Dorfschreiber

Dorfschreiber in der Verbundschule

Respekt, Verlässlichkeit, Empathie, Toleranz. Eigentlich Selbstverständlichkeiten, wäre da nicht die Gegenwart der weltweit schreienden sozialen Medien, in denen nichts unkommentiert bleibt, Respekt nur ein Wort ist, das man zwar gern für sich in Anspruch nimmt, aber anderen vorenthält. Verlässlich ist dort nur die Häme,  Empathie zählt nicht.

Die Verbundschule Everswinkel aber ist nicht digital, wenngleich in diesen Zeiten vieles in Zoom-Konferenzen stattfindet, sie ist analog und ihr pädagogischer Auftrag will diese Begriffe mit Leben füllen.

Gestern war ich dort zu Besuch. Frau Reiberg, Pädagogin, und ich hatten uns schon im vorletzten Jahr getroffen, um für meine Dorfschreiberzeit 2020 Ideen für eine Zusammenarbeit zu entwerfen. Dann kam, wie Sie wissen, die Seuche. Und mit der Seuche kam ein in dieser Dimension nie gekannter Shitstorm über die Republik. Jeder hatte eine Meinung, jeder wusste immer alles besser, es ging nie um die eigentlichen Maßnahmen (über die man natürlich diskutieren kann), sondern immer um die hinter den Maßnahmen eigentlich vermuteten Verschwörungen. Abstruse Ideen, wüsste man nicht, dass es Menschen gibt, die an etwas glauben, das eigentlich in den Bereich der Fantasie und Fiktion gehörte. Da aber das Smartphone längst in jeder Schultasche steckt (wobei es in der Verbundschule verpflichtend abgeschaltet bleiben muss), muss man sich fragen, wie viele dieser die Gesellschaft gefährdenden Verwerfungen in den Köpfen der Schüler nachhallen.

Findet ein Dorfschreiber, von dessen Aufgabe nur die wenigsten gehört haben, Zugang zu Menschen zwischen 13 und 15 Jahren? 11:40 also, die Schulglocke ruft alle in ihre Klassen, Frau Reiberg nimmt mich mit in den zweiten Stock zur 8b. Entspannte Gruppengröße, ich habe nicht durchgezählt, schätze aber maximal zwanzig Schüler. Ich stelle mich vor, erzähle ich von meinem Leben als Dichter. Ich lese kurze Texte, ich versuche, ins Gespräch zu kommen, was nicht ganz einfach ist. Man pubertiert, da müsssen Schule und Dorschreiber nachsichtig sein.

Einmal die Woche werde ich nun dort sein. Ergebnis des ersten Besuches ist die Idee, ein Hörspiel zu erarbeiten. Aber eh das ins Rollen kommt, erst einmal ein paar Wünsche von den Schülern an den Dorfschreiber.

Ich wünsche mir vom Dorfschreiber, dass ... heißt es auf einer Postkarte, die der Kulturverein Everswinkel hat drucken lassen  ... ich wünsche mir, dass Jogginghosen an allen Tagen in der Schule erlaubt sind, und nicht nur beim Sport. - Ich wünsche mir, Handys in der Schule benutzen zu dürfen. (Bin ich dagegen.) - Ich wünsche mir, dass wir mal die Bücher lesen, die Herr Mensing geschrieben hat. (Lässt sich machen.) Ich wünsche mir ein Gedicht über Jogginghosen. - Hmmm. Und dann kommt noch ein sehr anspruchsvoller Wunsch hinterher: Ich wünsche mir vom Dorfschreiber ein Gedicht über die Abschaffung von Hausaufgaben. Gut. Das lässt sich machen. Aber nicht als Sonet, auch nicht in sich reimenden Vierzeilern, sondern in offener Form. Nennen Sie die, wie Sie mögen, sagen Sie ruhig, das ist ja gar kein Gedicht, mir macht das nichts, ich ernenne es zum Gedicht, wie Duchamps die Toilettenschüssel zur Kunst.

in meiner zeit als fahrschüler
wurden Hausaufgaben im Zug herumgereicht
und in variierten fassungen kopiert

man arbeitete fehler ein
das schlechte gewissen war immer laut  
in pausen schrieb ich auf der toilette ab
im unterricht übte ich das unsichtbarwerden
was aber nicht immer funktionierte
ich fühlte mich drangsaliert.
 

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