Dorfschreiber

Die Detektivin

Der Detektiv

Detektiv ist in der Regel ein Mann, sein  Artikel verrät ihn.  Er trägt Schiebermütze,  Melone,  Knickerbocker oder Pelerine, raucht Pfeife oder Kette,  trinkt exquisiten Wein oder beinharten Whisky.  Der Detektiv ist immer unterwegs.  Tags, nachts, jederzeit. Er reist in exklusiven, transkontinentalen Eisenbahnen, Flugzeugen oder gediegenen Limousinen.  Er heißt Hercule Poirot, Philip Marlowe, Sherlock Holmes oder Nick Knatterton.  Miss Marple ist eine Ausnahme, Heißt er James Bond, arbeitet er für den Geheimdienst und ist kein richtiger Detektiv.  

An der Tür eines Häuschens habe ich ein  Schild gesehen:  Detektei, Termine nur nach Vereinbarung, stand darauf.  Obendrüber hing das das Auge einer Überwachungskamera.

Der Dorfschreiber schließt aus dem Namen des Detektivs auf Indien, grenzt aber gleich ein. Es könnte auch ein tamilischer Name sein. Der Dorfschreiber ist ein wenig verwirrt, denn eine Detektei, noch dazu eine mit tamilischem Namen, hatte er hier nicht erwartet.

Er wusste überhaupt nicht, was in seinem Dorfschreiberreich zu erwarten wäre, es war später Nachmittag, es war eine seiner ersten Ausfahrten mit der Gazelle, die erweisen sollte, ob er ihr größere Strecken zurücktrauen  könne. Da er Dorfschreiber ist, und Geschichten findet, notierte er sich alles und fuhr heim.

Zunächst würde er die Ballade für Alvinskerken schreiben, deshalb war er ja auch aufgebrochen, kam aber zunächst nicht über "am Haselweg unter dem jungen Spitzahorn" hinaus, weil er sich nicht sicher war, ob es sich tatsächlich um Spitzahorn handelt und weil ihn diese Detektei nicht los lies.

Es gibt eine Webseite der Detektei, Bewachungen, Detektei, Kaufhaufdetektive, Ladendetektive, Testkäufe und Testdiebstahl stehen im Portfolio,  was - vergleicht man das mit den oben genannten Detektiven -  eher unspektakulär klingt.

Dieser Detektiv ist eine Detektivin. Sie ist in Colombo geboren, 61 Jahre alt, hochgewachsen,  und so dunkel, wie nur die Tamilen sind, die von den Briten aus Indien übersiedelt worden waren, um dort in den Teeplantagen zu arbeiten, was zu den Unruhen, die Sri Linka noch immer nicht loslassen, geführt hat.  Als die Detektivin zwei Jahre alt ist, zieht ihre Familie nach Madras, heute Chennay. Madras war einer der wichtigsten Häfen der Briten am Golf von Bengalen. Ihr Vater war Leutnant der britischen Kolonialmacht.

Sie besuchte einen Kindergarten. Zur Schule trug sie einen blauen Rock und eine weiße Bluse. Es war schön bei uns, sagt sie, ihre Familie sei eine gute Familie gewesen, wenngleich der Vater streng war.  Nach dem Abitur studiert sie Naturwissenschaften, jobt als Filmvorführerin im Shrizar Cinema, und engagiert sich für die tamilische Sache. In den späten 70ern wird ihr der Boden unter den Füßen zu heiß, und ihr Vater rät, nach Europa zu gehen. Sie bucht einen Flug nach Paris.

Es ist 1980, die Detektivin ist 20, als sie sich in Bombay in ein Flugzeug setzt. Es wird eine lange Reise,  die in Alverskirchen endet. Erst aber einmal muss die Detektivin, die über Prag, Ost- und Westberlin nach Paris fliegen will, in Ost-Berlin umsteigen. Ob sie nicht wusste, dass es zwei Berlin gab? Der Verdacht liegt nahe, denn sie hat keine Papiere für die Bundesrepublik, und  die Grenzer kontrollieren sie. Die Detektivin erklärt sich. Die Behörden schlagen ihr vor, Asyl zu beantragen, das sichere zumindest ihren vorläufigen Aufenthalt. Und so kommt sie nach Bergkamen. Von dort geht es weiter nach Ennigerloh. Für geringen Lohn arbeitet sie im Stadtbauhof, Unteramt Straßenfegen. Sie bezieht eine Wohnung. Sie lernt Deutsch, und sie lernt es offenbar so schnell und gut, dass die Polizei Warendorf an sie heran tritt, weil sie einen Dolmetscher braucht. Es geht um eine Vergewaltigung, eine heikle Sache.  Sie macht die Sache gut. Sie wird immer wieder gerufen, jahrelang. Als sie geht, bestätigt die Behörde ihr, dass Frau R. "bei uns für längere Zeit unentgeltlich gedolmetscht hat."  Eine zuverlässige Kraft. Sie wechselt an das Oberlandesgericht Hamm. Dort wird sie gut bezahlt, "sehr gut", sagt sie. Immer wieder wird sie an Gerichte in Halle, Osnabrück, Lemgo, Höxter, Paderborn, Gütersloh, Warendorf, Coesfeld und  Essen gerufen.  Schließlich arbeitet für die Staatsanwaltschaft und das LKA bei Schleuserverfahren, und absolviert einen Lehrgang an der Polizeischule, Überwachungsgeräte für das Abhören von Telefonen zu bedienen. Die notwenige Ausrüstung plus Antenne wird bei ihr installiert. Manchmal, sagt sie, habe sie Tag und Nacht gearbeitet.

