Dorfschreiber

Der Mann mit der Trompete

Der junge Mann heißt Marius Gausebeck. Ostermontag ist er in den Rettungskorb einer Feuerleiter geklettert, hat sich auf beträchtliche Höhe fahren lassen, um dort oben die 'Ode an die Freude' auf der Trompete zu spielen. So weit zu den Tatsachen.

In meiner Geschichte, die fiktiv ist, steigt er ebenfalls in den Rettungskorb, wird gesichert und dann wird die Leiter langsam, aber stetig auf maximale Höhe (23 Meter) ausgefahren. Da, soweit ich mich erinnere, auch Ostern sein gehöriger Wind blies, blieb es nicht aus, dass der Rettungskorb schwankte. Das ist normal, eine Leiter braucht eine gewisse Elastizität, damit sie nicht wegknickt. Auf halber Höhe kamen ihm erste Zweifel. Ob er Höhenangst hatte, weiß ich nicht, aber ich stelle mir vor, dass es selbst so einen mutigen Trompeter wie ihn nicht ganz kalt ließ, zu sehen, wie die Erde immer weiter schwand, die Menschen kleiner und kleiner wurden und er diesen weiten Blick hatte. Wie auf eine Spielzeugstadt.

So einen Blick kann man genießen, muss es aber nicht. Man darf sich schon auch ein wenig gruseln. Ich bin also Marius Gausenbeck, ich bin Dorfschreiber, ich kann nicht Trompete spielen und mir wird, je höher es hinausgeht, leicht mulmig.

Ich erinnere mich, dass ich Delft einmal einen Kirchturm bestieg, oben angekommen durch eine niedrige Tür nach draußen trat und mich auf einem umlaufenden Balkon wiederfand, dessen gemauerte Brüstung mir kaum bis zu den Hüften reichte. Alles tiefe Durchatmen half nicht, ich stellte mich mit dem Rücken zur Wand. Außer mir waren weitere Menschen auf diesem Balkon, um die Aussicht über Vermeers Stadt zu genießen, es war eng, und mir war ganz und gar nicht nach Genuss. Ich hatte weiche Knie und bewegte mich keinen Meter.

So oder so ähnlich stelle ich mir also den jungen Trompeter vor, der, nun oben angekommen, mit sich und seinem Mut ringt. Der Rettungskorb schwankt. Er kann Alverskirchen sehen, er ahnt, wo Telgte liegt, er sieht das Dorf und die umliegenden Bauernschaften, und jetzt setzt er die Trompete an die Lippen.  Der Ansatz ist geprobt, aber er atmet ein wenig hektisch, so dass sich erst einmal keine vertrauenswürdige Luftsäule in seiner Trompete aufbaut, die zum ersten Ton führt. Er setzt ab und wieder an. Er atmet noch einmal tief durch, Tauben fliegen dicht an ihm vorüber und wundern sich, was das zu bedeuten hat. Von unten schauen Menschen zu ihm herauf. Die meisten sind froh, dass sie nicht da oben stehen, mal davon abgesehen, dass sie nicht Trompete spielen können. Aber auf Teufel komm raus, sie würden das nicht tun. Never. Marius aber hat sich gefangen. Er ist ja gesichert, der Wind wird ihn nicht davonblasen, er leckt sich noch einmal die Lippen, setzt an, und siehe, 'Freude schöner Götterfunken' schallt über die Stadt, ein Trost in Zeiten, in denen man nicht einmal in die Kirche gehen kann. Gratulation.   

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