Dorfschreiber

Die Eingeborenen

letzter Teil

Eine gute Suppe braucht Fleisch. Ein Dorfschreiber braucht Eingeborene, sonst hängt er in der Luft. Ob das Spalier jubelnder Everswinkler am 9. Mai, als ich auf dem Hinterrad meiner Aprilia über die Münsterstraße ritt, Eingeborene waren, wage ich zu bezweifeln. Sechs Wochen später weiß ich jedoch, dass es sie gibt. Immerhin.

Und wer sind die?

Die Bauernsippe, sagt ein Mann auf dem Markt , als ich herumgehe  und den Bürgern vorlesen will, aber niemand Interesse hat. Die bestimmte hier alles.
Wie?
Naja- Als ich 72 hierher zog, war das so, sagt er. Jetzt bin ich 85, singe im Gesangsverein,  kenne Hinz und Kunz, aber Poahlbürger bin ich deshalb noch lange nicht. Werde ich auch in diesem Leben nicht mehr. Gegen die musste ich mich durchsetzen. Die Poahlbürger bestimmten und wussten  alles. Zur Not wussten sie alles besser. Und neidisch waren sie. Kaufst du ein Haus, sagen sie, der hat es dicke. Kaufst du ein neues Auto, sagen sie, guck wie der protzt. Und eh du dich versiehst, bist du unten durch. 

Ich bin ein Alien. Ich habe mich nie assimiliert, ich will Distanz wahren, um besser sehen zu können, um Text draus zu machen.  Balkonien oder der Sturz in die Nachbarschaft hieß einer. Hat Spaß gemacht, aber ebenso wenig interessiert, wie meine Versuche, auf dem Magnusplatz vorzulesen.

Sie sind also kein Eingeborener?
Nein, sagt ein anderer Mann.
Aber Sie fühlen sie wohl hier?
Ja, das schon. Iss ja schön hier.  
Und wo kommen Sie her?
Aus Hamburg. Man hatte mir einen Job als Lithograf bei der WN angeboten. Und in Everswinkel gab es Bauland.
Von der Bauernsippe?
Von genau der.

Die Schulte-So und So's, die Hofschultes, die Deipenbrocks, Diepenbrocks, Deckenbrocks,  Upnkamps, Lütkenkötters, Grautewohls und wie sie alle heißen, das sind Poahlbürger.
Alle anderen sind zugezogen. Hier leben deutlich mehr Zugezogene als Poahlbürger.

Ich kenne das. Ich lebe seit 40 Jahren Roxel, aber Eingeborener bin ich nicht. In Gronau, meiner Geburtsstadt, die ich 1972 kurz nach Udo verließ, bin ich es. Da gibt es Menschen, die mich seit Kindesbeinen kennen.
Tach Hemmann, sagen sie.
Oder, noch schlimmer: Tach Höörm.
Tach, sage ich, und Namen, die ich seit fünfzig Jahre nicht ausgesprochen habe, kehren sofort zu mir zurück, während ich meine Brille mehrfach am Tag verlege.

Um St. Magnus kreisen Dohlen. Ich fahre zum Aldi. Zwei junge Männer mit hochmodischem Undercut, oben blond, unten schwarz, diskutieren lauthals.
 
Yes I can, sagt der eine.
No you can't, der andere.

Ja, was denn nun? Sehen so die neuen Eingeborenen aus? Hat man sie durch weltkompatible Allrounder ersetzt, die in Berlin ebenso unerkannt herumgehen können wie in Alverskirchen?

Seit der Schwertmission durch Karl den Großen, als man die eingeborenen Heiden ins Christentum zwang, ist keiner mehr das, was er mal war.  

Jeden Morgen gehe ich zur Poststelle, um die WN zu holen. Der Name einer Angestellten klingt schwäbisch, der der anderen ist nicht eindeutig zuzuordnen, sie hat aber einen slawischen Akzent. Ich mache mir alle Hände voll zu tun, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Und was passiert?

Der erste Mensch in Everswinkel, mit dem ich ein längeres Gespräch führe, kommt aus Sri Lanka. Dann aber taucht ein blonder Riese auf, ein sehr freundlicher Mensch. Ein durch Abstammung ausgewiesener Eingeborener. Kurt sagt, dass es Vorteile habe, in einer Stadt wie Everswinkel zu leben. Die kurzen Wege, die überschaubaren Strukturen. Jeder Eingeborene hat jemanden an der Hand, wenn es ein Problem zu lösen gibt, das er allein nicht stemmen kann.
Kurze Beine, kurze Wege, nennt das der Bürgermeister Sebastian Seidel.
Aber, sagt Kurt, das ist nur die eine Seite. Die andere wiegt schwer.
Und? -
Sie gucken dir die Wurst vom Teller. Wenn du ausrutscht, sagen sie, siehste, haste den gesehn. Der war voll. Und neidisch sind sie.

