Dorfschreiber

Fast ein gleichschenkeliges Dreieck

Fast ein gleichschenkeliges Dreieck

Wenn ich neu bin in einer Stadt oder auf dem Land, juckt es mich, herumzugehen oder mich aufs Rad zu setzen und mich einzunorden im urbanen oder ländlichen Raum. Gestern fuhr ich von Everswinkel nach Hoetmar, ein hübsches Dorf. Eine Künstlerin lebt dort in einem Herrenhaus aus dem späten 19. Jahrhundert. Sie malt und illustriert. Das Dorf duckt sich um eine kleine Kirche. Es wirkt viel dörflicher als Everswinkel, das größer ist, als ich anfangs gedacht hatte, eingekreist von Neubaugebieten, in denen die Baustile der letzten vierzig Jahre miteinander konkurrieren, bis hin zu einem Steingarten aus faustgroßen grauen Steinen, Grauwacke, auf der ein  gelbes Krokodil das Maul aufreist und Samurai Wehrhafttigkeit signalisieren. Der Radweg folgt einer Landstraße. Bald kommt Wald, Buche und Eiche. Ein Maikäfer krabbelt über den Radweg. Ich steige ab, um nachzuschauen, ob es ein Müller oder ein Schornsteinfeger ist. Ich erinnere mich an gute und schlechte Jahre für Maikäfer, die wir als Kinder in mit Hainbuchenblättern gefüllte Marmeladengläser sperrten, in deren Deckel wir mit Muttis Büchsenöffner Luftlöcher gestanzt hatten. Kaum war ich bei ihm, klappte er seine Flugdeckel hoch, faltete die darunter liegenden, fein geäderten,durchsichtigen Flügel auseinander und brummte davon.

Weites Land, Raps und wadenhohes Getreide, Wiesen, Baumgruppen und Wälder, Wieningen. Windkraftanlagen.  Autos schossen vorbei. Ich bedauerte, dass ich keine Karte hatte, damit ich die Straße verlassen und auf Bauernwegen mit dem Land intim werden kann. Es kommt mir so vor, als führe man auf diesen Landstraßen mit ihren weiten Kurven gern besonders schnell. WAF. Der Münsteraner weiß, was das heißt: Wahnsinnige Fahrer. Die Landstraßen sind von Linden gesäumt, und der ein oder andere wird sich daran schon zerlegt haben.

Everswinkel Hoetmar Alverkirchen, Everswinkel. Ein spitzwinkliges Dreieck mit etwa gleich langen Schenkeln. Als ich in Hoetmar frage, wie ich am Besten nach Alverskirchen käme, sagte mir eine alte Dame, ich müsse Richtung Sendenhorst und dann rechts. Da wäre links sowas, ähh, so ein Haus, was die machen, weiß ich nicht, und da rechts. Wie weit? Na so zwei Kilometer, sag ich mal.

Wenn ich rechts über Land schaue, sehe ich dieselben Windkrafträder, die ich auf dem Weg nach Hoetmar gesehen hatte. Wenn Sie sich das Dreieck vorstellen, stehen sie etwa in der Mitte. Keine schlechte Orientierungsmarke. Und jetzt also rechts, oder? Zwei Kilometer hab ich doch längst. Ah ja, Holtrup, die Richtung stimmt, der Rest wird sich zeigen. Zur Sicherheit halte ich an einem kleinen Hof, auf dem Pferde stehen. Ich höre Kinderstimmen. Ich rufe. Ein Kind guckt um die Ecke, verschwindet im Stall, dann kommt eine junge Frau.

Ich bin richtig, und Sie weiß, wo es lang geht. Etwa drei Kilometer geradeaus, da steht ein Haus, Hagendorf, hier links durch den Wald (Kellerhorst), immer auf dem Weg bis zur Hauptstraße, links und dann gleich wieder rechts. Exakt. Beim Kellerhorster Wald heißt die Bauerschaft Schuter, die kenne ich, die Lourdes Grotte steht auch im Schuter, und ich vermute, dass der Weg mich genau dorthin führt.

Bingo. Das ist doch schon mal was, jetzt könnte ich mir höchstens noch einen Platten fahren. Bei Winkelkötter kommt ein Schauer. Zum Glück steht im Holling gleich links ein Unterstand mit Bank. Da setze ich mich rein,  fotografiere das verregnete Grün und bin froh, dass ich nicht mehr rauche, sonst hätte ich geraucht. Rauchen kann manchmal so schön sein. Nach zehn Minuten ist der Spuk vorbei. Den Alverskirchener Kirchtum kann ich schon sehen. Der Rest ist Geschichte. Ich war gut zweieinhalb Stunden unterwegs, die alte Gazelle lief rund, nur das Freihändigfahren ist kompliziert, Gazellen springen gern hoch und weit und können die Richtung abrupt wechseln.  

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