Dorfschreiber

Da wird ein Schuh draus

Von all den Namen, die ich in den letzten Wochen in Everswinkel gehört habe, sind mir zwei besonders aufgefallen: Tyrell und Perdun. Auf keinen konnte ich mir einen Reim machen. Westfälisch klingen sie jedenfalls nicht.

Ob es nicht Namen französischen Ursprungs sein könnten? spekulierte ich mit Herrn Beuck, der es hätte wissen können. Möglich, sagte er, aber darüber habe er noch nicht geforscht.

Napoleons Truppen waren Ende des achtzehnten und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts mehrfach in der Gegend. Wäre es da nicht möglich gewesen, dass sich ein Soldat verkrümelt hätte, weil er das Marschieren, Befolgen von Befehlen und das Hauen und Stechen leid war, er unter die Decke einer westfälischen Bauerstochter kroch, um zu bleiben. Visité ma tent. Hatten die napoleonischen Soldaten Tyrell und Perdun Fisematenten gemacht? Möglich. Aber beweisen kann ich es nicht.

Als ich Herrn Perdun darauf ansprach, sagte er, darüber habe er auch schon nachgedacht, aber Zeit zur Ahnenforschung habe er noch nicht gefunden. Er ist Orthopädieschuhmachermeister, und sieht sich in einer Tradition, die seit 1848 diesem Gewerbe nachgeht.

Ich war ein bisschen enttäuscht, als ich ihn besuchte. Er führte mich in ein modernes Büro, aber ich hatte eine nach Klebemitteln riechende, halb dunkle Schuhmacherwerkstatt erwartet, Leder, Leisten, kleine Töpfe mit Pinseln zum Bestreichen der Brandsohlen, Nägel, Hämmer, Zangen, einen niedrigen Hocker, einen Mann mit einer Schürze, gebeugt über einen Schuh, immer zwei drei Stiftnägel im Mundwinkel, ein Bild, das ich seit meiner Kindheit herumtrage, denn beim Schumacher Peters, zu dem meine Eltern mich schickten, um einen zu Schuh hinzubringen oder abzuholen, sah es so aus, und ich ging gern dorthin, weil ich das Halbdunkel, den etwas vorgebeugten Schuster und die Gerüche gern mochte.

Herr Perdun lachte, als ich ihm davon erzählte. Ja, ja, sagte er, natürlich gibt es eine Werkstatt, da gehen wir gleich noch hin, aber mit den Schuhgeschäften, die er führt, muss er natürlich all die administrativen Arbeiten auch erledigen, und die rauben Zeit.

Sein Geschäft ist kein leichtes. Die meisten Schuhe, die sich Menschen heutzutage kaufen, grausen ihn. Massenware aus Fernost, zu denen er "Schuh" lieber nicht sagen mag. Und in Pirmasens, der ehemaligen Schuhfabrikationshochburg, sind von 140 Manufakturen weniger als 30 Betriebe geblieben.

Also musste er sich entscheiden. Die Frage, der er sich stellen mussten, war, wer sein Kunde ist. Er hat sie beantwortet. Sein Kunde ist der, der einen gesunden Schuh will.

Als ich sein Schuhgeschäft auf der Warendorfer Straße betrat, kniete eine Verkäuferin vor einem etwa dreijährigen Kind, das neue Schuhe bekommen sollte. Kinderschuhe sind etwas besonders. Ein falsch gebauter Schuh kann die Statik eines Körpers entscheidend beeinflussen. Ein falscher Schuh kann zu allen denkbaren Verformungen der Gelenke, der Bänder, des Knochenbaus und der Haltung einer Person führen. Arthrose, Knie- Hüft- Rücken und Kopfschmerzen können die Folge sein. Ergo ist sein Kunde jemand, der vorausschauend und nachhaltiger denkt. Ein Sportschuh aus der Massenfabrikation für dreißig Euro kann nicht repariert werden, denn eine fachmännisch ausgeführte Reparatur kostet mehr, als so ein Schuh.

Ich trage an diesem Morgen Sandalen. Ich ziehe die rechte aus und zeige ihm das Überbein an der linken Seite meines Spanns. Das rechtfertige keinen orthopädischen Schuh, sagte er. Ich wusste das, aber wollte einen Einstieg in unser Gespräch, schließlich bin ich der Laie, der vorm Fachmann steht, und so ein Fuß, hatte ich mir gedacht, sagt dem Orthopädieschumacher viel über die Person. Ja, das kann er bestätigen.

Füße sind lebenswichtig. Da ist es ein Glück, dass es Orthopädieschuhmacher gibt, die wissen, wie man einer Fehlstellung durch geschickten Aufbau des Schuhs entgegenwirkt.

