Dorfschreiber

Die letzte Runde

Guten Morgen,

die letzte Runde des Dorfschreibers im Home-Office ist eingeläutet. Er hat geschrieben, was ihm zu schreiben wichtig war und seiner Qualitätskontrolle standhielt. Er ist ein Boxer ohne sichtbaren Feind, der versucht, ihn auszutanzen. Sein Vorbild ist Muhammad Ali, der das wie kein zweiter konnte. Seine Beine sind trotz einer Venenentzündung, die ihn ein paar Tage geärgert hat, noch schnell  genug und erstaunlich leicht. Zwischenzeitlich ist er vom selbstgenähten Mundschutz, den jeder Boxer im Kampf gegen diesen brutalen, hinterhältigen und zudem unsichtbaren Feind tragen sollte, auf ein Plastikvisier umgestiegen, das ihm das Aussehen eines  Raumfahrers verleiht, 

Der Feind, so steht es in jeder Zeitung, kämpft auf allen Erdteilen erbittert ums Überleben. Das ist das Surreale dieses Kampfes, bei dem auf beiden Seiten ums Überleben gekämpft wird. Manche sagen, der Feind komme von dort, andere, von dort, aber ganz gleich, wo er her kommt, er hat ein ebensolches Recht auf Leben wie jedes andere Lebenwesen. Der Feind ist Biologie, Chemie, Lebenslust, und alle wollen sich austobenl.

Wir sind ähnlich beseelt, aber mit anderen Zielen. Der Boxer weiß nicht, wer der Klügere ist, aber beide sind Teil der Schöpfung, und die Schöpfung, das wissen alle, ist brutal.  Man könnte mit Darwin argumentieren. Der Boxer weiß die Wissenschaft an seiner Seite. Während er seine Runden strategisch plant, stehen seine Trainer in der Ringecke und arbeiten fieberhaft an Schlagkombinationen, die sie ihm zurufen. Sie fordern Körpertreffer, Uppercuts und Links-Rechts-Kombinationen. Der Boxer hört diese Rufe, aber das Adrenalin lässt sie nicht in die Tiefe seines Bewusstseins dringen. Er ist allein wie alle, die jetzt kämpfen müssen.

In der Ringpause hört er, was seine Trainer ihm hinter vorgehaltener Hand ins Ohr flüstern. Sie warnen vor dem Ringrichter. Ein Trottel. Ein gewissenloser Narzisst aus dem Land Muhammad Alis, der so dumm, dreist und jenseits aller Vernunft steht, dass man ihm den sofortigen Niederschlag wünscht.

Die Glocke läutet. Der Boxer nimmt noch einen Schluck Wasser und bewegt sich auf die Ringmitte zu. Er kämpft  für den Faktor R, der die Reproduktionszahl des Feindes definiert und für Leben und Tod eine bedeutende Rolle spielt. Der Boxer weiß, dass dieser Kampf längst nicht ausgestanden ist. Wenn er nachher aus dem Ring steigt, wird er klüger sein als vorher. Er hat für sich und die Welt gekämpft, nun ist es an der Welt, Vernunft zu zeigen, Großmut, Solidarität. Wirkliche Kontrahenten kämpfen mit harten Bandagen, aber wenn es vorbei ist, umarmen sie sich. Aber dieser Feind hält sich an keine Regel.

Wenn der Ringrichter dann auch noch ein egoistischer Trottel ist, hilft das nicht.

In dieser letzten Runde entschließt sich der Boxer zu einer Volte. Mit zwei, drei schnellen Kombinationen fügt er dem Feind empfindlichen Schaden zu, dann nimmt er sich den Ringrichter vor, ein feister, solariumgebräunter Lügner, der - ginge es mit rechten Dingen zu in der Welt - vor Dummheit schreien müsste, stattdessen aber, mit einem brutalen Selbstbewußtsein ausgestattet,  jeden zum Lügner erklärt, der seine Regeln hinterfragt. Der Boxer fixiert ihn. Die Welt hält den Atem an, und der Boxer tut das, was sich alle längst gewünscht haben: er schlägt ihn nieder. 

Nicht, dass die Welt jetzt eine bessere wäre, nein, so einfach geht das nicht, denn während man den Ringrichter aus dem Ring schleift, geht der Kampf weiter. Dieser Kampf wird das Jahr 2020 mit einer Dramatik aufladen, über die man noch in hundert Jahren sprechen wird. Aber das macht dem Boxer nichts aus. Er hat eine gute Kondition. Er kämpft für uns alle.

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