Dorfschreiber

Die Eingeborenen

Teil 1 von 3

Die Eingeborenen

Wenn Sie so alt sind wie ich, also schon ziemlich alt, werden Sie sich an einen Karnevalsschlager aus den Fünfzigern erinnern. Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien.  Mein lieber Freund, mein lieber Freund,
die alten Zeiten sind vorbei, ob man da lacht, ob man da weint, die Welt geht weiter, eins, zwei, drei. Ein kleines Häuflein Diplomaten macht heut die große Politik, sie schaffen Zonen, ändern Staaten, und was ist hier mit uns im Augenblick?

Heidi-Tschimmela-tschimmela-tschimmella-bumm.

In unserer von einer Pandemie gebeutelten Welt gehen die grausamen Verteilungskämpfe, Kämpfe um Herrschaft und Macht, um Deutungshoheit und "Wahrheit", ungehindert weiter. Wenige profitieren auf Kosten vieler. Weltweit sind 82 Millionen Menschen auf der Flucht. Und noch immer gibt es keine durchgreifenden politischen Initiativen, diesem Elend beizukommen. Die Konsequenz der Konferenz laut Kästner: Bla, blabla, blabla, blabla.

Zur Not lässt man die Verhandlungsführer der Nationen warten, bietet ihnen keinen Stuhll an und platziert ihn (oder Frau von der Leyen) in gewissem Abstand auf einem Sofa.  Auch das ist eine altbewährte Taktik, die Charly Chaplin im "Großen Diktator in einer Szene mit dem tausendjährigen Adolf und dem lebensfrohen Italiener Benito karikiert.

Herr Schicklgruber, der verkrachte Kunstmaler und Völkermorder, sah sich im Erfolgsfall als einen der Größten der Geschichte, bei Misserfolg aber als den am meist gehassten Menschen. Ein Mann mit brutaler Weitsicht. Dass es seine Adepten noch immer, und seit Beginn der Flüchtlingskrise und neuerdings der Pandemie und ihren Leugnern immer häufiger gibt, könnte als Treppenwitz der Geschichte durchgehen, tu er aber nicht. Es zeigt nur, dass die Dummheit einem gewissen Prozentsatz der Eingeborenen (ganz gleich, in welchem Land) angeboren scheint.

Schicklgruber (Heil Schicklgruber) war kein Eingeborener des Landes, das er ausblutete und mit einem Trauma hinterließ, das bis heute nachwirkt. Schicklgruber, ein im niederösterrischen Waldviertel seit dem 15. Jahrhundert dokumentierter Name, war eitel, faul und seine Machtfantasien waren pervers..Die Vorstellung seines zu errichtenden Reiches war von Anfang an ein unverhohlener Angriff auf alles, was Menschen ausmacht: Liebe und Empathie.

Sind das Werte, die im Trizonesien der Gegenwart noch gelten, oder werden sie auch hier mit Füßen getreten? Ja. Sie werden.  Wo man hinschaut, und vor allem da, wo es schwierig ist. Wo sich Eingeborene bedroht durch Fremde fühlen. Wo die Ökonomie nicht rund läuft. Überall.

Die Potentaten in von Krieg, politischer Unterdrückung und Hunger geplagten, von uns eine Weile gern Länder der Dritten Welt genannten Nationen, tun alles, um ihre Pfründe zu verteidigen. Ihr Zweck heiligt alle Mittel. Ihre  Privatjacht kann gar nicht groß genug sein. Ihre durch die Nacht raunenden tödlichen Drohnen können nicht tödlich genug sein. Ihre Paläste sind geschmacklos und haben so viele Badezimmern, dass sie vergessen, wo sie gerade sein Geschäft erledigt und ob sie abgezogen haben. .

Die Genfer Konventionen regeln die Menschenrechte, es gibt den internationalen Gerichtshof in Den Hag, aber die Angelklagten haben finanziellen Resourcen, sie haben Anwälrte, in Dubio pro Reo ruft man, und Worte stehen nur auf Papier. Wer kann, umgeht oder ignoriert sie, transferiert sein gestohlenes Vermögen in die Schweiz oder in andere verschwiegene Länder, von dort fließt es in die Weltökonomiewaschmaschine, und so profitieren auch wiederum wir.

Einmischung in innerstaatliche Vorgänge verbittet man sich man ist Staatssouverän, Eingeborener mit allen Rechten, und wenn es ganz hart kommt, und es kommt immer hart, wenn es kommt, haben diese Eingeborenen von ihnen als natürlich empfundene Vorrechte gegenüber allen, die nicht Eingeborene sind. Auf dieser Seite der Grenze Eingeborene, auf der anderen Fremde. Staatenlenker verweisen gern auch auf die willkürlichen Grenzziehungen nach den Weltkriegen, die ihnen Fassbomben und Giftgas als Mittel der Lösung geradezu aufdrängen, so leid es ihnen auch tut, sie benennen die Knebelverträge großer Konzerne (deren Profiteure sie selbst sind) und die Einzigartigkeit ihrer "Weltdeutung" in ökonomischer wie in religiöser Sicht.

