Dorfschreiber

Aphrodite

Aphrodite

Das Meer ist ruhig, der Himmel bleich und blau, der Strand voller Menschen. Ein Mann steht bis zum Bauch im Wasser und winkt. Er ist dick, aber nicht fett.
    Einer, der seinem Enkel winkt, denken manche, einer, der für ein Foto posiert, hier, schaut, Opa ist noch gut beieinander, aber kaum jemand bemerkt, dass er langsam aus dem Meer aufsteigt.
    Er trägt eine rot-weiße Badehose.
    Eine männliche Aphrodite?
    Sind irgendwo Kameras versteckt?
    Also, was geht da vor?         
    In biblischen Zeiten gab es derartige Erscheinungen, aber unter einem calvinistischen Himmel, an dem Möwen und Flugzeuge unterwegs sind?
    Unwahrscheinlich.
    Trotzdem steigt er Zentimeter für Zentimeter auf, und immer mehr Menschen bemerken, dass dort etwas vor sich geht. Viele denken, der Mann habe gekniet und sei aufgestanden, aber damit ist nicht zu erklären, wieso er jetzt fast auf der Wasseroberfläche steht, gleich darauf zwanzig Zentimeter darüber, um plötzlich mit irrwitzigem Schwung aufzusteigen, so dass sich alle die Augen reiben.        
    In fünfzig oder hundert Metern Höhe bleibt er stehen, taumelt wie ein Drachen hin und her, bis er sich stabilisiert hat und Kunststücke zu fliegen beginnt.
    Die, die ihre Smartphones emporgerissen haben, staunen später nicht schlecht, dass ihre digitalen Zweitaugen nichts von dem registrieren konnten, was Augenzeugen im Brustton der Überzeugung erzählten.
    Aber da Männer nie und nimmer aus dem Meer aufsteigen und am Himmel Kunststücke fliegen, ging man davon aus, dass es sich bei den Loops, Achten und atemberaubenden Sturzflügen, die in Pirouetten knapp überm Wasser endeten, um eine Massenhalluzination gehandelt haben müsse. Dabei beließen sie es und steckten ihre Smartphones weg.
    Die Augenzeugen aber bombardierten die Medien mit Fragen. Sie hätten nicht halluziniert, sagten sie, Lügenpresse, riefen sie, dieses Wort passte für jede Gelegenheit, denn die Welt war so verwirrt, dass jederzeit sowohl das eine als auch das andere zur unumstößlichen Wahrheit erklärt werden konnte.
    Die Medien wehrten sich. Spezialisten gaben Kommentare ab. Massenhalluzinationen seien nichts Ungewöhnliches, sagten sie, bis die Zeichnungen mehrerer Kinder auftauchten.
    Auf denen sieht man das Meer, den blauen Himmel, die Möwen, Kondensstreifen und den fliegenden Mann, der, das muss allerdings angemerkt werden, auf einem Bild eine rote Badehose mit weißen Punkten, auf einem andere eine weiße mit roten Punkten und auf einem dritten ein rot-weißes Ringertrikot trug. Offenbar nehmen Kinder es mit ihrer Fantasie nie so genau, aber wozu sollte Fantasie gut sein, wenn sie nicht dürfte, was sie will. Abschließend kann man sagen, dass dieser Sommer voller Wunder war, die nie aufgeklärt wurden.

aus:
Hermann Mensing
Lesebuch
Wir denken, wir träumen
Nylands Kleine Westfälische Bibliothek
AISTHESIS VERLAG
ISBN 978-3-8498-1523-3
2020
 

7 Kommentare

  • Carolin schreibt:
    um 096. 2020-04-05 2020 um HH:mm Uhr

    Ich überlege gerade: Mein Nachname beginnt mit "W", der meines Mannes mit "B". Da hätten wir, nach der vielen Rückzugszeit zuhause, massig Gelegenheit, jeder für sich im Café zu sitzen (und würden uns dabei sogar nur an die Vorschriften halten). Er dürfte allerdings seine Tochter nicht mitnehmen zum Eis essen, denn die ist auch in der Gruppe "W". Immerhin könnte ich meine beste Freundin treffen, denn zufällig beginnt ihr Nachname auch mit "W". Außerdem würde man vermutlich meistens einen freien Tisch bekommen.
    Vielleicht könnte man auch, statt alphabetisch, numerisch vorgehen? Heute alle bis 20, morgen 20 bis 40 Jährige, 40 bis 60, Ü60 - da die Woche nur 7 Tage hat, müsste man schauen, welche Gruppe nur einmal Ausgang erhält?
  • dorfschreiber schreibt:
    um 096. 2020-04-05 2020 um HH:mm Uhr

