Dorfschreiber sagen.  

Aber was  ist das? Die meisten, denen ich mich vorstellte, zuckten die Achseln. Kein Wunder,  mir ging es nicht anders. Aber ich würde es herausfinden. Ich würde dem Dorfschreiber ein Profil geben, das sie so schnell nicht vergessen sollten.  

Aber als Anfang März 2020 die letzte Sitzung mit dem Kulturkreis Everswinkel anstand, kippte die Welt in eine Krise, die Ihresgleichen sucht. Mir hängen die russischen Nuklearversuche in Nowaja Semlja, die Kuba Krise, der Mauerbau, all die anderswo stattfindenden Kriege, Tschernobyl und 9/11 nach, all die untilgbare Schuld unserer westlichen Welt, aber was da begann, hatte ich noch nicht erlebt. Verbote, Gebote, Grundrechtseinschränkungen, man wusste nicht mehr, wo einem der Kopf steht, und dazu  eine Presse, die noch lauter Katastrophe schrie, als sie es sonst tut.

 Bad News also: ich konnte mir den Poeta Laureatus zunächst einmal an den Hut stecken.  Stattdessen: Dorfschreiber im Home Office im April 2020,  die restlichen zwei, so Corona  wollte,  dann vom 9. Mai bis zum 4. Juli 2021 vor Ort.

Am 1 April  fuhr ich vermummt nach Everswinkel, stellte mich vor die Kirche St. Magnus, und wir nahmen ein Video auf. Während ich Mütze, Sonnenbrille, Schal und meinen Mundschutz abnahm, selbstgenäht und nicht FFP2 tauglich, begrüßte ich das Dorf. Ich beteuerte, ich sei kein Aprilscherz, sondern der Dorfschreiber. Eine Allegorie im Internet.

Dann fuhr ich heim und begann mit der Arbeit. Über den Dorfschreiber schrieb ich, über das Leben in Corona Zeiten, ich schrieb Gedichte und kleine Geschichten, spürte aber schon bald, dass ich Everswinkel so kaum näher kam. Der April verging. Die Krise blieb.

Im Frühjahr 2021 schlug ich vor, meine Amtszeit noch einmal nach hinten zu verschieben, aber die Wohnung war schon einmal gebucht und abgesagt worden, noch einmal ginge das nicht.

Also Augen zu und durch. Alle Antennen im G5 Modus. Die Furcht vorm Scheitern bekämpfen, die Furcht, dass mir nichts einfiele zu diesem Dorf  und vor diesem Ehrenamt.

Ich schrieb Vierzeiler über die grillende Nachbarschaft,  dichtete eine  Ballade für Alvinskerken, beschrieb das Staunen des Vorstädters, dem die Ruhe dieses Dorfes so gut tut, wie lange nichts mehr, ich äußerste Bedenken, weil alles Lüge und dennoch wahr ist, und die Wahrheit ein Irrtum. Video-Clips wurden verlinkt,  Stillleben fotografiert, und ich fragte die Welt, was schön sei. Ich nahm dem Dichter die Furcht vorm Fliegen, stellte Paradoxien in den Raum, schrieb Annette von Droste Hülshoff einen Brief und erhielt Antwort. Vom Ich und Du schrieb ich ebenso wie vom Hofnarr und König. Eine  Ode an die FFP2 Maske entstand, ein Hofbericht wurde geschrieben, ein Museum beschrieben. Über die vergeblichen Düfte der Frauen schrieb ich ein Gedicht, über eine Tüte vom Metzger und eine dreiteilige Serien über die Eingeborenen. Aber all das ist  nur ein kleiner Ausschnitt dessen, womit ich die Frage, was ein Dorfschreiber eigentlich sei, zu beantworten suchte.  

Ob ich Everswinkel gerecht wurde? Das weiß ich nicht. Wahrscheinlich nicht. Wohl aber weiß ich, dass eine Chronik entstanden ist, die es so noch nicht gab und nicht wieder geben wird, denn sollte mir jemand nachfolgen, entstünde ein anderes Bild.   

Als ich kam, wurden die Tage länger. Die ersten Wiesen waren gemäht. Das Grün leuchtete kräftig und frisch. Gerste, Roggen, Weizen und Mais waren noch kaum aus der Erde. Bald darauf gab es den ersten Spargel, die Erdbeeren wurden reif, das Heu wurde eingefahren. Als ich ging, stand die Gerste kurz vorm Schnitt, Roggen und Weizen brauchten noch eine Weile, der Mais stand  brusthoch, die Kirschen waren  fast reif, und die Tage wurden schon wieder kürzer.

de woorth

Äs et hel wuor
in dat düüstere Westfaolen,
äs de Mensken
no anners kuerden äs nu,
in de tied,
wao kien Mensk määr wat van weet,
in de tied kam en man,
de baude ene Kiärke
med en stäödigen Torn
un Klocken buowen.
De kiärke ston in de Woorth.
Un dao fonk aals an.
Lütke Hüse wuaorn baud,
Honer und Swine, Köö un Gaise,
aals laip un rande harüm
un mook viel Geluud.
Et gaf viel Liäwen dao,
un dat Liäwen was hal,
aower anners hal äs vandage.
De Dag fonk an, wan de Sunne hauge kwam,
un was iärst vuörbi, wan et dunkel wuor.
So gait dat Liäwen.
Et wärd langsaam dunkel,
män et is no nich Nacht,

Hannes Demming hat mein Grenzlandplatt  ins Plattdeutsche übersetzt. Dafür danke ich ihm. Ich mag das Plattdeutsche sehr, es ist schade, dass es kaum noch gesprochen wird. Ich danke dem Kulturkreis Everswinkel und der Sparkasse Warendorf, die  meinen Aufenthalt möglich gemacht haben.. Ich habe getan, was ich tun konnte, und bin zufrieden damit. Everswinkel ist voller Wunder, sagt einer, der das Dorf wie kaum ein anderer kennt. Er hat recht. Und ich hatte  eine unvergessliches Zeit.

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erscheint im Jahrbuch des Kreises Warendorf, Jahrgang 71, 2022


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