Dorfschreiber

Ballade

Vollmondlesung 26.05.2021 13:13 vorm Rathaus

Ballade von einer Kanaken Stadt

Ich weiß noch
Wo die Fabriken standen
Ich roch und sah
Dass viel Arbeit da war
Dass niemand sie wollte
Hab ich nicht verstanden
Dann wollten sie welche mit schwarzem Haar.

Ich war zehn
Und sah sie samstags im Park
Sie spielten Fußball mit Feuer
Sie waren schnell und ich fand sie stark
Und beim Lachen so ungeheuer.

Ich ging näher heran
Und verstand nicht ein Wort
Ihr Ball tropfte mir vor den Fuß
Sie riefen, ich dachte, sie jagen mich fort
Stattdessen winkte mir einer zum Gruß
Also schoss ich zurück, der Ball drehte ins Tor
Und der kleinste Spaghetti schrie "Deutschlande vor!"

Die Eltern sagten, geht nicht zu nah ran
Diese Kerle sind sehr gefährlich
Doch ich kannte Mädchen, die fassten sie an
Und fanden Spaghettis herrlich.
Sie heirateten sie, gingen fort von zu Haus
Sie kriegten Kinder, sie bauten ein Haus
Sie leben und kaum einer fragt noch, woher
Dieses Kind mit den dunklen Augen wär.

Wo ich herkomme
Wurden Tuche gewebt
Und schon immer waren da Fremde
Wo ich hingeh
Hab ich noch nicht gelebt
Es ist wohl am anderen Ende.

Ein Hörnchen Eis und schwarzes Haar war'n der Grund
Dass ich von der weiten Welt träumte
Ich schaute mich an Weltkarten wund
Damit ich bloß nichts versäumte.

Während ich im Traume das Meer überquer
Kam die Welt her, um Tuche zu weben
Portugiesen, Spanier, Türken und mehr
Alle, alle konnten hier leben.

Ich wurde groß, meine Stadt mir zu klein
Ich spür noch, wie wild mein Herz schlug
Als ich sie verließ, ich reiste allein
Übers Meer, weit weit fort ging der Flug
Doch wo ich auch hinkam, Menschen waren längst da
Ich war weiß, sie war'n bunt, und wir wunderbar.

Eine Weile vergaß ich die kleine Stadt
An der Grenze und all ihre Wunden
Eine Stadt, die man geschunden hat
Denn ich hab sie verändert gefunden.
Erst dröhnten die Werkshallen nicht mehr so laut
Dann bevorzugte man wieder weiße Haut
Und als den Fabriken der Atem ausging
Gab's für niemand kaum mehr als 'nen Pfifferling.

Und alle hielten den Atem an
Und jeder schaut auf den Nebenmann
Und jeder glaubt, dass er's schaffen kann
Und so fängt es von vorn wieder an.

Ich bin fünfzig
Und seh die veränderte Stadt
Aus aller Welt sind sie dort
Gäbe jeder, was er zu geben hat
Niemand müsste je wieder fort.
Aber es ist, wie es ist und wie ich es nicht will
Die Dummen sind laut und die Klugen sind still
Es ist, wie es ist, doch ich glaube daran
Dass alles noch gut werden kann.

Wo ich herkomme
Wurden Tuche gewebt
Und schon immer waren da Fremde
Wo ich hingeh
Hab ich noch nicht gelebt
Es ist wohl am anderen Ende.

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