Der Dorfschreiber liest täglich davon in der Zeitung, er macht sich seinen Reim, aber er hat nichts außer Worte. Papier ist geduldig.

Ich habe vor fast vier Wochen auf dem Magnus Platz die Ballade von einer Kanaken Stadt vorgelesen. Kanake ist fälschlicherweise ein Schimpfwort, es kommt aus dem Polynesischen und bedeutet nichts anderes als: Mensch. Die Ballade von einer Menschenstadt also, meiner Stadt. Die Menschen dort stammen aus mittlerweile über fünfzig Nationen.

In dem Gedicht, das meine Jugend reflektiert und in sprachliche, emotionale Bilder zu setzen versucht, sind es zunächst Italiener, von denen ich glaubte, sie stammten aus einem Land, wo Spaghetti wachsen. So hatte ich mir das vorgestellt. Später kamen mehr Arbeitsmigranten, die man Gastarbeiter nannte, wohl auch, um von vornherein auszuschließen, dass sie sich dauerhaft ansiedeln. Aber natürlich haben sie genau das getan.

Das Verhältnis untereinander war nicht einfach. Fie Textilbarone, die die Infrastruktur des Textilgürtels an der Niederländischen Grenze zwischen Nordhorn und Krefeld bestimmten, hatten zunächst bewusst auf Menschen anderer Religionen verzichtet. Als man vor der Wahl stand, Türken, also Muslime, oder Portugiesen, Christen wie wir, anzuheuern, entschied man sich anfangs für Christen, um die kulturellen Unterschiede möglichst gering zu halten.

Ich erinnere mich deutlich, als ich zum ersten Mal People of Color, wie man sie heute nennt, sah. Die Niederlande, die ihren letzten grausamen Krieg in Indonesien verloren hatten, nahmen in den Fünfzigern eine große Zahl Indonesier auf. Sie wohnten in einem Kloster, ein Übergangsheim in Glanerbrug, direkt hinter der Grenze. Mein Vater hatte mich auf die Stange seines Fahrrades gesetzt und war mit mir dorthin gefahren. Grenzenloses Erstaunen. Erschrecken auch. Eingeborene konnten das nicht sein.

Schnitt: ich reise durch Ägypten. Ich bin im Nildelta. Ich gehe herum und schaue, als kleine Jungen auftauchen und mich mit Steinen bewerfen. Erst, als ein Erwachsener eingreift, hören sie auf und rennen johlend davon. Schnitt: ich bin in Südindien. Zwei Jungs, kaum Fünf, verkaufen Kaugummi im Zug, Zündhölzer, einzelne Zigaretten. Als sie mich sehen, drucksen sie und ich begreife, dass sie mich anfassen wollen. Vor allem mein Haar scheint sie zu faszinieren. Ich war blond. Schnitt: Rostock. Schnitt Hoyerswerda. Schnitt: Die NSU. Naziterror. Dazwischen: fast siebzig Jahre, in der viel passiert, aber offenbar wenig Einsicht gewonnen wurde.

Worte sind geduldig. Lügen sind längst dreimal um die Welt gerannt, während die Wahrheit noch damit beschäftigt ist, sich die Schuhe anzuziehen.

Der offenbar beliebteste Feind ist noch immer der Andere. Man kennt das aus dem Tierreich. Das Tierreich aber hat Regeln. Kommt ein Fremder, wird man ihm klarmachen, was er darf und was nicht. Überschreitet er diese Regeln, wird er vertrieben. Er verwirkt sein Recht zu bleiben. Wir, der Homo Sapiens, der ja auch nur ein Tier ist, hat dieses grundlegende, die Verhältnisse der jeweiligen Gruppe stabilisierende Verhalten pervertiert. Er tötet. Das tut ein Tier nur, wenn es Beute macht.

Von unseren nahen Verwandten, den Bonobos und Schimpansen allerdings weiß man, dass sie - ähnlich wie wir - Territorialkämpfe führen. Sie führen sie mit List und Tücke, und, wenn es nötig ist, töten sie.

Wir töten immer. Die Historie beweist es.
Und immer hat der eine Recht, und der andere Unrecht. Der Eine ist der Eingeborene.
Aber wann (nein, nicht, wann ist ein Mann ein Mann) ist ein anderer ein Eingeborener?

 

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