Dorfschreiber

Die Eingeborenen

Teil 2 von 3

Die Eingeborenen 2

Beginnen wir mit jemandem, den ich seit 72 Jahren zu kennen glaube, von dem ich aber nicht wirklich weiß, wer er ist und wie er letztendlich tickt. Herr M.  Er ist gern mit Godot, Beckett und mir unterwegs, ein literarisches Konstrukt,  das der Dramaturgie auf die Sprunge hilft, und das Erzählen geschmeidiger macht.

Ich kenne die Umstände, unter denen er geboren ist, ich kenne seinen Geburtsort, eine Arbeiterstadt, rau, aber nicht unsympathisch, an das Krankenhaus kann ich mich erinnern, an das Teehäuschen im Garten und den Karpfenteich mit den Seerosen.

Dort beginnt eine Geschichte voller Überraschungen, die nur einen Tenor kennt: ich will hier weg. Mir ist dieses Land unheimlich, mir sind die Eingeborenen suspekt, denn hinter jedem vermutete ich eine Geschichte, die nach Wegducken, halbgarem Mitmachen oder begeisterten Armhochreißen roch, verschwiegen, totgeschwiegen, nicht sichtbar, aber überall und übermächtig wie Myzele im kollektiven Untergrund wuchernd. 

In so einem Klima ist sich der Eingeborene selbst ein Fremder, der sich über seine Scham langsam und sicher in materiellen Wohlstand flüchtet, von dem er glaubt und hofft, dass er ihn rette.

Aber Wohlstand rettet nicht. Wohlstand ist nichts als das Horten von Materie. Materie ist Physik, ergo ist das Welttheater ein physikalisches Wellenbad, und letztlich (fragen Sie die Physiker) ist es gar nicht da. Eine Illusion, die uns gelehrt hat, dass ein Stuhl ein Stuhl sei, aber dass alles nur Welle ist, verschieden schwingende Welle, ein höchst poetisches, philosophisch aufgeladenes Bild, mögen die meisten lieber nicht denken. Das ist einfach zu kompliziert.

Da sitzen sie also, die Eingeborenen dieser Stadt, aufgeteilt in zwei große Glaubensgemeinschaften, die alles daran setzen, sich von der jeweils anderen, konkurrierenden Gemeinschaft abzugrenzen. Wenn die einen Feste feiern, beeilen sich die anderen, sie zu konterkarieren, in dem sie so tun, als gäbe es sie gar nicht.

Gemeinsam verschweigen sie,  dass unter ihren Augen andere Eingeborene plötzlich verschwunden waren, und nur in den seltensten Fällen zurückkehrten. Sie schämen sich. Hinter ihnen ist ein schwarzes Loch. Sie müssen sich ein neues erfinden. Das ist nicht einfach, denn ein Land, dass sich nicht von seinem Diktator befreit hat, sondern befreit werden musste, bietet keine guten Voraussetzungen, um eine stabile Identität aufzubauen, und wer keine stabile Identität hat, neigt dazu, Fremden zu misstrauen.

Solange der Fremde in seinem eigenen Land bleibt, ist es gut. Er wird er besungen, und bald schon besucht man ihn dort. In der romantischen Weltsicht des Eingeboren ist der besuchte Fremde ein Wesen, das zwar auch Bier trinkt, aber davon hält der Besucher nicht viel. Ohne ein Jahrhunderte altes Reinheitsgebot kann das nichts sein. Er trinkt im sonnigen Süden lieber den einheimischen Alk,  bald schon aus Eimern und mit dem Strohhalm. Er besingt seine Sonnenuntergänge, isst seine "exotischen Speisen", die ein paar Jahrzehnte später assimiliert und als quasi "eingeboren" akzeptiert sind.

