Dorfschreiber

Die digitalen Eingeborenen

Jeder ab 10/12 Jahren ist heute ein 'Digital Native'.

Die digitalen Eingeborenen

Was treiben die Freunde bloß? Man könnte den oder die treffen, ja, das  könnte man, verboten ist es nicht, aber mehr als zwei dürften es nicht werden,  auch wenn das Gefühl eines Sechzehnjährigen manchmal drei, vier, fünf oder noch mehr fordert.

Also zu zweit. Zwei Gleichgesinnte könnten sich auf einer Bank in der Nähe des Rathauses treffen oder im Schatten von St. Magnus, um über das zu reden, was ihnen  am meisten unter den Nägeln brennt. Die anstehenden Prüfungen. Als das Corona-Virus viral ging, hatten sie vielleicht noch gejubelt und geglaubt, sie hätten jetzt Extraferien, könnten ausschlafen und zu gegebener Zeit in Ruhe pauken, aber die Sache sieht anders aus. Sie gehen zwar nicht zur Schule, aber ihr Unterricht geht weiter. Ihre Lehrer verschicken Lernpakete per E-Mail. Es gilt das normale Curriculum für den Alltag eines Zehntklässlers der Verbundschule Everswinkel mit Fokus auf die baldige Prüfung, kein modifiziertes Krisen-Curriculum, und wenn alles gut geht, sollen die Prüfungen im Mai stattfinden Dann wird aus dem digitalen Schülerleben wieder ein analoges, ein physisches sogar. Sie werden in einem Prüfungsraum sitzen, aber so anders als zu normalen Zeiten wird es nicht zugehen, denn bei Prüfungen galt  immer schon größtmöglicher  Abstand zum Mitschüler. Ich erinnere mich, dass Kassiber diese Abstände überwinden konnten, aber man durfte sich nicht erwischen lassen. Dann lieber verstohlene Handzeichen. Erwischt zu werden wäre fatal. Das Virus zu erwischen, wäre ebenso fatal, wenngleich sie jung sind und aller Wahrscheinlichkeit weniger gefährdet sind als ich, der Dorfschreiber im 72. Lebensjahr.

Heute ist der 6. April, es bleiben noch gut 5 Wochen bis zum Tag X.  Von Frau Reiberg, Lehrerin an der Verbundsschule, mit der ich ein Reportage-Projekt mit Hauptschülern geplant hatte, das aus bekannten Gründe ausfallen muss, erfahre ich, dass die Schüler konzentriert arbeiten. Dass zwar Aufregung herrscht, aber keine Panik. Dass es regen Austausch gibt in WhatsApp-Gruppen, über die man kommuniziert, schließlich schreiben wir das Jahr 2020, und jeder ab 10/12 Jahren ist heute ein 'Digital Native', ein digitaler Eingeborener, der weiß, wie man mit diesen Medien umgeht.

Die Bürokratie der zuständigen Ministerien, sonst gern gescholten wegen ihrer manchmal kafkaesken Umwege, scheint im Angesicht der großen Herausforderungen, die die Pandemie an alle stellt, recht gut zu funktionieren. Fast täglich gibt es vom Ministerium Updates, es geht hin und her, und wenn ein Schüler persönlichen Rat benötigt, kann er jederzeit zur Schule gehen. Es gibt einen Präsenzdienst, man kann seinem Lehrer Auge in Auge gegenübersitzen, aber natürlich gilt auch hier die Zwei-Meter-Regel. 

Man könnte glauben, alles gehe seinen geregelten Gang, aber sicher wie das Amen in der Kirche ist schon jetzt, dass keiner der zu Prüfenden die Umstände dieser Prüfung je vergessen wird. Mit ihren Enkeln auf den Knien werden sie eines Tages sagen, ja, ja, damals, im Frühjahr 20, das war nicht einfach, aber das könnt ihr euch ja gar nicht vorstellen. So oder so ähnlich wird es sein, und mir, dem Dorfschreiber, bleibt nichts, als allen Beteiligten in diesen wirren Zeiten Glück zu wünschen. 

Zum Schluss noch eine dringende Bitte an Sie, die Everswinkler. Wenn Sie Geschichten haben, die sie schon immer loswerden wollten, benachrichtigen Sie mich. Ich lebe von Geschichten. Ich bin dankbar für jeden Satz.  

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