Auf einem Regal in seinem Büro stehen fünf, sechs paar Schuhe. Neben jedem ist eine Akte, in der vermerkt ist, um welche Art der Verformung es sich handelt, und natürlich ist das Rezept eines Orthopäden dabei, das sicherstellt, dass so ein Schuh auch bezahlt wird, denn ein orthopädisch gebauter gebauter Schuh, egal, ob es sich um einen  Spitzfuß, Spreizfuß, einen Platt- oder Knickfuß, Hohlfuß oder Klumfuß handelt, braucht Zeit. Ein Woche, sagt Herr Perdun, und das kostet natürlich.

Zunächst also wird ein Gipsabdruck des entsprechenden Fußes gemacht. Daraus gießt der Fachmann einen Probeschuh, den Leisten, über den eine Folie gezogen wird, damit man den Schaft modellieren kann. Das Fußbett ist von großer Wichtigkeit, denn es sorgt für Stabilität. Und noch etwas ist wichtig, etwas, woran ich nie gedacht hatte. Eine der ersten Fragen, die ein Orthopädieschuhmacher stellt, ist, ob der Kunde Diabetiker ist. Wieso? frage ich verwundert. Na ja, sagt Herr Perdun, wenn er das ist, muss das Leder von ihnen mit einem Futter versehen werden, denn Leder auf der Haut eines Diabetikers kann zu Verletzungen führen, Leder könne scharf sein wie ein Messer, wenn es den Ausdünstungen der Haut ausgesetzt sei, und dem beuge man mit einem Futter vor.

Ein Schuhe fällt mir besonders ins Auge. Er ist massiv gebaut, ich würde ihn für den Schuh eines Menschen halten, der einen Klumpfuß hat. Offenbar war dieser Kunde ein Fan von Borussia Dortmund, den die Seitennähte dieses schwarzen Schuhs sind gelb abgesetzt. Schwarz-gelb sind meine Farben. Der Kunde wollte das so. Und natürlich ist der Kunde König.

Ich erzähle Herr Perdun von einem stabilen Wanderschuh, den ich mir in San José, Costa Rica gekauft hatte. In wenigen Wochen wäre ich in Peru, und wollte ich in die Anden, um von von Cusco nach Macchu Picchu laufen, drei, vier Tage durch raues Land, über mehrere, fast 5000 Meter hohe Pässe, da wäre ein Wanderschuh sicher sinnvoll. Die ersten zehn, vierzehn Tage bereitete mir dieser Schuh Schmerzen. Jemand riet mir, in den Schuh zu pinkrln, Urin weiche das Leder auf und beschleunige die Anpassung des Leders an den Fuß, so dass nichts mehr drückt. Herr Perdun lacht. Ja, das sei sicher eine Methode, aber natürlich keine, die ein Orthopädieschuhmacher anwende, da gäbe es andere Methoden.

Schließlich gehen wir in seine Werkstatt. Und tatsächlich, da stehen die Maschinen, an die ich mich aus der Werkstatt von Herrn Peters erinnerte. Und ein wenig riecht es dort auch noch so, denn ein Schuhmacher ist gerade dabei, eine Sohle mit diesem speziellen Klebstoff zu bestreichen. Schuhe herzustellen ist eine Kunst, die große Sorgfalt erfordert. Es ist wie bei jeder Kunst, auch bei meiner. Man muss wissen, was man tut, man muss flexibel sein, man muss die Situation einschätzen können, und dann handeln.

Ich bedanke mich für die freundliche Aufnahme, für den Kaffee und für das entspannte Gespräch und verabschiede mich. Dies war eine meiner letzten "Amtshandlungen". Es gibt noch zwei, drei Dinge, die ich tun will in diesen letzten Tagen, dann ist meine Amtszeit als Poeta Laureatus vorüber. Eine wundervolle Zeit, die ich nie vergessen werden. Aber auch eine Zeit, die ich ins Leere geschrieben habe, ein ständiges Rufen, ohne eine Antwort zu erhalten. In den Artikeln, die in der WN und der Glocke erschienen sind, ging es immer nur darum, dass der Dorfschreiber ins Objektiv lächelt, Ameisenscheiße sagt, damit das Lächeln halbwegs echt aussieht, neben ihm die von ihm besuchten Orte und Personen, das Altenheim, die Schule, das Museum, etwas für das Archiv.  Keine ernsthafte Reflektion meiner Arbeit hier, bis auf Hermann Wallmann und Walter Gödden vom LWL, die meine Arbeit wertschätzen. Wallmann sagte, ich sei der Poet am richtigen Ort. Es sind kleine Dinge, über die sich ein Dorfschreiber freut. Ich habe mich über die Menschen gefreut, mit denen ich sprechen durfte.

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