Dorfschreiber

Dornwald

Als ich an den Milchwerken vorbei stadteinwärts fahre,...

1. April 2020

Das Licht fällt halbschräg gegen das Display des kleinen Tresors mit den Schlüsseln für die Stadtteilautos am Hörster Platz. Man erkennt kaum etwas.Obwohl ich meine Mitgliedskarte davorhalte, geht der Tresor nicht auf.  Ich drücke auf gut Glück auf den Stern im Eingabefeld. Jetzt reagiert das  Display und fordert meine Geheimnummer. Ich tippe sie ein, und der Tresor öffnet sich. Über einem Schlüssel blinkt ein kleines grünes Licht. Ich entnehme ihn, gehe zu einem Renault Clio, der in der Nähe steht, öffne ihn, steige ein, nehme das Desinfektionsspray mit Zitronengeruch, das auf der Konsole steht, sprühe den Teufel tot, starte und fahre los.
Die Osterglocken sind fast verblüht, die Magnolien haben die vorletzte Frostnacht nicht überstanden. Frisches Grün ist mit Worten nur unzureichend zu beschreiben, da müssten Maler her. Es kommt einem Flirren nah. Man könnte glauben, man halluziniere, und es ist nur an wenigen Tagen des Jahres so unverbraucht. Am Horizont kreuzen Bauern auf riesigen Treckern und sprühen Landparfüm. Nach zwei Wochen Ausnahmezustand finde ich den Geruch beruhigend. Alles scheint seinen Gang zu gehen, die Natur hat kein Problem mit Covid19. Und Everswinkel?
Als ich an den Milchwerken vorbei stadteinwärts fahre, rollen zwei LKW durch die Werkstore, die Lieferketten funktionieren offenbar. Ich parke in der Nähe von St. Magnus und habe bis hierher zwei Menschen gesehen. 
Es ist Mittwoch, 1. April 2020, elf Uhr fünfundvierzig. Dies ist kein Aprilscherz. Dies ist die Realität. Wir drehen ein kleines Video, wir benötigen zwei Takes und sind zufrieden. In der Marienkapelle sitzen zwei Frauen. Eine spielt Gitarre. Die beiden singen ‚Maria durch ein' Dornwald ging‘. Sie beten. Ich grüße und bitte sie, mich in ihre Gebete einzuschließen. Das tun sie gern.
 

5 Kommentare

  • Carolin schreibt:
    um 096. 2020-04-05 2020 um HH:mm Uhr

    Ich überlege gerade: Mein Nachname beginnt mit "W", der meines Mannes mit "B". Da hätten wir, nach der vielen Rückzugszeit zuhause, massig Gelegenheit, jeder für sich im Café zu sitzen (und würden uns dabei sogar nur an die Vorschriften halten). Er dürfte allerdings seine Tochter nicht mitnehmen zum Eis essen, denn die ist auch in der Gruppe "W". Immerhin könnte ich meine beste Freundin treffen, denn zufällig beginnt ihr Nachname auch mit "W". Außerdem würde man vermutlich meistens einen freien Tisch bekommen.
    Vielleicht könnte man auch, statt alphabetisch, numerisch vorgehen? Heute alle bis 20, morgen 20 bis 40 Jährige, 40 bis 60, Ü60 - da die Woche nur 7 Tage hat, müsste man schauen, welche Gruppe nur einmal Ausgang erhält?
  • dorfschreiber schreibt:
    um 096. 2020-04-05 2020 um HH:mm Uhr

    möglich und denkbar ist vieles, wie immer es ausgeht, ich wünsche es mir von herzen.
  • Helga Lichtenthäler schreibt:
    um 120. 2020-04-29 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Herr Mensing,
    ich habe vor Jahren eine seltsame Begebenheit mit einem Medium in Ascona gehabt. Wenn Sie interessiert sind, schreibe ich Ihnen die "Story".
    Mit freundlichem Gruß
    Helga Lichtenthäler
  • Franz Maxwill schreibt:
    um 120. 2020-04-29 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Dorfschreiber, lieber Herr Mensing,

    erst durch WDR 5 bin ich heute auf Sie aufmerksam geworden. Schade! So spät! Schön, dass ich dennoch davon erfahre.
    Meine Erfahrungen mit der Covid-19-Pandemie sind ähnlich wohl der Ihrigen. Einerseits gibt es viel Veränderungen in der Grundhaltung der Menschen im Alltäglichen. Andererseits haben die meisten wohl nicht verstanden, dass diese Pandemie eine Chance sein könnte, nachdenklicher zu werden. Sie werden weiterhin mit ihren SUVs durch die Lande brausen, die Korosin-Schleuder wieder nutzen, um die letzten schönen Ecken der Welt weit entfernt von hier zu "erkunden" und ignorieren, dass z. B. gestern gemeldet wurde, dass das Eis am Nordpol sich allmählich auflöst.

    Die Pandemie ist einschneidend, ja, aber die Folgen der Klimakatastrophe werden zu Krieg und Millionenfluchten führen, also viel gravierender sein.
  • Susanne Müller für den Arbeitskreis Literatur schreibt:
    um 121. 2020-04-30 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Hermann, heute endet leider der - in dieser Form ungeplante - erste Teil des Projektes DORFSCHREIBER 2020, das dank Corona zum Projekt DORFSCHREIBER 2020/2021 mutierte. Sofern - was wir ja alle hoffen - uns das Virus bis dahin aus seinen Fängen entlässt, werden wir Dich vom 9. Mai bis zum 4. Juli nächsten Jahres in unserer Gemeinde (wieder)sehen - und zwar leibhaftig!

    Wir danken Dir für die vielen und sehr vielfältigen Beiträge für Deinen Blog und freuen uns schon heute auf den zweiten Teil mit zahlreichen Begegnungen und daraus resultierenden frischen Texten.

    JUNGE, KOMM BALD WIEDER!

Franz Maxwill's Kommentar beantworten

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