Neidisch?

Schon wieder: der Neid. Der rote Ferrari des Unternehmersohnes. Wie finanzieren die Russen im Russenviertel eigentlich ihre Häuser? Und im Viertel um die evangelische Kirche, was sind das für welche. Protestanten? Pollacken? Weil - Flüchtlinge aus Schlesien?

Wo kummst du denn wech? fragt der Gemüsebur auf dem Markt.
Ik ben den Dorfschriever hier.
Wat du nich zeggst.

Auf Reiterhöfen und in Ferienwohnungen ringsum erholen sich Städter von der Anonymität und fraternisieren mit Eingeborenen. Auf den Wiesen zwischen Alverskirchen und Wolbeck staaken Störche, auch keine Eingeborenen, sondern Städter, die sich, so kommt es mir manchmal vor,  in WhatsAp Gruppen auf Wiesen und frisch gepflügten Feldern verabreden.

In Bauerschaften und Flurnamen mit all diesen klingenden Namen: Müssingen, Mehringen, Schuter, nahe Wäldern und ehemaligen Heiden, wo alles so gut riecht. Wo Bäche fließen, an deren Ufer alles begann, damals, vor so langer Zeit.  Im Himmelriek. Am Lumpenberg. Im Uhlenkampbusch. In't Twiärsland. Auf dem Kleikamp. Im Sonnenbrink. In't Iäswinkel. 

Da müssten Eingeborene  leben.

Einen lerne ich kennen. In jeder Geste und in jedem Gesichtsausdruck kann ich lesen, dass mir endlich jemand gegenübersitzt, der nie irgendwo anders sitzen wollte, nie irgendwo anders gesessen hat und nie sitzen wird, bis man ihnen eines fernen Tages mit den Füßen voran aus dem Haus trägt und eingräbt.

Andere Eingeborene in anderen Ländern haben anderen Methoden. Denken Sie an die Parsen in Indien, die ihre Verstorbenen auf die Türme des Schweigens legen, wo sie von Geiern gefressen in den ewigen Verwertungskreislauf zurückkehren.

Stellen Sie sich so einen Turm im Wester vor. Das gäbe Geschrei.

Ich treffe Julia. Auch sie ist zugezogen, weil sie seit zwei Jahren ein Kind hat, einen sehr hübschen Jungen. Sie will, dass es in ruhiger, ländlicher Umgebung aufwächst. Der Vater? Ein Nigerianer. Schon weg. Die kulturellen Unterschiede waren zu groß.
Du auch hier? sagt sie.
Ja, sage ich, ich bin der Dorfschreiber.
Julia ist Juristin. Ich kenne sie vom Tanzen. Julia hat keine Bodenhaftung. Sie wird nie eine Eingeborene. Zudem glaubt sie, dass ich in spätestens drei Jahren sterbe, wie alle, die sich impfen lassen.
Julia, lass gut sein, sage.
Dass jemand  einen solchen Unsinn redet, begreife ich nicht.

Eine Abends stehe ich vom Haus Nummer 11 im Schatten der Kirche, dem Gildenhaus. Ich nehme mir vor, in den nächsten Tagen in meine Larve zu schlüpfen, zu klingeln und meinen Spruch aufzusagen, in der Hoffnung, dass ein Eingeborener öffnet und mir eine Geschichte erzählte.
Was für eine Geschichte, bliebe ihm /oder ihr / gendertechnisch korrekt/ überlassen.

Von Kurt erfahre ich, dass dort seit Jahren niemand mehr lebt.  Da könnte ich einziehen, wenn ich einziehen wollte. Wenn ich Lust hätte, mich in einen Eingeborenen zu verpuppen. Ich träte dann endlich in einen Verein ein. Würde Mitglied der Altherrenfeuerwehr, die erst kommt, wenn der Brand schon gelöscht ist, oder erst gar nicht wegkommt, weil der Altbrandmeister Rücken hat oder sein Blutdruck bei Alarm verrücktspielt. Ich würde Mitglied im Blasorchester Everwinkel, um dem Bürgermeister die Leviten zu trommeln. Damit er mal weiß, wie eine Synkope klingt. Oder - noch besser - ich träte dem Heimatverein bei. Wenn es irgendwo Eingeborene gibt, dann doch bestimmt im Heimatverein. Aber Herr B., der Mann, der mehr über Eingeborene und ihre Verhältnisse weiß, als kaum jemand sonst, ist vor 32 Jahren auch zugezogen.