    möglich und denkbar ist vieles, wie immer es ausgeht, ich wünsche es mir von herzen.
  • Helga Lichtenthäler schreibt:
    um 120. 2020-04-29 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Herr Mensing,
    ich habe vor Jahren eine seltsame Begebenheit mit einem Medium in Ascona gehabt. Wenn Sie interessiert sind, schreibe ich Ihnen die "Story".
    Mit freundlichem Gruß
    Helga Lichtenthäler
    • Mrs Sharon schreibt:
      um 196. 2020-07-14 2020 um HH:mm Uhr

      Hello Everybody, I am a happy woman today? and i told my self that any lender that rescue my family from our poor situation, i will refer any person that is looking for loan to him, he gave me happiness to me and my family, i was in need of a loan of $20, 000.00 to start my life all over as i am a single mother with 3 kids I met this honest and GOD fearing man loan lender that help me with a loan of $20, 000.00 Dollar, he is a GOD fearing man, if you are in need of loan and you will pay back the loan please contact him tell him that is Mrs Sharon, that refer you to him. contact via email:(challotloan@gmail.com) Thank you.
  • Franz Maxwill schreibt:
    um 120. 2020-04-29 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Dorfschreiber, lieber Herr Mensing,

    erst durch WDR 5 bin ich heute auf Sie aufmerksam geworden. Schade! So spät! Schön, dass ich dennoch davon erfahre.
    Meine Erfahrungen mit der Covid-19-Pandemie sind ähnlich wohl der Ihrigen. Einerseits gibt es viel Veränderungen in der Grundhaltung der Menschen im Alltäglichen. Andererseits haben die meisten wohl nicht verstanden, dass diese Pandemie eine Chance sein könnte, nachdenklicher zu werden. Sie werden weiterhin mit ihren SUVs durch die Lande brausen, die Korosin-Schleuder wieder nutzen, um die letzten schönen Ecken der Welt weit entfernt von hier zu "erkunden" und ignorieren, dass z. B. gestern gemeldet wurde, dass das Eis am Nordpol sich allmählich auflöst.

    Die Pandemie ist einschneidend, ja, aber die Folgen der Klimakatastrophe werden zu Krieg und Millionenfluchten führen, also viel gravierender sein.
  • Susanne Müller für den Arbeitskreis Literatur schreibt:
    um 121. 2020-04-30 2020 um HH:mm Uhr

    Lieber Hermann, heute endet leider der - in dieser Form ungeplante - erste Teil des Projektes DORFSCHREIBER 2020, das dank Corona zum Projekt DORFSCHREIBER 2020/2021 mutierte. Sofern - was wir ja alle hoffen - uns das Virus bis dahin aus seinen Fängen entlässt, werden wir Dich vom 9. Mai bis zum 4. Juli nächsten Jahres in unserer Gemeinde (wieder)sehen - und zwar leibhaftig!

    Wir danken Dir für die vielen und sehr vielfältigen Beiträge für Deinen Blog und freuen uns schon heute auf den zweiten Teil mit zahlreichen Begegnungen und daraus resultierenden frischen Texten.

    JUNGE, KOMM BALD WIEDER!
  • kelina schreibt:
    um 192. 2020-07-10 2020 um HH:mm Uhr

    Möchten Sie Ihre Niere verkaufen? Suchen Sie eine Verkaufschance?
    seine Niere für Geld wegen des finanziellen Zusammenbruchs und Sie wissen es nicht
    Was tun, dann kontaktieren Sie uns noch heute im Nierenkrankenhaus und

    (900.000 €) Wir sorgen für die Niere.

    Unser Krankenhaus ist auf Nierenchirurgie spezialisiert und wir beschäftigen uns auch mit dem Kauf und
    Verkauf. Die Spendernierentransplantation mit einem entsprechenden Leben. Wir sind
    befindet sich in Indiana, USA, Nigeria, Kolumbien, Wenn Sie interessiert sind
    Kauf oder Verkauf von Nieren bitte zögern Sie nicht, uns über zu kontaktieren

    E-Mail: kelinahospita01@gmail.com / WhatsApp (2348136286824)

    Freundliche Grüße

    Kelina Krankenhaus

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * gekennzeichnet.

Top