Woraus man nicht schließen sollte, dass man den Fremden nun auch als Eingeborenen sieht. Der Fremde, so die allgemeine Vermutung, ist zwar ein Mensch, der merkwürdige Rituale hat, sich anders kleidet und feiert, aber wenn es sich anschickt, sein Land, aus welchen Gründen auch immer, zu verlassen, um in ihrem zu siedeln, erwartet man von ihm, dass er so wird, wie sie. Selbst der Takt ihrer fremder Melodien ist ihm suspekt, denn unter Herrn Schicklgruber war alles nicht arische verboten, wenngleich hier und da heimlich verehrt, aber was verboten ist, so die Logik der Beherrschten, muss verdächtig bleiben, denn irgendetwas wird schon dran sein, sonst wäre es nie verboten worden.

In so einem Klima wächst Herr M., der Eingeborene, von dem hier die Rede ist, heran. Er ist eher schüchtern, er geht nicht gern zu Schule, weil man ihn hänselt, und wechselt hhäufig den Schulweg, weil man ihn an den bekannten Ecken, da, wo er die Hauptstraße überqueren muss, um nach Hause zu gelangen, schon erwartet, um ihm aufs Maul zu geben. Sie riechen, wenn jemand anders ist, und das können sie nicht ertragen.

Die schon etwas Älteren schicken sich gerade an,  ein wenig Wind in die Totenstille der Fünfziger zu bringen. Den Pottschnitt ihrer Väter ersetzen sie durch die Ententolle. Sie hören  "Hottentottenmusik", wie  die verunsicherten Überlebenden des Gemetzels sie nennen, ohne zu auch nur zu ahnen, was hinter diesem Wort steckt.

Man kann die erste hedonistische Revolution nach dem Krieg als vorsichtige Öffnung zum Rest der Welt gutheißen, aber augenfällig ist, dass die "Hottentottenmusik" von Weißen  gespielt wurde. Die Schwarzen, von denen sie ursächlich stammt, treten erst ein Jahrzehnt später auf die Bühnen. Damit sie nicht zu exotisch und somit schwer zu vermarkten sind, bügeln sich viele die Krause aus dem Haar.

Wieder zwei Jahrzehnte später versucht der Gott des Pop, ein nasenoptimierter, begnadeter Tänzer und kieksender Sänger, die ihm angeborene Pigmentierung durch Salben und medizinische Manipulationen denen anzugleichen, die ihn noch immer als "Nigger" diffamieren. Die Sklaverei ist zwar längst abgeschafft, aber sie wirkt in den Köpfen der Eingeborenen bis heute nach.

Soviel also zu dem Verständnis der Eingeborenen zu den "Fremden", die ja auch Eingeborene sind, oder zumindest waren, eh man sie verschleppte, oder, wie heute, vertrieb.

Niemand soll sagen, dies sei ein unbeschwertes Zeitalter. Unbeschwerte Zeitalter hat es in der Geschichte nicht gegeben,  auch, wenn man sie sich schön trinkt. Unbeschwert ist das Tier. Der Eingeborene ist, seit er das Paradies verlassen musste, selbst Fremder geworden. Ausgestoßen. Diese Metapher gilt über alle Zeiten. Poetischer und philosophisch tiefer könnte man es kaum ausdrücken.

Warum also trotzdem dieser oft vernichtende Blick auf Fremde? Weil man sich selbst hasst? Weil man fürchtet, dass einem etwas weggenommen wird? Weil man insgeheim weiß, dass das Paradies existiert, in jedem Einzelnen tief verwurzelt ist, ohne, dass man den Eingang fände. Zutritt verboten. Blumen blühen auf Befehl.

Morgens koppelt der Mähroboter an der Raiffeisenstraße sich von seiner Station ab, die ihn ernährt, und beginnt, den ohnehin längst akkurat geschnittenen Rasen weiter zu verfeinern, damit bloß nichts Fremdes Platz findet.  Gut, ein Gänseblümchen darf dann und wann stehen bleiben, aber das dahinter steckende Prinzip ist das der  Vernichtung, das Kleinhalten alles Fremden. Der Eingeborene, so hat man ihm eingetrichtert, macht sich die Welt untertan. Das ist in Ordnung, das muss so sein, findet er.

Dass gar nichts so sein muss, wie es ist, weiß der Pubertierende Herr M. schon recht bald. Nichts ersehnt er mehr, als eine unbeschwerte Heimat, aber sein Land ist ein schweres Land. Es ächzt und stöhnt und wird immer reicher.

