Dorfschreiber

Auf dem Markt

Ich hatte Dorfschreiberpostkarten und "Mein Prinz" eingesteckt.. Ich wollte auf dem Markt herumgehen, Menschen ansprechen und ihnen anbieten, ein paar Sätze vorzulesen. Ich hätte sie gebeten, mir eine Zahl zwischen 1 und 103 nennen, hätte "Mein Prinz" dort aufgeschlagen und ihnen ein paar Sätze vorgelesen. Einmal hat das geklappt, die anderen Male waren "och nö", "das möchte ich nicht" und mein letzter Veruich, ich hatte deeskalierend gesagt hatte, ich wolle nichts verkaufen, ich sei nur der Dorfschreiber und wolle vorlesen, wurde mit  "ja, aber das wollen wir nicht" abgeschmettert.

Gut, dachte ich, die Menschen wollen einkaufen, die brauchen Gemüse, keine Literatur, und habe mich auf die Bank vor Alis Fischbude gesetzt und mich umgeschaut. Sätze flogen herum. Mein Gott, gar nicht erkannt. - War das letztes Jahr? - Da muss Marinade drauf,  - So lange du es nicht selber essen musst. - Hast noch n paar Euro? -

Zu jedem könnte ich eine Geschichte erfinden, aber heute ist Pfingstmontag, die Sonne scheint, und ich will nicht. Ich bin 24 Stunden im Dienst, selbst im Traum muß ich arbeiten, der Traum erledigt Dinge, die im Wachzustand nicht so einfach zu erledigen wären.

Als ich also da saß, kam ein älterer Herr zu mir, schaute mir über die Schulter und fragte, was ich da schriebe. Ich erklärte mich. Ach, sagte er, tippte sich an den Kopf und lächelte. Er ist groß, schlank, war sicher mal blond. Mit dem Schreiben ist es bei mir nicht mehr so weit her, aber sonst schon, sagte er. Er ist 94 und lebt seit einem Jahr in St.Magnus. Es gefällt ihm, allerdings seien zu viele Frauen dort. Weil wir früher sterben, sage ich. Er nickt und zuckt die Achseln.. Aus Ostpreußen sei er gekommen, sagt er, in seinem Dorf hieße jeder zweite wie er, und er spräche vier Sprachen: Deutsch, Polnisch, Groß und Klein. Bauer sei er gewesen, hier habe er als Knecht begonnen und später Land gepachtet. Borstenvieh und Schweinspeck, sei sein Lebenszweck, sagt er auf Platt, und obwohl er schon lange hier lebt,  klingt das Ostpreußische  nach. Wo kommst du jeweesen, Marjellchen? sage ich. Er lacht. Der Nachmittag auf dem Markt hat sich gelohnt. 

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