Einer der Weberinnen vom Arbeitskreis Kultur im Mitmachmuseum kommt aus Holland. Im Hausbuch der Cremanns ist vermerkt, wer wann und wie lange als Magd oder Knecht in den letzten achtzig Jahren auf dem Hof gearbeitet hat, Menschen aus Schlesien, aus Holland, aus dem Ruhrgebiet, den Terrazzoboden hat ein Italiener gemacht, und gemolken haben die Schweizer.

Verflixt und zugenäht. So komme ich der Sache nicht näher.   
Und als ich den idyllischsten Platz, den ich in Westfalen je gesehen habe, die Tyrellsche Mühle, entdecke, muss ich feststellen, dass man dort Hawaiianische Massagen und Meditationen anbietet. Eher etwas für Stadtneurotiker. .

Also auch daneben. Ich helfe, das Elektroauto der Bewohner, das sich im Matsch festgefahren hat, freizukriegen, aber es gelingt nicht.
Tyrell ist doch kein westfälischer Name, denke ich. Später lese ich von einem sehr gelehrten Pater Ferdinand Tyrell in Liesborn, der für die Heimatforschung Wichtiges geleistet und hinterlassen hat.

Tyrell=Monsieur Tyrell. Visité ma tent?

Vielleicht jemand, der den napoleonischen Truppen den Rücken gekehrt und hiergeblieben ist. Wer weiß. Jedenfalls hat mir bisher niemand sagen können, woher dieser Name stammt. So wie mir niemand genau sagen konnte, wo die Wasserscheide verläuft. Iin Müssingen? Nicht einmal H., ein Zugezogener aus Oberhausen, der vieles, fast alles weiß, wusste das.  

So irre ich also herum. Heimatlos. Hach, ich könnte mir leid tun, aber ich wollte es so, ich wollte, dass ich nichts weiß, denn je größer das unbeschriebene Blatt, desto mehr Erkenntnis passt drauf.

Sehr geehrter Eingeborener,

da du schon lang keine gehörnten Helme mehr trägst, dir keine Tierfelle mehr umhängst, statt Met Bier trinkst und Schnaps, bis selbst euer  Bürgermeister auf dem Tisch tanzt, da du den römischen Papst verehrst und den einfachen Grabstock durch furchterregende Pflugmonster ersetzt hast, fällt es mir schwer, ein Portrait von dir zu zeichnen. Solltest du diese Zeilen lesen, ruf mich an. Erlöse mich. Beweise mir, das es dich gibt. Bist du eine bedrohte Art auf der Liste?  

Die ein- und ausfliegenden Mauersegler in den Ställen des Reitvereins Alverskirchen-Everswinkel (des einzigen Vereines vor Ort, der Alverskirchener und Everwinkler vereint, die sich, so höre ich an allen Ecken und Enden, sich gern spinnefeind sind),  diese Mauersegler sind Eingeborene. Sie fliegen zwar über den Winter nach Afrika, so wie manche von uns nach Mallorca, aber alle kehren immer wieder zurück. Wenngleich es Jahr für Jahr weniger werden. Leider kann ich mit ihnen nicht sprechen, und Franz von Assisi, der mir bestimmt helfen könnte, ist schon lange tot.

Sind die Eingeborenen längst tot. Bleiben zum Schluss nur die Nachgeborenen? Erst die dritte Generation darf sich zu den Eingeborenen zählen, sagt ein Feuerwehrmann, den ich mit einer Frage verunsichere, die jedem Feuerwehrmann unter den Nägeln brennt: sind Pyromanen unter euch? Au, sagt er, peinliche Frage. Ja. Wir hatten zwei, vor fünf Jahren. Eingeborene?

Gibt es eine Chance für einen Dichter, ein Eingeborener zu werden. Ist der Poeta Laureatus, der Dorfpoet, die Vorstufe zum Eingeborenen. Sein Volontariat? Und wenn ich einheiratete?

In Mehringen fotografiere ich drei prächtige Hasen. Dürrer hätte seine helle Freude an ihnen gehabt. Die Kubisten hätten sie in Geometrie verwandelt, ich nehme sie als das, was sie sind: Eingeborene.  Die kreiseneden Gabelweihen, Milane, elegantes Design, hocheffizientes Fliegen, Schönheit: Eingeborene.

Unwiderlegbar Eingeborene sind Bäume, Pflanzen (sofern nicht Gen-manipuliert) und Tiere (bis auf Fasane und andere invasive Arten).

