Dorfschreiber

Alles Lüge


Manchmal horcht der Dorfschreiber auf. Manches klingt vielversprechend, anderes erweist sich als unbrauchbar. Es kann aber auch umgekehrt sein, er weiß das nie, er muss seinem eigenen Speichermedium vertrauen, Großhirn, Kleinhirn, er muss ihm zugestehen, dass es einen Satz für alle Zeiten vergisst, und einen anderen sorgfältig aufbewahrt, um ihn nach Stimulation durch, sagen wir, einen Geruch, ein Geräusch oder irgendein anderes Ereignis erinnert und mit Wichtigkeit auflädt, die verlangt, daraus etwas zu machen.

Eines aber bleibt immer gleich: der Dorfschreiber ist kein Journalist, er muss nicht objektiv sein. Er kann über die Entdeckung des Himmels ebenso schreiben wie über die wohltuende Wirkung der Ruhe in Everswinkel. Von allem, was er bisher gesehen und gehört hat, ist das das Schönste. Die mit Büscheln Brennesseln und Obstbäume bestandene, von Ziegen und Schafen beweidete Wiese des Tierparkes ist auch schön. Er könnte eine Geschichte über den kleinen dicken Mann mit der englischen Bulldogge schreiben, ein Mittdreißiger in Doc Martens Stiefeln, schwarzer Bomberjacke und schwarzer Jeans, der am ersten Morgen seines Aufenthaltes vorm Küchenfenster vorbei lief, so dass er dachte, ach schau, der Dorf-Nazi. Er könnte über die Eifersüchteleien schreiben, die damals, als Everswinkel einen Kunstrasenplatz bekam, dazu führte, dass Alverskirchen kurz darauf ebenfalls einen bekam.

Über all das ließen sich Geschichten schreiben. Da der Dorfschreiber von Berufs wegen ein Fabulierer, ein großer Bluffer und Lügner ist, weiß man nie, ob die Dinge, von denen er berichtet, stattgefunden haben, oder nur seiner Fantasie entspringen.

Aber eines  stimmt. Der Dorfschreiber scheint sich in Everswinkel wohlzufühlen. Morgens holt er seine Zeitung von der Poststelle,  tagsüber geht und fährt er herum, manchmal aber, vor allem abends, gäbe er einiges für eine Zigarette, denn er hat vor vier Wochen aufgehört zu rauchen. An dieser Stelle kommt der Nachbar ins Spiel, der gern raucht, und von dem die Vermieterin des Dorfschreibers sagte, der könne bestimmt verstehen, wenn ein Süchtiger ihn um eine Zigarette bäte, so dass der Dorfschreiber jetzt jederzeit, wenn er will, rauchen kann, aber er will ja nicht, er hat erst einmal von dieser wunderbaren Beziehung profitiert.

Man ist also freundlich zu ihm. Bestimmt denkt man sich seinen Teil, aber das stört den Dorfschreiber nicht, er denkt sich seinen ja auch. Unvergesslich wird bleiben, wie sie ihn am letzten Sonntag empfingen. Da war eine Blaskapelle, da waren die Straßen gesäumt von Menschen, alle auf Abstand natürlich und mit farbenfrohen Alltagsmasken, die Glocken läuteten und der Dorfschreiber fuhr auf dem Hinterrad seines Aprilia Motorrollers durch dieses Spalier, hupte und warf Kusshände. Wer weiß, wozu das noch führen wird.

Top