Dorfschreiber

Der Morgen danach

Gras stellt keine großen Ansprüche. Seit dieses Steppengewächs die Gärten des Wirtschaftswunders erobert hat, wächst es überall. Hier und da irren Mähroboter darauf herum. Es gibt sie in Staubsaugerfarben, in gelb, in ferrarirot für die Sehnsüchtigen, und in grün für die Tarnung. Im Gegensatz zu motorisierten und von Menschen geführten Mähern arbeiten sie fast lautlos.  Ich kenne eine Katze, die sich von so einem sich nach zwei Jahren selbst vernichtenden und nicht mehr zu reparierenden Roboter herumfahren lässt. Sie ist an der frischen Luft, die Sonne scheint, die reflektierenden Oberflächen sind angenehm temperiert, da fährt sie gern mit.

Von den Männern, die zum Rasenmähen aufsitzen, könnte man vieles sagen. Viele tragen Ohrenschützer, um die Nachbarn zu schonen. Wenn Rasen (wie beim Gut Bruckhausen) zum Golfrasen mutiert, wird er zur Wissenschaft.Etwas für Erbsenzähler mit Nagelschere. All diese Flächen sind tot. Wären sie Menschen, spräche man von Körperverletzung. 

Das betrübt die Rasenbesitzer, auch, wenn sie sich dessen nicht zwingend bewusst sind. Aber sie kennen einen Weg aus dieser Misere. Sie dekorieren die Wunden. Verarzten sie mit glänzenden Kugeln und Tieren aller Größe und Farben. In meinem Garten sitzen zwei winkende, weiße,verwitterte Igel. Wenn ich auf die Terrasse komme, verwechsle ich sie jedesmal mit alten Schneehaufen.  Unter der Eibe steht ein Uhu. Er ist doppelt so groß wie ein richtiger Uhu, aus Plastik, schwarz, braun, rot und weiß. Ein Kind, das letzte Woche zu Besuch war, fürchtete sich vor ihm. Ich sah ein gelbes Krokodil, Rokokobrunnen und graublaue Steinwüsten.

Wer weiß, ob die Jalousien der Nachbarschaft abends gegen halb zehn nicht nur deshalb herab gleiten, damit die Hausbewohner das nicht mehr sehen müssen. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag, Einer plant, einen Zwerg unter den Rhododendron zu stellen, ein anderer will einen Samurai neben der Tür.

Alle Jalousien (und es sind viele, am Haus mir gegenüber mindestens sechs) arbeiten mit Lichtsensoren. Das, hatte man den Besitzern der Häuser irgendwann erklärt, sei wirtschaftlich und modern. In der Nacht zu Ende meiner Geschichte zieht ein gewaltiges Gewitter auf. Es kommt aus Alverskirchen, aber man hat es schon vor über einer Stunde über Wolbeck gesehen, vielleicht wütete es sogar über Münster. Man checkt die Jalousien. Dann ist es heran.

Es schüttet wie aus Eimern. Bäume biegen sich. Ohrenbetäubender Krach, Blitze in kurzer Folge. Die Lichtsensoren reagieren. Die Jalousien gleiten hoch und runter, auf und nieder. sie ruckeln und dann wieder hoch und runter. Man sollte die Lichtsensoren abstellen.  Aber wie? So dauert die Welturaufführung dieses Balletts bis in die tiefe Nacht. Kein Wunder, dass viele am Morgen unausgeschlafen erwachen.


 

Top