Dorfschreiber

Eine Welt

Der Kulturkreis hatte mir eine Liste von Everswinklern geschickt, die Interesse hatten, mit mir ein Gespräch zu führen. Da ich die Ausgangsbeschränkungen der Gegenwart respektiere, musste ich mich entscheiden, und entschied mich für ein Treffen mit Frau Hoffmann, die den Eine-Welt-Stand auf dem Everswinkler Wochenmarkt  führt.  

Eine Welt, dachte ich, das ist ein einleuchtender Gedanke, den alle denken sollten, nicht nur in Zeiten der Krise, sondern grundsätzlich, denn mehr als Eine Welt haben wir nicht. Eine Welt, in der für alle gleiche Rechte herrschen. Leider ist das nach wie vor Utopie. Aber lieber einer Utopie nachhängen als einer Dystopie.  

Der Gedanke, sich für 'Eine Welt' zu engagieren, kam ihr, als ihre Tochter nach dem Abitur nach Brasilien reiste. In Bacabal, einer Stadt in Nordosten Brasiliens im Bundesstaat  Maranaho, lernte sie einen Franziskaner kennenlernte, der eine Missionsstation betrieb, in der Indigene medizinische Hilfe erhielten, ihre Kinder zur Schule schicken und zu fairen Konditionen arbeiten konnten. Ein Produkt war Astharol, ein Bronchialsaft. Frau Hoffmanns Tochter lernte einen brasilianischen Künstler kennen, und - so ist das Leben in Einer Welt - verliebte sich in ihn. Dieser Künstler zeichnete unter anderem Postkarten. Frau Hoffmann besuchte ihre Tochter, und damit nahm alles seinen Lauf. Sie, eine gelernte Ökotrophologin, beschloss, Dinge, die in der Missionsstation hergestellt wurden, zu importieren. Ein Pastoralreferent bot ihr das Bischofshäuschen in Everswinkel an, um dort einen kleinen Eine-Welt-Laden zu eröffnen. Das muss in den späten 90er Jahren geschehen sein. Der Laden war klein, der Umsatz bescheiden, und Frau Hoffmann überlegte, einen Marktstand aufzubauen. Der wäre sichtbarer. Mit Hilfe von Everswinkler Bürgern gelang es ihr, die Kaufsumme für einen Anhänger aufzubringen.

2002 war es soweit. Der Anhänger wurde umgerüstet, der erste Eine-Welt-Stand in Everswinkel stand nun jeden Freitag auf dem Wochenmarkt. Die Umsätze waren gering, aber immerhin, man arbeitet ehrenamtlich, und die Gewinne wurden an die Missionsstation in Bacabal überwiesen. Auch Kleinvieh macht Mist, und jeder Euro zählt. Frau Hoffmann ist eine engagierte Frau. So ein Wochenmarkt fordert einiges an Arbeit, egal, welche Jahreszeit gerade das Regiment übernommen hat, ab 14.00 ist der Eine-Welt-Stand vor Ort. Mittlerweile ist das Sortiment gewachsen, es gibt fair gehandelten Kaffee, es gibt Literatur, es gibt Schokolade, Honig, Kekse, von deren Qualität ich mich vor Ort überzeugen konnte. Ich kaufte außerdem einen fair gehandelten Bio-Kaffee aus Mexiko, der vorzüglich schmeckt. Dunkel gebrannt, so, wie ich ihn mag.

Als wir - Distanz haltend und Masken tragend - beieinander saßen, kamen Bekannte vorbei und blieben für einen Plausch. Herr Hoffmann, ehemals Lehrer, der sich in einer Flüchtlingsinitiative engagiert, Schüler aus aller Herren Länder unterrichtet und, wenn möglich, in Arbeitsverhältnisse vermittelt.  Das alles in Kooperation mit dem Kolping, der im Haus der Generationen eine Anlaufstelle betreibt. Dort gibt es Ansprechpartner der "Anti-Rost-Gruppe", eine informelle Initiative Everswinkler Bürger, die über eine WhatsApp-Gruppe organisiert ist, und immer da hilft, wo Hilfe nötig ist. Eine älterer Mensch benötigt jemanden, der ihm eine Lampe anbringt. Wer kann das? Bestimmt findet sich jemand.

Später  stieß auch Herr Wehmeyer zu unserem Gespräch, der seit zwanzig Jahren als freier Mitarbeiter für die Westfälischen Nachrichten aus Everswinkel berichtet, begeistert, wie er sagt, weil ihn diese Tätigkeit mit vielen interessanten Menschen zusammenbringt.  

Mit all diesen Informationen fuhr ich heim. Vorher jedoch besuchte ich noch den Pressesprecher der Feuerwehr, Herrn Kortenjann,  der mich zu einem Treffen der Feuerwehr an diesem Abend eingeladen hatte. Ich war mir aber nicht sicher, ich wollte nicht mit so vielen Menschen zusammentreffen, Sie wissen schon, Corona. Er schenkte mir  zwei Festschriften. Eine zum 100jährigen und eine zum 125jährigen Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr. Heute würde man so etwas eine Bürgerinitiative nennen. Die Feuerwehr ist also auf der Höhe der Zeit.
Ein wenig erfuhr ich auch von der Komplexität der gegenwärtigen Organisation der Feuerwehr und ihrer Einsätze. Man fährt jetzt grundsätzlich mit zwei Einsatzwagen, wo früher einer mit 8 Insassen ausgereicht hätte. Auch die Feuerwehr muss Abstand halten. Und wenn irgendwo ein Unfall gemeldet wird, fährt man in Schutzkleidung, denn man weiß nie, auf wenn man trifft.
Als ich wieder zuhause war, stieg Freude in mir auf. Nächstes Jahr bin ich vor Ort, dachte ich.

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