Und dann kommen die Fremden.

Die Zeit tickt erbarmungslos Kriege und Katastrophen über Land, und das, was unabdingbar zur Geschichte aller  Eingeborenen zählt, nämlich das ständige Wandern der Völker (aus genannten Gründen), wollen sie nicht wahr haben. Dabei waren und sind sie ein auf Optimierung geschüttelter Cocktail weltweiter DNA. Einer wie der andere hat Verwandte in Afrika. Schlimm genug, denken sie, aber es kommt noch schlimmer. Sie stammen vom Affen ab.

Der Eingeborene, ganz gleich, ob er weiß, schwarz, gelb oder bronzefarben ist, zelebriert seine Ethnie, was logischerweise zur Ablehnung der anderen führt. Der Eingeborene ist ein Rassist.

Das klingt wie ein Dilemma, aber Dichtung, Musik, Kunst, Religion und die Philosophie hat immer von der Gleichheit aller geträumt. Alle Menschen werden Brüder. Ein vergeblicher Wunsch, wenn man das Alte Testament liest, ein frommer, seit Jesus auf den Plan trat. Ein Zimmermann, der mit Huren verkehrte und übers Wasser ging. Als Alleinstellungsmerkmal hat ihn sich die römisch katholische Kirche, der weltweit größte Immobilienbesitzer und dunkler Mittäter aller Kriege einverleibt, um die Geschäfte möglichst nicht zu gefährden.

Herr, warum hast du uns verlassen?

Die Welt, gebeutelt von einer den Globus umspannenden Krise, die sie selbst zu verantworten hat, weil sie ununterbrochen von A nach B und wieder nach C unterwegs ist, hat dennoch Ermutigendes. Sich dem Fremden Näherndes.  Die Natur Bewahrendes. Selbstverständlichkeiten, sollte man meinen, aber kaum geäußert, verunglimpft.

Das Erwachen eines, wenngleich zunächst hedonistischen Bewusstseins,  die politischen Umbrüche der Siebziger (die, das darf nicht verschwiegen sein, das Gute mit dem Schlechten erzwingen wollten),  die Anti-AKW Bewegung, die Grüne Bewegung, die von diesem Land in die Welt ging, wie die Marx'sche Kapitalismuskritik, ein in London lebender Eingeborener Expat,  dessen Schriften die politischen Systeme der Welt erschütterten und noch immer die richtigen Fragen stellen.

Die Menschen jedes Dorfes und jeder Stadt, egal, auf welchem Kontinent, sind sich gleich.  Sitten und Gebräuche unterscheiden sich, Sprachen sind irritierend orale Kunstwerke mit vielfältigsten Melodien, Haare wuchern höchst unterschiedlich, Hautfarben changieren zwischen den Farben des frühen Tages und der anbrechenden Nacht, die Welt ist der wundervollste Ort. Auf die Bitte des Schächers, seiner zu gedenken, wenn er in sein Reich kommt, sagt Jesus: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.

Zu spät, sagt Beckett.  Das Paradies ist hier. Das Paradies gehört den Lebenden. Ich will nicht vertröstet werden auf ein Danach. Das Danach kann mich mal. Dreifach kann es mich.

"How dare you...!" hat kurz vor der Pandemie ein junges Mädchen aus Schweden die Herrschenden dieser Welt angefaucht. Wie könnt ihr es wagen, meine Welt, mein Paradies, zu verkaufen. Jesus hat sie aus dem Tempel vertrieben

Ihr verdammten Hohlköpfe. Ihr engstirnigen Moneymaker. Ihr Mörder, fügt Herr M. zu,  ihr .... das kann er nicht sagen, und was er nicht sagen kann, darüber muss er schweigen. Mitgefangen ist mitgehangen.

Edvard Munch: Der Schrei. Picasso: Guernica. Duchamp: die Toilettenschüssel. Ein bis zwei Gründe, sich ein Ohr abzuschneiden, täglich. Und morgen dann: Everswinkel.

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