Dorfschreiber

Der 40. Tag

Guten Tag,
Ostern ist Geschichte, Menschen gehen herum, als wäre nichts geschehen, im Supermarkt tragen nur die wenigsten Masken, obwohl doch eine Maskenpflicht vereinbart ist. Wenn ich mit meiner Maske herumgehe, ärgere ich mich über deren Sorglosigkeit. Glauben diese Menschen, das Schlimmste sei schon vorüber?

Ich neige nicht zur Panik, meine anfängliche Sorge, dass unsere Gesundheitssysteme überlastet werden könnten, hat sich gelegt, aber ich lese täglich Zeitung. Das RKI warnt vor einer zweiten Infektionswelle, das ist normal, jede Pandemie geht in Wellen herum, das war 1918 so, und das wird auch diesmal so sein.

Beim Bäcker fragte ich die zwei jungen Männer vor mir, warum sie keine Masken trügen. Einer reagierte überhaupt nicht, der andere sagte recht freundlich, das sei doch erst ab kommenden Montag Pflicht. Habe ich nun etwas falsch verstanden, oder hat er etwas nicht mitbekommen? Wie auch immer, ich bin irritiert. Mir gefällt das nicht. Ich bin für soziales Verhalten in allen Belangen.

PS. 24.04.20
Ja, ich hatte etwas falsch verstanden. Die Maskenpflicht gilt erst ab kommenden Montag. Trotzdem. Ich trage meine Maske seit vier Wochen, wenn ich einkaufe.

Vor paar Tagen war auf dem Rad zum Bäcker unterwegs und hatte meine Maske auf, als mir eine Frau, die an ihrem Auto hantierte, kopfschüttelnd zurief, ich übertriebe ja wohl, hier draußen sei kein Virus. Wo das Virus ist, ist mir egal, die Frau war mir auch egal, ich entgegnete nichts. Auf dem Rückweg kommentierte sie mich noch einmal mit einem verächtlichen Stülpen der Lippen und Kopfschütteln. Da allerdings hatte ich prächtige Schimpfwörter auf der Zunge, die ich besser nicht wiedergebe und die ich auch in der Situation für mich behalten habe.

Viele Menschen sind offenbar dumm. Sie lesen Zeitungen, deren Hauptaugenmerkt auf Verkaufszahlen liegt. Wer nicht hören will, muss fühlen, denke ich dann, aber ich wünsche ihnen nichts Schlechtes. Meine Hoffnung allerdings, dass sich die Welt neu ordnen könnte nach diesem Desaster, löst sich langsam in Zweifeln auf. Das ist schade.

Ich wünsche Ihnen einen guten Tag und melde mich später noch einmal. Ich arbeite an einer Geschichte über den jungen Mann, der Ostern auf einer recht hohen Feuerleiter über Everswinkel die 'Ode an die Freude' geblasen hat. Es soll eine Geschichte über Zuversicht und Höhenangst werden. Eine fiktive Geschichte, die über das tatsächliche Ereignis hinausgeht. Mal seh'n, ob das klappt. 

Herzlich, Ihr Dorfschreiber am 40. Tag der Krise

5 Kommentare

  • Carolin schreibt:
    um 096. 2020-04-05 2020 um HH:mm Uhr

    Ich überlege gerade: Mein Nachname beginnt mit "W", der meines Mannes mit "B". Da hätten wir, nach der vielen Rückzugszeit zuhause, massig Gelegenheit, jeder für sich im Café zu sitzen (und würden uns dabei sogar nur an die Vorschriften halten). Er dürfte allerdings seine Tochter nicht mitnehmen zum Eis essen, denn die ist auch in der Gruppe "W". Immerhin könnte ich meine beste Freundin treffen, denn zufällig beginnt ihr Nachname auch mit "W". Außerdem würde man vermutlich meistens einen freien Tisch bekommen.
    Vielleicht könnte man auch, statt alphabetisch, numerisch vorgehen? Heute alle bis 20, morgen 20 bis 40 Jährige, 40 bis 60, Ü60 - da die Woche nur 7 Tage hat, müsste man schauen, welche Gruppe nur einmal Ausgang erhält?
  • dorfschreiber schreibt:
    um 096. 2020-04-05 2020 um HH:mm Uhr

    möglich und denkbar ist vieles, wie immer es ausgeht, ich wünsche es mir von herzen.
  • Helga Lichtenthäler schreibt:
    um 120. 2020-04-29 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Herr Mensing,
    ich habe vor Jahren eine seltsame Begebenheit mit einem Medium in Ascona gehabt. Wenn Sie interessiert sind, schreibe ich Ihnen die "Story".
    Mit freundlichem Gruß
    Helga Lichtenthäler
  • Franz Maxwill schreibt:
    um 120. 2020-04-29 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Dorfschreiber, lieber Herr Mensing,

    erst durch WDR 5 bin ich heute auf Sie aufmerksam geworden. Schade! So spät! Schön, dass ich dennoch davon erfahre.
    Meine Erfahrungen mit der Covid-19-Pandemie sind ähnlich wohl der Ihrigen. Einerseits gibt es viel Veränderungen in der Grundhaltung der Menschen im Alltäglichen. Andererseits haben die meisten wohl nicht verstanden, dass diese Pandemie eine Chance sein könnte, nachdenklicher zu werden. Sie werden weiterhin mit ihren SUVs durch die Lande brausen, die Korosin-Schleuder wieder nutzen, um die letzten schönen Ecken der Welt weit entfernt von hier zu "erkunden" und ignorieren, dass z. B. gestern gemeldet wurde, dass das Eis am Nordpol sich allmählich auflöst.

    Die Pandemie ist einschneidend, ja, aber die Folgen der Klimakatastrophe werden zu Krieg und Millionenfluchten führen, also viel gravierender sein.
  • Susanne Müller für den Arbeitskreis Literatur schreibt:
    um 121. 2020-04-30 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Hermann, heute endet leider der - in dieser Form ungeplante - erste Teil des Projektes DORFSCHREIBER 2020, das dank Corona zum Projekt DORFSCHREIBER 2020/2021 mutierte. Sofern - was wir ja alle hoffen - uns das Virus bis dahin aus seinen Fängen entlässt, werden wir Dich vom 9. Mai bis zum 4. Juli nächsten Jahres in unserer Gemeinde (wieder)sehen - und zwar leibhaftig!

    Wir danken Dir für die vielen und sehr vielfältigen Beiträge für Deinen Blog und freuen uns schon heute auf den zweiten Teil mit zahlreichen Begegnungen und daraus resultierenden frischen Texten.

    JUNGE, KOMM BALD WIEDER!

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