Nicht umsonst hat der heidnische Brukterer Eichen und Linden verehrt. Tausendjährig womöglich. Und dann kommen Stadtneurotiker von der Tyrellsche Mühle, noch beseelt von der Hawaiianische Tantramassage und umarmen sie, in der Hoffnung, so ein Baum könne sie heilen.

Great Guggelimuggeli.
Watch out, where the Huskies go,
don't you eat that yellow snow,

singt mein Lieblingskritiker der amerikanischen Verhältnisse, Frank Zappa, Sohn sizilianischer und neapolitanischer Einwanderer.

In den USA gibt es nur Zugezogene, die keine Skrupel hatten, alle Eingeborenen, die sie aus dem ein oder anderen Grund störten, zu vertreiben, kulturell auszubluten, zu vernichten. Der Eingeborene, schließe ich daraus, lebt gefährlich. Er wird von Krankheiten infiziert, die die Fremden mitbringen, so wie wir von Covid19 infiziert werden, das aus der Fremde kam. Aus China, sagt man.

Egal, wo es herkam. Da, wo es ankommt, trifft es auf Eingeborene. Alles trifft immer die Eingeborenen. Jede Katastrophe ist eine Katastrophe zu viel. Als ich mit A. spreche, ein Eingeborener aus Syrien, der seit sechs Jahren im Dorf ist, und sich aufgehoben fühlt, bin ich stolz. Er ist  bei der Feuerwehr, er macht eine Lehre, er fühlt sich wohl, aufgenommen. Aber sein Status ist in Gefahr. Er hatte nach langer Flucht Bulgarien erreicht, ist dort registriert worden, und nach dem Dublin Abkommen gilt Bulgarien als Erstaufnahmeland. Nach sechs Jahren droht ihm immer noch die Abschiebung in ein Land, wo er nie wieder hin will. Die haben mich behandelt, wie einen Verbrechen, sagt er.  Warum ist es der Gemeinde bisher nicht gelungen ist, diesem jungen Mann einen dauerhaften Aufenthalt zu ermöglich?

Meine Zeit als Dorfschreibver geht dem Ende entgegen. Meine Eingeborenen sind überall. Aber sie verhalten sich seltsam. Im Viertel rechts der Sendenhorster Straße siedeln sie seit den späten Siebzigern, träumen aber noch immer von Münster, das sie damals verließen, und einige würde zurückkehren, wäre Wohnraum dort nicht so teuer. Es scheint eine tiefe Bindung zu geben zu dem Ort, an dem man geboren wurde, seine ersten Jahre verbracht hat, zu dem Ort, wo die Eltern begraben sind. Sie engagieren sich für die neue Gemeindem sind  Mitglieder des Kulturvereins, aber die, die ich kennengelernt habe - sind allesamt Zugezogene. Sie leisten wertvolle Arbeit. Und trotzdem, irgendetwas muss dran sein an diesem Eingeborenen-Geburtsrecht. Verrückt, aber völlig normal, denn  es gibt ja die Chance, nach der dritten Generation als Eingeborener zu gelten.

Einen Eingeborenen möchte ich nicht vergessen, denn er ist mir auf meinen Überlandfahrten ständig begegnet. Lattenjupp. Lattenjupp gibt es in Sandstein, es gibt ihn in weiß und in tiefbraun, es gibt ihn an Wegkreuzungen, vor Höfen, am Wald, et ist überall. >

Lattenjupp muss ein Eingeborener sein. Vielleicht ist auch die schwarze Hexe, die durch's Dorf streift und mit sich und der Welt hadert, eine Eingeborene, und der junge Mann mit dem orangefarbenen Bowler Am Haus Borg, und der Easy Rider auf Dreirad mit Fuchsschwanz und Fahne, und der kleine dicke Nazi mit Kampfhund und Springerstiefeln, den ich in meinen Anfangstagen auf der Schule Delitzsch Straße sah, und die beiden Jungs vorm Vitus Grill, die ,mir beisternd von ihrem Dorf erzählten.

Ich plädiere dafür, alle zu Eingeborenen zu machen. Die Welt ist viel zu kompliziert, um zwischen Eingeborenen und Fremden zu unterscheiden. Ich will, dass das Aufenthaltsrechts allen gegeben wird, der hier leben und arbeiten will. Will er das nicht, wenn er nur lau scheppt, as wie zeggt, moet he naar huus goan.

Ich habe mich in Everswinkel sehr wohl gefühlt. Ich war ein  vorübergehender Eingeborener. Das hat mir gut gefallen. Und wenn Everswinkel Roxel wäre, würde ich bleiben. Aber man kann nicht alles haben.

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