Als ich das erste Mal vor ihrer Tür stehe,  weiß ich von all dem nichts. Die Tür öffnete sich, und die Detektivin stand vor mir. Sie trug ein weites Baumwollkleid, ein mehrfach gewickeltes Tuch um den Kopf und an mir sprang ihr Malteser hoch, Nikki. Er sollte gleich von einer aus Münster anreisenden Friseurin getrimmt werden. Ich hatte mir keine Fragen ausgedacht, ich wollte nur einen ersten Eindruck, und den hatte ich jetzt. Eine ungewöhnliche Erscheinung. Wenn ich es nicht wüsste, sagte ich, könnte ich sie für eine Voodoo-Priesterin halt, die mich verzaubert. Die Detektivin lachte aus vollem Hals. Wir verabredeten uns auf ein paar Tage später. Ich würde Fragen vorbereiten.

Die Arbeit für das LKA war ertragreich, so dass sie beschloss, sich Urlaub in Rosamare zu gönnen, ein Städtchen in Katalonien.  Als sie zurückkehrt, wartet ein Brief vom Finanzamt.  Sie hatte gut verdient, jetzt muss sie nachzahlen. Bald darauf wird sie arbeitslos.  

Sie beginnt, als Pflegerin zu arbeiten, und wechselt nach einer Weile in eine Ausbildung als  IT Fachkraft in Hamm. 50 Männer, eine Frau, sagt sie lachend. Dort arbeitet sie bis 2009.

2010 liest sie eine Anzeige. Eine Detektei sucht Mitarbeiter.  So wird sie Ladendetektivin . Sie arbeitet in großen Märkten in Osnabrück und Nordhorn, und erwischt im Dreivierteltakt Diebe, wo früher nur alle paar Wochen einer ins Netz ging.  Als sie in einer Lebensmittelkette eingesetzt wird und ebenso erfolgreich ist, rät ihr der Chef, sich selbständig zu machen.

In den zwei  durch Jalousien verdunkelten niedrigen, kleinen Räumen ihres Häuschen stehen Monitore. Auf Tischen und Regalen liegen Kameras, verschiedene, teils  armlange Objektive, Nachtsichtgeräte, Wärmebildkameras, Aufnahmegeräte, Richtmikrofone, weiß der Kuckuck was da alles ist,  Auf einer gerahmten  Bescheinigung an der Wand steht, dass sie die Prüfung für die Ausübung des Wach- und Sicherheitsdienstes nach §34a Abs.1 Satz 5 erfolgreich abgelegt hat. Dazu gehört Straf- und Strafverfahrensrecht einschließlich Umgang mit Waffen.

Nachts. Ein Parkplatz vor dem Supermarkt in einer kleinen westfälischen Stadt.  Keiner mehr unterwegs, bis auf diesen Mann. Dieser Mann ist seit langem krank geschrieben. Man  verdächtigt ihn, Krankengeld zu kassieren und schwarz zu arbeiten.  Die Detektivin liegt auf der Lauer.

An drei Wänden ihrer Wohnung hängen Flachbildschirme. Eine vierte Wand wird mit einem Beamer bespielt. Es läuft ein Bollywood Film. Auf den Flachbildschirmen Sport, Ntv  und ARD.  Zwischen Mischpulten, Computern, Geräten zum Bearbeiten und Schneiden von Audiomaterial stehen zudem Keyboards. Eine Trommel ist auch da, auf der die Detektivin zu spielen beginnt. Ich sage, ich sei Schlagzeuger und könne ein wenig Klavier spielen. Oh, sagt sie. Spielen Sie mir etwas vor? Gern, sage ich, aber es läuft aufs Vortrommeln hinaus, denn die Keyboards funktionieren nicht. Also trommle ich, und sie tanzt eine kurzen, tamilisch inspirierten Tanz. Wir lachen. Sie bietet mir Twixx an und eine Banane. Twixx (ich kenne es noch als Raider) klebt unangenehm unter der Prothese, die Banane geht.

Ich habe keine Wünsche offen, sagt die Detektivin. Ob sie noch tamilisch träume? Dann und wann, sagt sie. Hat sie noch Verwandtschaft in Chennay? Ja. Eine Schwester.

 

Top