Dorfschreiber

Brief an Annette von Droste Hülshoff


Liebe Annette,
mein letzter Brief liegt ein Jahr zurück, und es ist so viel passiert. Ich hatte dir von der Seuche erzählt, weiß du noch. Sie ist immer noch da. Sie hat sich in der Welt festgesetzt, ist clever und wenn sie die Chance hat, auch tödlich. Damals saßen wir auf der Bank neben der Freitreppe zum Gartensalon mit seinem prächtigen Rokokoaltar. Die Frösche quakten, ein Rotkehlchen sang. Feuer, Erde, Wasser Krieg standen ruhig auf ihren Sockeln im Frühabendlicht, das vom Westen durch die Bäume fiel. Wir fachsimpelten. Wir verglichen die Rhythmen unserer Gedichte. Wovon ich spräche, fragtest du, und ich sagte, das gleiche könne ich dich  fragen. Wir sprechen von und aus aus unterschiedlichen Zeiten. Wir gingen herum. Du haktest dich bei mir ein. Du liebtst die einfachen Blumen, das Wiesengras und die Kuckucksnelke. Du erzähltest von dem Tick deiner Schwester, die versucht, in der Orangerie exotisches Früchte zur Reife zu bringen. Wir tratschten über die verschuldeten Hürländers. Du beschwertest dich über von der Strenge deiner Mutter. Und dass du mit der Arbeit nur schwer voran kämst. Wir teilten die Tiefe unserer Verschollenheit.

Ich bin zur Zeit Dorfschreiber und lebe in Everswinkel,  wo  dein Vorfahr,  der Urvater der Drosten zu Hülhof, der Droste Deckenbrock, zu Welt kam. Als er  im 13. Jahrhundert erfuhr, dass die Burg Hülshoff zum Verkauf stand, reiste er dorthin, gute eine Tagesreise war das, bei schlechtem Wetter auch zwei, schaute sich die Burg an und beschloss, dort zu leben. Wegen der Stechpalmen, den "Hülsen" die ringsum wuchsen, nannte er sich Droste zu Hülshoff.

Im Juni werde ich wieder als Gästeführer dort und im Rüschhaus arbeiten, darauf freue ich mich.

Es gibt noch etwas, dass deinen und meinen Aufenthaltsort über die Zeit verbindet.. Anna Katharina, deine Amme, war Tochter eines Webers, dessen Geschäfte durch die aufkommenden mechanischen Webstühle immer schlechter gingen. Deshalb musste sie sich als Amme verdingen. Die englischen Webstühle waren schneller und die Stoffe, die sie herstellten,  billiger als die Erzeugnisse der Heimweber.  In Everswinkel lebten und arbeiteten zu Hochzeiten der Leineweberei weit über hundert Weber. Auch hier brach dieses Gewerbe unter dem ökonomischem Druck der neuen zusammen und verursachte Armut und Not.

Ich bin sehr glücklich, dass unsere Verbindung trotz all der Verwerfungen des letzten Jahres nicht abgebrochen ist. Ein Regenbogen verbindet uns. An einem Ende bin ich, am anderen bist du. Wo das Gold liegt, werden wir schon noch herausfinden. Ich bin ein Arbeitersohn. Meine mir bekannten Vorfahren enden bei meinem Urgroßvater. Du bist adlig, ein privilegiertes Fräulein, aber dafür kannst du ja nichts. Trotzdem definiert es den Unterschied zwischen uns. Deine Vorfahren lebten allesamt und skrupellos von der Arbeit meiner und aller anderen Arbeiter Vorfahren. Ohne den Droste Deckenbrock hätte es dich nie gegeben. Dich und die Hülshoffs nicht. Auch meine Vorfahren haben Geschichte geschrieben, sie sind die wirklichen Helden, aber dafür haben sich nur wenige interessiert. Wieder ist Mai. Er war kühl und nass, er füllt Scheune und Fass, aber heute scheint zum ersten Mal seit Wochen die Sonne. Ich gehe in meinen Garten. Ich werden im Schatten Kaffee trinken. Vielleicht schreibe ich ein Gedicht. Bis auf bald, Kollegin. Wir sehen uns.

Top